MeerUndMehr - Fanfiction Writing Wiki
MeerUndMehr - Fanfiction Writing Wiki

Disclaimer: Das Harry Potter Universum ist das geistige Eigentum J. K. Rowlings. Alle Veröffentlichungsrechte liegen bei ihr bzw. ihrem Verlag bzw. Lizenznehmer (in Deutschland: Carlsen Verlag, für die Filme: Warner Bros.). Ich - der Autor dieser FanFiction - verdiene mit dieser Geschichte kein Geld und werde auch niemanden mein Einverständnis einer kommerziellen Nutzung geben, es sei denn der Eigentümer des Harry Potter Universums und ich stimmen dem zu.


Inhaltsverzeichnis

Nächtlicher Beutezug dreier diebischer Bengel

Mitte August 1997, zweite Woche nach Ende der Sommerferien in NRW: [A 1]

Es war ein grauer, nebliger Tag gewesen, Dienstag, und er war in einen nebligen Abend übergegangen. Die feuchte Kälte kroch fast überall hin, inzwischen war es zudem dunkel – jedenfalls überall dort, wo kein Licht aus Fenstern oder von den wenigen, nicht kaputten Straßenlaternen für etwas Helligkeit sorgte. Es fast Mitternacht, und die drei Jungen hätten um diese nachtschlafende Zeit wirklich nichts mehr auf der Straße zu suchen gehabt … sollte man jedenfalls meinen. - Tatsächlich waren sie auf der Suche: Nach einem leichten Opfer, das Beute versprach. - Sie machten das nicht zum ersten Mal. Betrunkenen die Taschen ausräumen, oder verspäteten Reisenden, die ihren Zug oder Bus verpasst hatten, und dann an einer Haltestelle übermüdet eingeschlafen waren. Steve war – für diese Art nächtlichen Geschäfts eher suboptimal – mit weißblondem, feinen Haar gesegnet, das an Silberfäden erinnernd ein fast herzförmiges Gesicht umrahmte. Er hatte es unter einer kratzigen, alten, fast schwarzen, wollenen Pudelmütze verborgen. Will, der stämmigste der drei, hatte dunkelbraune, krause Locken. Er war auch der rabiateste der Burschen, der sich nicht scheute, zuzuschlagen, falls ein Opfer, dem sie die Taschen leerten, unversehens aufwachte, und die Gefahr bestand, dass der Bestohlene sich wehrte oder die Gegend zusammen schrie. Der dritte der Jungen war rothaarig, hatte ein spitzes Gesicht wie ein Fuchs, und hätte – als der Kleinste – locker für 3, 4 Jahre jünger durchgehen können, als er mit seinen fast 12 Jahren war. Er hatte sich einen Schal von West Ham United um den Kopf gebunden, mit dem er fast wie eine Hexe vom Kasperletheater aussah – aber besser, als wenn sein Haar im Schein einer Straßenlaterne wie gekochte Karotten leuchtete! „Mistwetter! - Außer uns ist doch eh keiner unterwegs!“ grunzte der stämmige Will. - „Lauf'n uns die Sohlen ab – für nix und wieder nix...!“ Sie hatten bislang nur ein Opfer gefunden – und das war ein Penner gewesen, der keine fünf Mark dabei hatte – auch keine Uhr. - Und an seiner angebrochenen Rotweinflasche hatte Will nur kurz gerochen, und sie dann angewidert stehen gelassen (auch, wenn er - wie wohl viel zu jung dafür - einem Schluck Wein – oder härterem – generell nicht abgeneigt war). „Stimmt. - Echt nix zu wollen, heute … wenn wir die Straße runter keinen erwisch'n geben wir's für heute auf!“ stimmte der blonde Steve ihm zu. Erstens hatte er selbst eigentlich auch die Nase voll von dem Nebel und der klammen Kälte, und zudem konnte Will unangenehm werden, wenn er sauer wurde … und das war bei der heutigen Kombination von kaltem, nebligen Wetter und anhaltender Erfolglosigkeit definitiv zu erwarten. „Guckt'e mal – da vorn – was is'n mit dem?“ krähte Timmy, der Rothaarige. „Leise! - Wenn de' so rumkrakehlst, muss der doch aufwach'n...!“ zischte Steve, und presste dem kleineren die Hand auf den Mund. Der verstummte tatsächlich – aber die rüde Aktion wäre nicht nötig gewesen: Der, den er mit seinem Ausruf gemeint hatte, rührte sich nicht vom Fleck. „Trägt 'n Umhang – wie so'n Freak im Comic!“ stellte Will mit – reichlich lautem - Flüstern fest. „Und sein Bowler, der da am Boden liegt – spinn ick – oder is' der genauso giftgrün, wie sein Cape?!“ „Muss 'n Spinner sein... aber knülle is' er auf alle Fälle!“ Steve schnupperte am halb offenen Mund des Schläfers. „Riecht, als hätt der sich Gin und irgendso'n Damenlikör reingezogen...! - Mal sehen, was der in den Tasch'n hat!“ Er zog den Umhang auseinander. „Mensch! Die Schließe … sieht aus, wie echtes Gold!“ stellte Timmy – dessen Mund Steve längst wieder freigegeben hatte – fest. Mit flinken Fingern löste er das Schmuckstück, um gleich darauf ein schmerzvolles „Auuu...!“ von sich zu geben. „Die hat mich gebissen!“ quetschte er hervor. Tatsächlich bluteten die Fingerkuppen von Zeige- und Mittelfinger. Er schob sie in den Mund, und saugte daran, um die Blutung zu stillen. „Kann nich' sein! - Mantelschnallen beißen doch nicht! - Mausefallen – ja – aber das...!“ irritiert betrachtete Steve das prunkvolle Zierelement des limonengrünen Umhangs. Es stellte eindeutig einen Falken mit scharfem Schnabel dar. Er zog ein Rasiermesser aus seiner Hosentasche, und klappte es mit routiniertem Schlenker auf, um die vogelförmige, schwere Schnalle vom Umhang des Betrunkenen abzutrennen, an dem sie mit stabilem Garn angenäht war. „Sag mal: Spinn ich jetzt? - Dieser goldene Vogel hat gerade sein Auge geöffnet, und glotzt uns böse an!“ stellte Will fest. „Du spinnst nich' … das Auge war vorher zu – jetz' isses auf!“ meinte Timmy. „Aber das schärfste is: Das is' n' Saphir – und was für'n großer!“ Steve hatte einige Mühe die Schnalle vom Mantel seines Opfers abzutrennen, da die immer wieder die Flügelstellung veränderte, und ihn so nach Kräften behinderte. - Und dass er es vermeiden wollte, in Reichweite des scharfen Hakenschnabels des Vogels zu kommen, erleichterte es auch nicht. Schließlich war es geschafft … und der Vogel breitete die Flügel aus, so dass er eine Spannweite von über 10 Zentimetern erreichte – und machte Anstalten, davon zu fliegen! „So nicht!“ zischte Steve, riss sich die Pudelmütze vom Kopf, und stülpte sie über den flatternden Goldvogel. Der war gefangen, aber der junge Dieb hatte einige Mühe damit, ihn zu bändigen. „Ick werd' nich mehr!“ meinte der stämmige Will, der eine Tasche im Mantel des Schlafenden (oder Bewusstlosen) entdeckt und darin einen Geldbeutel gefunden hatte. Dieser enthielt große, runde Goldstücke, wie die Jungen sie noch nie gesehen hatten. Dazu kleinere Silber- und Kupfermünzen. „Bingo!“ der rothaarige Timmy grinste über das ganze Gesicht. „Hauptgewinn!“ er tastete vorsichtig, ob ihr Opfer noch mehr mitnehmenswertes in den Taschen hatte. Das einzige, was er fand, war ein seidenes Taschentuch mit einem silbernen Monogramm und ein blankpolierter, hölzerner Stab von knapp drei Handspannen Länge. Er wusste auch nicht so genau, warum, aber er wickelte ihn sorgsam in das Taschentuch, ehe er ihn in einer Tasche seiner Windjacke verschwinden ließ. Steve hatte sich inzwischen nicht anders zu helfen gewusst, als seine Mütze mit dem Goldvogel darin ein paar mal auf das Straßenpflaster zu schlagen, bis dieser sich nicht mehr rührte, ehe er Mütze und Vogel unter seiner Jacke stopfte. „Hoffentlich hast'e den jetz nich kaputt gemacht!“ unkte Timmy. - „Solang der Saphir heile bleibt!“ meinte Will. „Falls es wirklich einer war... aber Gold is schließlich Gold – auch, wenn ich so Münzen noch nie gesehn hab!“ „Genau!“ Steve blickte sich vorsichtig um. „Mach'n wir, das wir wegkommen! - Wenn dieser Nachtvogel aufwacht, will ich jedenfalls nicht in der Nähe sein! - Und dass nicht bloß, weil er dann garantiert 'n tierischen Kater haben wird...!“ - Das Diebestrio beeilte sich, etliche Straßen und Hausecken zwischen sich und das bestohlene Opfer zu bringen. Sie mussten sich nicht absprechen, dass sie auf dem Heimweg noch ein paar größere Umwege machten. Alle drei wohnten sie in der selben Straße, in hässlichen, rot und gelb geklinkerten Reihenhäusern. Vor 20 Jahren hatte man so gebaut! Timmy wohnte in der 9, Will in der 15, und Steve ein Stück weiter, in der 31. Erneut mussten sie sich nicht absprechen: Die Beute – den Goldvogel (mitsamt Steves Pudelmütze) und die Börse mit den schweren, fremden Gold- und Silbermünzen nahmen sie nicht mit in die elterlichen Häuser, sondern versteckten sie in einer Holzkiste mit schrägem Deckel und defektem Schloss die neben einer Telefonzelle an der Straße stand, unter einem Haufen Sand uns Splitt. Dass er ja den ominösen Holzstab aus der Tasche ihres betrunkenen Opfers und dessen Taschentuch eingesteckt hatte, daran dachte Timmy nicht mehr. [A 2]

Wieder zu Hause

Sie trennten sich, und betraten die Reihenhäuser jeweils durch die Hintertür – oder im Falle Steves durch das angelehnte Fenster seines ebenerdigen Zimmers. Das Fenster angelehnt zu lassen, war keine gute Idee gewesen, erkannte er. Die klamme Kälte war auch in seine Bude gekrochen, und sein Bettzeug fühlte sich an, als hätte es im taufeuchten Gras gelegen. - Aber das war jetzt auch nicht zu ändern. Er schloss das Fenster, und kroch in sein kaltes, klammes Bett.

Bei Will

Will pirschte – nachdem er die Hintertür des väterlichen Hauses hinter sich ins Schloss gedrückt hatte - ins Wohnzimmer, wo sein Vater – wie üblich – vor dem Fernseher eingeschlafen war, der um diese Zeit nur noch das Testbild zeigte. Sein alter Herr, dessen Figur im Feinripp-Unterhemd und mit über den Bund der Jogginghose hängendem Bauch andeutete, wie Will – vermutlich – in 40 Jahren aussehen würde, hatte den Mund weit offen stehen, und schnarchte leise. Will nahm das halb geleerte Glas Cognac (mit Sicherheit nicht das erste, das sein Vater an dem Abend genehmigt hatte, und trank den Rest der goldbraunen Flüssigkeit. „Auf den Reichtum...!“ lautete sein gemurmelter Trinkspruch. Im Flur, auf dem Weg zu seinem Schlafzimmer, musste er sich mit der Hand an der Wand abstützen. Der Cognac war doch etwas stärker, als blos ein Schluck Wein... Er schaffte es nur noch, die Turnschuhe von den Füssen zu schlenkern, ehe er vollständig angezogen in sein Bett fiel, wo er sofort einschlief, und zu schnarchen begann.

Bei Timmy

Timmy betrat das Haus seiner Mutter gleichfalls leise durch die Hintertür, und schloss diese hinter sich. Stille. Seine Mutter und ihr Jüngster schliefen tief und fest – wie von Timmy erwartet (oder doch erhofft). Timmy fühlte sich nach dem Beutezug mit seinen Kumpels Steve und Will total aufgedreht, und überhaupt nicht müde. Er zwang sich, leise zu sein … fast hätte er begonnen, irgend einen Song vor sich hin zu summen. Ehe er in seinem eigenen Zimmer verschwand, riskierte er einen Blick ins Zimmer des jüngeren Bruders – nein, korrigierte er sich in Gedanken, „Halbbruders“. Als er die Tür zum Zimmer des fast Fünfjährigen öffnete rümpfte er die Nase: David hatte offensichtlich wieder ins Bett gemacht … und von dem Gestank ausgehend, wohl nicht blos gepullert... Timmy überlegte, ob er ihre gemeinsame Mutter wecken sollte. Er entschied sich dagegen. - Dass er um diese Zeit – es war Ein Uhr vorbei – nicht blos wach, sondern auch komplett angezogen war, hätte ihn in Erklärungsnot gebracht. David würde – wenn man ihn nicht gründlich wachrüttelte - ohnehin mit seiner dicken Nachtwindel bis morgen Früh durchschlafen, und es reichte, wenn Mutter dann die üble „Bescherung“ entdeckte, und den Jüngeren sauber machte. Leise und Nase rümpfend schloss er dessen Zimmertür. „Baby!“ dachte er bei sich. Als er seine Windjacke möglichst geräuschlos an einen der Gardrobenhaken im Flur hängte, bemerkte er dass der ominöse Holzstab, den er dem Betrunkenen aus der Tasche gezogen hatte, noch in dessen Taschentuch gewickelt in der Innentasche seiner Windjacke steckte. Schaudernd dachte er daran, in was für Schwierigkeiten er sich gebracht hätte, wenn seine Mutter sein Diebesgut entdeckte, wenn sie auf die Idee kam, die Windjacke müsse mal gewaschen werden. Er nahm den Stab mit dem darumgeschlungenen Taschentuch heraus, und sah zu, dass er in sein Zimmer kam, das neben dem des Jüngsten (Halb-)Bruders lag, und schloss seine Zimmertür hinter sich. Er hatte das kleinste Zimmer der Halbbrüder. Davids musste – nach den Worten der Mutter – größer sein, weil dort auch noch die Wickelkomode drin stehen musste (die weder ins Bad noch in den engen Flur gepasst hätte). - Ihm selbst war das – von den reinen Platz-Erwägungen abgesehen – auch selber wesenlich lieber so. - War ja peinlich, wenn jeder Besucher sah, dass der dritte Sohn der Familie noch ein Windelkind war, obwohl er in wenigen Monaten Fünf wurde! Das Zimmer des älteren Halbbruders war ebenfalls deutlich größer als sein eigenes, auch, wenn der nie da war. - Aber er würde den Teufel tun, darüber zu streiten. Der Älteste musste jetzt 18 sein. … Vor zwei Jahren war er 16 gewesen, und seit damals saß er im Jugendknast! - Es war eine fixe Idee von seiner, Davids und Dirks Mutter, dass er, der Zweite, in die kriminellen Fußstapfen des Ältesten treten könnte, und die Frau hatte davor einen panischen Horror! - Nie durfte sie von seinen nächtlichen Diebestouren mit seinen Kumpels erfahren! - Er wollte nicht wissen, zu was für einer Kurzschlussreaktion es bei ihr kommen mochte... „Fußstapfen!“ er grinste, als er seine Sneaker von den Füßen streifte. Den gestohlenen, noch immer in das Taschentuch eingeschlagenen Stab hatte er auf den Nachttisch, direkt neben sein Kopfkissen gelegt. Dirk hatte – als 16jähriger – versucht, den MiniMart am Busbahnhof zu überfallen. Mit einer ungeladenen, defekten Pistole ohne Abzug, und einem – durchaus tauglichen – Schnappmesser! - Wie bescheuert! Keine 5 Meter war er mit einer Einkaufstüte mit Banknoten, Münzrollen und ein paar Schachteln Zigaretten gekommen, da hatten ihn die Polizisten schon gehabt! Bewaffneter Raubüberfall! Sowas Beklopptes wäre ihm – Timmy – niemals eingefallen! - Schlafenden Betrunkenen die Taschen auszuräumen, war viel weniger riskant, und – zumindest manchmal – mindestens ebenso profitiabel!

Beim Gedanken an die Börse mit den fremdartigen Gold- (und Silber-) münzen zog das Grinsen sein spitzes, fuchsiges Gesicht in die Breite, wie das eines Lebkuchenmannes oder Honigkuchenpferds. Und dann war da ja noch diese protzige Schmuckschnalle in Form eines Falken mit Saphir-Auge, die Steve dem Betrunkenen mit seinem Rasiermesser vom Mantel abgeschnitten hatte. - Dass sie zum Leben erwacht war, und versucht hatte, wegzufliegen, erschien ihm jetzt, mit etwas zeitlichem Abstand, praktisch ausgeschlossen. - Aber warum hatten er wie auch seine beiden Freunde identische Haluzinationen gehabt?! Am Wahrscheinlichsten erschien es ihm noch, dass dieser Spinner mit dem limonengrünen Umhang und dem gleichfalls limonengrünen Bowler die scharfe Kante des Vogelschnabels mit LSD oder Meskalin oder so einer Droge eingeschmiert hatte... Er hatte solches Teufelszeugs, vor dem die Zeitungen, die Polizisten und die Lehrer nicht müde wurden, die Kids zu warnen, natürlich noch nie probiert. – Er war ja nicht blöd! Aber es hieß, man könnte davon einen echten „Horror-Trip“ erleben... Der Typ mit dem Bowler und dem Umhang musste völlig irre sein, den Verschluss seines Mantels so zu präparieren! - Auf der anderen Seite: Er hatte mal einen alten Schwarz-Weiss-Film gesehen. „The Doom Box“ - „Die Büchse der Pandora“ - von Agatha Christie. Da hatte ein Mörder den Dorn einer Mausefalle mit Curare bestrichen, einem südamerikanischen Pfeilgift, und jeder, der versehentlich hinein fasste, risierte, einen ziemlich grässlichen Tod zu sterben... Vielleicht hatte der Film auch den Umhang-und-Bowler-Mann auf die Idee gebracht, und der wollte nur nicht so weit gehen, wie der Film-Killer. Dafür, überlegte Timmy sich, mussten er, Will und Steve ihm im Prinzip sogar dankbar sein. (Aber soweit, dass sie das Schmuckstück – und womöglich sogar noch den Geldbeutel mit seinem schweren, kostbaren Inhalt anonym an Polizei oder Fundbüro schickten, würde ihre Dankbarkeit des Trios allerdings mit Sicherheit nicht gehen, dachte er bei sich...)

Er hatte – während er in Gedanken bei ihrem Beutezug und ihrem Opfer gewesen war - seinen Pyjama angezogen. Jetzt schlüpfte er in sein Bett, und widmete sich ersteinmal dem Taschentuch. Es war von einem angenehmen, dunklen Moosgrün. - Die selbe Farbe, wie die feinen Nadelstreifen, die das Muster auf dem limonengrünen Umhang des von ihnen bestohlenen gebildet hatten. - Aber wer, um alles in der Welt verzierte einen Umhang oder ein Cape mit Nadelstreifen? - Kein Superheld oder Superschurke aus den Comics oder dem Kino, da war Timmy sich sicher. Nadelstreifenanzüge, ja, die gab es. Soetwas trugen Bank-Menschen, manche Professoren an der Uni, und Lehrer an teuren Privatschulen … und hin und wieder der Besitzer einer dieser Kneipen oder „Clubs“ im Bahnhofsviertel, in die man ihn und seine Freunde nicht rein ließ, weil sie dafür viel zu jung waren! „Klasse!“ dachte er sarkastisch. „Wir haben ausgrechnet einen Gangsterboss beklaut!“ Er rief sich zur Ordnung. Mit den seltsamen Klamotten – Bowler, Nadelstreifen-Umhang, und das auch noch in Limonengrün – und den fremdartigen Münzen war das garantiert ein Ausländer gewesen. Keiner von hier... Die Wahrscheinlichkeit, dass jeder Schläger der örtlichen Halb- und Unterwelt nach den Dieben suchte, und man diverse Penner und Eckensteher anwies, die Augen nach was auch immer offen zu halten, war tatsächlich eher gering. „Glück gehabt!“ dachte er bei sich. Das Taschentuch war aus einem guten Stoff, und das Monogramm war tatsächlich mit feinen Silberfäden gestickt, fast wie das weißblonde Haar seines Kumpels Steve: „C.F.“ Sehr akurat, schön geschwungene, schlanke Buchstaben. - Also, sein Mathelehrer, Christoph Farkas, war mit "C.F." garantiert nicht gemeint, überlegte er. Der besaß ganz gewiss keine derartigen, mit Monogramm bestickten Taschentücher. Er musste grinsen. Er war in Mathe hervorragend – aber sein Lehrer schien ihm einfach nicht zu glauben, dass er das schaffte, ohne zu Schummeln. Ungezählte Male hatte der Lehrer seinen Ranzen und die Taschen schon nach einem verbotenen, programmierbaren Taschenrechner durchsucht. Ohne jeden Erfolg. Einmal hatte er sogar den Turnbeutel auslehren müssen. Gefunden hatte Farkas nichts, jedenfalls nichts, was auch nur ansatzweise als Betrugshilfe oder Spicker für den Mathematik-Unterricht gelten konnte. Der Mann war – was Timmy anging – der Verzweiflung nahe: Er konnte einfach nicht glauben, dass der alle Rechenaufgaben komplett im Kopf löste, ohne schriftliche, auf Blätter gekritzelte Hilfsrechnungen … und dass er dann auch noch immer auf das richtige Ergebnis kam. „Nein!“ dachte er. „Farkas würde auch nie in einem limonengrünen Umhang mit Nadelstreifen und mit gleichfarbigem Bowler auf der Straße herumlaufen, noch nicht einmal an Fasching! - Und betrunken an einer Bushaltestelle einschlafen, würde er erst recht nicht!“ - Es war komisch: Während er sich in allen Details an Bowler, Umhang mit Nadelstreifen und an die vogelförmige Schließe des Capes, die Steve dem Bestohlenen vom Mantel abgeschnitten hatte erinnerte, oder daran, dass der Typ nach Gin (und zusätzlich noch nach irgendeinem komischen, süßen Likör) gerochen hatte, konnte er sich an dessen Gesicht beim besten Willen nicht erinnern. Es musste wohl unglaublich nichtssagend und gewöhnlich gewesen sein. Ein Dutzendgesicht. - Nur, dass es nicht das von Farkas gewesen war, dessen war er sich vollkommen sicher.

Nun schlug er das Taschentuch auseinander: Der Stab, den er irgendwie so gar nicht einzuordnen wusste. Er war gerade, blankpoliert und bestand aus einem rötlich-gelbbraunen Holz. Fast von der Farbe des Fruchtfleischs eines überreifen Pfirsichs. Deutlich konnte er Wirbel und Schleifen in der Maserung ausmachen, der Baum war sicher alles andere, als gerade gewachsen gewesen. Um so beeindruckender, dass die Oberfläche keine Spur auch nur der geringsten Unebenheit aufwies. Wer auch immer den – vollkommen schmucklosen – Stab hergestellt hatte, musste ein echter Künstler gewesen sein. „Drechsler!“ dachte er. Ein Holzschnitzer hätte den nie und nimmer so glatt hinbekommen. Aber wofür um alles in der Welt war dieser Stab gut? Er hatte ihn von oben bis unten Millimeter um Millimeter abgetastet, und glaubte, sicher sagen zu können, dass der Stab keinen verborgenen Mechanismus enthielt, mit dem man ihn etwa verlängern, oder eine schmale Klinge aus der Spitze ausfahren konnte. - Nein, dieser Stab war tatsächlich einfach nur ein Stab, wenn auch einer, für dessen Herstellung jemand unglaublich viel Aufwand, Zeit und Kunstfertigkeit investiert hatte. „Was“, überlegte er, „macht man mit einem solchen Stab?“ - Man konnte damit Schriftzeichen oder Ziffern in den Erdboden kratzen, aber das hatte der Vorbesitzer garantiert nie damit gemacht. - Andernfalls wäre der Stab nicht so vollkommen frei von Kratzern und Schmutz gewesen. Um jemand damit hinterrücks bewusstlos zu schlagen, taugte er eindeutig nicht. Dafür war er zu dünn, und nicht schwer genug. Jemand damit schmerzhaft den Hintern versohlen, das würde gehen – wenn der oder die betreffende einiger Maßen still hielt, und sich nicht wehrte – aber aus irgend einem Grund war er sich sicher, dass der Stab auch für diesen wenig freundlichen Zweck niemals benutzt worden war... Trotzdem umfasste er den Stab am unteren Ende, und ließ ihn probehalber durch die Luft sausen, als wollte er damit jemanden schlagen. - Und da geschah es: der Stab fühlte sich in seiner Hand angenehm warm an, und aus seiner Spitze sprühten ein paar grüne Funken! „Das Kann Nicht Sein!“ zischte er durch die Zähne. Der Stab war massiv. Nur Holz, soweit er das sagen konnte, kein Schalter, keine Elektronik. Vermutlich war er nach der Aufregung ihres nächtlichen Raubzugs einfach total übermüdet, und die Phantasie ging mit ihm durch. Er sollte jetzt schlafen. Morgen hatten sie Schule, auch, wenn die ersten beiden Stunden frei waren. „Also, schluss jetzt...!“ ermahnte er sich selbst. Er würde den Stab in seinem Schulmäppchen verstauen, ganz unten, unte den Holzbuntstiften, da würde seine Mutter bestimmt nie nach etwas verbotenem suchen. Wegen der Länge des Stabs – drei Handspannen, nicht von ihm, sondern wie bei den Händen des größeren, kräftigeren Will – erwies sich dies jedoch als gar nicht so einfach. „Wohin mit dem Taschentuch?“ überlegte er, als er endlich den Reisverschluss des Mäppchens geschlossen hatte. Er entschied sich, es in eine der Taschen seiner Jeans zu stopfen. Solange er die nicht in die Wäsche gab, würde seine Mutter einem zerknüllten Taschentuch in seiner Hosentasche keine Beachtung schenken. Notgedrungen verließ er noch einmal sein Bett, und als er sich wieder hingelegt hatte, schlief er dann auch tatsächlich sofort ein. Er träumte die ganze Nacht merkwürdiges Zeug, von einem Stab, mit dem er nicht blos Funken sprühen konnte, sonder auch alles mögliche andere, fantastische Zeug anstellen … und als er am folgenden Morgen erwachte, konnte er sich an nichts davon erinnern!

Am Folgenden Morgen

Dass er lange nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus geschlichen, und mit seinen beiden Kumpels auf heimliche Diebestour gegangne war, wusste er noch. Auch, dass er – nach seiner Rückkehr – einen Blick ins Zimmer des jüngeren Halbbruders geworfen, und was er dort festgestellt hatte, entsprach offenbar den Tatsachen, so, wie seine Mutter klang, als sie David weckte, die Schweinerei bemerkte, und den fast Fünfjähigen in der Folge sauber machen musste. - Aber ihr Opfer, dem sie die Taschen geleert hatten, der Mann mit dem limonengrünen Bowler und dem gleichfalls grünen Nadelstreifen-Umhang mit der Schnalle, die Sam abgetrennt hatte, die fremdartigen Gold- und Silbermünzen, das Taschentuch und der Stab – all das kam ihm am hellen Mittwoch Morgen ziemlich unwirklich vor. Er fasste in die Tasche. - Nein, zumindest das Stofftaschentuch war tatsächlich da. Wenn ihre Beute draußen, in der Kiste mit Sand und Split, neben der Telefonzelle ebenfalls vorhanden war, musste es wohl stimmen... Aber was das bedeuten mochte, darüber wollte er jetzt lieber nicht nachdenken. Statt dessen ging er ins Bad, putzte die Zähne, zog sich an, und betrat die Küche, wo er Milch aus dem Kühlschrank holte, und Cornflakes, Haferflocken und Kakaopulver auf den Tisch stellte. Zwei tiefe Teller, einer für ihn, einer für David (der bestand immer darauf, den mit dem verkratzten Abbild Graf Zahls aus der Sesamstraße zu bekommen), dazu je ein Löffel. Kaffee hatte ihre Mutter aufgesetzt, ehe sie David wecken gegangen war. Toast hatte sie offenbar noch keinen gemacht. Er schob zwei Scheiben Toast in den Toaster, und stellte das Glas mit der Erdbeermarmelade und das mit dem Pflaumenmus auf den Tisch. Da seine Mutter noch nicht wieder zurück in der Küche war, goss er sich heimlich einen Schluck Kaffee in seine Milch, ehe er zwei Löffel Kakao hineinrührte. Seine Mischung aus Müsli und Flakes reicherte er mit einer großzügigen Portion Pflaumenmus an, ehe er die Milch darübergoss und sie umrührte. Mutter und Bruder betraten die Küche. David hatte wohl geweint, und machte ein ziemlich unglückliches Gesicht. - Es passte ihm wohl nicht, dass Mutter ihm deutlich zu verstehen gegeben hatte, wie unzufrieden sie damit war, dass er noch so ein Baby war. Vielleicht war es ihm auch unangenehm, dass er heute – ganz offensichtlich – gewindelt in den Kindergarten gehen musste... Nach der morgendlichen „Überraschung“ allerdings auch wirklich mehr als verständlich, dass Mutter darauf bestand. „Ihr habt heute später Schule?“ „Ja!“ entgegnete Timmy, auch, wenn er fand, dass das ja wohl logisch wäre. Einfach so, unentschuldigt zwei Stunden zu schwänzen wäre ihm nicht eingefallen. - Sein älterer Bruder war da schon eher so ein Kandidat gewesen... Jetzt, wo er seit zwei Jahren im Jugendknast hockte, würde es ihm allerdings deutlich schwerer fallen, sich um Untrrichts- oder Arbeitsstunden zu drücken.

Timmy überlegte, was sie heute hatten. Sie würden eine Mathearbeit zurückbekommen, und auch, wenn Herr Farkas ihm vermutlich wieder nicht glauben würde, dass er nicht geschummelt hatte, würde er nicht umhin kommen, ihm eine Eins zu geben. Danach Weltkunde (ihr Lehrer in dem Fach war ein begeisterter Steinsammler und Hobbygeologe – daher würde der Unterricht sich wahrscheinlich auch diesmal wieder um Auffaltungen in der Erdkruste, die Entstehung der unterschliedlichen Gesteinsschichten und darum drehen, wie aus dem Sediment eines Ur-Meeres die heutigen Kalksteinfelsen geworden waren). - Ihn störte es nicht. Da der Lehrer sich für das Thema so begeisterte, schaffte er es auch, so davon zu erzählen, dass es sich interessant anhörte, und ohne das man vor Langeweile einschlief... auch, wenn sie sich jetzt schon beinahe vier Wochen mit der Thematik befassen mussten. Dann Sport. Nicht unbedingt Timmys Lieblingsfach. – Zum einen konnte er Bälle nicht ausstehen – die ließen sich nie vernünftig fangen, sondern trafen ihn statt dessen meist so, dass es weh tat. Rennen und über irgendwelche lederbespannten Holzkästen oder einen sogenannten Bock hinwegzuspringen machte ihm auch keinen großen Spaß. - Und am Kletterseil hochklettern konnte er zwar durchaus, und das sogar halbwegs schnell – aber er konnte es nicht ausstehen, wenn einer seiner Mitschühler – wenn er oben war – anfing, am Seil zu rütteln und es in Schwingungen zu versetzen, als ob er ein Wäschestück wäre, das man trockenschleudern musste... Die letzten zwei Stunden waren „Hauswirtschaft“. Will zog ihn hin und wieder damit auf, dass er das gewählt hatte – aber Musik wäre schlimmer gewesen: Er konnte keinen Ton auch nur ansatzweise richtig singen (summen ging gerade so), schaffte es einfach nicht, Noten zu lernen (es war ihm unmöglich die „Knöpfe“ mit den „Stielen“ und „Fähnchen“ in den Notenzeilen in irgend einen Zusammenhang mit dem, was er hörte zu bringen), und daran, dass er lernen könnte, ein Instrument zu spielen, war erst recht nicht zu denken... - Und so schlecht war Hauswirtschaftslehre auch nicht: Er konnte mittlerweile eine Waschmaschine sachgerecht bedienen, so dass nichts von der Wäsche einschrumpelte oder verfärbte, wie man ein Hemd bügelte, hatte er auch gelernt, und – was vielleicht am besten war: Sie lernten dort auch zu kochen, wenn auch bislang nur ganz einfache Sachen wie Omlette. Seine Mutter riss ihn aus seinen Gedanken, und forderte ihn auf, wenn er ging, ordentlich abzuschließen. „Nicht, dass hier, in unserer Straße außer meinem missratenen Ältesten noch jemand wohnen würde, bei dem man darauf achten müsste...!“ seufzte sie. „Wenn Du wüsstest, Mutter...“, dachte Timmy, hütete sich jedoch, es auszusprechen. - Vermutlich war es der bevorstehende Besuchstag im Jugendknast am Wochenende, der sie auf derart trübe Gedanken brachte. Er selber hatte nichts dagegen einzuwenden, den älteren Halbbruder alle paar Monate mal zu sehen, auch, wenn es immer ein ziemlicher Angang war, mit den Schleusen, und dann im Besuchszimmer, und sie – zusammen mit Hin- und Rückfahrt – jedesmal zwei Drittel des Sonntags verloren. Immerhin aßen sie anschließend bei McDonald's oder Burger King, was ihre Mutter sonst gar nicht gern machte. - Aber da machte es dann auch nichts aus, wenn sich der kleine David bei Tisch daneben benahm … schließlich waren da immer ein Haufen Kinder, die noch deutlich weniger Tischmanieren besaßen! - Als sie statt dessen nach einem Besuchstag im vergangenen November mal in einem ziemlich schicken, italienischen Restaurant gegessen hatten, war das Ergebnis für seine Mutter am Ende derart peinlich gewesen, dass sie seither keinen Versuch mehr unternommen hatte, mit dem Jüngsten wo anders hinzugehen, als in eines der amerikanischen Schnellrestaurants mit ihren bunten Plastikmöbeln. - Egal. Die Mutter verließ mit David das Haus, um ihn in den Kindergarten zu bringen, und eine halbe Stunde später machte auch er sich mit Ranzen und Turnbeutel auf den Weg.

Die drei auf dem Schulweg

Timmy schloss hinter sich ab, und wandte sich in Richtung Schule. Unterwegs traf er Will (der von dem Schluck Cognac am Vorabend einen schweren Kopf hatte, und entsprechend unleidlich und maulfaul war) und Steve, dessen Blondhaar in der Morgensonne noch mehr leuchtete, als sein eigener, karottenroter Schopf. "Das war mal echt 'n Ding mit Goldrahmen, gestern abend!" flüsterte Sam den beiden Freunden zu. "Jo! - Diese komische Vogelbrosche mit dem Saphir-Auge und die ausländischen Goldmünzen sind garantiert 'n Vermögen wert!" brummte Will. "Auch, wenn wir von dem Reichtum nich' viel seh'n werden..." Damit, überlegte Timmy, hatte der stämmige Will leider vollkommen recht. Der Hehler - der großen Wert darauf legte, lediglich ein ehrbarer "Antiquar mit einem kleinen Pfand-Kredit-Geschäft" zu sein - zahlte nur einen minimalen Bruchteil von dem, was die Dinge wert waren, die sie Betrunkenen und Schläfern bei ihren nächtlichen Ausflügen abnahmen. Deshalb waren eigentlich Banknoten und Münzen besser, als Schmuck, weil sie die direkt unter sich aufteilen, und dann ausgeben konnten. - "Hol'n wir's gleich aus dem Versteck?" wollte Will mit einem gierigen Funklen in den Augen wissen. "Nee - doch nicht vor der Schule!" Steve schüttelte den Kopf. "Wenn der Direx oder irgend 'n Lehrer Ranzenkontrolle macht, wär'n wir sonst echt am A...!" Damit hatte er eindeutig recht, wie auch Will zugeben musste. "Was war das eigentlich, was Du gestern abend eingesteckt hast, Timmy?" wollte Will wissen. Er konnte manchmal echt misstrauisch sein, vorallem dann, wenn er einen leichten Kater, und entsprechende Kopfschmerzen hatte. "Nur n' Taschentuch mit gesticktem Monogramm - und so'n Holzstab, von dem ich keine Ahnung hab, wofür der gut is'!" verriet er dem Freund. "Also für das Taschentuch bekomm'n wir bei Jacob garantiert nüscht... wir sind hier ja nicht bei "Oliver Twist"!" meinte Steve. Da hatte er leider recht, überlegte Timmy. Gebrauchte Stofftaschentücher konnte man nicht verkaufen, noch nicht einmal auf dem Basar der Kirchengemeinde. "Vielleicht", überlegte er, konnte er das Ding ja seinem Mathelehrer Farkas schenken, auch, wenn der darin vermutlich nur ein Engeständnis gesehen hätte, dass er in Mathe doch schummelte... "Und der Stab?" wollte Steve wissen. "Holz - schöne Maserung - aber ich weiß nicht, was man damit anfangen kann." erklärte Timmy. "Hast Du ihn...?" "Ja, im Mäppchen, ganz unten im Ranzen. Ich zeig ihn Euch in der Pause..." "Okay..." Sie hatten das Schulgelände erreicht, und gingen durch das Tor.

Erste Stunde

Der Unterricht verlief so, wie Timmy es erwartet hatte: Mathearbeit zurück. „Eins bis Zwei“. Er hatte alles richtig gerechnet. Warum also die halbe Note? - Die Antwortsätze zweier Textaufgaben waren gramattikalisch nicht korrekt (das stimmte, er hatte sich nicht viel Mühe bei den Formulierungen gegeben, und war in Gedanken bei etwas anderem gewesen). Außerdem empfand Herr Farkas die spinnenartige Handschrift des rothaarigen Buben mit ihren in alle Richtungen kippenden und hüpfenden Buchstaben als katastrophal. - Und da in der 5. Klasse keine separaten Noten mehr für „Schrift“ vergeben wurden, floss das in die Hauptnote mit ein... Timmy störte das nicht. Will hatte mal behauptet, wenn er irgendwann einen Erpresserbrief schreiben wolle, bräuchte er seine Handschrift nicht zu verstellen, da jeder, der sie sah, sie ohnehin für komplett verstellt halten würde. Er hoffte, dass diese flapsige Bemerkung des kräftigen Freunds seiner Mutter nie zu Ohren kommen würde. Wills Vater war – so, wie er das sah – vollkommen gleichgültig, was sein Sprössling anstellte, solange der sich nicht erwischen ließ, und man ihm nichts beweisen konnte. Solange seinem Vater wegen des Jungen nicht die Polizei oder das Jugendamt ins Haus kam, war alles in Ordnung... Was natürlich auch bedingte, dass Will es sich – ebenso, wie Timmy (oder Steve, was das anging) - nicht leisten konnte, einfach so die Schule zu schwänzen. - Etwas, wonach Will vermutlich weitaus eher der Sinn gestanden hätte, als seinen beiden Kameraden... Jedenfalls war die erste Stunde an diesem Morgen (nominell die dritte Stunde) dann auch schon rum, und sie hatten Pause. Timmy nahm sein Mäppchen mit hinaus, da er den Freunden ja versprochen hatte, ihnen den Stab zu zeigen. Er war gespannt, ob Steve (vielleicht, der hatte manchmal echt schlaue Ideen) oder Will (ziemlich unwahrscheinlich) eine Idee hatten, wofür das Ding gut war.

Treffen in der Pause

Will (der eine Gerade-noch-Drei in der Mathearbeit bekommen hatte, ohne dass ihn das sonderlich aufgeregt hätte) und Timmy schlenderten über den Pausenhof, und verschwanden - als sie sich sicher waren, dass niemand sie im Speziellen auf dem Kieker hatte - hinter der Schulcafeteria. Dort, wo die Müllcontainer standen, in denen nicht zuletzt die Reste aus der Schulküche landeten, hielt sich eigentlich niemand freiwillig auf - dafür roch es da entschieden zu widerlich. - Aber genau deshalb waren sie dort auch zuverlässig unbeobachtet. Das Küchenpersonal würde erst nach dem Mittagessen die nächste Ladung Müll in die Container stopfen, und Donnerstag nachmittag würde der Hausmeister die schweren Dinger vor, zur Straße rollen, da Freitag früh die Müllabfuhr kam ... Jetzt, an einem Mitwochvormittag, in der Pause, waren sie hier ungestört. Steve - der die Parallelklasse besuchte - war schon da. "So, was ist das nun für ein Stab, den Du Dir da gestern abend gegriffen hast?" wollte Steve wissen. Timmy holte ihn aus seinem Mäppchen. "Hübsch!" lautete Steves Kommentar. Der Blonde hatte ein Auge für schön gearbeitete Gegenstände, egal, ob die nach landläufiger Einschätzung etwas wert waren, oder nicht. "Also - 'n Totschläger ist das nicht. - Zu dünn und zu leicht!" meinte Will. Typisch, dass er als erstes auf diese Assoziation kam. Aber er hatte natürlich Recht. "Ich bin mir sehr sicher, niemand würde derart viel handwerkliche Kunstfertigkeit in einen blossen Totschläger investieren!" erklärte Steve aus tiefster Überzeugung. "Schaut ihn Euch nur einmal an - so absolut glatt, und dabei sieht man jede Nuance (er sagte tatsächlich "Nuance" und sprach das sogar korrekt aus) der Maserung des Holzes ... Kernholz würde ich sagen, von einem Obstbaum. Pflaume oder Mirabelle denk ich - vielleicht auch Aprikose!" "Aber was IST es?" wollte Will wissen. "Ich hab öfter gesehen, wie die Kapellmeister bei irgendwelchen Show-Sendungen im Fernsehen mit so 'nem Stab rumfuchteln, um den Musikern vom Orchester zu zu sagen, wer gerade was und wie laut spielen soll, und wer nicht, ohne sie anschrein zu müssen. - Ob das sowas ist...?" "Mmmh ... ein Taktstock - das wäre möglich. Gar nicht so unwahrscheinlich, wenn ich's mir recht überlege. - Wenn ja, ist es aber bestimmt kein ganz billiger..." stimmte Steve dem etwas grobschlächtigen Will zu. Der hatte Timmy das gute Stück aus den Händen genommen, und schwenkte es jetzt durch die Luft, als ob er tatsächlich die Philharmoniker dirigieren wollte. "Vorsicht!" stieß Timmy hervor, der sich an den Funkenschauer von vergangener Nacht erinnerte, und sich nicht sicher war, ob das vielleicht mehr als ein Traum gewesen war. - Und tatsächlich: ein zischender Lichtblitz, ein leiser Knall, mehr ein "Pflopp" - und dann fiel eine fette Ente, die unglücklicher Weise gerade in dem Moment den Platz mit den Müllcontainern hinter der Schulcafeteria in gut 10 Metern Höhe überflogen hatte, geschockt vom Himmel - und hätte beinahe Steve am Kopf getroffen, der sich mit einem beherzten Sprung aus der Fallrichtung brachte. "Was - zum Henker - war denn das jetzt?!" meinte Steve, nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte. "Bei mir hat er gestern Nacht, als ich ihn in meinem Zimmer kurz durch die Luft geschwenkt hab, nur 'n paar Funken gemacht!" erklärte Timmy. "Aber ich war da auch ziemlich müde, und hab deshalb gedacht, dass ich mir das nur eingebildet hätte!" Will gab - zitternd ob dem Effekt, den er unbeabsichtigt ausgelöst hatte - den Stab an Timmy zurück. "Also... damit will ich nix Zu tun haben!" stieß er hervor. Steve allerdings betrachtete den Stab mit neu erwachtem Interesse. "Funken? - Kannst Du uns zeigen, wie Du das gemacht hast, Timmy?!" Sein Tonfall legte allerdings nahe, dass er ein "Nein" auf keinen Fall akzeptieren würde. Timmy konzentrierte sich. Wie gestern abend vollführte er eine schlagende Bewegung von oben nach unten, so, als ob er jemanden mit dem Stab eins überziehen wollte - und tatsächlich brach eine Fontäne Funken aus der Spitze des Stabes. Wesentlich größer, und beeindruckender, als in der vergangenen Nacht. - Beinahe hätte er vor Schreck den Stab fallen gelassen. Will hatte sich zu dem unglücklichen, geschockten Vogel hinunter gebeugt. Der zuckte, begann sich zu regen und war offenbar noch am Leben, auch, wenn er sich bei dem Absturz scheinbar einen Flügel angeknackst hatte. "Wer spielt hier mit Feuerwerkskörpern!" hörten die drei die Zorn erfüllte Stimme des Hausmeisters, und Steve sagte geistesgegenwärtig zu Timmy: "Steck ihn ein! - Und dann nix wie weg hier!" Die Aufforderung kam gerade noch rechtzeitig, und allen dreien gelang es, sich durch die Büsche zu zwängen, und um das Gebäude von Cafeteria und Turnhalle herumzulaufen, und sich auf dem Pausenhof unter ihre Mitschüler zu mischen. Sie hatten keine Gelegenheit mehr, miteinander zu sprechen, ehe die Schulglocke zur nächsten Stunde läutete – eine Stunde Weltkunde und anschließend Sport für Timmy und Will, eine Stunde Deutsch und danach Werken für Steve.

Der Rest vom Schultag

Keiner der Buben konnte sich in den folgenden Unterrichtsstunden wirklich konzentrieren, und aus unerfindlichen Gründen platzte im Sportunterricht auch noch ein schwerer Medizinball, ehe er Timmy voll im Gesicht treffen konnte, was dem Bub mit Sicherheit ein paar Veilchen und Nasenbluten beschert hätte. Timmy begriff das nicht. Hatte er den Ball platzen lassen? Und: wenn ja: Wie hatte er das gemacht? – Schließlich hatte er ja seinen (na ja – mittlerweile betrachtete er ihn als seinen) Stab dabei gar nicht in der Hand gehabt … Der Sportlehrer gab irgendwelchen Unsinn von Materialermüdung und Qualität von sich, die auch nicht mehr sei, was sie einmal gewesen wäre, und Will sah ihn den gesamten, restlichen Sportunterricht an, als ob er sich in den „Unglaublichen Hulk“ verwandelt hätte. - Verdenken konnte Timmy es dem Freund angesichts der Ereignisse dieses Vormittags nicht wirklich. Nach dem Sport trennten sie sich, weil Timmy in Hauswirtschaft musste, Will dagegen in Musik. Wills Blick, den er Timmy zum Abschied zuwarf, als sie sich in die unterschiedlichen Klassen mussten, sagte mehr, als 1.000 Worte: „Mach bloß nix Dummes!“ - Nun, das hatte Timmy definitiv nicht vor, und tatsächlich gelang es ihm sich in den beiden folgenden Stunden komplett auf's Kochen zu konzentrieren, und die Kirschpfannkuchen, die sie buken, gelangen ihm hervorragend.

Holen wir uns unsre Beute

Als Timmy - vier selbstgebackene Kirschpfannkuchen in einer Tupperdose im Ranzen - aus dem Hauswirtschaftsunterricht kam, erwarteten ihn Steve und Will (der seine Doppelstunde Musik als tödlich langweilig empfunden hatte) am Schultor. Beim Kochunterricht wurde man selten pünktlich fertig, da es da hinterher immer einen Haufen aufzuräumen gab. Will hatte Steve schon von dem Zwischenfall mit dem Medizinball berichtet. Dass der Hausmeister gerade mit dem Biologielehrer an der Seitentür der Aula stand, und sich darüber beklagte, dass "so ein paar verfluchte Drecksbengels eine Wildente mit einer Feuerwerksrakete abgeschossen" hätten, war für alle drei ein Alarmsignal. Sie machten, dass sie das Schulgelände verließen, und so rasch es ging, ein paar Straßen zwischen sich und den aufgebrachten Hausmeister brachten, ehe der und der Biologielehrer sie befragen konnten, ob sie etwas gesehen oder bemerkt hätten. "Feuerwerksrakete!" Steve grinste. "Wenn der wüsste..." Er schüttelte den Kopf, und deutete mit dem Finger auf den stämmigen Freund. "Das warst Du, Will, und zwar mit dem Stab, den Timmy gestern Nacht dem grünen Bowler-Freak aus der Tasche gezogen hat!" "Aber ... das wollt ich doch nich'! Ehrlich, Mensch... woher sollte ich das denn wissen?!" Will wirkte ziemlich bedröppelt, kleinlaut und - für ihn völlig uncharakteristisch - ausgesprochen ängstlich. "Nein! - Dass es Absicht war, behauptet doch auch keiner! - Würde ich Dir doch nie unterstellen..." beruhigte Steve den Kamerad. "Aber, weißt Du, was ich glaube? - Der Stab, den Timmy da erwischt hat - das ist'n Zauberstab, so, wie bei "World of Warcraft" oder "The Witcher" ... nur eben in echt, und nich' bloß in nem Computerspiel!" "Dann wäre der komische Kerl, dem wir die Taschen ausgeräumt haben, 'n Zauberer..." begriff Timmy. "Aber Zauberer gibts doch nicht - jedenfalls nicht in Echt!" wandte Will ein. "Beim "Herr der Ringe", bei "Merlin und Mim" und in Computerspielen ... aber doch nicht in Wirklichkeit...!" "Stäbe aus Holz, die Funken oder Blitze schießen, wenn man sie durch die Luft schwingt dürfte es eigentlich auch nicht geben..." widersprach Steve. "Aber Timmy hat ganz eindeutig einen solchen Stab, den er dem Bowler-Typ geklaut hat! Und denk mal an die Falken-Schließe von dem Umhang, die, die versucht hat wegzufliegen ... auch was, was es nicht geben dürfte, aber wir ha'm sie alle drei gesehen, und Dich, Timmy, hat sie sogar in die Finger gebissen...!" "Stimmt!" bestätigte Timmy. "Gestern abend dachte ich noch, das wäre vielleicht bloß ne Halluzination gewesen... aber jetzt..." "Wisst Ihr was?" meinte Steve. "Wir geh'n jetzt zu dem Kasten, holen uns die Goldmünzen und diese widerspenstige Mantelschließe, und dann verzieh'n wir uns in die alte, verlassene Ziegelei, und seh'n uns an, was wir da haben!" Mit diesem Vorschlag seines blonden Kumpels war Timmy sofort einverstanden, während Will etwas länger brauchte, um sich mit der Vorstellung abzufinden, dass hier gerade Dinge geschahen, die eigentlich vollkommen unmöglich sein sollten. Tatsächlich erreichten sie unangefochten den Kasten mit dem Split und Sand in der Straße, wo sie wohnten. Ein vorsichtiger Blick in die Runde. - Nein, Zeugen waren keine zu sehen, auch, wenn es heller Mittag war. Als Steve und Will den Kistendeckel anhoben, wurde ihnen dieser förmlich aus den Händen geschlagen, und beide setzten sich unsanft auf den Hosenboden, da die zum Leben erwachte, vogelförmige, goldene Mantelschließe mit dem Saphirauge wie ein Geschoss aus der Kiste in die Höhe geschossen war, und davonflog. Fassungslos starrten die drei Buben sich an, die eine ganze Weile brauchten, um sich wieder hochzurappeln. "Das war der Goldvogel...!" Will fiel es immer noch schwer, zu begreifen, was sie gerade miterlebt hatten. Fassungslos starrten die drei Buben sich an, die eine ganze Weile brauchten, um sich wieder hochzurappeln. "Das war der Goldvogel...!" Will fiel es immer noch schwer, zu begreifen, was sie gerade miterlebt hatten. „Ja! - Das WAR er! - Und jetzt ist er weg!“ Steve schüttelte mehrfach den Kopf, und beugte sich über die Kiste. „Und das da war meine Wollmütze...!“ Die Fetzen, die die scharfen Krallen des metallenen Falken von der Kopfgedeckung übrig gelassen hatten, sprachen für sich selbst. „Ob der Vogel auch den Geldbeutel mit weggeschleppt hat?“ überlegte Timmy. Diese praktische Überlegung sorgte dafür, dass Steve sich sehr schnell wieder fing. „Blos nicht...“ formulierte Will die gemeinsame Hoffnung der drei jungen Diebe. Rasch stellten sie jedoch fest, dass der Beutel mit den Gold- und Silbermünzen noch dort war, wo sie ihn in der letzten Nacht versteckt hatten. Will nahm ihn an sich, und Steve schloss anschließend den Kistendeckel, ehe womöglich noch jemanden auffiel, dass hier so einiges nicht in Ordnung war. "Los, machen wir, dass wir hier wegkommen!" - Das Risiko, dass Erwachsene auf sie und ihr Tun an der Splitkiste neben der Telefonzelle aufmerksam wurden, wollte nun wirklich keiner der drei eingehen.

Ins Versteck

Fünf Straßen weiter erreichten sie die alte, aufgegebene Ziegelei. Seit vielen Jahren stand der gewaltige Backsteinbau, der kaum noch ein heiles Fenster hatte, hier verlassen auf einem - mehr oder minder - überwucherten Grundstück. Die drei Jungen hatten im ehemaligen Büro des Fabrikdirektors im zweiten Obergeschoss schon mehr als einmal die Beute eines Abends geteilt. Dort gab es nicht nur einen alten Schreibtisch von geradezu monströsen Ausmaßen, sondern auch einen Schreibtischsessel und weitere Stühle mit zwar nicht sauberer, aber doch wenigstens trockener Sitzfläche. Nach dem sie sich vorsichtig umgesehen hatten, kletterten sie an einer Stelle, wo diese zusammengebrochen war, über die alte Umfassungsmauer auf das Ziegeleigelände. Durch eine ehemalige Glastür, deren Glaseinsatz schon vor langer Zeit zerschlagen worden war, gelangten sie in das einstige Verwaltungsgebäude, und über eine Treppe hoch, in den zweiten Stock. - Penner oder Rowdies, die Fenster zerschmeissen wollten, verirrten sich eigentlich nie hier hinauf. Tatsächlich schien - seit sie das letzte Mal hier oben gewesen waren - niemand die Räume betreten zu haben. Will zog den Beutel mit den Münzen unter seinem Parka hervor, und deponierte ihn auf dem staubigen, alten Schreibtisch. "Und den Stab!" verlangte Steve von Timmy, der zunächst zögerte, ihn dann jedoch in die geöffnete, rechte Hand des Blondschopfes legte. Es war düster in dem ehemaligen Direktionsbüro, da ein hoher, dicht belaubter Baum genau vor der Fensterfront stand, und einen Großteil des Tageslichtes aussperrte. Steve betrachtete den Stab prüfend und in Gedanken versunken. "Wenn das" meinte er, "wirklich und wahrhaftig ein Zauberstab ist, müsste er eigentlich auch DAS können!" Er richtete ihn die Luft, und sagte "Lumos!" Tatsächlich strahlte die Spitze des Stabes, wie eine Magnesiumfackel, ohne dabei jedoch zu verbrennen. "Woher... woher wusstest Du...?" Will war ziemlich fassungslos, ob der Demonstration. "Ich wusste es nicht... ich dachte nur, wenn, dann probier ich es doch mit einem Spruch aus "World of Warcraft" mit dem jeder Zauberer da seinen Zauberstab in eine Art Taschenlampe oder temporäre Fackel verwandeln kann..." Seiner Stimme war deutlich anzumerken, dass ihn der Erfolg seiner spontanen Idee selbst überrascht hatte. "Krass!" fand Will. "Aber wenn das so einfach ist, hätten wir dann nicht versuchen können, den goldenen Falken mit dem Saphir-Auge damit herunter zu holen, eh der davon geflogen ist?" "Vielleicht..." gab Steve zu. "Aber ganz ehrlich: Weisst Du, wie du das heute in der Pause mit der Flugente gemacht hast?" "Nee..." gab Will zu. "Siehste - was wäre denn passiert, wenn's nicht geklappt hätte, und du statt dessen in unsrer Straße 'ne Fensterscheibe oder gar 'n parkendes Auto in die Luft gejagt hättest?" Dieser Einwand Steves ließ Will doch ziemlich herumdrucksen. Die Vorstellung, was geschehen wäre, wenn er ein derartiges Desaster angerichtet hätte, fand er doch zimlich beängstigend. Vermutlich, überlegte er, hätte ihm in einem solchen Fall schlimmeres gedroht, als Jugendknast. Steve ging nicht weiter darauf ein, sondern stellte den Zauberstab mit seiner leuchtenden Spitze in einen Ständer für Kugelschreiber und anderes Schreibgerät, der auf dem ansonsten nur mit einer dicken Staubschicht bedeckten Schreibtisch stand. "Aber jetzt lasst uns gucken, was das für Münzen sind, die der Bowler-Typ in seinem Geldbeutel hatte!" brachte Timmy das Gespräch wieder auf den eigentlichen Zweck ihres hierseins. "Richtig! - Will... bitte!" Auf Steves Worte hin stülpte der stämmige Junge den Beutel um, und ließ die schweren Gold- und die etwas weniger massiven Silbermünzen auf die Schreibtischplatte fallen. Auch ein paar kleinere Kupferstücke - und zwei Papiere - fielen aus dem Beutel auf die Tischplatte. „Wow! - Das muss n' Vermögen sein!“ Sie kamen auf 26 dicke Goldstücke - „Galleone“ besagte die Prägung – fast 30 Silbermünzen - „Sickel“ - und ein halbes Dutzend der kleinen Kupferstücke. „Knut“ las Timmy vor, der die Münze ins Licht der Zauberstabspitze hielt. „Knut?! - Wer bei allen Göttern nennt Münzen Knut? - Oder Sickel? - Das klingt wie Sichel... Galleone kann ich ja noch verstehen: So hießen die Schiffe der Spanier, mit denen sie das Gold der Azteken aus der Neuen Welt geholt ha'm!“ Wills Frage klang nicht ganz unberechtigt. „Zauberer?!“ meinte Timmy. „Ich mein: Druiden, wie bei „Asterix“, das sind doch auch ne Art Zauberer … und die hatten Sicheln, mit denen sie ihre Trankzutaten geschnitten ha'm, oder nicht?“ „Ich glaube,“ überlegte Steve, „das, was Timmy da gerade gesagt hat, ist gar nicht so weit hergeholt!“ "Und was machen wir jetzt damit?" fragte Will. "Ich mein, wenn wir die Münzen verkaufen, woher sollen wir - oder der der Händler - wissen, was die wert sind?!" Der Einwand schien berechtigt. - Ihr Hehler würde vermutlich aller größte Probleme haben, einen Wert und damit einen Ankaufspreis zu bestimmen, falls er sich nicht rundheraus weigern würde, dieses "Fantasiegeld" überhaupt anzunehmen. "Vielleicht können uns ja die beiden Papiere verraten, wer oder was dieser Bowler-Typ mit dem Nadelstreifen-Umhang war?!" überlegte Timmy. "Ja! gucken wir uns mal an, was wir da haben...!" Steve gab sich keine Mühe, seine Neugier zu verbergen. Er entfaltete das erste der beiden eng zusammengefalteten Dokumente, und sagte "Urrghs!" Bei dem einen Papier handelte es sich um die Besuchserlaubnis für ein Gefängnis, von dem weder Steve noch Will oder Timmy je in ihrem Leben gehört hatten. Einem gewissen „Cornelius Fudge“ - „C.F. - das Monogramm im Taschentuch!“ stieß Timmy durch die Zähne – wurde die Erlaubnis erteilt, einen Häftling namens „Gellert Grindelwald“ zu besuchen, und mit diesem zu sprechen. „Wer gibt seinem Sohn den Vornamen Gellert?“ fragte Will. „Seine Eltern müssen ihn gehasst haben, dass sie ihm das angetan haben!“ Ausgestellt war das Dokument von einem „Bundesamt für magische Wesen“ und signiert hatte es ein gewisser „Edmund F. Drekker, Geheim- und Ministerialrat“. „Krass!“ fand Will. „Was meint ihr, ob dieser Fudge diesen Grindelwald schon besucht hatte, als wir ihm die Taschen geleert haben?“ Er schluckte. „Weil, andernfalls muss der Grindelwald vermutlich sehr, sehr lange auf seinen nächsten Besuch warten... da steht etwas von „Ausnahmegenehmigung“, und „einmaliger, befristeter Sondererlaubnis“ und „erteilt unter Berücksichtigung eines spezial gelagerten Sonderfalls, der die Aufhebung der allgemeinen, strengen Kontaktsperre rechtfertigt“...“ Timmy gefiel das, was sein Kumpel da sagte nicht sonderlich. Die Vorstellung, dass sie mit ihrem Diebstahl in der vergangenen Nacht einem Häftling womöglich auf Jahre die Chance geraubt hatten, Besuch zu empfangen, bereitete ihm – wenn er ehrlich sein wollte - schon ein wenig Magendrücken. Steve faltete das zweite Papier auseinander. „Das ist die Rechnung für ein Frühstück in einer Kneipe oder einem Gasthaus!“ stellte er halb überrascht, halb enttäuscht fest. „The Laughing Hangman – der Lachende Henker … brrr – Für ein Lokal mit so wenig einladendem Namen muss das ein wirklich feudales Frühstück gewesen sein. Drei Galleonen, 14 Sickel und sieben Knuts hat vermutlich dieser Cornelius Fudge dafür bezahlt. Am unteren Rand des Rechnungsformulars steht noch etwas: „The Laughing Hangman – Last Ale, Butterbeer and Chocolate before Azkaban!“ „Das klingt wie ein Werbespruch an einer Raststation an 'nem Highway, drüben in den USA … Du weißt schon, Steve so, wie „Last Gas, Food and Beer for Six Hundered Miles“ oder so...!“ meinte Timmy. „Da könntest Du recht haben. - Auf alle Fälle klingt „Azkaban“ nicht wie ein Ort, den ich gerne besuchen würde!“ stimmte Steve zu. Er drehte das Papier um. „Auf der Rückseite hat jemand – Fudge? - handschriftlich eine Liste notiert. In grüner Tinte. Ein Dutzend Leute, wie mir scheint. Die ersten Namen sind alle ausgestrichen. Mit roter Tinte. Der elfte Name ist Gellert Grindelwald, und der letzte - Mykew Gregorowitsch - klingt für mich russisch oder bulgarisch. Den hat er nicht durch- sondern unterstrichen, und zwar gleich dreimal!“ „Hmm... dann ist dieser zwölfte Name vermutlich wichtig für diesen Fudge!“ schlussfolgerte Timmy. „Vielleicht sogar noch wichtiger, als der Häftling Grindelwald...“ „Ich habe jedenfalls noch nie im Leben von einem „Bundesamt für magische Wesen“ gehört!“ meinte Will. „Ich meine … bis gestern wär' ich mir sogar absolut sicher gewesen, dass es so'n Amt gar nicht gibt!“ Da konnten ihm seine beiden Freunde nur zustimmen. Keiner von ihnen hätte irgendetwas von all dem geglaubt, wenn sie nicht hier in diesem alten Direktionsbüro säßen, mit Zauberergeld, einem Zauberstab und einem Formular von einem Amt, dass es eigentlich nicht geben konnte, nachdem sie zuvor alle drei am hellichten Tag Zeugen geworden waren, wie eine goldene Mantelschließe in Form eines Vogels einfach so davon geflogen war. - Während sie alle drei noch überlegten, was das alles für sie bedeuten mochte, bemerkte Timmy drei sich rasch nähernde Schatten vor dem großen, glaslosen Fenster des ehemaligen Direktionsbüros. „Steve, Will … da … da ist was vor dem Fenster!“ Tatsächlich waren da drei Schatten, die rasch größer wurden, und sich als drei der größten und hässlichsten Schleiereulen entpuppten, die die Jungen je in ihrem Leben gesehen hatten (nicht, dass das all zu viele gewesen wären). - Und die Vögel wollte ganz offensichtlich direkt zu ihnen in das Büro fliegen, wobei sie sich von dem Laub des großen Baums nicht aufhalten ließen, das fast das komplette Tageslicht abhielt. Reflexartig griff Will nach dem Stab in dem Stiftständer, wobei das Licht an der Spitze erlosch, kaum, dass er ihn in die Finger bekam.

Cornelius Fudge - ein unangenehmes Erwachen

Der Tag Cornelius Fudges begann deutlich unerfreulicher, als der der drei diebischen Freunde: Zunächst einmal hatte er einen enormen Kater – die Kopfschmerzen, die Will beim Aufwachen gepeinigt hatten, waren nichts dagegen. Es war schon später Vormittag, oder sogar Mittag vorbei. Und dann waren da die beiden Muggel-Polizisten, die in einer fremden Sprache auf ihn einredeten, nachdem der eine ihn an der Schulter gefasst, und nicht ganz sanft geweckt hatte. Muggel-Polizisten? - Ja! Und noch nicht einmal englische! Fudge brauchte ein paar Augenblicke, um zu begreifen, dass es Deutsch war, was sie mit ihm sprachen. - Dann fiel ihm alles wieder ein: Er war zurückgetreten. Natürlich. Die englische Zaubererschaft hatte über Wochen zunehmend lautstark seinen Rücktritt gefordert. Ihm war nichts anderes übrig geblieben, und dass er anschließend in untergeordneter Position unter seinem Nachfolger Rufus Scrimgeour weiterhin für das Ministerium tätig sein konnte, hatte es nicht wirklich besser gemacht. - Kaum mehr als ein besserer Laufbursche war er im britischen Zaubereiministerium gewesen, der Scrimgeour lästige Aufgaben abnahm, wie etwa den Kontakt zum Premierminster der Muggel, und dass er diesem im Auftrag Scrimgeours Botschaften überbrachte. - Er hatte Scrimgeour mehr als einmal geraten, seinen, Fudges, Fehler nicht zu wiederholen. Sich gegen Dumbledore zu stellen, und diese drei Kinder – Potter, Weasley und Granger – nicht hinreichend ernst genommen zu haben, war der Anfang seines politischen Untergangs gewesen. - Aber Scrimgeour hatte nicht hören wollen „Das sind Kinder! Der Kampf gegen „Du-weisst-schon-wen“ ist Sache erwachsener Zauberer! Ministeriumszauberer!“ Und Scrimgour hatte auch nichts davon wissen wollen, Unterstaatssekretärin Dolores Umbridge ihres Postens zu entheben, und achtkantig aus dem Ministerium zu werfen, für das was sie Potter angetan und in Hogwarts angerichtet hatte. Für ihn, Fudge, war Potters hartnäckige Weigerung, sich demonstrativ auf die Seite des Ministeriums zu stellen, keine Überraschung gewesen. Dann war das undenkbare geschehen: Albus Dumbledore war gestorben! Ermordet! Entweder von einem Todesser, oder – was noch schlimmer wäre – von seinem eigenen Lehrer in „Verteidigung gegen die Dunklen Künste“, Professor Snape, den Dumbledore zu Beginn des Schuljahres selbst auf diesen Posten gesetzt hatte. - Die im Tagespropheten kolportierte Vermutung, der Mörder könne einer von Dumbledores Schülern gewesen sein – entweder Draco Malfoy, oder – was noch wesentlich unwahrscheinlicher war – Harry Potter selbst, schloss Fudge kategorisch aus. Anschließend hatte Fudge seinen Chef, Scrimgeour, förmlich bekniet, den schriftlichen letzten Willen Dumbledores zu respektieren, und nicht zu versuchen, Harry, Ron und Hermine die Dinge vorzuenthalten, die der Direktor von Hogwarts ihnen unmissverständlich zu hinterlassen wünschte. Scrimgeour war nicht darauf eingegangen. Er hatte die Eröffnung des Testaments so lange verzögert, wie es irgend ging. Als er dann nicht mehr anders konnte, als ihnen die vererbten Gegenstände auszuhändigen, hatte Scrimgeour am Ende noch versucht, die drei jugendlichen Zauberer – sie waren Siebzehn, und nach den Gesetzen der Zaubererwelt erwachsen – an Harrys 17. Geburtstag im Fuchsbau, bei Familie Weasley unter Druck zu setzen. Sie sollten dem Minister verraten, welchen Auftrag Dumbledore mit dem Erbe verbunden hatte. Sie hatten sich – für Fudge keine Überraschung – geweigert, dem Ministerium Dinge zu verraten, die nach Harrys Ansicht nur und ausschließlich für ihn bestimmt gewesen waren. Darauf hin hatte Scrimgeour Fudge auf den Kontinent geschickt. Er sollte mit Zeitzeugen des Kampfes zwischen Dumbledore und dem schwarzen Magier Grindelwald sprechen, auch mit dem inhaftierten Grindelwald selbst, wenn dies ging... Scrimgeour hatte Hinweise, das „Du-weisst-schon-wer“ ebenfalls auf dieser Spur war, und die Hoffnung, hier auf Informationen zu stoßen, die im Kampf gegen „Du-weisst-schon-wen“ hilfreich sein könnten, war offenbar der letzte Strohhalm, an den er sich geklammert hatte. - Fudge war erneut gescheitert. Jeder dieser Zeitzeugen, den er befragen wollte, war bereits tot gewesen, getötet entweder von Du-weisst-schon-wem oder einem von den Totessern (der eine oder andere mochte vielleicht tatsächlich einem magischen Unfall zum Opfer gefallen sein, oder seinem Leben selbst ein Ende gesetzt haben). Grindelwald, Gellert Grindelwald, hatte noch gelebt, ein schwachsinniges Wrack, und der einzige Häftling in dem in den österreichischen Alpen gelegenen, gewaltigen Gefängnis Nurmengard, das er einst, auf dem Höhepunkt seiner Macht für seine Feinde errichtet hatte. - Es hatte Cornelius Fudge eine Unmenge an Gefallen gekostet, die Besuchserlaubnis vom „Bundesamt für magische Wesen“ zu erhalten, das sich in diesem rheinischen Provinznest namens Bonn befand (er hatte nie verstanden, warum die Deutschen ihr Zaubereiministerium umbenannt, und daraus ein bloßes "Bundesamt" gemacht hatten) – und dann hatte dieses Gespräch sich als absolut fruchtlos erwiesen. Der letzte Name auf der Liste war ein pensionierter Zauberstabmacher, Mykew Gregorowich, bei dem Grindelwald als junger Zauberer angeblich in die Lehre gegangen war. - Aber der war anscheinend untergetaucht, und hatte seine Spuren ausgesprochen gründlich verwischt – zu gut für seine – Fudges – Fähigkeiten... Als er dann auch noch die Nachricht erhielt, dass das britische Zaubereiministerium gefallen war, Scrimgeour tot, und Pius Thicknesse – eine Marionette von Du-weisst-schon-wem – neuer Zaubereiminister, da hatte er sich komplett gehen lassen. Er hatte versucht, seine Verzweiflung darüber, dass alles, wofür er sein Leben lang gearbeitet hatte, zerstört war, und er zudem in absehbarer Zeit nicht würde auf die britischen Inseln zurückkehren können, in Alkohol zu ertränken. Er hatte aufgehört, zu zählen, wieviele Goldlackwasser es am Ende gewesen waren. Und danach hatte er scheinbar auch noch in einer Muggelkneipe weiter getrunken... irgendeinen widerlichen, süßen Likör. Unvorstellbar! - Und jetzt saß er hier, in Deutschland, an einer Bushaltestelle der Muggel, und zwei Muggel-Polizisten redeten auf ihn ein!

Eulenpost für drei

Das Erlöschen des Lichts an der Spitze des Zauberstabs sorgte dafür, dass es umgehend wieder ziemlich düster wurde, in dem alten, großen und nahezu leeren Büro. Will – der verzweifelt versuchte, den Stab so zu schwingen, wie er es in der Pause hinter der Schulcafeteria getan hatte, als er versehentlich die Wildente geschockt, und vom Himmel geholt hatte – machte ein paar Bewegungen, die wieder so aussahen, als würde er einen Dirigenten immitieren. Offenbar waren es nicht ganz die selben Gesten, die er – unbewusst – am Vormittag mit dem Stab vollführt hatte: Zwar schoss ein Lichtblitz aus der Spitze des Stabes, aber dieser verfehlte die linke der Eulen, und traf stattdessen die Bürowand, wo er Tapete, Putz und Mauerwerk wegsprengte, und die freigelegte, gesplitterte Ziegelwand schwarz verfärbt hinterließ. Dann erreichte die Eule ihn. Mit einem schmerzerfüllten Aufschrei ließ er den Stab fallen, da sich die Klauen eines Vogelfußes durch den dicken, widerstandsfähigen Stoff seines Parkas bohrten. Er – wie auch seine Kameraden – rechneten eigentlich damit, dass die großen Vögel nun über sie herfallen, und ihnen Hände und Gesicht zerhacken würden … aber nein: Jede der Eulen hatte ein Briefkuvert im Schnabel gehalten, das sie jetzt vor den Jungen auf den alten, staubbedeckten Schreibtisch fallen ließ (Wills Brief fiel allerdings auf den Fußboden), ehe sie in der Luft kehrt machte, und auf dem glaslosen Rahmen des Bürofensters landete. Dort saßen sie nun, diese großen, durchaus respekteinflößenden Vögel, und blickten die Buben eher lustlos und desinteressiert an (wobei Will sich einbildete, dass die Eule, die „seinen“ Brief gebracht, und ihn mit den Krallen am Arm erwischt hatte, etwas vorwurfsvoll guckte – falls Eulen vorwurfsvoll gucken konnten). Die drei Jungen brauchten einen Augenblick, um zu realisieren, dass diese Eulen sie nicht etwa angriffen, sondern ihnen drei Briefe gebracht hatten. „Was ist das? - Eulenpost?“ Timmy brachte es auf den Punkt. Davon hatte wirklich noch keiner der drei Buben gehört. - Eulen, die Briefe überbrachten? - Tauben. - Klar, Brieftauben kannte jeder. Und angeblich hatten – jedenfalls hatte Timmy das irgendwann mal gelesen – Adlige ihre Jagdfalken auch abgerichtet, um Nachrichten zu übermitteln (dass das nur in einem Fantasy-Roman gewesen war, daran dachte er in dem Moment nicht). Aber Eulen? „Sind die Briefe jetzt für uns?“ Will fiel es schwer, angesichts von all dem, was sie seit ihrem nächtlichen Diebeszug erlebt hatten, einen klaren Gedanken zu fassen. „Oder sind die für den Bowler-und-Umhang-Typ, dem der Stab und die Münzen gehört haben?“ Steve hatte sich über den Schreibtisch gebeugt. „Die … die sind für uns!“ stotterte er. „Da steht: „Steven Zachowitz (das war er selbst), Timo Andergaster (so hieß Timmy mit richtigem Namen) und Wilhelm Mankowski (das war Wills voller Name). Direktionsbüro, Zweiter Stock, Altes Ziegeleigebäude. …“ Straße, und Hausnummer!“ - Dass der Absender des Briefes anscheinend haargenau wusste, wo sie sich in dem Moment aufhielten, als die Eulen mit den Briefen sie erreichten, war – zumindest aus Wills Sicht – fast noch erschreckender, als das Auftauchen der Vögel an sich. Timmy schnitt derweil eine Grimasse, da er seinen Familiennamen – „Andergaster“ – fast noch scheußlicher fand, als „Grindelwald“. - „Warum nur hatte seine Mutter damals den Vater des älteren Halbbruders Dirk heiraten müssen?“ dachte er bei sich. „Und was hatte sie sich nur dabei gedacht, dessen Namen anzunehmen? - Bei ihm und David war es ja – offensichtlich – auch ohne Hochzeit und Namensänderung gegangen, oder etwa nicht?“ Steve kümmerte dieser Gedankengang seines rothaarigen Freundes in dem Moment allerdings nicht, und ehe Will oder Timmy etwas dagegen sagen konnten, riss er den Umschlag auf. Ein unglaublich langes, zig mal gefaltetes Pergamentblatt, das in dem – besten Falls DIN-A4-formatigen – Kuvert eigentlich gar keinen Platz gehabt hätte, kam zum Vorschein. Es war in sauberer, etwas kantiger Handschrift beschrieben, mit dunkelroter Tinte (wenigstens hoffte Steve, dass es Tinte war, und nicht womöglich Blut). Er begann, den Inhalt des Briefes laut vorzulesen:

Der erste Brief

„An die Herren Steven Zachkovitz, Timo Andergaster und Wilhelm Mankowski!

Sie haben heute, an mehreren Orten ihrer Heimatstadt mittels eines – wie uns bekannt ist – gestohlenen Zauberstabs Magie ausgeübt. Damit haben Sie eindeutig unter Beweis gestellt, dass Sie alle drei Zauberer sind! Hierzu gratulieren wir Ihnen! - Leider ist Ihre Aufnahme am Durmstrang-Institut für Magierausbildung jedoch ausgeschlossen, da Sie Muggel-Geborene sind, das heißt: keine Zauberereltern haben. Die diesbezüglichen Restriktionen der vorherigen Schulleitung sind – zu unserem Bedauern – unverändert in Kraft, und es wird vermutlich mehrere Jahre dauern, sie zu ändern. Aus diesem Grunde, und da Sie sich andernfalls eines schwerwiegenden Verstoßes gegen die Gesetze zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger schuldig machen, und Gefahr laufen, das internationale Geheimhaltungsabkommen in eklatanter Weise zu verletzen, müssen wir Ihnen dringend nahelegen, sich um Aufnahme an einer anderen europäischen Zaubererschule zu bemühen! - Im übrigen müssen wir ihnen ebenfalls dringend dazu raten, den Zauberstab, welchen sie in der vergangenen Nacht gestohlen haben, bald möglichst los zu werden, und sich bei nächster Gelegenheit eigene Zauberstäbe bei einem zugelassenen, registrierten Zauberstabmacher zu kaufen. Mit dem seinem Besitzer entwendeten Zauberstab eines erwachsenen Zauberers zu zaubern, der zudem der in Ungnade gefallene, ehemalige britische Zaubereiminister ist, wäre äußerst gefährlich, und würde Ihnen die Aufmerksamkeit von Personen und Gruppierungen einbringen, die Sie mit Sicherheit nicht zu erregen wünschen!

Wir wünschen ihnen für ihre Zukunft alles Gute, und für ihre magische Ausbildung viel Erfolg,“

Es folgte ein unleserliches Gekrakel, das wohl eine Unterschrift darstellte, gefolgt von den Worten:

„Kommissarische Schulleiterin des Durmstrang-Institutes für Magierausbildung“.

Die drei Jungen wussten zunächst nicht, was sie sagen sollten. „Wir sind Zauberer!“ brach es dann aus Timmy heraus. „Wir ha'm gestern Abend den britischen Zaubereiminister beklaut...! - Und die wissen das! - Au weia... das gibt bestimmt richtig großen Ärger!“ meinte Will, und Steve fügte hinzu: „Dieses Institut... diese Schule, die woll'n uns nich' aufnehmen. - Sie sagen, wir sollen uns um die Aufnahme an einer anderen „Zaubererschule“ bemühen... aber wie – bei Merlins hohlem Backenzahn – sollen wir das machen?! - Woher sollen wir wissen, was es für andere Zaubererschulen gibt? - Oder wie man die findet? Oder sich da bewirbt? - Und den geklauten Zauberstab loswerden, und uns statt dessen eigene Zauberstäbe zu kaufen, das hört sich nach einem vernünftigen Rat an... Aber wo – und wie – finden wir einen „lizensierten Zauberstabmacher“? - Und dann noch einen, der drei Jungs wie uns sowas wie Zauberstäbe verkaufen würde?!“ „Stimmt!“ meinte Timmy. „Dieses Durmstrang-Institut macht es sich einfach. - Aber kein Hinweis in dem ganzen Brief, wie wir das machen sollen... Gesetz zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger hört sich jedenfalls ziemlich amtlich an... und irgendwie auch nicht besonders nett!“ „Hmmh.“ überlegte Steve. „Da sind doch noch zwei weitere Briefe. - Vielleicht steht ja in einem von denen was, was uns weiterhilft?!“ „Und wenn das einfach dreimal der selbe Brief ist? - Für jeden von uns einen?“ wandte Will ein. Das Wissen, wen sie da letzte Nacht bestohlen hatten, und vorallem, dass das mit dem „Nicht Erwischenlassen“ bei Zauberern offensichtlich gar nicht so einfach war, setzte ihm schon ziemlich zu. In Gedanken sah er sich schon von seinem alten Herrn die schlimmste Trachtprügel seines Lebens kassieren, und anschließend womöglich in genau jenem Gefängnis landen, in dem dieser „Gellert Grindelwald“ saß. Dieser Satz in der Besuchserlaubnis, die dieses komische Amt diesem Fudge ausgestellt hatte, in dem etwas von „strenge Kontaktsperre“ stand, und dass eine „Besuchserlaubnis“ dort eine ganz große Ausnahme sei, hörte sich in den Augen des stämmigen Bubs überhaupt nicht gut an. „Das wäre doch äußerst unlogisch!“ fand Timmy. „Der erste Brief war doch ganz klar an uns alle drei adressiert. - Warum sollten sie dann noch zweimal das Gleiche schreiben?!“ Er angelte sich Brief Nummer zwei vom Tisch. „Die Adresse ist exakt die selbe...“ meinte er, fügte jedoch triumphierend hinzu. „Aber in einer vollkommen anderen Handschrift!“ Rasch riss er das Kuvert auf. Ein weiterer Pergamentbogen entfaltete sich, und entrollte sich, dass er fast bis auf den schmutzigen Fußboden des nahezu leeren Büros reichte.

Der zweite Brief

„An die Herren Steven Zachkovitz, Timo Andergaster und Wilhelm Mankowski!

Sie haben in der vergangenen Nacht und wiederholt heute, im Laufe des Tages Zauber ausgeübt. Damit haben sie bewiesen, dass Sie Zauberer sind und - unwissentlich - gegen den Erlass zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger von 1875 verstoßen! Das Bundesamt für Magische Wesen der Bundesrepublik Deutschland sieht sich genötigt, Sie eindringlich darauf hinzuweisen, dass Sie damit im Wiederholungsfall gegen gültige Zaubereigesetze verstoßen würden, und ihnen JEGLICHE weitere Zauberversuche mit sofortiger Wirkung strengstens zu untersagen! - Jeder künftige Verstoß gegen diese Weisung kann und wird schwer bestraft werden! - Als Zauberer sind Sie Teil der Magischen Welt, und daher auch deren Gesetzen, Regeln und Bestimmungen unterworfen, insbesondere dem Internationalen Statut zur Geheimhaltung der Magie von 1689, das die engen Grenzen festlegt, unter denen Magie-Gebrauch im Lebensumfeld von Muggeln (der Nicht-magischen Bevölkerung) zulässig und statthaft ist, und welche Vorkehrungen zu treffen sind, um zu verhindern, dass Muggel von der Existenz von Magie und magischen Wesen Kenntnis erlangen."

"Boah, ey...!" unterbrach an dieser Stellle Will seinen Freund Timmy. "Das kann ja wohl nich wahr sein! - Da sind wir nun Zauberer - und dann verbieten se uns, zu Zaubern! - Das is ja echt voll gemein...!" Steve hob die Hände. "Das klingt zwar alles echt uncool - aber immerhin will man uns nicht für das, was wir bis jetz gemacht ha'm bestrafen... jedenfalls, wenn ich das, was dieses komische Amt da schreibt, richtig versteh..." Er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Tisches, wo die an jenen Cornelius Fudge ausgestellte Besuchserlaubnis für das Gefängnis Nurmengard lag. "Und ich schätze, wenn das, was in dem von diesem Edmund F. Drekker unterzeichneten Papier steht, typisch ist, für die Strafen, die unter Zauberern verhängt werden, und den Strafvollzug bei denen, dann müssen wir da verdammt froh drüber sein. Für unsre bisherigen Versuche hält man uns wohl unsere Unwissenheit zu Gute ... aber darauf können wir uns - nach Lektüre dieses Schreibens - künftig offensichtlich nicht mehr berufen!" Will war anzusehen, dass ihm das Gehörte einiges zum Schlucken gab. Natürlich war Wills Drang, diesem Bundesamt als als Antwort auf dieses blöde Schreiben ein höchst undiplomatisches "F... you!" zu sagen, und ihm den Stinkefinger zu zeigen, ziemlich stark. - Aber andererseits: Im Vergleich zu einem Gefängnis der Zauberer mochte ein normaler, deutscher Jugendknast, wie der, in dem Timmys Halbbruder wegen seines wahrlich sau-dämlichen Versuchs eines bewaffneten Raubüberfalls vor zwei Jahren einsaß, tatsächlich eine geradezu angenehme wenn nicht gar vergnügliche Angelegenheit sein... "Stimmt schon, klingt alles überhaupt nicht nett!" stimmte Timmy seinen beiden Freunden zu. "Aber hier geht es noch weiter:"

Des Weiteren sind Sie verpflichtet, baldmöglichst eine magische Ausbildung an einer anerkannten Zaubererschule zu beginnen. - Da sie - soweit bekannt - aus reinen Muggelfamilien stammen, und über keine volljährigen Zauberer-Verwandten verfügen, die so lange Sie minderjährig sind, die Verantwortung für Ihre magische Erziehung übernehmen können, ist dies für Sie obligatorisch und verpflichtend! - Dies ist auch in Ihrem Sinne und besten Interesse, da der Erlass zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger es ihnen ausdrücklich gestattet, innerhalb einer anerkannten Zaubererschule zu Zaubern, ehe sie 17 Jahre alt sind (was im Sinne einer erfolgreichen, magischen Ausbildung neben dem theoretischen Erlernen der Grundlagen ohnehin unumgänglich ist).

"Na also!" meinte Steve. "Das hört sich doch schon viel besser an: Wir geh'n auf ne Zauberschule, dürfen dort Zaubern, und lernen, wie das richtig geht...!" "Hmmmh..." brummte Will. "Das, mit aus "Muggelfamilien" stammen, stimmt bei mir garantiert! ... ich kann mir jedenfalls um's verrecken niemand vorstellen, der weniger von'nem Zauberer an sich hat, als mein Papps! - Und Timmys Ma ist vermutlich auch alles - nur keine Zauberin oder Hexe!" - Für diese Bemerkung kassierte er von Timmy einen bitterbösen Blick, auch, wenn der dem kräftigen Freund insgeheim Recht geben musste: Dass seine Mutter zu den Zauberern und dieser "magischen Welt" gehörte, von der in dem Brief die Rede war, erschien auch ihm ebenso unvorstellbar, wie absurd. "Es geht noch weiter" sagte er jedoch, "und wenn Ihr zwei mich ständig unterbrecht, werd ich nie fertig, mit Vorlesen!"

Leider fallen zwei der drei bedeutendsten, und - ungeachtet unterschiedlicher Schwerpunkte - anerkannter Maßen besten Zaubererschulen Europas als Wahlmöglichkeit aus:

Für das Durmstrang-Institut gelten leider noch die Zulassungsbeschränkung der früheren Schulleitung unter dem untergetauchten und mittlerweile toten Igor Karkaroff, die die Aufnahme muggelstämmiger Schüler ohne wenigstens ein magisch-begabtes Elternteil kategorisch ausschließen, auch, wenn ich aus gewissen Gründen den Eindruck habe, dass Ihr drei vermutlich sehr gut nach Durmstrang gepasst hättet. Da eine Änderung der dortigen Zulassungsbestimmungen sich vermutlich über Monate - wenn nicht Jahre oder gar Jahrzehnte - hinziehen wird, fällt dies für Sie daher aus.

"Das wussten wir bereits!" knurrte Will leicht ungehalten. "Erzähl uns was Neues, Mann...!" "Wenn Du mich mich nicht ständig unterbrechen würdest...!" entgegnete Timmy, der seinerseits langsam aber sicher die Geduld mit dem kräftig gebauten Freund verlor, ehe er fortfuhr:

Unglücklicher Weise hat in jüngster Zeit die negative, politische Entwicklung innerhalb der britischen Zauberergesellschaft dazu geführt, dass die britische Zauberschule Hogwarts, die bislang für die vielleicht tolerantesten Aufnahmebedingungen unter den europäischen Zauberschulen geradezu berühmt war, unter dem Druck des neuen, britischen Zaubereiministers Pius Thicknesse ihre Aufnahmebestimmungen denen Durmstrangs angepasst. In Folge dessen lässt Hogwarts keine muggelgeborenen Hexen und Zauberer ohne wenigstens ein magisches Elternteil mehr als Schüler zu, während gleichzeitig für alle Zaubererkinder Großbritanniens, die einen sogenannten "Blutstatus" erhalten, der Schulbesuch in Hogwarts verpflichtend ist. Daher wird es ihnen auch nicht möglich sein, die Hogwarts Schule für Zauberei und Hexerei zu besuchen, wo Sie drei noch im vergangenen Jahr garantiert einen Platz gefunden hätten, da der damalige, hoch angesehene Schulleiter Prof. Albus Dumbledore dafür bekannt war, wirklich jedem eine Chance zu geben.

Infolge dessen bleibt nur noch eine unter den drei großen, renomierten Zauberschulen Europas, die Ihnen offensteht, sowie eine Anzahl kleinerer und deutlich weniger angesehenerer Einrichtungen.

Zunächst ist da die Beauxbatons-Akademie, auch bekannt als l'académie de magie de Beauxbâtons, eine altehrwürdige, französische Zauberschule unter Leitung der herausragenden Madame Maxime, die in der europäischen Magier-Ausbildung einen hervorragenden Ruf genießt. Ehe Sie sich für diese entscheiden, sollten Sie allerdings wissen, dass die Unterrichtssprache an der Beauxbatons-Akademie Französisch ist.

"Klasse!" Steve schnitt eine Grimasse. "Ich sprech ungefähr so viel Französisch, wie der Dackel unserer Nachbarin... und Euch beiden geht es doch garantiert nicht anders?! - Ich meine, hat ja keiner von uns bis jetzt Französisch in der Schule als Wahlfach ... und selbst wenn: Wenn dort der ganze Unterricht auf Französisch gehalten wird, hätten wir auch dann keine Chance, da mitzukommen!" Will nickte grimmig. "Zum Kotzen... Durmstrang und Hogwarts woll'n uns nicht, und in Beauxbatons ha'm wir 'n echtes Sprachproblem... Wo und auf welche Zauberschule soll'n wir denn - nach Meinung des Verfassers dieses besch...enen Briefes - denn nun geh'n?" "Stimmt schon - Französisch als Unterrichtssprache wär auch für mich 'ne ziemliche Katastrophe..." stimmte Timmy ihnen zu, der sich nur zu gut an den Urlaub im letzten Sommer erinnerte, den er mit seiner Mutter und dem kleinen Halbbruder David in Frankreich verbracht hatte, und welche Verständigungsprobleme er dort mit den einheimischen Altersgenossen gehabt hatte. "aber lasst mich weiter vorlesen. Dieser Edmund F. Drekker kommt gleich zum Punkt:"

Von den kleineren Schulen, kann ich Ihnen - guten Gewissens - eigentlich nur eine empfehlen: "Schloss Bergklamm, anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" in Österreich! Diese nimmt - ebenso, wie Beauxbatons (und einige kleinere, aber aus anderen Gründen weniger empfehlenswerte Zauberschulen) - auch Zauberschüler aus reinen Muggelfamilien auf. Eine weitere mögliche Einrichtung, zu der ich Ihnen allerdings nicht raten würde - das "Gehsche Gottfried und E.F.Keller Eidgenössische Ausbildungszentrum für elementare Hexerei, Zauberei und Zaubertrankkunde" - findet sich im Grenzgebiet Liechtensteins und der Schweiz. Bitte teilen Sie mir eulenwendend Ihre Wahl mit. - Einen Antwort-Vordruck (den sie - ausnahmsweise - mittels Muggelschreibgeräten ausfüllen und unterschreiben dürfen), finden Sie im Kuvert dieses Briefes.

gez. Edmund F. Drekker Ministerialrat, Bundesamt für Magische Wesen, Bonn.

Postskriptum: Falls sie mehrere Eulen erhalten haben, ist es gleichgültig, welche von diesen Sie mit Ihrer Kurz-Antwort zu mir ins Bundesamt für magische Wesen zurückschicken!

Post-Postskriptum: Sie sind nicht verpflichtet, alle drei die selbe Zauberschule zu wählen!

Die drei sahen sich an, ehe es Will mit den sarkastischen Worten "Toll! - Wirklich ganz, ganz Toll!" auf den Punkt brachte. "Uns stehen also drei Zauberschulen zur Auswahl: Beauxbatons in Frankreich, wo wir kein Wort vom Unterricht verstehen würden, eine Schule mit unaussprechlich langem Namen, von der uns dieser Drekker von dem Amt selbst ausdrücklich abrät, irgendwo im Nirgendwo zwischen diesem Zwergstaat Liechtenstein und der Schweiz, oder die Schule im Ösi-Land...!" "Stimmt schon!" gab Timmy ihm recht. "Eine echte Wahl ist das nicht! - Beauxbatons fällt für mich zumindest flach... hab letzten Sommer mit den einheimischen, französischen Kindern kaum mit Händen und Füßen reden können ... von die Sprache verstehen, erst gar nicht zu reden, weil die nämlich echt total kompliziert is' ... also, bei Französisch als Unterrichtssprache wär' n Fiasko zumindest bei mir von vornherein absehbar! - Was Schweiz oder Österreich angeht: Das nähme sich meiner Meinung nach nicht viel ... und wenn dieser Edmund F. Drekker uns die österreichische nahelegt, und von der Schweizer Schule so ausdrücklich abrät, denk ich, das wird schon seine Gründe haben...!" "Wobei wir natürlich nich wissen, woran der das festmacht", überlegte Steve der sich das Kuvert geschnappt, und die drei Antwortvordrucke herausgezogen hatte (Edmund F. Drekker hatte für jeden der drei Jungen ein eigenes Formular beigefügt). "Aber ich find', der Name der österreichischen Schule klingt netter. - "Eidgenössisches Ausbildungszentrum" hört sich doch arg langweilig an... Und Gehsche Gottfried... das war - falls ich mich richtig erinnere, der Name der letzten Frau, die sie in der Schweiz als Hexe hingerichtet haben!" [A 3] "Igitt!" meinte Will leicht schockiert. "Und nach der benennen die Schweizer Hexen und Zauberer 'ne Schule?! - Also dann is' mir die bei den Ösis lieber, als die bei den Schweizern!" "Mir auch!" erklärte Timmy, und Steve nickte, und fügte hinzu: "...und Drekkers Äußerung, wir könnten uns entscheiden, auf verschiedene Schulen zu geh'n, is eh' n' Witz: Nachdem wir zusammen entdeckt ha'm, dass wir Zauberer sind, und nachdem wir seit der ersten Klasse Schulkameraden war'n (und den ganzen, gemeinsamen nächtlichen Fischzügen), soll'n wir uns jetzt freiwillig trennen, und auf verschiedene Zauberschulen gehen?! - Glaubt der das echt...?!" Alle drei schüttelten unisono den Kopf.

Timmy hatte sein Federmäppchen aus dem Ranzen geholt, den er - ebenso wie Will und Steve - mit herauf in das ehemalige Direktionsbüro der stillgelegten, verlassenen Ziegelei gebracht hatte, und gab seinen Freunden je einen Kugelschreiber. Er selbst benutzte seinen Füller. Gemeinsam beugten sie sich über die Vordrucke, die der Ministerialrat seinem Brief beigefügt hatte. Alle machten sie auf ihrem jeweiligen Formular ein großes Kreuz bei "Schloss Bergklamm, anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" und unterschrieben es anschließend. Den restlichen Inhalt der Vordrucke, dem zu Folge sie sich mit ihrem Kreuz und der Unterschrift praktisch unwiderruflich verpflichtet hatten, die betreffende Zauberschule - mindestens - bis zu ihrem 17. Geburtstag zu besuchen, und dass sie das Bundesamt für magische Wesen (und die Leitung ihrer künftigen Schule) mit ihrer Rückantwort ermächtigten, mit ihren Muggel-Eltern Kontakt aufzunehmen, hatten sie dabei allerdings nicht wirklich gelesen oder registriert. Auch, dass da - neben den von Edmund F. Drekker in seinem Brief genannten drei Zauberschulen noch vier weitere aufgelistet waren, von denen sie - wenigstens theoretisch - eine hätten ankreuzen können, hatten sie überlesen. - Das gedrechselte, bürokratische und leicht altmodische Deutsch, in dem die Vordrucke des Bundesamtes formuliert waren, lag weder Steve noch Timmy - und Will natürlich erst recht nicht.

"Und wie schicken wir die Vordrucke jetzt "Eulenwendend" an diesen Edmund F. Drekker?!" überlegte Will laut. Die Antwort folgte umgehend, da zwei der Eulen (zum Glück nicht die, die ihn am Parka-Ärmel erwischt hatte) von der Fensterbank des leeren, ehemaligen Direktionsbüros abhoben, zum Schreibtisch flogen, und auf diesem landeten. Die Schleiereule, die Drekkers Brief gebracht hatte, tippte mit ihrem Schnabel drei Mal auf das Kuvert, in dem sich das Pergament vom Bundesamt für Magische Wesen befunden hatte. Da sowohl Will als auch Timmy entschieden zu viel Respekt vor dem Schnabel der riesigen und erschreckend hässlichen Schleiereule hatten, übernahm Steve es, die drei ausgefüllten, unterschriebenen Vordrucke in das Kuvert zu stopfen. Kaum war er damit fertig, schnappte der Vogel sich die eingetüteten Formulare mit dem Schnabel vom Schreibtisch, stieß einen Eulenschrei aus, und flog durch das glaslose Fenster, durch dass die Eulen in den Raum gelangt waren, wieder hinaus, und in den Nachmittag davon.

"Moment...!" rief Will, als die Eule mit dem Umschlag mit ihren angekreuzten und unterschriebenen Antworten den Raum verließ. "Da ist doch noch der dritte Brief!" "Stimmt!" Steve und Timmy wandten die Köpfe, und sahen sich an. Er bückte sich, und hob den Brief vom verschmutzten Teppichboden des ehemaligen Direktionsbüros auf. "Vielleicht ... ich mein', vielleicht hätt'n wir den lesen sollen, ehe wir Drekker antworten...!" "Das fällt Dir ja früh ein!" meinte Steve kopfschüttelnd. Aber nun mach ihn auf, und lies vor!" "Die Adresse ist wieder die Selbe, wie bei Brief Eins und Zwei - aber wieder ne komplett anderer Handschrift!" Er riss den Umschlag auf, und begann - wesentlich stockender als seine beiden Kameraden - ihn vorzulesen:

Der dritte Brief

„Gruetzi Wohl, die Herren Steven Zackovitz, Thimo Angaster und William Mankowski!

Sie sind Zauberer! - Es ist Ihr Geburtsrecht zu Zaubern - und am Eidgenössischen Ausbildungszentrum lernen Sie, aus diesem Talent etwas zu machen! - Lassen Sie nicht zu, dass kleinere Geister ihre Entwicklung beschneiden und einschränken! - Hier lernen Sie nicht nur die üblichen Alltagszauber, sondern auch nützliche Flüche und Gegenflüche wie auch die Grundzüge der Zaubertrankbrauerei und der Alchemie! - Wir lassen uns im Lehrplan nicht von Begriffen wie "Schwarze Magie" abschrecken, so dass sie unsere praktischen Lektionen bereits am Ende des zweiten Schuljahres befähigen sollten, ihre eigene "Hand des Ruhms" zu erzeugen!

Zögern sie nicht, eine Gelegenheit zu ergreifen, wie sie sich nur einmal im Leben bietet! - Die Plätze pro Jahrgang am "Gehsche Gottfried und E.F.Keller Eidgenössische Ausbildungszentrum für elementare Hexerei, Zauberei und Zaubertrankkunde" sind von der Anzahl beschränkt, und es sind nur noch wenige frei!

Pro Schuljahr werden Schulgebühren in Höhe von 271 Galleonen und 9 Sickel fällig, zahlbar im Voraus, zu Beginn des Schuljahres.

Achtung: Schulumhänge, Schulbücher, Besen, Schreibmaterialien wie Federn und Tinte sowie Zaubertrank-Zutaten sind hierin nicht mit inbegriffen, und müssen zusätzlich erworben werden)

Einmalige Rabatt-Aktion: Bei Bezahlung der gesamten Schulgebühr für alle 7 Schuljahre im Voraus gewähren wir Ihnen einen einmaligen Rabatt von unglaublichen 19,97 %!

Achtung: Vorauszahlungen werden bei vorzeitigem Abbruch der Magischen Ausbildung am Eidgenössischen Ausbildungszentrum generell nicht erstattet!

Wir freuen uns, Sie als Schüler am "Gehsche Gottfried und E.F.Keller Eidgenössische Ausbildungszentrum für elementare Hexerei, Zauberei und Zaubertrankkunde" begrüßen zu dürfen!

Darum zögern Sie nicht! - Kommen Sie zu uns, in die wunderschöne, magische Schweiz, um JETZT Ihre Magische Ausbildung zu beginnen!

Dem in ausladenden Buchstaben in Tinte in einer Vielzahl von Farben gehaltenen Brieftext folgte eine vollkommen unleserliche Unterschrift.

"Also - für mich klingt das nicht seriös!" meinte Steve. "Mehr so marktschreierisch... und diese Schulgebühren sind ja nu' echt abartig hoch..." "Ja!" stimmte Timmy ihm zu. "... und dabei heißt es noch, es wären weder Schulumhänge, noch Schulbücher, Besen oder Schreibmaterialien und Zaubertrank-Zutaten in der Schulgebühr enthalten, und dass das alles extra kostet! - Und sie schreiben was von Rabatt, wenn man für sieben Jahre im Voraus bezahlt ...und gleich im Anschluss, dass Vorauszahlungen bei vorzeitigem Abbruch der Magischen Ausbildung generell nicht erstattet werden!" "Und dabei haben sie noch nichtmal unsere Namen richtig geschrieben!" setzte Will noch einen drauf. "Ich schätze, Edmund F. Drekker hat uns nicht grundlos von diesem Eidgenössischen Ausbildungszentrum abgeraten!" stimmte Steve seinen beiden Freunden zu. "Also, falls es in der magischen Welt sowas wie Spam gibt, dann dürfte das hier darunter fallen!" Er schüttelte den Kopf. "Da können wir echt froh sein, dass wir die österreichische Schule - Schloss Bergklamm - gewählt ha'm...!" Er sah sich das Pergament genauer an. "Mensch... da steht noch was, in Winz-Schrift:"

„Sollten wir binnen drei Tagen nicht Ihre Eule mit Ihrer Ablehnung erhalten, betrachten wir dieses Angebot zum Besuch des "Gehsche Gottfried und E.F.Keller Eidgenössische Ausbildungszentrums für elementare Hexerei, Zauberei und Zaubertrankkunde" ihrerseits als angenommen! Eine verspätete Stornierung würde mit Stornogebühren in Höhe von 26 Galleonen und 30 Sickel zu Buche schlagen!"

"Na Klasse... das hört sich für mich wie so 'ne Abofalle an! Mein Halbbruder Dirk is' damals, eh er den bekloppten Überfall gemacht hat, für den er im Jugendknast gelandet ist, in sowas reingetappt, und hat sich für irgendwelche doofen Klingeltöne dumm und dämlich gezahlt!" meinte Timmy. "Also, Wenn die solche Methoden nötig hat, um zusätzlich zu den eh schon irre hohen Schulgebühren an Kohle zu kommen, dann taugt diese Schweizer Zauberschule garantiert nix...!" erklärte Steve im Brustton der Überzeugung. "Da isses wohl wirklich ein Segen, dass wir Edmund F. Drekkers Rat gefolgt sind, und die nicht gewählt ha'm...!" "Ja! Aber wie können wir denen jetzt eine Eule mit einer Ablehnung schicken?!" überlegte Will. "So, dass sie in drei Tagen bei der Schweizer Betrüger-Schule ist?! - Diese unverschämte Storno-Gebühr, die die andernfalls verlangen ... das wär' ja praktisch alles, was wir in dem Geldbeutel gefunden ha'm, den ich letzte Nacht diesem Cornelius Fudge aus der Tasche gezogen hab'!" "Stimmt!" meinte Steve. "Dann blieben uns von der Beute von Gestern Abend ja gerade noch sechs Knuts! - Wie die wohl auf genau den Betrag kommen?" "Na ja... diese ... Kommissarische Schulleiterin von dem Durmstrang-Institut wusste ja auch, dass wir den Zauberstab, mit dem ich die Funken gemacht, Will hinter der Caféteria die Ente geschockt, und Du hier Licht gezaubert hast, geklaut hatten...!" erklärte Timmy und zuckte die Schultern. "Auf alle Fälle schätz' ich mal, wir sollten denen wirklich sofort 'n Brief schreiben, dass wir ihr sogenanntes Angebot keines Falls annehmen wollen..." Er öffnete erneut seinen Schulranzen, holte sein Matheheft heraus, riss ohne zu zögern die letzte, unbeschriebene Seite heraus, und legte sie vor ihnen auf den alten Direktoren-Schreibtisch.

Cornelius Fudge - ein unangenehmes Erwachen, die zweite

"Ich war was trinken, gestern abend..." versuchte Fudge den Muggel-Polizisten zu erklären. "Hatte ne schreckliche Woche... will sagen, hatte eigentlich schon seit Monaten nur noch schreckliche Wochen. - War'n wohl am Ende ein paar Gläschen zu viel...!" Das glaubten die beiden Polizeibeamten dem Mann auf's Wort. Man sah ihm deutlich an, dass er in der Vergangenheit recht stämmig gewesen sein musste, in den letzten Monaten aber wohl sehr stark abgenommen haben musste. "Und dann hat ihnen jemand eine Schnalle von ihrem Cape gestohlen?" stellte der eine der Polizisten ihm eine – eher rhetorische - Frage. Erst jetzt registrierte Fudge, dass die magische Schließe seines Umhangs verschwunden war. "OH ...NEEEIIIN!" brach es aus ihm hervor, und er fasste sich hektisch in die Tasche, nur, um festzustellen, dass auch sein Zauberstab, sein Geldbeutel und das Taschentuch verschwunden war. "Und meinen ... mein ganzes Geld!" brachte er heraus, im letzten Moment daran denkend, dass er den Zauberstab in Gegenwart von Muggeln nicht erwähnen durfte. "Meine Papiere auch..." (Dass es sich bei den "Papieren" nicht um einen Pass oder Ausweis gehandelt hatte, wie ihn Muggel verwendeten, verschwieg er dabei). "Tja - da sind sie nicht der erste in dieser Gegend, dem das in den letzten Monaten passiert!" stellte der Polizist fest, der ihn auf die fehlende Schließe seines Umhangs aufmerksam gemacht hatte. "Wir haben den Verdacht, dass es da ein paar jugendliche Halbwüchsige gibt, vielleicht sogar noch Kinder, die in diesem Teil der Stadt Betrunkenen zu nächtlicher Stunde die Taschen ausräumen, aber bislang haben wir keinerlei Spuren oder Hinweise, die uns den vermutlich minderjährigen Tätern in irgendeiner Form näher bringen würden..." "Das mit der Schnalle hatten wir noch nicht!" meinte der zweite Polizist, der sich unangenehm nahe über Fudge gebeugt hatte, und ob des Geruchs von dessen Alkohol-Atem die Nase rümpfte. "Saubere Schnitte ... Rasierklinge oder -messer, würde ich sagen!" Er schüttelte den Kopf. "Sein Sie froh, guter Mann, dass Ihr nächtlicher Taschendieb nicht Jack hieß, und mit Nachnamen Ripper - andernfalls würden wir dieses Gespräch nicht führen!" Je länger Cornelius Fudge gezwungen war, den Muggel-Polizisten zuzuhören, um so zorniger wurde er. Was bildeten die sich eigentlich ein, diese Muggel? - Er - Cornelius Fudge - war das Opfer dieses oder dieser dreisten Diebe geworden! Ihm hatte man eine kobold-gefertigte, goldene Mantelschließe, seinen Zauberstab und eine größere Summe Zauberergold gestohlen! - Und diesen Muggeln fiel nichts besseres ein, als dümmliche, makabere Witzchen auf seine Kosten zu machen? - Da hörte ja wohl alles auf! - Er war nahe daran, den beiden Beamten genau das (und mit deutlich weniger diplomatischen Worten) mitten ins Gesicht zu sagen, als etwas Goldenes unglaublich schnell aus dem Himmel herabschoss. Zunächst glaubte der ehemalige britische Zaubereiminister, es handle sich um einen goldenen Schnatz, wie er beim Quidditch Verwendung fand - aber dafür war das Objekt ein wenig zu groß. Rasch zeigte sich, dass es sich um seine goldene Umhangschließe handelte, die man ihm Nachts vom Mantel geschnitten hatte. Vor den Augen der beiden Muggel-Beamten landete sie wieder genau dort, wo sie hingehörte, und klammerte sich mit ihren Fängen fest, um den Umhang zusammenzuhalten, wie es sich gehörte. Als sie an ihrem Platz saß, schloss sie das einzelne Saphirauge, und erstarrte. Während die beiden Polizisten noch mit offenen Mündern die auf magische Weise zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrte Umhangschließe anstarrten, knallte es zwei mal. Fudge begriff. Die Rückkehr der koboldgefertigten, magischen Umhangschließe vor den Augen zweier Muggel, und dazu die Tatsache, wie er gekleidet war, als sie ihn schlafend an der Bushaltestelle gefunden hatten, war ein ziemlich offensichtlicher Verstoß gegen die internationale Vereinbarung zur Geheimhaltung der Magie. Das bedeutete Ärger... "Reichwein!" ... "Steiner!" stellten sich die beiden Zauberer vor, die unversehens appariert waren. Offenkundig Mitarbeiter jenes "Bundesamtes für magische Wesen", dessen Leiter ihm - äußerst widerstrebend - die Besuchs- und Sprecherlaubnis für den Häftling Grindelwald in Nurmengard ausgestellt hatte. "Tststs... offenkundiger, magischer Effekt in Gegenwart zweier Muggel! - Und dazu derart unangemessene Kleidung! - Und soetwas war einmal britischer Zaubereiminister!" meinte der, der sich als Steiner vorgestellt hatte. "Mir wurde all mein Zauberergeld gestohlen, bis auf den letzten Knut! Und mein Zauberstab!" "So? - Na das wird ja immer Besser!" Steiner schüttelte anklagend den Kopf. "Fühlen sie sich wenigstens zum Seit-an-Seit-Apparieren in der Lage, Mann?" "Ich... ich glaube schon..." murmelte Fudge. "Reichwein, machst Du bitte mit den beiden freundlichen Beamten den Vergiss-mich, während ich Herrn Fudge (er betonte das "Herr" wie ein übles Schimpfwort) mit ins Amt nehme?" "Natürlich, Steiner! - Komme gleich nach!" gab Reichwein zurück, und zückte seinen Zauberstab. Steiner packte Fudge - unnötig grob, wie der fand - am Arm, und verschwand mit einem Knall. Wenig später folgte Reichwein auf die selbe Art und Weise. Die beiden Polizeibeamten saßen an Stelle Fudges an der Bushaltestelle, und würden sich später nur daran erinnern, ihre Fußstreife für einen Moment unterbrochen zu haben, um die Sonne zu genießen. - Wenn man sie befragen würde, würden sie aus dem Brustton der Überzeugung erklären, keiner Menschenseele begegnet zu sein...

Edmund F. Drekker - Büro-Alltag im Bundesamt für Magische Wesen

Edmund F. Drekker saß in seinem Büro im "Bundesamt für Magische Wesen". Er hatte Sorgen. Mehr, als in seiner gesamten, bisherigen Laufbahn als Ministerial-, Geheim- und Oberamtsrat. Die Situation in Großbritannien entwickelte sich katastrophal, ein Abbruch der bilateralen Beziehungen innerhalb der Zauberergemeinschaft war vor dem Hintergrund der Entwicklungen seit der Ernennung dieses Thicknesse praktisch unausweichlich. Und auf dem Kontinent häuften sich ebenfalls die Angriffe auf Zauberer und Hexen wie auch auf Muggel, die Eindeutig das Werk von Todessern, Möchtegern-Totessern und ähnlichen Trittbrettfahrern, Werwölfen oder Riesen waren. Dies zu leugnen hätte bedeutet, den Kopf in den Sand zu stecken, wie es dieser abgesetzte, britische Zaubereiminister getan hatte. „Ha!“ dachte Drekker, und schlug seinem Frühstücksei den Schädel ein (auch, wenn die Zeit für ein zweites Frühstück längst vorbei, und es eigentlich bereits Mittagsessenszeit war), worauf hin der goldgearbeitete Löffel mit melodischer Stimme verkündete: „Acht-Minuten-Ei, hart, schnittfest!“ Um genau zu sein: das Ei war so hart gekocht, dass man es in Scheiben geschnitten wie diese japanischen Wurfsterne durch den Raum schleudern konnte – also genauso, wie Edmund F. Drekker seine Eier mochte. „Zaubereiminister!“ dachte er, leicht abfällig. Er war froh, dass man sich in Deutschland schon vor etlichen Jahren von dieser Amtsbezeichnung und damit auch vom Begriff eines „Zaubereiministeriums“ verabschiedet hatte. „Bundesamt für magische Wesen“ klang weit aus seriöser und zugleich auch entschieden weniger pompös. Die Idee eines „Premierminsters“ - eines Ersten Ministers, der an der Spitze einer Regierung stand, war seit dem Ende der Ära der feudalen Kleinstaaten nicht mehr Teil der politischen Kultur in Deutschland gewesen. Sein hartgekochtes Ei schählte sich derweil selbstständig, um anschließend von einem goldenen Messer, das auch als Brieföffner taugte, ohne sein Zutun in akkurate Scheiben geschnitten zu werden. Just in diesem Moment kam ein Papierflieger von leuchtendroter Farbe in Edmund F. Drekkers Büro geschossen, wo er sich auf dem Tisch zu einem amtlichen Formular entfaltete, und dabei mit einer Ecke beinahe in Drekkers Kaffeetasse getunkt wäre. Die Farbe verhieß nichts Gutes. Und das war noch eine glatte Verharmlosung. Als Drekker las, das dieser Fudge aufgegriffen worden war, und unter welchen Umständen – deutlich alkoholisiert, in offensichtlicher Zaubererkleidung, und mit einem kobold-gefertigten, auffälligen Schmuckstück, das in Gegenwart zweier Muggel-Polizeibeamter offenkundig magische Eigenschaften gezeigt hatte, sank seine Stimmung noch einmal um etliche Nuancen. „Bringen Sie ihn rein, Steiner!“ sagte Drekker. Der Appetit auf verspätetes Frühstücksei, Vollkornbrot und Kaffee war ihm für den Augenblick vergangen.

Cornelius Fudge bei Edmund F. Drekker

Cornelius Fudge wurde von dem Zauberer, der sich Steiner nannte, in ein Büro geführt, dessen Einrichtung den ehemaligen, britischen Zaubereiminister unwillkürlich an das Arbeitszimmer eines ländlichen Gutsverwalters denken ließ. - Wie, fragte er sich zum wiederholten Male, hatte die deutsche Zaubererschaft es zulassen können, dass ihre Regierung zu einem blossen "Bundesamt" degradiert wurde, und wie sie sich dann auch noch mit dem Begriff "Magische Wesen" in der Amtsbezeichnung abgefunden haben konnten, ging über sein Verständnis. "Zaubrei und Hexerei" oder vielleicht noch "Magische Angelegenheiten" - das wäre ja noch angegangen. - Aber "Magische Wesen" - das war in seinem (ehemaligen) Ministerium eine untergeordnete Abteilung gewesen, die sich mit so lästigen Angelegenheiten wie dem Koboldverbindungsbüro, Hauselfen, die ihre Position nicht kannten, oder amoklaufenden magischen Geschöpfen ohne nennenswerten Verstand oder ein auch nur ansatzweise menschenähnliches Bewusstsein befassen musste. "Cornelius Fudge! - Ich kann nicht behaupten, erfreut zu sein, Sie zu sehen! Setzen Sie sich!" Ein Schlenker Drekkers mit dem Zauberstab, der unauffällig neben dessen Frühstücksteller gelegen hatte, und hinter Fudge erschien aus dem nichts ein genormter, wenig bequemer Bürostuhl, und rammte Fudge mit solcher Wucht in die Kniekehlen, dass diesem gar nichts anderes übrig blieb, als der Aufforderung umgehend nachzukommen. "Herr Drekker..." „Herr Fudge, ich muss ihnen leider sagen, dass Sie in den vergangenen Jahren ihrer Amtszeit als Minister bei unseren britischen Nachbarn ein – mit Verlaub gesagt - wirklich erschreckendes Ausmaß an Inkompetenz, Verantwortungslosigkeit und Blindheit demonstriert haben!“ „Erlauben sie mal, Herr Drekker … wollen sie sich jetzt in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischen...?“ „Keines Wegs! Diese Affäre mit hat aufgehört, eine "innere Angelegenheit" Ihres Landes zu sein, als der erste der sogenannten "Totesser" den ersten Mord auf deutschem Boden verübte! Sie haben konsequent jegliche Anzeichen dafür ignoriert, dass jener verbrecherische Zauberer, den Sie „Jenen, dessen Name nicht genannt werden darf“ nennen, mit Nichten tot oder ein- für alle Mal besiegt war. Sie haben bei der Durchführung internationaler Veranstaltungen der Magischen Gemeinschaft auf britischem Boden wie der Quidditch-Weltmeisterschaft 1994 die Sicherheitsvorkehrungen in einem Ausmaß vernachlässigt, das man nur als sträflich bezeichnen kann. Dann das Desaster des Trimagischen Turniers. Und als „Er, dessen Name wir nicht aussprechen wollen“ dann zurückkehrte, und erneut begann, willkürlich Zauber und Muggel zu ermorden, war das für Sie immer noch kein Grund, angemessene Maßnahmen zu ergreifen. - Statt dessen haben sie in dieser Situation ihre Macht missbraucht, um die Beweise für seine und die Verbrechen seiner Anhänger zu unterdrücken, Zeugen als unglaubwürdig hinzustellen, aktive Kämpfer gegen den Terror von „ihm, dessen Name nicht genannt werden soll“, in jeglicher Hinsicht zu diffamieren und zu schikanieren, und die Chance, wenn schon nicht ihn dann doch wenigstens seine Gefolgsleute aufzuhalten, so deutlich verringert!“ Er schüttelte den Kopf, als ob es ihm schwer fiele, an ein derart geballtes Maß an Unfähigkeit und Fehleinschätzungen zu glauben, ohne Fudge Vorsatz zu unterstellen. „Als – wegen Ihrer Weigerung, den Tatsachen ins Auge zu sehen - schließlich nur eine Gruppe von Halbwüchsigen im Stande war, jenen Schwarzmagier und seine Totesser zu konfrontieren, als diese in eine eigentlich streng geheime Abteilung ihres damaligen Ministeriums (er sprach das Wort „Ministerium“ so aus, als ob es ihm widerwärtig wäre, es in den Mund zu nehmen, so, wie Fudge etwa „Askaban“ ausgesprochen hätte), lief die Situation bei ihnen endgültig aus dem Ruder: Unfähig, ihren Stuhl mit einer weiteren Vertuschungsaktion zu retten traten sie – wie jeder Politiker in ihrer Situation – zurück. - Aber anstatt in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, und sich ins Privatleben zurückzuziehen, wo sie kein Unheil mehr anrichten könnten, dienten sie sich – im verzweifelten Versuch, sich an einen Schatten der Macht zu klammen - ihrem Amtsnachfolger an, der sie prompt zu uns, nach Deutschland abschob!“ „Aber... so ist das nicht gewesen...!“ wandte Fudge ein, dessen Gesicht sich farblich langsam einer Zitrone annäherte. „Nun – war war es denn sonst, wenn nicht eine Abschiebung auf den Kontinent, als Ihr Vorgesetzter, Herr Minister Scrimgeour, dessen kürzliches Ableben ich mit Schrecken zur Kenntniss genommen habe, sie nach Deutschland schickte, um die Zeugen der Schreckensherrschaft des inhaftierten Schwarzmagiers Grindelwald in ihrem Ruhestand zu behelligen? - Als ob irgend etwas, was diese Greise und Greisinnen ihnen noch zu berichten in der Lage gewesen wären, ihnen bei den Problemen in Ihrem Land und mit Ihren aktuellen Gegnern in irgendeiner Form nützen könnte!“ Edmund F. Drekker sah Cornelius Fudge mit einem Blick an, als wollte er ihn sezieren. „Schließlich kamen sie zu mir, hierher, in dieses Büro (nun ja, es war nicht dieses Büro gewesen), um mir eine Erlaubnis abzuschwatzen, den inhaftierten Gellert Grindelwald zu sehen und mit ihm zu sprechen. Ich hätte sie ihnen ohne Begründung verweigern können. Vermutlich verweigern sollen. - Das internationale Zaubergamot hatte seinerzeit die Haftbedingungen mit strikter Kontaktsperre, Besuchs- und Sprechverbot nicht grundlos formuliert. - Vor dem Hintergrund der schlichtweg katastrophalen Informationspolitik ihres Ministeriums in Sachen "dessen, der nicht genannt werden darf" und der von ihm und den Totessern ausgehenden Bedrohung, wäre dies mehr als gerechtfertigt gewesen. - Am Ende ließ ich mich von ihnen erweichen, und habe ihnen die betreffende Besuchs- und selbst die Sprecherlaubnis erteilt!“ Edmund F. Drekker hatte mittlerweile seinen Zauberstab ergriffen, während Fudges Gesicht farblich inzwischen an grünen Schimmel erinnerte. „Und nun erfahre ich, dass Herr Minister Scrimgeour fataler Weise im Amt verschieden, und ihre „Mission“, von deren Sinnhaftigkeit Sie mich nie überzeugen konnten, somit endgültig gegenstandslos ist. - Und was tun Sie, Cornelius Fudge? - Ihnen fällt nichts besseres ein, als sich zu betrinken, und das Internationale Geheimhaltungsabkommen zu verletzen! - Und zwar in meinem Amtsbereich, wo ich die Verantwortung trage...!“ „Ja... ich habe vermutlich ein paar Gläser zu viel getrunken... Aber ich hatte die Nachricht vom Tod Minister Scrimgeours erhalten, dass sie ihn getötet, und das Ministerium übernommen hatten. Pius Thicknesse war zum Zaubereiminister ernannt worden, alles wurde umgekrempelt... ich wusste einfach nicht mehr, wie ich das alles ertragen sollte! - Nüchtern hätte das kein Mensch ertragen können... und dann, dann hat man mich auch noch bestohlen!“ er sah Edmund F. Drekker mit hoffnungslosem Gesichtsausdruck an. „Und wenn diese Muggel-Polizisten recht haben, dann... dann waren es Muggel, die mir meinen Zauberstab entwendet haben!“ „Hmm...“ Edmund F. Drekker räusperte sich. „Wenn dies so ist, dann ist das vielleicht sogar ein Glücksfall...“ Fudge riss den Mund auf, aber Drekker fuhr fort, ehe der ehemalige britische Zaubereiminister auch nur ein Wort hervorbrachte: „Wenn die Diebe Muggel waren, können sie mit Ihrem Zauberstab schlichtweg nichts anfangen. - Entweder werden sie ihn fortwerfen, zerbrechen, weil er keine jener auf Elektrizität basierenden Spielereien enthält, die Muggel heutzutage so lieben, oder ihn gedankenlos als Ziergegenstand behalten. - Keine Gefahr eines Bruchs des Geheimhaltungsabkommens. - Woraus bestand er eigentlich?“ „Pflaume … ich meine Kernholz vom Pflaumenbaum, mit Augureyfeder, 4 einhalb Zoll, nur ganz leicht federnd...“ antwortete Cornelius Fudge. „Also vermutlich ein optisch ansprechender Stab... das erhöht die Chance, dass die Diebe ihn nicht mutwillig zerstört haben, und somit auch nichts vom Zauberstabkern zu sehen bekommen, der für Muggel - vermutlich - weitere, unlösbare Fragen aufwerfen würde. Zudem pflegen Diebe mit gutem Grund über die Umstände ihrer Taten Stillschweigen zu bewahren. - Die Chance, dass nichts von all dem an unberufene Muggelohren gelangt, ist also recht hoch. Das ist für mein Amt von Vorteil. Ich nehme an, Sie besitzen noch ein Konto bei Gringotts?“ „Ja!“ bestätigte Cornelius Fudge. „Ich sage ihnen, was Sie nun tun werden: Heben sie einen Betrag ab, wir haben hier im Haus eine kleine Niederlassung Ihrer britischen Zaubererbank. Kaufen sie sich einen neuen Zauberstab. Unser hauseigenes Geschäft führt eine durchaus brauchbare Auswahl. - Nicht Ollivander – aber ich denke, sie können im Augenblick nicht übermäßig wählerisch sein. Das Nötige für die Reise. Ich lasse ihnen einen Koffer aushändigen, in dem sie ihren Umhang und diesen albernen Bowler verstauen können. - Ihr Anzug ist ja zum Glück nicht all zu auffällig, unter Muggeln. Und dann sein sie so gut, und verlassen sie dieses Land, und zwar auf dem schnellsten Wege!“ „Ich...“ „Sie werden tun, was ich ihnen gesagt habe, wir werden uns nie wieder sehen – und ich vergesse, was die üblichen Strafen für die - wie ich betonen muss - eklatante Missachtung des Geheimhaltungsabkommens sind, haben wir uns verstanden, Herr Fudge?!“ „Ähh ...ja!“ Fudge hatte begriffen. „Gut! - Ich sehe, wir verstehen uns! Ich wünsche ihnen viel Glück!“ meinte Edmund F. Drekker. „Ich sage nicht „Auf Wiedersehen!“ da ich nicht wünsche, Sie wiederzusehen. Ach, und noch eines - ein guter Rat: meiden sie in den nächsten Jahren die Britischen Inseln, halten sie sich auf doppelte Fluch-Reichweite von allem fern, was nach England, Wales, Schottland oder Irland aussieht!“ Fast hatte er ein wenig Mitleid mit dem Mann, den eine Existenz als heimatloser Flüchtling erwartete. Er gab Cornelius Fudge zum Abschied stumm die Hand, der sie ebenso wortlos ergriff und ebenso rasch wieder losließ. "Im Übrigen: Das, was hierzulande als Goldlackwasser verkauft wird... ist eine Zumutung! - Mit echtem Goldlackwasser, wie ich es kenne, hat das praktisch nichts zu tun!" konnte Fudge sich nicht verkneifen, dem Ministerialrat zum Abschied zu sagen, ehe er von Steiner zur Gringotts-Filiale und anschließend zum hauseigenen Laden des Bundesamtes für Magische Wesen geführt. wurde. "Ich weis!" entgegnete Edmund F. Drekker, als sich die Tür hinter seinem Mitarbeiter und hinter Cornelius Fudge geschlossen hatte. "Das, was man hier, in Deutschland unter Goldlackwasser versteht, hat mehr Ähnlichkeit mit dem, was britische Muggel als Gin bezeichnen würden..." Er wandte sich wieder seinem verspäteten, zweiten Frühstück zu, wobei er die Tasse mit dem kalt gewordenen Kaffee sanft mit dem Zauberstab antippte, um ihn wieder auf eine erträgliche Trinktemperatur zu bringen. Dabei dachte er daran, dass Fudges letztliches Einsicht es ihm immerhin erspart hatte, seinen ehemaligen, britischen Amtskollegen daran zu erinnern, dass es in Nurmengard ja nun wahrhaftig genug freie Zellen gab, um ihn dann süffisant darauf hinzuweisen zumindest die Zuwendung der Dementoren wie in Askaban erspart bleiben würde. Er konnte sich schwerlich vorstellen, dass jemand wie Cornelius Fudge auch nur zwei Monate Askabanhaft ertragen würde. Er hatte Fudge gegenüber - als dieser noch Zaubereiminister war - wiederholten zum Ausdruck gebracht, dass er es für grundfalsch hielt, zur Bewachung der inhaftierter Todesser und anderer, magischer Krimineller amoralische Ungeheuer wie die Dementoren einzusetzen. - Leider hatten die Ereignisse seit der Rückkehr von jenem, dessen Namen auch er - Edmund F. Drekker - nicht gerne aussprach, ihm ebenso Recht gegeben, wie Albus Dumbledore, dem tragisch zu Tode gekommenen Schulleiter von Hogwarts, der diese Überzeugung ebenfalls wiederholt öffentlich und lautstark vertreten hatte.

Edmund F. Drekker: Die Probleme nehmen kein Ende

Edmund F. Drekker hatte gerade von seinem mit den Scheiben seines Frühstückseis belegten Brot abgebissen, und einen Schluck von seinem mittels des Zauberstabs wieder erwärmten Kaffee genommen, als zwei weitere Papierflieger auf seinen Schreibtisch surrten, und sich zu großen Vordrucken entfalteten. Blau diesmal. - "Unbefugte Zauberei Minderjähriger / Unentdeckte, minderjährige Magier" "Mir bleibt heute auch gar nichts erspart," dachte Drekker bei sich, und begann zu lesen:

Zur Kenntnissnahme: Zauberei Minderjähriger ohne Verletzung des Geheimhaltungsabkommens und ohne Schäden.

In der vergangenen Nacht wurde in einer Reihenhaussiedlung in Gelsenkirchen – reine Muggel-Gegend, keine registrierten magischen Anwohner – von einem bislang unentdeckten, magisch begabten Minderjährigen ein Zauber ausgeübt.

Art des Zaubers: Funken-Zauber, schwache Ausprägung.

Exakter Ort: ...“

„Na immerhin etwas. Wenigstens brauchen wir in dem Fall keine Vergiss-michs loszuschicken... Mal sehen was der zweite Vorgang ist.“ Er begann Vordruck Nummer Zwei zu lesen:

Zur Kenntnissnahme: Zauberei Minderjähriger ohne Verletzung des Geheimhaltungsabkommens / Geringer Schaden

Heute Vormittag wurden auf dem Pausenhof einer Muggel-Schule, in Sichtdeckung durch Gebüsch, Müll-Container und Gebäude der Schulcafeteria – von zwei bislang unentdeckten, magisch begabten Minderjährigen je ein Zauber ausgeübt. Im späteren Verlauf des Vormittags löste einer dieser beiden eine spontane Manifestation im Sportunterricht selbiger Schule aus.

Art des 1. Zaubers: Schockzauber – betäubte eine in etwa 10 m Höhe fliegende Wildente, und brachte sie zum Absturz

Art des 2. Zaubers: Funken-Zauber, starke Ausprägung

Art der spontanen magischen Manifestation: Medizinball wurde magisch zum Platzen gebracht, ehe der den Jugendlichen, der die Manifestation auslöste, im Gesicht treffen und verletzen konnte. (Selbiger Jugendlicher war mit dem minderjährigen Zauberer identisch, der den Funken-Zauber gewirkt hat).

Schaden 1: Wildente stürzte von Schockzauber getroffen ab, und erlitt Anbruch des linken Flügels. - Keine Augenzeugen ausser den unentdeckten minderjährigen Zauberern. Muggel-Hausmeister vermutet illegales Hantieren mit (nicht-magischer) Feuerwerksrakete als Ursache des Unfalls. Tier wurde von Biologielehrer (ebenfalls Muggel) in eine Wildtier-Auffangstation gebracht.

Schaden 2: Zerstörung eines Medizinballs der Muggel-Schule. Sportlehrer (Muggel) erklärte dies mit Material-Ermüdung und Qualitätsmängeln.

Notwendigkeit von Vergiss-mich-Einsatz: Nein.

Exakter Ort: ...“

"Glück gehabt..." murmelte Edmund F. Drekker, als ihm noch ein Nachsatz auffiel:

"Nachsatz: Bei der Zauberei der beiden unentdeckten, magisch begabten Minderjährigen war noch ein dritter, unentdeckter magisch begabter Minderjähriger anwesend, der jedoch keinen Zauber ausgeübt hat!"

"Ei der Tausend..." entfuhr es Edmund F. Drekker. "Da haben wir also drei - wenn nicht vier unentdeckte, minderjährige Zauberer... und das in einer reinen Muggel-Wohngegend!" Ihm war anhand der Ortsangabe der Schule gleich aufgefallen, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um jene Schule handelte, die der Jugendliche oder das Kind besuchen würde, das in der vergangenen Nacht bei sich zu Hause den ersten, schwachen Funkenzauber hervorgebracht hatte. Er stutzte. Die Bushaltestelle der Muggel, wo die Muggel-Polizisten den schlafenden Cornelius Fudge aufgegriffen hatten, der dort in der vergangenen Nacht betrunken eingeschlafen und dann bestohlen worden war, lag nicht mehr als 10 bis 15 Straßenblocks von der Reihenhaussiedlung in Gelsenkirchen entfernt - und auch nicht wesentlich weiter von der Schule. - Konnte es tatsächlich sein, überlegte er, dass die minderjährigen, unentdeckten Zauberer etwas mit der Entwendung von Cornelius Fudges Geldbeutel, Zauberstab und magischer Mantelschließe zu tun hatten? Es erschien ihm zunächst nicht übermäßig wahrscheinlich - aber andererseits waren das auch entschieden zu viele Zufälle, als dass er noch bereit gewesen wäre, in diesem Zusammenhang an Zufälle zu glauben. Er überlegte, ob er Fudge vielleicht ein wenig voreilig fortgeschickt hatte, aber eine kurze Überprüfung ergab, dass dieser sein Geld bei Gringots bereits abgehoben, anschließend einen Zauberstab, ein seidenes Taschentuch sowie Tinte, Feder und Pergament erworben hatte, und unmittelbar darauf - begleitet von Steiner - disapariert war. Die keine drei Minuten später erfolgende Rückkehr Steiners ins Bundesamt verriet ihm weiterhin, dass Fudge offenbar - seiner Empfehlung folgend - das Land auf dem schnellsten Wege verlassen hatte. - Drekker hoffte, der britische Ex-Zaubereiminister würde seinem Rat folgend in den nächsten Jahren einen großen Bogen um die britischen Inseln wie auch um die Bundesrepublik machen...

Er endschied, dass - falls diese drei unentdeckten, minderjährigen magisch Begabten sich im Moment im Besitz des Zauberstabs von Cornelius Fudge befanden - die Zeit, die er benötigte, um den Rest seines verspäteten zweiten Frühstücks zu sich zu nehmen, die Situation hoffentlich auch nicht mehr verschlimmrn würde. Der Kaffee in seiner Tasse war bereits wieder halb kalt, und er tippte die Tasse erneut mit der Zauberstab-Spitze an, um den Inhalt zu erwärmen. "Platanenholz mit Drachenherzfaser", überlegte er leistungsfähig, effektiv, und äußerlich unscheinbar. - Nichts Extravagantes, wie der Stab des britischen Ex-Ministers. Als er gerade den letzten Bissen seines belegten Brotes mit Ei im Mund hatte, und die Kaffeetasse in der Hand hielt, um - sobald er geschluckt hatte - den nächsten Schluck Kaffee zu nehmen, schwirrte der dritte, blaue Papierflieger in Edmund F. Drekkers Büro - und das derart aggressiv, dass er ihm die Kaffeetasse aus der Hand schlug, ehe er sich zu einem blauen Vordruck entfaltete. Die Kaffeetasse knallte auf die Kante des Schreibtischs, und der Rest des Kaffees ergoss sich über die darauf abgelegten Papiere. Geistesgegenwärtig ergriff Edmund F. Drekker ein weiteres Mal seinen Zauberstab, diesmal, um den vergossenen Kaffee aufzusaugen. Er würgte den letzten Bissen Brot mit Ei hinunter, zerbiss einen Fluch und ließ die Tasse, die auf dem Büroteppich gelandet war, mit einem Zauberstabschlenker auf den Tisch zurückkehren, wobei sich der Henkel, der beim Aufprall abgebrochen war, wie von selbst wieder anfügte. Dann machte er sich daran, das dritte, blaue Formular an diesem Nachmittag zu lesen:

Zur Kenntnissnahme: Zauberei Minderjähriger ohne Verletzung des Geheimhaltungsabkommens und ohne Schäden.

Am heutigen Mittag / Frühen Nachmittag wurde im ehemaligen Direktionsbüro der stillgelegten Ziegelei in Gelsenkirchen von einem bislang unentdeckten, magisch begabten Minderjährigen ein Zauber ausgeübt.

Art des Zaubers: Lumos-Zauber, perfekt ausgeführt (von Vorsatz ist auszugehen).

Besondere Umstände: Neben dem Zaubernden waren zwei weitere, unentdeckte, minderjährige magisch Begabte anwesend, welche am heutigen Vormittag in einer Muggel-Schule beide je einen Zauber ausgeübt haben, und von denen der eine zusätzlich einen spontanen, magischen Effekt ausgelöst hat, als er einen Medizinball zum Platzen brachte.

Notwendigkeit von Vergiss-mich-Einsatz: Nein.

Exakter Ort: Ehemaligen Direktionsbüro der stillgelegten Ziegelei «Brennher & Söhne» im zweiten Stock des dortigen, ehemaligen Verwaltungsgebäudes in der von-Kladow-Straße 11-14 in Gelsenkirchen.

Fällige Maßnahmen: Umgehende Unterrichtung der Deliquenten von ihrem Verstoß, verbunden mit strafbewehrtem Verbot jeglicher, weiterer Zauberversuche in Muggel-Umgebung sowie - ebenfalls strafbewehrter - Anweisung, sich bald möglichst in eine anerkannte Zauberschule zu begeben, und dort mit einer magischen Ausbildung zu beginnen!

Nachsatz: Bei allen bisherigen Zauberversuchen aller drei unentdecketen, minderjährigen magisch Begabten kam offenbar ein Zauberstab (bei allen dreien ein und derselbe) zum Einsatz.
Empfehlung: Ermittlung der Herkunft des betreffenden Zauberstabs (vermutlich Fundsache).

"Vermutlich Fundsache?! - Ha!" Edmund F. Drekker schnaubte. Er hatte diesbezüglich einen ganz anderen Verdacht... In jedem Fall war es dringend angeraten, den dreien umgehend eine Eule zu schicken, ehe sie weiter willkürlich (und unter Umständen auch zielgerichtet) mit dem Zauberstab experimentierten, und dabei sich, andere, Unbeteiligte und - was am Schlimmsten war - das Internationale Statut zur Geheimhaltung der Magie gefährdeten!

Edmund F. Drekkers Büro, keine halbe Stunde später

Er hatte Feder und Pergament gezückt, der Feder den Brief an die drei minderjährigen, unentdeckten Zauberer diktiert, diesen unterschrieben, ihn zusammen mit drei Vordrucken, in denen die Jungen ankreuzen sollten, welche Zauberschule sie zu besuchen wünschten mittels eines Zauberstab-Schlenkers in ein von seiner Feder adressiertes Kuvert verpackt, und dieses mit einer ministeriellen Schleiereule auf den Weg geschickt. "Nun," so dachte er bei sich, "kann ich nur noch warten, ob - und wie - die drei minderjährigen Zauberer auf die erste Eulenpost ihres Lebens reagieren werden..." Er hoffte, sie würden nicht in Panik verfallen, und sich - zumindest für ihr Alter - vernünftig verhalten. Das schon fast erstaunliche Maß an Kontrolle über ihre gerade erwachenden Zauberkräfte, das sie mit ihren ersten ersten Zauberversuchen demonstriert hatten, und die Umsicht, diese nur ohne Zeugen auszuprobieren, gab ihm da schon ein gewisses Maß an Hoffnung. - Auf der anderen Seite: Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, dass es die drei Buben gewesen waren, die dem betrunken schlafenden Fudge (er konnte nur den Kopf schütteln, über dessen eklatanten Mangel an Selbstbeherrschung) die Taschen geleert hatten, mochten sie schon von sich aus die entsprechende Neigung zur Heimlichtuerei besitzen.

Just in dem Moment kam ein weiterer, blauer Papierflieger hereingesegelt, und entfaltete sich zu einem amtlichen Vordruck, der - wie seine drei Vorgänger - auf verbotene Zauberei minderjähriger Hexen oder Zauberer hinwies. "Da hört sich doch alles auf!" dachte Edmund F. Drekker, nun fast schon ernsthaft verärgert. - Hatte er nicht klipp und klar geschrieben, dass den Dreien jegliche weitere Zauberversuche unter strenger Strafandrohung untersagt waren?! - Genervt begann er zu lesen:

Zur Kenntnissnahme: Zauberei Minderjähriger ohne Verletzung des Geheimhaltungsabkommens / minimaler Schaden

Am heutigen Nachmittag wurde im ehemaligen Direktionsbüro der stillgelegten Ziegelei in Gelsenkirchen von einem bislang unentdeckten, magisch begabten Minderjährigen ein Zauber ausgeübt. Der Täter war identisch mit jenem bislang unentdeckten, magisch begabten Minderjährigen, der am heutigen Vormittag auf dem Gelände einer Gelsenkirchener Muggelschule den Schockzauber gegen eine in 10 m Höhe fliegende Ente ausgeübt hat.

Art des Zaubers: Versuch eines - ungesagten - Schockzaubers gegen eine Posteule (fehlerhaft)

Besondere Umstände: Neben dem Zaubernden waren zwei weitere, unentdeckte, minderjährige magisch Begabte anwesend, welche am heutigen Vormittag auf dem Gelände einer Gelsenkirchener Muggelschule beide auch bei dessen ersten Zauberversuch anwesend waren.

Schaden: geringfügige Beschädigung der Tapete, des Verputzes und der dahinter gelegenen Ziegelmauer des Büroraumes durch - vermutlich ungewollte - Sprengwirkung des Zaubers.

Notwendigkeit von Vergiss-mich-Einsatz: Nein.

Exakter Ort: Ehemaligen Direktionsbüro der stillgelegten Ziegelei «Brennher & Söhne» im zweiten Stock des dortigen, ehemaligen Verwaltungsgebäudes in der von-Kladow-Straße 11-14 in Gelsenkirchen.

Fällige Maßnahmen: Keine, da die drei minderjährigen Zauberer / Deliquenten das Schreiben des Bundesamtes für magische Wesen zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen haben konnten, und sie sich der Illegalität des erneuten Zauberversuchs daher noch nicht bewusst waren / sein konnten.

Edmund F. Drekker fiel - beinahe schon hörbar - ein Stein vom Herzen. "Also zumindest keine mutwillige Ignoranz des in meinem Anschreiben an die Drei zum Ausdruck gebrachten, strengen Verbots weiterer Zauberversuche..." überlegte er, auch, wenn die Reaktion auf die Posteule für seinen Geschmack tief blicken ließ, und ihn darin bestärkte, dass die drei Buben gut nach Durmstrang gepasst hätten, wo "Duellieren" ab Beginn Teil der magischen Ausbildung war. "Schade," überlegte er, dass sie ihre Muggelherkunft vom Besuch dieser Zauberschule ausschloss. - Außerdem hätte er die Hoffnung gehabt, dass man die Drei dort schon ein wenig zu recht schleifen und ihnen die kriminelle Energie austreiben würde, die sie anscheinend bereits in so jungem Alter auszeichnete. - Das Eidgenössische Ausbildungszentrum dagegen hatte einen katastrophalen Ruf, nicht nur, wegen des geringen Niveaus der dortigen magischen Ausbildung, sondern auch als wahre Brutstätte für magische Kriminelle. (Tatsächlich nahm die Schule häufig Schüler, die man wegen krimineller Delikte aus anderen, europäischen Zauberschulen hinausgeworfen hatte, auf, und bot ihnen - gegen Zahlung eines horrenden Schulgelds - die Gelegenheit, wenigstens nominell ihre magische Ausbildung abzuschließen.) Unglücklicher Weise stand die politische Führung der Schweizer Zauberergesellschaft auf dem Standpunkt, bei der magischen Strafverfolgung eher ein Laissez-faire walten zu lassen, solange nur Muggel bestohlen oder betrogen wurden, und es zu keiner ernst zunehmenden Verletzung des Geheimhaltungsabkommens kam. - Hintergrund hierfür war, wie ein Schweizer Zaubereiminister offen hatte durchblicken lassen, dass er und ein Großteil der Schweizer Zauberergemeinschaft meinte, die Schweizer Muggel hätten sich dies mit all den verbrannten, ertränkten oder anderweitig zu Tode gebrachten Hexen und Zauberern in den Kantonen Waadt und Genf wie auch in Zürich selbst zuzuschreiben. - Auch deshalb hoffte er wirklich, dass die drei seine Empfehlung beherzigen würden. [A 4]

Absage per Eulenpost

Timmy, der im ehemaligen Direktionsbüro der stillgelegten Ziegelei an dem großen, staubigen Schreibtisch stand, überlegte einen Moment, wie er die Ablehnung am besten formulieren sollte, dann nahm er die Schutzkappe seines Füllers ab, und begann zu schreiben:

Ablehnung!

Wir lehnen Ihr Angebot, am "Gehsche Gottfried und E.F.Keller Eidgenössische Ausbildungszentrum für elementare Hexerei, Zauberei und Zaubertrankkunde" eine magische Ausbildung zu beginnen ab, da wir kein Interesse und auch gar nicht das Geld dafür haben, um Ihre Zauberschule zu besuchen.

Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht auf Ihr Eidgenössisches Ausbildungszentrum gehen, da wir uns bereits entschieden haben, unsere Zaubererausbildung an der ...

Er suchte mit den Augen den entsprechenden Absatz in Edmund F. Drekkers Anschreiben, ehe er weiterschrieb:

... in "Schloss Bergklamm," an der "anerkannten und höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen" in Österreich zu machen, und uns verpflichtet haben, die zu besuchen!

Er überlegte einen Moment, ehe er noch darunter setzte:

Ministerialrat Edmund F. Drekker vom "Bundesamt für magische Wesen" ist über unsere Wahl unserer künftigen Schule Zauberschule informiert!

Timo Andergaster, Wilhelm Mankowski und Steven Zachkovitz

Dann setzte er seine Unterschrift unter das "Timo Andergaster", und sah seine Freunde an: "Jetzt müsst Ihr noch beide unterschreiben!" Seine beiden Kameraden taten dies mit den Kugelschreibern, mit denen sie schon ihr jeweiliges Kreuz auf Edmund F. Drekkers Antwortformularen gemacht und diese unterschrieben hatten.

"Gut geschrieben, Timmy!" meinte Steve. "Das is eindeutig - da können die wirklich nix anderes draus lesen, als ne klare und deutliche Ablehnung dieses Spam-Angebots! - Und das, ohne dass sie sich beleidigt fühlen können..." Er blickte zu den beiden verbliebenen Schleiereulen. Ob es einen Unterschied machte, welcher sie die ablehnende Antwort mitgaben? Der die den Brief der kommissarischen Schulleiterin des Durmstrang-Instituts gebracht hatte, und die sich - als ihre Artgenossin vom Bonner Bundesamt mit dem Kuvert mit den Antwortvordrucken davon geflogen war - auf der Rückenlehne eines Schreibtischsessels mit nur noch vier von ehemals fünf Rollen niedergelassen hatte, und der von der betrügerischen Schweizer Zauberschule, die immer noch auf dem glaslosen Fensterrahmen saß, und die drei Buben unverwandt anstarrte. "Aber wie schicken wir ihnen nun diese Absage per Eulenpost?" überlegte er. "Ich mein, weil: Ne' richtige Anschrift der Schule stand in dem Brief ja noch nicht mal drin!" "Ich denk, am besten in ihrem eigenen Briefumschlag!" meinte Timmy. "Gibst Du ihn mir mal, Will?" "Hier!" entgegnete der kräftig gebaute Freund, und hielt ihn dem Rotschopf regelrecht unter die Nase. Timmy verdrehte genervt die Augen, nahm Will den Umschlag aus der Hand und legte ihn vor sich auf den Schreibtisch. Rasch strich er mit seinem Füller die Anschrift unter ihren drei falsch geschriebenen Namen "Direktionsbüro, Zweiter Stock, Altes Ziegeleigebäude, von-Kladow-Straße 11-14, Gelsenkirchen" durch, und setzte dann in seiner Spinnenschrift darunter "ZURÜCK AN DEN ABSENDER!!!" Er faltete das karierte Blatt aus seinem Matheheft, auf dem er die schriftliche Ablehnung an das Eidgenössische Ausbildungszentrum verfasst hatte, zusammen, und steckte es in den Umschlag. Unglücklicher Weise hatte Will diesen beim Öffnen so aufgefetzt, dass die akute Gefahr bestand, dass das Blatt herausfiel, wenn eine der Eulen das Kuvert im Schnabel durch die Luft zu seinem Absender zurück trug. "Hat einer von Euch Tesa dabei?" fragte er seine beiden Freunde. Die schüttelten den Kopf. "Nee!" kam es von Will, und Steve erklärte: "Nö! - Woher sollt' ich wiss'n, dass ich sowas heut' brauch?" Timmy kramte ein weiteres Mal in seinem Schulranzen, um dann zwei Aufkleber - Fußballsammelbilder mit Spielern des FC Schalke 04 - zum Vorschein zu bringen. Er schnitt eine Grimmasse. Auch, wenn ihm dieser Missbrauch der Abbilder von zweien seiner Lieblings-Fußballer in der Seele weh tat, benutzte er diese nun, um den UMschlag so zu zu kleben, dass sein Schreiben nicht mehr so ohne weiteres herausfallen konnte. "Fertig!" meinte er und wollte den Brief der auf der Rückenlehne des Schreibtisch-Sessels sitzenden Eule in den Schnabel stecken, aber diese klappte zweimal mit dem scharfen Schnabel, und drehte den Kopf weg, so dass es ihm unmöglich war, ihr den Brief zu übergeben. "Scheint so, als müssten wir für die Antwort an die Schweizer wohl doch denen ihre eigene Eule nehmen!" erkannte Steve, und blickte zu dem Vogel, der immer noch im Fensterrahmen hockte. "Ausgerechnet das Sch...vieh, das mir seine Krallenfüße in den Arm gehackt hat?! - So'n Mist...!" brachte Will es auf den Punkt. Vorsichtig, und mit kleinen Schritten, so, als ob er es mit einem - potentiell bösartigen - Hund zu tun hätte, ging Timmy auf die Eule zu, bis er dicht vor ihr stand. Sie war der mit Abstand unansehenlichste der drei großen Vögel, und hatte ein staubiges, glanzloses Gefieder. Timmy, der Angst hatte, was der scharfe Schnabel seinen Fingern antun würde, die in der vergangenen Nacht vom Schnabel der falkenförmigen, goldenen Mantelschließe dieses Fudge erwischt worden waren, zögerte einen Augenblick, ehe er dem Vogel den Brief ganz sachte in den Schnabel schob, den dieser ihm auch prompt abnahm. Timmy ließ den Umschlag sofort los, um nicht zu riskieren, dass dieser zerriss (oder der Vogel doch noch einen seiner Finger erwischte). - Bedauerlicher Weise machte die Eule, die den Brief der Schweizer Zauberschule gebracht hatte, und jetzt die Absage der Jungen im Schnabel hatte, die sie zu ihrem Absender zurückbringen sollte, anschließend keinerlei Anstalten, sich von ihrem Sitz zu entfernen. - Statt dessen hob sie den linken Krallenfuß, an dem - wie Timmy erst jetzt auffiel - ein Stoffbeutelchen mit einer Schnur zum Zuziehen befestigt war, und streckte ihn dem Jungen entgegen. Timmy war konsterniert. "Ich denke, die will bezahlt werden...!" erkannte Steve, ging zum Schreibtisch, und klaubte die 6 kupfernen Knuts auf. Er trat ebenso, wie Timmy zu der Eule, und schob die Münzen - eine nach der anderen - in den Beutel. Als der sechste Knut auf die übrigen fünf geklirrt war, erklärte Will, der dem bizarren Schauspiel der Bezahlung der Posteule mit grimmigem Gesichtsausdruck zugesehen hatte: "Aber von den Silber- und erst recht den Goldmünzen kriegt die keine! - Eher," knurrte er, "sch...ss ich drauf, was dieser Edmund F. Drekker in seinem Brief geschrieben hat, vonwegen Verbot zu Zaubern, und benutz den verdammten Zauberstab den Du dem Fudge geklaut hast...!" Er richtete diesen tatsächlich aus gut drei Metern Abstand auf die Schleiereule im Fensterrahmen, kam aber nicht dazu, vorsätzlich gegen den Erlass zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger zu verstoßen, da die Eule den Fuß mit dem Beutel zurückzog, dessen Verschlusskordel Steve gerade noch zuziehen konnte, die Flügel ausbreitete und in den Nachmittag hinausflog. "Uff...!" entfuhr es allen dreien, als sie hinter sich schwere Flügelschläge hörten, und Timmy wie auch Steve einen Satz machen mussten um der Durmstrang-Eule auszuweichen, die ihrem Artgenossen durch das glaslose Fenster nach draußen folgte, und wie dieser verschwand. - Will hatte sich vor Schreck unfreiwillig auf den Hosenboden gesetzt, und rappelte sich nun mühsam wieder hoch. Er klopfte sich den Staub und Schmutz von der Jeans, als sein Magen hörbar zu knurren begann. Seine beiden Freunde blickten ihn für einen Moment irritiert an, nur, um dann in schallendes, befreites Gelächter auszubrechen, in das nach einem kurzen Moment auch er mit einstimmte. "Also, ich hätte jetzt auch Hunger!" stimmte Steve dem stämmigen Freund beifällig zu, nachdem sie sich alle drei wieder etwas beruhigt hatten. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr - ein billiges Plastikteil - nur, um festzustellen: "Mist! - Zu Hause bekommen wir um die Zeit nix Warmes ... höchstens Ärger!" Timmy, der daran dachte, dass seine Mutter vermutlich ebenfalls ärgerlich sein würde, wegen des Zuspätkommens, griff erneut in seinen Ranzen, und zog die Tupperdose mit den Kirschpfannkuchen hervor. "Hier! - Die hab' ich im Hauswirtschafts-Unterricht gebacken... wollte ich eigentlich meinem Halbbruder David mitbringen... aber was solls - der kleine Hosensch... hält jetzt vermutlich eh' grad seinen Mittagsschlaf. - Teilen wir sie uns! - Sind echt lecker geworden!" Weder Steve noch Will ließen sich das zweimal sagen...

Edmund F. Drekker: Antworten machen glücklich

Edmund F. Drekker verbrachte die Zeit, in der er auf eine rasche Antwort der drei Buben hoffte, natürlich nicht mit Nichtstun: Im Büro eines Geheim- und Ministerialrates, der an der Spitze des Bundesamtes für magische Wesen stand, gab es auch ohne Verstöße gegen das Geheimhaltungsabkommen oder das Zauberverbot für minderjährige Hexen und Zauberer außerhalb ihrer Zauberschulen immer etwas zu tun. - Die Situation in Großbritannien und Irland, die Riesen-Frage, Morde, die Todesser auf dem Kontinent verübten ... all das rechtefertigte die Dringlichkeitskonferenz mit dem französischen Zaubereiminister, die für den Abend angesetzt war. - Der Tag hätte - wäre es nach Edmund F. Drekker gegangen - ruhig 36 oder 48 Stunden haben können ... aber leider besaß das Bundesamt keinen einzigen Zeitumkehrer mehr. Der letzte, den sie gehabt hatten, war auf dem Höhepunkt von Voldemorts erster Schreckensherrschaft von einem abtrünnigen Auror entwendet, und beim Versuch, diesen in Gewahrsam zu nehmen, zerstört worden.

Im - ungeheizten - Kamin loderten plötzlich grüne Flammen auf. Flohpulver - natürlich. Ein Blick verriet Drekker, dass es Euphemia van Saar war, eine junge Hexe, die als Praktikantin im Posteingang beschäftigt war. "Ein Brief. Kam gerade mit einer amtseigenen Schleiereule rein. - Gebrauchtes Kuvert, das Sie selbst heute verschickt hatten, Herr Ministerialrat! Nicht verschlossen! Und die Formulare sind mit Muggelschreibgerät ausgefüllt... TsTsTs...!" Der Hexe war deutlich anzumerken, welche Abscheu sie speziell angesichts letzterer Tatsache erfüllte. - Edmund F. Drekker hoffte, dass sie noch formbar war, und ihre Einstellung sich in absehbarer Zeit wandeln würde. - Andernfalls würde sie in seinem Bundesamt nicht alt werden. "Danke! - Genau auf diesen Brief habe ich gewartet!" Ein leichtes Schnippen mit dem Zauberstab, und Kuvert samt Inhalt flog der jungen Hexe aus der Hand, und landete zielsicher auf seinem Schreibtisch. "Danke, Euphemia ... Sie können gehen! - Oder war noch etwas...?" "Nein, Herr Ministerialrat!" Das grüne Feuer verschwand, und mit ihm die Poststellen-Mitarbeiterin.

Als sie verschwunden war, widmete er sich den drei Vordrucken, die er den Buben per Posteule geschickt hatte. - Was er sah, zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht: Sie hatten seine Empfehlung beherzigt, und sich - alle drei - für "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" im schönen Österreich entschieden. "Gut so!" dachte er bei sich. Dass sie Beauxbatons wählen würden hatte er ohnehin nicht wirklich erwartet. - Kämen sie aus dem Saarland, wäre das Französisch als Unterrichtssprache vermutlich keine Hürde gewesen, ebenso, wenn sie aus dem äußersten Südwesten Baden-Württembergs oder der Westpfalz stammen würden. - Aber bei drei Buben zwischen fast Zwölf und beinahe Dreizehn, die aus einer Gelsenkirchener Reihenhaussiedlung der Muggel kamen, wären ausreichende Französischkenntnisse für einen - erfolgversprechenden - Besuch von Beauxbatons schon ein mittelgroßes Wunder gewesen! - Nun musste also mit den Muggeleltern dieser Jungen Kontakt aufgenommen werden. - Das war immer ein heikler Moment. - In Großbritannien hatte - zu dessen Lebzeiten - in der Regel Dumbledore selbst dies zu seinen Lebzeiten erledigt, um muggelstämmige Zauberer und Hexen als Schüler und Schülerinnen für Hogwarts zu gewinnen. - Bei ihm musste ein Mitarbeiter des Bundesamtes dies übernehmen. Rasch ließ er eine Feder ein paar Zeilen auf Pergament werfen, ein Schlenker mit dem Zauberstab - und ein Papierflieger verließ sein Büro. Edmund F. Drekker war sich zwar bewusst, dass er damit nicht ganz korrekt handelte, aber er hatte darauf verzichtet, den Mitarbeiter, den er zu den Muggeln schickte, zusätzlich anzuweisen, Fudges gestohlenes Zauberergeld und seinen Zauberstab sicherzustellen, den einer der drei Buben nach seinem Dafürhalten besitzen würde. - Sollten die Bengel damit an ihrer neuen Schule glücklich werden, dachte er bei sich, und und musste leicht schmunzeln. Cornelius Fudge hatte ihn hinreichend geärgert, so dass er keine Veranlassung sah, wegen dessen Eigentum einen Schatten auf den Eintritt der drei jungen, bis gestern noch unentdeckten Zauberer in die Zaubererwelt zu werfen...

Und jetzt wird Geteilt

Die drei hatten Timmys Kirschpfannkuchen verputzt, wobei Steve und Will ihm einhellig – und noch mit vollem Mund – zu seinen Kochkünsten gratuliert hatten. „Siehste...!“ meinte Timmy. „Hauswirtschaft is' halt doch zu was nütze...!“ Will, der sich in der Vergangenheit über das Wahlfach seines rothaarigen Kumpels lustig gemacht hatte, zog es vor, nicht darauf einzugehen. Statt dessen fragte er: „Teil'n wir das Zaubergeld 'nu auf?“ „Nehmt ihr beide das,“ wehrte Timmy ab. „Aber gib mir den Zauberstab wieder, Will... immerhin hab ich den dem Cornelius Fudge gezogen, weil Ihr beide - Du und Steve – gestern Abend ja nur an dem Goldvogel und dem Geldbeutel interessiert wart...!“ „Aber Du hast doch gehört, was diese kommissarische Schulleiterin von Durmstrang geschrieben hat: Wir sollen den loswerden, weil wir damit unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns ziehen...!“ wandte Steve ein. „Immerhin hat er – wie sie schrieb – dem ehemaligen, britischen Zaubereiminister gehört!“ „Trotzdem!“ beharrte Timmy auf seinem fragwürdigen Besitzanspruch. „Meinetwegen kannste den haben … wenn de dafür nix von dem Gold und Silber willst...!“ mit diesen Worten gab Will dem Jüngeren den Zauberstab zurück (wobei beide – der für sein Alter kleine Rotschopf und der stämmige Bub, der in 4 Monaten seinen 13. Geburtstag feiern würde – jeweils meinten, das bessere Geschäft gemacht zu haben). „Na schön!“ gab Steve sich geschlagen, verlangte jedoch: „Aber fang bloss nicht an, wieder mit dem Teil herumzuexperimentieren! - Du selbst hast ja vorgelesen, wie eindringlich uns dieser Edmund F. Drekker von dem Bundesamt in Bonn das untersagt hat... und da er scheinbar mitbekommt, wo, wann und vielleicht sogar was einer von uns zaubert, bekämen wir sonst womöglich alle tierischen Ärger, wenn Du mit dem Stab Mist baust!“ „Keine Sorge!“ entgegnete der. „Ich will schließlich nach Schloss Bergklamm, auf die Zauberschule geh'n. - Im Gegensatz zu meinem Halbbruder Dirk bin nämlich ich KEIN Idiot...!“ Dem ließ sich nur schwerlich etwas entgegensetzen, da Steve ganz genau wusste, dass Timmy zwar kleiner, körperlich schwächer und ein bisschen jünger war, als der kräftig gebaute Will – ihm in Sachen Grips dafür aber ein gutes Stück voraus hatte. (Und Timmy respektive Timo hatte seinerseits gute Gründe, den Stab dem Zaubergeld vorzuziehen: solange er diesen im Mäppchen, unter den Buntstiften versteckte, würde er damit weit weniger unerwünschte Fragen seiner Mutter provozieren, als mit den fremden Gold- und Silbermünzen. Für deren Vorhandensein hätte er nämlich kaum eine harmlose Erklärung gefunden, die seine wegen seines älteren Halbbruders Dirk ständig misstrauische Mutter zufriedengestellt hätte...) „Aber die Münzen teilen wir fair durch zwei! Zauberergeld werden wir ja beide brauch'n, in dieser magischen Welt … und die Mantelschließe ist schließlich weg...!“, wandte Steve sich an Will, der dem Vorschlag mit einem Grunzen zustimmte. Timmy half den beiden mit seinen Kopfrechenkünsten, so dass jeder von ihnen schließlich 13 Galleonen und 15 Sickel vor sich liegen hatte. „Jetzt muss ich aber echt nach Hause. - Wenn ich noch später komm' dreht meine Mutter noch durch...!“ meinte er. Will und Steve war das auch klar. „Falls sie bei Euch nachfrag'n sollte: ich hab mit Euch bei Will bei den Hausaufgaben in Mathe geholfen... und anschließend Playstation gezockt!“ Die Freunde nickten. Das war glaubhaft – und was noch wichtiger war, absolut unverdächtig. Die leere Tupperdose und das Mäppchen, in dem er den Stab wieder unter den Stiften verstaut hatte, befanden sich wieder in seinem Schulranzen, als er – gefolgt von den Beiden – das alte Direktionsbüro und das Gelände der stillgelegten Ziegelei verließ, und sich auf den Heimweg machte.

Wieder Zuhause, die Zweite

Sie trennten sich bei der Telefonzelle im Ginsterweg, der die Reihenhaussiedlung der Länge nach durchschnitt, und wo sie alle drei wohnten. Timmy - respektive Timo Andergaster - musste in die 9, während Will ja mit seinem Vater in der 15 wohnte und Steve wesentlich weiter hinten, in der 31.

Will

Als Will den hässlich in gelb und rot geklinkerten Bau des väterlichen Hauses mit seinem ungepflegten Vorgarten erreichte, parkte dort ein Kleinlaster mit offener Ladefläche und und kleinem Kranarm in der Garageneinfahrt. Auf dem Dach des Führerhauses mit seiner ehemals ochsenblut-roten, ausgeblichenen und von Kratzern, geflickten Lackstellen und Rost verunstalteten Lackierung war ein gewaltiger Lautsprecher montiert, der wie ein Megaphon aussah, und in giftigem Neon-Gelb lackiert war. - Wills Vater war Schrotthändler und -sammler, und während der Ferien sowie Samstags unterstützte Will ihn bei seinen Touren als Beifahrer: Dann war es seine Aufgabe, den Spruch ins Mikrophon zu krähen, der vielfach verstärkt aus dem Dach-Lautsprecher erschallte, und gelegentlich den Arm mit einer Glocke aus dem Beifahrerfenster zu strecken, und kräftig zu läuten. "Alteisen! ... Alte Öfen! ... Altmetalle! - Der Schrotthändler ist da! Kostenlose Schrottentsorgung!" - Er kannte den Singsang schon lange in und auswendig, und konnte ihn mittlerweile zur Not auch im Halbschlaf zum Besten geben, so oft, wie er den Spruch schon aufgesagt hatte. - Das war der Preis dafür, dass er die alte Tuba behalten durfte, die irgend ein bescheuerter Hausbesitzer seinem Vater doch tatsächlich als Altmetall mitgegeben hatte, und lernte darauf zu spielen (auch, wenn sein alter Herr ihm richtige Musikstunden erst bezahlen würde, wenn sein Sohn - wie er meinte - den Metallwert des Instruments bei ihm abgearbeitet hatte...). - Ob er in dieser Zauberschule in Österreich die Möglichkeit haben würde, weiter zu üben, das enorme Blechblasinstrument zu spielen? - Er hoffte es.

Timmy

In der Nummer 9 betrat Timmy bzw. Timo den Flur des mütterlichen Hauses - deponierte seinen Schulranzen in seinem Zimmer, und ging in die Küche, wo ihn prompt eine geradezu geharnischte Standpauke der Mutter: "Timo - was denkst Du Dir eigentlich, erst jetzt nach Hause zu kommen?! - Schulschluss war vor mehr als drei Stunden! - Wo hast Du gesteckt? - Ich mache mir solche Sorgen..." "War mit Steve bei Will - hab ihnen mit den Mathe-Hausaufgaben geholfen und mit ihnen gelernt...!" log Timmy, ohne rot zu werden. "Die ganzen drei, fast vier Stunden?!" fragte seine Mutter ungläubig. "Nee. - Aber anschließend ha'm wir PlayStation gespielt, und darüber die Zeit vergessen...!" behauptete der Junge. "Ich hoffe doch wohl, nicht ausgerechnet «Giga-Gemetzel IV»!?" verlangte seine Mutter zu wissen. "Nee... doch, aber nur ganz kurz. Danach nur noch «SpacePrivateers»! - Das find ich eh viel besser, spannender und interessanter, weil, das is so'n Bisschen wie «Ports of Call» - nur halt eben im Weltraum. Da muss man richtig vorausdenken, und kalkulieren... auch, wenn's natürlich trotzdem auch Raumschlachten hat...!" flunkerte ihr Sohn, wobei: ganz geflunkert war es nicht, da ihm «SpacePrivateers» mit seiner Mischung aus Wirtschaftssimulation, Schmuggler- und Piraten-Action und Raumkampf als Video-Spiel tatsächlich viel mehr Spaß machte, als das dumpf-brutale «Giga-Gemetzel». "Also, mir gefällt das trotzdem nicht!" entgegnete die Mutter. "Ich finde, dieser Wilhelm, das ist wirklich kein Umgang für Dich, Junge...!" Jetzt kommt wieder die Leier, dachte Timmy/Timo. "Verstehst Du denn nicht, dass ich Angst habe, dass Du in schlechte Gesellschaft gerätst, auf die falschen Freunde hörst, und so endest, wie Dein Bruder Dirk?!" flehte sie. "Halbbruder..." warf Timo - eher halbherzig ein - um dann zu ergänzen: "Und falsche Freunde und deren schlechten Einfluss hat's bei dem nicht gebraucht, um Mist zu bauen! - Den total beknackten Überfall auf den MiniMart vor zwei Jahren, für den er in den Bau musste, hat der ganz allein durchgezogen...!" konnte er sich nicht verkneifen zu antworten, auch, wenn er - wenn er ehrlich zu sich selbst war - hätte zugeben müssen, dass er sich die nächtlichen Unternehmungen, bei denen sie Betrunkenen die Taschen geleert hatten, ohne Steve und Will vermutlich längst nicht zugetraut hätte... - Zum Glück hatte die Mutter von DIESER Beschäftigung ihres mittleren Kindes keine Ahnung, und er hoffte, dass dies auch so blieb, und Edmund F. Drekker, vor dem sich leider so überhaupt nichts verbergen ließ, seiner Mutter diesbezüglich keinen reinen Wein einschenkte... Sein jüngerer Halbbruder, der vier-, bald fünfjährige David, der offenbar den Mittagsschlaf beendet hatte, erschien mit einem absurd verschachtelten Turm aus Lego-Duplo-Steinen, der auf einem Block mit Rädern darunter saß, in der Küche. "Mammi - was is' mit Timmos komischem Brief...?" krähte er. "Ach ja, das wollte ich Dich auch noch fragen:" fiel der Mutter ein. "Da ist ein Brief gekommen, der an Dich adressiert ist, mein Sohn! - Ganz merkwürdig...!" "Ein merkwürdiger, an mich adressierter Brief?!" stellte er sich ahnungslos, auch, wenn er eine gewisse Vorstellung hatte, was es damit auf sich haben könnte: Schickte Edmund F. Drekker auch normale Briefe, ohne Eulen? Oder die österreichische Zauberschule, auf die die Freunde gehen würden?

Wills Brief

Will wurde, als er den Flur des väterlichen Reihenhauses betrat, mit beinahe den selben Worten begrüßt, wie sie Timmys kleiner Bruder gebraucht hatte: "Was is das für'n komischer Brief, Junior?! - Du hast doch nicht etwa irgend welch'n Mist gebaut, oder was ausgefress'n und Dich erwisch'n lassen?" Er streckte seinem Sohn mit sichtlich irritiertem Gesichtsausdruck ein Kuvert entgegen, das äußerst ungewöhnlich aussah, und mit Sicherheit weder vom hiesigen Polizeipräsidium noch vom Jugendamt oder aus dem Büro eines Jugendrichters kam, und garantiert auch von keinem Kaufhausdetektiv stammte: Ein Umschlag, groß, wie ein DIN-A-4-Bogen, so dunkelbraun, dass er im trüben Licht der Wohnzimmerlampe und des ohne Ton laufenden Fernsehers schon fast schwarz wirkte. Rund rum lief ein schmaler, goldener und ein etwas breiterer, purpurroter Zierstreifen - ähnlich den schwarzen Trauerrändern, die man auf den weißen Kuverts von Kondolenz-Briefen an die Verwandten von kürzlich verstorbenen fand. Beschriftet war der dunkle Umschlag in einer schwungvollen, ausladenden Handschrift in Gold: "An den werten Herrn Wilhelm Mankowski, Ginsterweg Nr. 15, im Schlaf- und Kinderzimmer links neben der Treppe, Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfahlen, Deutschland" "Ich glaub, das hat was mit der Schule zu tun..." Will bemühte sich, möglichst unaufgeregt zu klingen, und ergänzte, als er die aufsteigende Zornesröte im väterlichen Gesicht registrierte: "Nee... ich hab nich' geschwänzt, Papps, ehrlich! - Und auch keine Klassenarbeit verhau'n... die in Mathe, die wir heute zurückbekommen ha'm, war noch ne Drei!" - Beides war noch nicht einmal gelogen. - Er wusste ja, wie sein Vater auf Blaue Briefe vom Sekretariat seiner Schule oder Anschreiben vom Jugendamt reagierte, und verkniff es sich daher (schweren Herzens), die Schule zu schwänzen, so sehr es ihn manchmal, bei bestimmten Fächern oder Lehrern auch gereitzt hätte.

Timmys Brief

Timo/Timmy bekam von seiner misstrauischen und gleichfalls mehr als nur ein wenig irritiert dreinschauenden Mutter einen praktisch identischen Umschlag gezeigt. Hier lautete die Anschrift in Gold auf extrem dunklem, an Kaffee ohne Milch und Zucker erinnernden Braun: "An den werten Herrn Timo Andergaster, Ginsterweg Nr. 9, kleinstes Kinder-Schlafzimmer im Erdgeschoss, Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfahlen, Deutschland" Der kommt von ner ... Schule!" meinte er, da ihm einfiel, dass er ja gegen das Geheimhaltungs-Statut, auf dem dieser Edmund F. Drekker so ausdauern herumritt, verstoßen hätte, wenn er gegenüber seiner Muggel-Mutter (es kostete ihn deutliche Überwindung, diesen Ausdruck in Zusammenhang mit seiner und Davids Mutter auch nur zu denken) das Wort "Zauberschule" ausgesprochen hätte.

Steve

Als Steve in der 31 eintraf, begrüßte seine Mutter ihn gleichfalls mit vorwurfsvolller Miene und den anklagenden Worten: Steven...! Warum trägst Du das Rasiermesser von deinem verstorbenen Opa in der Tasche Deiner Jacke mit Dir herum? - Übst Du etwa heimlich mit Deinen Freunden, diesem Wilhelm von diesem ...Schrotthändler, und dem kleinen Rotschopf Messerkampf?!" "Nein, Ma! - Selbstverständlich nicht...!" Ihm fiel ein Stein vom Herzen, dass das, was seine Mutter vermutete so weit von der Wahrheit entfernt war, und sie von den nächtlichen Diebeszügen mit seinen beiden Freunden wohl wirklich nichts ahnte. "Das benutz' ich bloß, um Fäden abzuschneiden, ...oder um mal ne Markierung in nen Stück Holz zu ritzen...!" erklärte er vollkommen wahrheitsgemäß. "So? - Hoffentlich stimmt das, mein Junge... Dein Vater hat beruflich nämlich schon genug Sorgen...!" "Pa? - Ist der noch auf der Arbeit?" letztere Frage war rhetorischer Natur. Andernfalls hätte dessen etwas älterer aber gepflegter Audi in der Garageneinfahrt, hinter dem kleinen 1-ser Golf seiner Mutter gestanden den sie in die - offene - Garage gefahren hatte. "Ja!" entgegnete die Mutter. Steve konnte sich denken, was seinen Vater zwang, Überstunden zu machen. Herr Zachkovitz hatte seiner Familie am vergangenen Samstag beim Frühstück davon erzählt: Ständig musste er in seiner Funktion als stellvertretender Leiter der Inspektion für Wasserbau beim städtischen Tiefbauamt den Beschwerden der Kanalarbeiter nachgehen, die gehäuft beklagten, dass sich weibliche Obdachlose in der Kanalisation einnisteten. Eine, eine den Worten der Kanalreiniger zu Folge wahrhaft grässliche Person, hatte er erzählt, sollte sich dort sogar illegal eine geradezu riesige Hütte gebaut haben. Seine volljährige Tochter Klara, die Schwester Steves, die derzeit an der Ruhr-Universität in Bochum auf Lehramt studierte, und von der der Junge hoffte, dass sie nie an seiner Schule als Praktikantin oder gar Lehrerin anfangen würde, hatte die Erzählung des Vaters zu dem angeekelten Ausruf "In der Kanalisation?! - Wie kann dort jemand hausen? Und dann noch eine Frau?! - Igitt!" animiert. Steves Mutter hatte - ausgehend von ihrem Gesichtsausdruck - vermutlich das selbe gedacht, und auch Steve hatte bei der blossen Vorstellung, in einer Hütte in der Kanalisation Gelsenkirchens zu Leben, angewidert das Gesicht verzogen. Zudem schien es im städtischen Kanalnetz absurder Weise gerade eine regelrechte Schwemme von Fröschen und Kröten zu geben, und die Meldungen hierzu landeten gleichfalls sämtliche auf dem Schreibtisch von Stevens Vater. (In Wahrheit war die fragliche Obdachlose, deren illegal errichtete Hütte Stevens und Klaras Vater beschäftigte, und ihn zwang Überstunden zu machen, und selbst zu "Vor-Ort-Terminen" in die Unterwelt der Kanäle Gelsenkrichens hinabzusteigen, eine Sabberhexe. Das, und dass ihr Fall - und die Kröten - zur selben Zeit auch Edmund F. Drekkers Bonner Bundesamt für magische Wesen beschäftigte, konnte natürlich kein Mitglied der Familie Zachkovitz ahnen). "Und dann ist da noch dieser äußerst merkwürdige Brief für Dich eingetroffen, mein Sohn" verkündete Steves Mutter. "Frau Huber, die alte Nachbarin links gegenüber, hat doch tatsächlich behauptet, sie habe gesehen, wie ein winziger Steinkauz den Umschlag in unseren Briefkasten gesteckt habe... aber das muss sich die Gute eingebildet haben. - Ich fürchte, sie wird wegen ihres Alters ein bisschen sen... ich meine, ein wenig wunderlich." Sie hielt ihrem Sohn einen großen, dunkelbraunen Umschlag mit rot-goldenem Rand und goldener, in schön geschwungener Handschrift ausgeführten Anschrift hin: "An den werten Herrn Steven Zachkovitz, Ginsterweg Nr. 31, Kinderzimmer links im Ersten Stock, Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfahlen, Deutschland" "Der ist bestimmt von meiner neuen Schule! - Der Zauberschule in Österreich, auf die Timmy, Will und ich gehen werden...!" verkündete er, riss seiner fassungslos dreinblickenden Mutter das mokkabraune Kuvert aus der Hand und ergriff das Rasiermesser von seinem Opa, das er mit routiniertem Schlenker aufklappte, um den Brief vorsichtig an der Kante aufzutrennen. Im Gegensatz zu Timmy machte er sich in diesem Moment keinerlei Gedanken darüber, dass Edmund F. Drekker sie in seinem Schreiben explizit darauf hingewiesen hatte, dass sie auf Grund eines internationalen Abkommens verpflichtet waren, die Existenz von Magie und magischen Wesen vor allen nicht-magischen Menschen - den Muggeln - geheim zu halten.

Besuch vom Bundesamt

Besuch bei Steve

Steves/Stevens Mutter starrte ihren weißblonden Sohn immer noch fassungslos an, und überlegte verzweifelt, ob es nicht eher sie wäre, die senil würde, als die alte Nachbarin schräg gegenüber. - Ihr Sprössling hatte doch gerade laut und deutlich gesagt, dass er mit seinen beiden Freunden - diesem Wilhelm, den sie nicht sonderlich schätzte, und den rothaarigen Timo eine "Zaubererschule" besuchen würde oder wollte?! - Das konnte doch nicht sein, oder doch? - Oder meinte ihr Junge einfach nur einen VHS-Kurs für angehende Bühnenmagier, die sich anschickten, in die Fußstapfen eines Siegfried & Roy oder eines Copperfield zu treten? - In dem Moment war draußen, vor dem Reihenhaus ein lauter Knall zu hören, und Mutter und Sohn schraken zusammen. Frau Zachkovitz, die meinte, es sei jemand gegen mit Karracho ihren geparkten VW Golf gefahren, eilte zur Haustür, und riss sie auf. Mit ihrem abgestellten Kleinwagen schien alles in Ordnung zu sein: Kein anderer Wagen, der mit dem geparkten Fahrzeug kollidiert war, keine Beschädigungen, die auf Unfallflucht oder einen missglückten Aufbruchsversuch hindeuteten, und offenbar auch nichts, was von oben auf das Auto gefallen oder dagegen geworfen worden war, und diesen infernalischen Knall hätte verursachen können. Dann erst fielen ihr die beiden Herren vor ihrer Tür auf. Sie waren merkwürdig gekleidet, trugen Spitzhüte, wie die Hexe im «Zauberer von Oz» und lange Umhänge aus asphalt-grauem Wollstoff über ihren Anzügen. Sie blickte irritiert. "Guten Tag! Sie sind Frau Zachkovitz?" "Äh... ja..." "Gut! Es geht um Ihren Sohn. Aber das besprechen wir besser drinnen, und nicht hier, zwischen Tür und Angel!"

Ehe sie sich's versah, befanden sowohl die beiden Fremden als auch sie selbst sich wieder in ihrer Küche. "Ich denke, es wäre am besten, wenn Sie, Frau Zachkovitz, und Ihr Sohn, Steven Zachkovitz, Platz nehmen würden...!" Die Männer zückten beide je einen Zauberstab. Steven sah fasziniert, wie sei jeder einen Stuhl in die Luft zeichneten, der auch tatsächlich erschien. Seine Mutter dagegen blicke völlig fassungslos. Zwei kurze Zauberstab-Schlenker, und der eine der Stühle glitt hinter Steve, so dass diesem gar nichts anderes übrigblieb, als sich zu setzen, der andere hinter seine Mutter. "Bitten Platz zu nehmen!" Stevens Mutter gab ein "Uff...!" von sich, als der Stuhl leicht in ihre Kniekehlen stieß, und sie zwang, ebenfalls auf das Sitzmöbel zu setzen. "Das wird für Sie jetzt sicherlich eine Überraschung sein, Frau Zachkovitz: Ihr Sohn ist ein Zauberer...!" sagte der linke der beiden Männer, der ein Schnurrbärtchen unter einer breiten, ziemlich roten Nase kultivierte, und dessen breites, flächiges Gesicht mit seinem Ansatz von Hängebacken an einen Frosch oder Feldhamster erinnerte. "Ach ja, wir haben ganz vergessen, uns vorzustellen: "Dies ist mein Kollege Aaron Becker, und mein Name ist Jonas Schulze! - Wir kommen vom Bundesamt für magische Wesen!" erklärte der rechte der beiden Herren, der deutlich schlanker war, und - abgesehen von seinem gewinnenden, und ihrgendwie auch entschuldigenden Lächeln - ein absolutes Allerweltsgesicht hatte. Fassungslos musste Frau Zachkovitz sich in der nächsten Dreiviertelstunde anhören, dass Magie tatsächlich existierte, es landauf und landab noch immer Hexen und Zauberer gab. Diese lebten entweder an abgelegenen Orten unter sich, oder verborgen unter der nicht-magischen Mehrheitsbevölkerung, den sogenannten Muggeln, da die magische Gemeinschaft bereits vor mehreren Jahrhunderten weltweit in den Untergrund gegangen sei, und alles tat, um die Existenz der Magie vor den Nicht-Magischen geheimzuhalten. Dies war - wie ihr jener Aaron Becker versicherte - verbindlich durch ein internationales Statut zur Geheimhaltung der Magie geregelt, wobei sich Magische Räte, Zaubereiministerien - oder eben das Bundesamt für magische Wesen in der Bundesrepublik Deutschland - darum kümmerten, dass diese Geheimhaltung der Magie auch umgesetzt, die entsprechenden Regelungen erlassen und dann auch eingehalten wurden. Ihr Sohn, Steven Zachkovitz, führte Jonas Schulze aus, gehörte zu jenen Menschen, die - wiewohl Kinder von Muggeleltern - mit Zauberkräften geboren wurden und somit Zauberer waren. Daher, so erklärte er, mussten diese magischen Kinder eine Zaubererschule besuchen, um zu lernen, ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten verantwortungsbewusst (bei diesem Wort verdrehte Steve unwillkürlich leicht die Augen) und in Übereinstimmung mit den Zaubereigesetzen zu gebrauchen. Frau Zachkovitz öffnete den Mund. "Zauberer?! - Zaubereigesetze?! - Zaubererschule?! - Aber - um Himmelswillen, wo findet sich denn soetwas...?!" ihr Blick wechselte fassungslos zwischen ihrem Sohn, der seinen geöffneten, aber nach wie vor ungelesenen Brief noch immer in der Hand hielt, und den Herren Aaron Becker und Jonas Schultze hin und her. "Nun, dies muss nicht Ihre Sorge sein, Frau Zachkovitz," versuchte Aaron Becker sie zu beruhigen. "Wie ich sehe, hat Ihr Sohn Steven seinen Brief bereits erhalten, in welchem ihm bestätigt wird, dass er die Zaubererschule im österreichischen Schloss Bergklamm besuchen darf, und was er für seine magische Ausbildung dort benötigt!" "Österreich?!" Stevens Mutter starrte die beiden Herren an. "Wie soll mein junge in Österreich auf eine Zauberschule gehen, wo er doch hier die Schule besuchen muss... und überhaupt: Wie stellen Sie und dieses ... dieses Amt sich das vor? - Wir haben hier unser Haus, mein Mann arbeitet beim städtischen Tiefbauamt von Gelsenkirchen in der Inspektion für Wasserbau, und meine Tochter besucht die Ruhruniversität in Bochum. - Wir können nicht nach Österreich umziehen...!" Ihre Stimme war bei diesen Worten immer lauter geworden. "Gnädige Frau!" unterbrach sie Jonas Schulze. "Dafür besteht überhaupt keine Notwendigkeit! - Schloss Bergklamm ist - wie praktisch alle namhaften, europäischen - wie auch außereuropäischen - Zaubererschulen ein Internat! - Ihr Sohn Steven wird dort wohnen, leben, essen, trinken, lernen, gleichaltrige Zaubererfreunde finden und von erfahrenen, pädagogisch geschulten Lehrern unterrichtet werden. Selbstverständlich wird er in den Schulferien jeweils die Möglichkeit haben, zu ihnen, ihrem Mann und - wenn ich das richtig sehe - seiner älteren Schwester nach Hause zu kommen, um seine Ferien mit seiner Familie zu verbringen!" "Ministerialrat Edmund F. Drekker, der Leiter des Bundesamtes für magische Wesen der Bundesrepublik Deutschland ist im übrigen hoch erfreut, dass Ihr Sohn, Frau Zachkovitz ebenso, wie seine beiden Freunde, bei der Wahl seiner künftigen Zaubererschule seiner Empfehlung gefolgt ist," fügte Aaron Becker hinzu. "Aber ein Internat..." murmelte Stevens Mutter, die an das horrende Schulgeld dachte, die Privatschulen in der Regel verlangten, und dass sie - angesichts einer Tochter, die mitten im Studium war, und ihres Ehemannes, der als kleiner, kommunaler Beamter auch nicht so üppig verdiente - womöglich ein gewaltiges Loch in die Haushaltskasse reißen mochte. Ihre diesbezüglichen Sorgen waren offenbar an ihrem Gesicht abzulesen, da Jonas Schulze ihr erklärte: "Sie können vollkommen beruhigt sein: Wir haben im Bundesamt für magische Wesen einen Fördertopf, um Zaubererkindern aus Muggelfamilien, deren Eltern für die magische Ausbildung ihrer Sprösslinge nicht aufkommen können oder wollen, den Besuch einer Zaubererschule zu finanzieren, ebenso, wie Zuschüsse für den Erwerb der benötigten Ausstattung wie Schuluniform und Schulumhängen, Lehrbüchern und so weiter...!" Die Mutter blickte immer noch zweifelnd. "Steven, mein Junge, jetzt sag doch auch etwas...!" verlangte sie.

"Es stimmt!" bestätigte der zur Überraschung seiner Mutter. "Es stimmt alles, Ma! - Ich ... wir, wir ham' heute das erste Mal gezaubert... und dann, dann ham' wir 'n Brief von, von diesem Bundesamt bekommen, von einem Edmund F. Drekker, den uns 'ne Eule gebracht hat...!" "Eule?" stieß Frau Zachkovitz hervor, die begriff, dass sich die alte Nachbarin den Vogel, der angeblich den großen, brauenen Briefumschlag in ihren Briefkasten gestopft hatte, offenbar doch nicht nur eingebildet hatte. "Ja, Ma - ner großen Schleiereule! Das war ziemlich beängstigend... vorallem, weil's gleich drei waren! - In dem Brief von dem Herrn Drekker steht, dass wir als minderjährige Zauberer oder magisch Begabte nicht zaubern dürf'n - außer in einer anerkannten Zauberschule, wo wir unsere magische Ausbildung machen können...! - Es gibt da so'n Erlass von 18-Hunnert-und-Krug, der die "Vernunftgemäße Beschränkung der Zauberei Minderjähriger" vorschreibt...! - Wenn ich also Zaubern und Zaubern lernen will, dann muss ich in die Zaubererschule geh'n!" "Das ist absolut korrekt!" bestätigte Aaron Becker. "Der Erlass zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger bestimmt, dass Zaubererkinder, die ihr 17tes Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nur und ausschließlich innerhalb einer Zaubererschule im Rahmen ihrer magischen Ausbildung zaubern dürfen. Ansonsten ist ihnen dies streng verboten, es sei denn, sie befänden sich in akuter Lebensgefahr, und das wollen wir für den jungen Mann hier ja nun nicht hoffen!" "Und es ist wirklich notwendig, dass mein Sohn auf diese... diese Zaubererschule in Österreich geht?" wollte sie wissen. "Ja. Es ist in seinem eigenen besten Interesse, und Sie wollen sich der Zukunft ihres Sohnes doch gewiss nicht in den Weg stellen? - Und im Übrigen wird das Bundesamt für magische Wesen Sie selbstverständlich bei allen Dingen, die mit der magischen Ausbildung Ihres Sohnes zu tun haben, unterstützen, Gnädige Frau!" Da Frau Zachkovitz im Moment nichts mehr einfiel, was sie dem hätte entgegensetzten können, wandte sich Jonas Schulze freundlich an Steven: "Nun lies schon den Brief, Junge, in welchem Dir bestätigt wird, dass Du auf "Schloss Bergklamm" an der "anerkannten und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" als Schüler aufgenommen bist!" Er lächelte. "Und lies ihn am besten laut vor...!"

Steves Brief

Steve schluckte kurz, räusperte sich und begann:

„An den werten Herren Steven Zachkovitz!

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass sie als Schüler an der "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" in Österreich als Schüler aufgenommen sind, um hier bald möglichst ihre magische Ausbildung zu beginnen!

Anders, als am auf seine Weise durchaus renomierten und anerkannten "Durmstrang-Institut" halten wir in auf Schloss Bergklamm nichts davon, junge Hexen und Zauberer zu konfrontativem Verhalten und permanentem Misstrauen zu erziehen. Auch sehen wir die Praxis an der britischen "Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei", die Schüler zu Beginn ihrer Schulzeit dort auf vier konkurierende sogenannte Häuser aufzuteilen, und dadurch eine künstliche Konkurrenzsituation und starke Rivalität unter der Schülerschaft zu erzeugen, eher kritisch, und haben dieses System daher - ebenso, wie die französische "Beauxbatons-Akademie" - nicht übernommen. - Vielmehr sind wir der Überzeugung, dass ein auf Kooperation und gegenseitige Unterstützung ausgerichtetes Lehr- und Lernumfeld und ein Altersgruppen und Klassenjahrgänge übergreifendes, soziales Miteinander der Entwicklung junger, magischer Menschen zu verantwortungsbewussten Mitgliedern der magischen Gemeinschaft wesentlich zuträglicher ist.

Selbstverständlich gibt es jedoch eine Vielzahl von anerkannten Schülergruppierungen wie Clubs, Arbeitsgemeinschaften und Lerngruppen. Ebenso existieren mehrere Schulmannschaften im Besensport Quidditch, der hier selbstredend betrieben und ausgeübt wird, und sich unter den jungen Hexen und Zauberern auf Schloss Bergklamm großer Beliebtheit erfreut. Diese tragen - wie die Hausmannschaften in Hogwarts - alljährlich einen schulinternen Pokalwettbewerb aus. - Alle Schülerinnen und Schüler auf Schloss Bergklamm werden ermutigt sich - neben dem Unterricht und den Hausarbeiten - an einer Auswahl dieser innerschulischen Freizeitaktivitäten zu beteiligen. - Hierfür einen eigenen Besen mitzubringen, ist den Schülerinnen und Schülern ausdrücklich gestattet!

Des weiteren gestattet die Haus- und Schulordnung jeder Schülerin und jedem Schüler einen tierischen Begleiter (Haustier).

Zulässig und empfohlen sind auf Schloss Bergklamm:

  • ein Rabe, eine Krähe, Dohle oder Elster oder
  • eine Eule bzw. einen Uhu oder
  • eine Katze, ein Frettchen oder einen Mungo [A 5].

Aus Gründen hexischer und zauberischer Tradition sind daneben gestattet, wenn auch vom Lehrerkollegium NICHT empfohlen:

  • eine Kröte oder
  • eine Ratte.

Explizit untersagt ist Schülerinnen und Schülern auf Schloss Bergklamm die Haltung von

  • Schlangen und
  • Spinnen (Tarantel/Vogelspinne).

Die Liste der für den Beginn ihres ersten Schuljahres auf Schloss Bergklamm erforderlichen Schulbücher und Grundausstattung entnehmen Sie bitte dem anliegenden Blatt.

Wir freuen uns, Sie zum Beginn des Monats September an der höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen auf Schloss Bergklamm begrüßen zu dürfen, und wünschen Ihnen für ihre schulische Laufbahn bei uns viel Erfolg!

gez. Professor Maria Theresia Haten, Schulleiterin auf Schloss Bergklamm.

Nachsatz: Insbesondere muggelstämmige Schülerinnen und Schüler weisen wir darauf hin, dass Elektrizität und alle, auf Elektrischem Strom basierenden technischen Gerätschaften und Erfindungen der Muggel auf Schloss Bergklamm nicht funktionieren. - Es ist daher sinnlos, Dinge wie Taschenrechner, batteriebetriebene Armbanduhren, Mobiltelefone, Spielcomputer und Abspielgeräte für Tonträger aus der Muggelwelt mit in die Schule zu bringen!

"Wow!" stieß Steve hervor, als er geendet hatte. Ihm schwirrte ziemlich der Kopf, ob all der Neuigkeiten. Kooperative Lehr- und Lernumgebung hörte sich jedenfalls nett an, so, als ob es dort nicht all zu streng zuginge... und das mit den Haustieren klang cool. - Aber was meinte die Schulleitung mit "Besensport" und was war "Quidditch"?


Letzteres hatte er offenbar laut ausgesprochen, da Jonas Schulze ihm freundlich erklärte, dass Quidditch ein Ballspiel war, das auf Fliegenden Besen gespielt wurde, und offenbar der beliebteste Sport in der Welt der Zauberer und Hexen war. "Timmy wird - zumindest von letzterem Punkt - nicht begeistert sein!" dachte Steve bei sich. Er wusste ja, dass der Freund aus der Parallelklasse Bälle nicht ausstehen konnte, und der festen Überzeugung war, dies beruhe auf Gegenseitigkeit. "Mir schwirrt der Kopf!" brachte Steves Mutter endlich hervor: "Zauberer, Fliegende Besen, irgendwelche Spiele... und dann noch diese ganzen Haustiere, die die Kinder auf diesem Schloss halten dürfen...!?" "Nur eines, Ma!" entgegnete Steve. "Da steht, jeder Schüler dürfe eines der aufgelisteten Tiere halten bzw. mitbringen...!" Er überlegte. "Aber da fällt mir ein: wenn elektrische, batteriebetriebene Armbanduhren dort nicht funktionieren, kann man stattdessen eine mechanische zum Aufziehen mitbringen?! - Weil, ne Uhr braucht doch jeder, um zu wissen, wie spät es is'!" "Ja!" bestätigte ihm Herr Schulze vom Bundesamt. "Sie denken gut mit, junger Mann. - Mechanische Uhren ohne elektrische Bauteile funktionieren auch auf Schloss Bergklamm, und es empfielt sich als künftiger Schüler dort tatsächlich, eine Armband- oder Taschenuhr und/oder einen Wecker zu besitzen!" Steven sah sich inzwischen en zweiten Bogen Pergament an, der in dem mokkabraunen Kuvert gesteckt hatte. Es war die Liste der benötigten Schulbücher und Grundausstattung. Schulkleidung und -umhänge wurden aufgeführt, zahlreiche Schulbücher wie "Lehrbuch der Zaubersprüche - Band 1", "Verwandlungen für Anfänger" oder "Zaubertränke und Zauberbräue", das - wie Steve zutreffend vermutete - für den Zaubertrank-Unterricht benötigt wurde. Für letzteren wurde offenbar auch ein genormter Kessel, eine metallene Balkenwage und eine Reihe von anderen Dingen benötigt. Ganz am Ende der Liste fand sich der Hinweis: "Jede Schülerin und jeder Schüler auf Schloss Bergklamm benötigt ab Beginn der dortigen Ausbildung einen Zauberstab!" sowie die Aussage, dass das Mitbringen eines Besens und eines Haustiers zwar empfohlen, den Schülerinnen und Schülern jedoch freigestellt sei. Schülern und Schülerinnen aus der Bundesrepublik Deutschland wurde die "Karl-Schattenlicht-Straße in Bonn" oder wahlweise der "Obere" und "Untere Hexensteig" in Marburg an der Lahn als Adresse für ihre magischen Einkäufe für die Schule empfohlen.

"Das ... das alles muss ein Vermögen kosten!" brach es aus Stevens Mutter heraus. "Und wie ... wie soll ich das meinem Mann erklären, das ... unser Junge, dass er" Es fiel ihr schwer, es auszusprechen: "Dass er ein Zauberer ist?!" "Keine Sorge, Gnädige Frau, wir werden Ihren Mann ebenso in Kenntnis setzen, wie Sie und ihren Sohn!" beruhigte sie Aaron Becker. "Und was die Kosten angeht, wird aus dem zuständigen Fördertopf beim Bundesamt für magische Wesen ein Konto für Ihren Sohn Steven eingerichtet, so dass es ihm ohne Probleme möglich sein wird, alles zu erwerben, was für den Schulbesuch auf Schloss Bergklamm erforderlich ist! - Ich will jetzt nicht behaupten, dass er damit - rein finanziell gesehen - große Sprünge machen kann ... aber alles, was notwendig ist, wird bezahlt werden! - Und im Übrigen," fügte er an den Jungen gewandt hinzu, "empfehle ich Ihnen für den Schul-Einkauf die Karl-Schattenlicht-Straße in Bonn, die grenzt direkt an das Gebäude des Bundesamtes für magische Wesen. - Und ich könnte mir vorstellen, dass der Herr Geheim- und Ministerialrat Edmund F. Drekker Sie und Ihre beiden Freunde gerne einmal persönlich, von Angesicht zu Angesicht sehen würde, ehe Sie in Ihre neue Zaubererschule nach Österreich fahren!" Er zog ein Kärtchen mit der exakten Wegbeschreibung (unter Nutzung von Muggelverkehrsmitteln) für die Strecke zum Bonner Bundesamt für Magische Wesen aus der Innentasche seines Jacketts, und ließ es mit einem Zauberstabschlenker zu Steve fliegen, der es auffing. "In Ihrem eigenen Interesse möchten wir Sie, Frau Zachkovitz im Übrigen bitten, außer mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn - und, wenn es unbedingt sein muss - Ihrer Tochter, mit keinem anderen Muggel, also, keinem nichtmagischen Menschen außerhalb ihrer Familie, über das zu sprechen, was heute zwischen uns besprochen worden ist!" sagte Aaron Becker zu Stevens Mutter, die nur nicken konnte. Und an Steven gewandt: "Wir wünschen Ihnen einen erfolgreichen Eintritt in die magische Welt. - Wie Sie am ersten September nach Schloss Bergklamm in Österreich kommen, wird Ihnen noch mitgeteilt werden. - Wir empfehlen uns, da wir noch zwei weitere Besuche zu machen haben!" Er neigte den Kopf in Richtung Mutter und Sohn. "Behalten Sie Platz! Wir finden selbst hinaus!"

Besuch bei Will

Will überlegte noch, wie er seinen Vater dazu bringen sollte, ihm den dunkelbraunen, in Gold an ihn adressierten Umschlag auszuhändigen, und das auch noch ungeöffnet, als ein lauter Knall vor der Haustür, gefolgt von der anscheinend überaus heftigen Betätigung der Türglocke sowohl ihn als auch seinen Vater aus ihren Gedanken riss. Will, der die Ablenkung seines Vaters augenblicklich nutzte, um sich den Brief aus dessen Hand zu schnappen, meinte: "Ich glaub' ich sollte mal guck'n, wer da drauß'n is', Paps!" "Ja!" entgegnete sein Vater mürrisch, "Aber wenn's die Zeugen Jehovas sind, oder 'n Vorwerk-Vertreter, sag ihnen, sie soll'n sich zum Teufel scheren!" Will flitzte - den ungeöffneten Umschlag in der Hand - durch den kurzen, engen Flur zur Tür, und öffnete. Draußen, vor der Tür standen zwei Herren. Sie waren merkwürdig gekleidet, trugen Spitzhüte, wie die Hexe im «Zauberer von Oz» und lange Umhänge aus asphalt-grauem Wollstoff über ihren ziemlich altmodischen und konservativ geschnittenen Anzügen. "Sie sind Herr Wilhelm Mankowski, wie ich das sehe, und ihr Herr Vater ist ebenfalls zu Hause!" waren die Worte, mit denen der linke der Besucher, dessen angedeutete Hängebacken den Jungen unwillkürlich an einen Frosch oder das Bild eines Feldhamsters erinnerte, das den Einband des Biologiebuchs in der Schule zierte, ihn begrüßte. "Mein Kollege, Herr Aaron Becker und ich kommen vom Bundesamt für magische Wesen in Bonn!" ergänzte der deutlich schlankere, rechts stehende zweite Besucher. "Minsterialrat Edmund F. Drekker schickt uns, und wir würden gerne mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater über Ihren anstehenden Besuch der Zaubererschule Schloss Bergklamm sprechen... Aber das sollten wir besser im Wohnzimmer tun!"

"Will - was'n los? - Schick se weg - oder bring se rein!" rief sein Vater durch den Flur. Wenig überraschend entschied Will sich für letzteres, und Sekunden später fanden sich die Besucher und Will - der den noch immer ungeöffneten Brief in der Hand hielt - im väterlichen Wohnzimmer wieder. - Das Gespräch, das Aaron Becker und Jonas Schulze mit Will und seinem Vater führten, war im Wesentlichen das selbe, das sie auch mit Steve und dessen Mutter geführt hatten - abgesehen davon, dass sie zwar für den Jungen einen Stuhl mit dem Zauberstab in die Luft zeichneten, und so erscheinen ließen, nicht jedoch für den Vater, da dieser bereits auf dem Sofa saß. "Also, jetzt brauch ich was zu Trink'n!" grunzte Wills Vater - nach dem er ungläubig und fassungslos - gehört hatte, dass sein Sohn ein Zauberer sein und künftig eine Zaubererschule in Österreich besuchen sollte, und das ein Bundesamt, von dem er noch nie gehört hatte, für das Schulgeld jener Internatsschule wie auch für die dort benötigten Schulbücher und Schuluniformen aufkommen würde (eine Vorstellung, die ihn ziemlich rasch mit der unwillkommenen Eröffnung, einen Zauberer als Sohn zu haben, versöhnt hatte). "Einen Drink? - Aber natürlich, Herr Mankowski!" Mit einem Zauberstabschlenker beschwor Aaron Becker eine Flasche Cognac - Napoléon Private Reserve, 180 Jahre alt - und einen Cognacschwenker aus der Luft herauf. Ein weiteres Schnippen mit dem Zauberstab - Will sah dem Mitarbeiter des Bundesamtes fasziniert zu - und der mit scharlachrotem Wachs versiegelte Korken ploppte aus der Flasche und diese schenkte Wills Vater selbsttätig einen Dreistöckigen ein. Der Schrotthändler ergriff den Cognacschwenker, der sanft vor ihm auf dem Couchtisch gelandet war, roch zunächst misstrauisch - dann jedoch genießerisch - daran, und nahm einen großen Schluck der goldbraunen Flüssigkeit. "DAS nenn ich 'n Trop'n!" erklärte er mit unverholener Begeisterung. "Und wie ist das nun mit dieser Zauber... Zauberschule, auf die mein Will geh'n soll? - Is' dass auch was Ordentliches?" erkundigte er sich anschließend bei den beiden Besuchern. "Aber ja!" bestätigte Jonas Schulze dem Mann. "Ich würde dem jungen Herrn," er nickte Will zu, "empfehlen, seinen Brief zu öffnen, und ihn laut vorzulesen, dann erfahren sie alles, was Sie im Moment über die "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" wissen müssen!" Will (der den schicken, braunen Umschlag beim Öffnen nach Möglichkeit nicht so zerfetzen wollte, wie er es im ehemaligen Direktionsbüro der alten Ziegelei mit dem Kuvert des Briefs von dieser obskuren Schweizer Zaubererschule gemacht hatte) wandte sich dem Sideboard zu. Dort lag, neben zwei angebrochenen Schachteln Zigaretten, mehreren Feuerzeugen und Flaschenöffnern sowie einem Korkenzieher, auch ein beidseitig geschliffener Dolch. Den ergriff er, um das Kuvert vorsichtig an der einen Kante aufzutrennen.

Er entnahm den ersten der beiden Pergamentbögen, und begann ihn etwas stockend vorzulesen:

„An den werten Herren Wilhelm Mankowski!

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass sie als Schüler an der "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" in Österreich als Schüler aufgenommen sind, um hier bald möglichst ihre magische Ausbildung zu beginnen!

..."

Der folgende Brieftext war exakt der selbe, wie im Brief, den sein Freund Steve erhalten hatte (auch, wenn er das in dem Moment natürlich noch nicht wusste). Genau, wie Steves Brief endete auch bei Will der Text auf der ersten Seite mit dem Nachsatz:

"... Insbesondere muggelstämmige Schülerinnen und Schüler weisen wir darauf hin, dass Elektrizität und alle, auf Elektrischem Strom basierenden technischen Gerätschaften und Erfindungen der Muggel auf Schloss Bergklamm nicht funktionieren. - Es ist daher sinnlos, Dinge wie Taschenrechner, batteriebetriebene Armbanduhren, Mobiltelefone, Spielcomputer und Abspielgeräte für Tonträger aus der Muggelwelt mit in die Schule zu bringen!"

Letzteres veranlasste den stämmigen Jungen zu einer unfrohen Grimasse, da er seine PlayStation liebte, ausdauernd an dieser zockte, und - anders als sein jüngerer Freund Timmy - durchaus auch an dem brutalen Giga-Gemetzel Gefallen fand. "Kann ich wenigstens meine Tuba mit auf die Zauberschule nehm'n?" wollte er wissen. "Selbstverständlich, junger Mann!" entgegnete Jonas Schulze freundlich. "Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass Sie ein Musikinstrument spielen, wenn Sie Schloss Bergklamm besuchen - solange es ohne elektrischen Strom auskommt. Ich habe mir ja sagen lassen, dass einige Instrumente der Muggel - E-Gitarren und Keyboards - ohne nicht funktionieren...!" "Klasse!" meinte Will. "Zaubern und Tuba-Spielen...!" "Moment mal, Junge ... Du weißt, was wir vereinbart hatten!" warf sein Vater ein. "Du hast den Metallwert von dem Ding schließlich noch lange nicht abgearbeitet - und wenn Du jetzt auf diese ... diese Internatsschule gehst, kannst Du mir ja Samstags nicht mehr helfen ... höchstens in den Ferien, wenn überhaupt, und dann dauert das noch 'ne verdammte Ewigkeit, bis des Teil bezahlt ist!" "Ach, Papps...!" Will blickte seinen Vater halb verärgert, halb bettelnd an. "Ich muss in diese Schule nach Österreich, ohne meine PlayStation... dann lass mich doch bitte wenigstens die Tuba mitnehm'n...! - Ich bezahl sie Dir auch, sobald ich die Kohle hab...!" "Wenn es ein Problem gibt, weil das fragliche Instrument noch nicht komplett bezahlt ist, dann lässt sich das ebenso regeln, wie der Punkt der Schulgebühren und der Kosten für Schulkleidung, Zauberstab, Schulbücher und die sonstige Grundausstattung, die für den Besuch einer Zaubererschule unabdingbar sind," wandte Jonas Schulze ein, "Wenn sie erlauben, Herr Mankowski...!" Er zückte eine Brieftasche mit Muggelgeld, und zählte 15 Hundert-Mark-Scheine auf den Couchtisch. "Genügt dies...?" "Des sollte wohl langen...!" Gierig griff sich Wills Vater die Scheine, hielt einen davon prüfend gegen das trübe Licht der Birne der Wohnzimmerlampe, um zu prüfen, dass seine Besucher ihm kein Falschgeld gegeben hatten, und steckte sie ein. "Und, Junge, was sach't man?" fragte er, an seinen Sohn gewandt. "Danke, Herr Schulze!" strahlte Will. "Nichts zu Danken!" entgegnete der Mitarbeiter vom Bundesamt, der den Eindruck hatte, dass es für den Jungen nur gut sein mochte, wenn dieser aus dem väterlichen Haus herauskam. "Die Schuleinkäufe können Sie im übrigen in der Karl-Schattenlicht-Straße in Bonn, direkt hinter dem Bundesamt für magische Wesen erledigen." Er gab ihm - wie schon Steve - ein Kärtchen, das den Weg dorthin beschrieb, und verriet, wie dieser mit Muggel-Verkehrsmitteln zurückzulegen war. "Die Liste, was Sie im Einzelnen für das erste Schuljahr auf Schloss Bergklamm benötigen, finden Sie im Umschlag, und die erforderlichen finanziellen Mittel für die Einkäufe erhalten Sie dort vor Ort...!" "Super!" lautete Wills Reaktion. "Wir müssen uns dann verabschieden, Herr Mankowski, da wir heute noch einen weiteren Besuch zu machen haben," erklärte Aaron Becker, der seinen Zauberstab wegsteckte, dem Vater. "Darüber, wann und wie Sie, junger Herr, ihre erste Reise zu Ihrer neuen Zauberschule, nach Schloss Bergklamm antreten können, werden sie noch per Eulenpost benachrichtigt!" sagte er zu Will gewandt, und dann, wieder an dessen Vater gerichtet: "Behalten Sie Platz - wir finden alleine hinaus!" Sekunden später schloss sich die Haustüre hinter den beiden Mitarbeitern des Bundesamtes für Magische Wesen, und gleich darauf ertönte der scharfe Knall, als die beiden Zauberer disaparierten.

Besuch bei Timmy

Während Timmy noch verzweifelt überlegte, wie er seiner Mutter den anstehenden Schulwechsel beibringen sollte, ohne das Geheimhaltungsabkommen zu verletzen, während sein kleiner Halbbruder David, der es vor Neugier offensichtlich kaum aushielt, wie ein Gummiball auf und abhüpfte, tat es draußen, auf der Straße einen mächtigen Knall. Frau Andergaster fuhr alarmiert auf. - Es hatte sich fast so angehört, als ob da jemand einen Feuerwerkskörper unter ihren alten, silbernen Fiat Ritmo geworfen hätte, der am Bürgersteig parkte (einen dreisten und gefährlichen Streich, den sie jenem Wilhelm Mankowitz durchaus zutraute, dem Bengel des Schrotthändlers, mit dem ihr Sohn Timo unglücklicher Weise befreundet war). Dann läutete es an der Tür. Ziemlich heftig, und ausdauernd. - Da Timmy näher an der Tür von der Küche zum Flur war, als seine Mutter, lief er zur Haustür, um zu öffnen. Draußen standen - genau, wie es bei Steve und Will gewesen war - zwei Herren. Sie waren merkwürdig gekleidet, trugen Spitzhüte, wie die Hexe im «Zauberer von Oz» und lange Umhänge aus asphalt-grauem Wollstoff über ihren ziemlich altmodischen und konservativ geschnittenen Anzügen, mit denen ihnen - wie Timmy unwillkürlich überlegte - eigentlich viel zu warm sein musste. "Sie sind Timo Andergaster, junger Mann?" wurde er gefragt, was den rothaarigen Jungen unwillkürlich das Gesicht verziehen ließ, da er seinen Familiennamen nicht mochte, und es für ihn zudem völlig ungewohnt war, mit "Junger Mann" angesprochen zu werden. "Ihre Frau Mutter ist ebenfalls zu Hause? - Das trifft sich gut: Wir kommen vom Bundesamt für magische Wesen, Edmund F. Drekker schickt uns...!" Timmy guckte in höchstem Maße alarmiert. Würden die beiden Herren, von denen der eine stämmig gebaut war, und ein an einen Feldhamster oder einen großen Frosch erinnerndes, breitflächiges Gesicht hatte, seine Mutter davon in Kenntnis setzen, dass er und seine Freunde in der vergangenen Nacht Cornelius Fudge bestohlen hatten? - Das wäre eine Katastrophe! "Das, was wir ihrer Frau Mutter zu sagen haben, bespricht sich besser in der Küche, junger Mann!" sagte der linke, deutlich schlankere der beiden Besucher, und augenblicke später fanden sich Timmy und die beiden Herren vom Bundesamt in der Küche des Reihenhauses wieder, wo ihnen Frau Andergaster gegenübersaß. Auch hier wurden - zur nahezu grenzenlosen Verblüffung Timmys, seiner Mutter und des noch keine Fünf Jahre zählenden David Stühle mittels der Zauberstäbe der beiden Herren in die Luft gezeichnet, die daraufhin einfach im Raum erschienen, und beide Jungen zwangen, sich wie ihre Mutter zu setzen. "Gnädige Frau, dürfen wir uns vorstellen? - Aaron Becker und Jonas Schulze vom Bundesamt für magische Wesen. Wir sind hier, um Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ihr Sohn ein Zauberer ist! ..." Fassungslos musste sich Timmys und Davids Mutter in der Folge - ebenso, wie zuvor Stevens Mutter und Wills Vater - anhören, dass es eine magische Welt gab, Hexen und Zauberer, die heimlich neben der nicht-magischen Bevölkerung lebten, und dass ihr mittlerer Sohn zu diesen gehörte, und künftig nicht mehr hier, in Gelsenkirchen zur Schule gehen würde, sondern eine Zaubererschule in Österreich besuchen musste. Frau Andergaster musste mehrmals schwer schlucken, ehe es aus ihr herausbrach: "Hexen, Zauberer, Magie... dass hat mein armer Timo bestimmt von... von seinem Vater, diesem..." "Gnädige Frau, ein Zauberer oder gar eine Zaubererfamilie mit dem Namen "Andergaster" war bislang vollkommen unbekannt, ehe Ihr werter Herr Sohn in der vergangenen Nacht - unbewusst - zum ersten mal in seinem Leben einen Zauber ausgeübt hat!" wandte Jonas Schulze ein, der Sorge hatte, das Gespräch mit der Mutter des jungen Zauberers könnte sich in eine ungute Richtung entwickeln. "Mein Vater hieß NICHT Andergaster..." mischte Timmy sich ein. "Das war bloß der Name vom ersten Mann meiner Mutter, den sie angenommen hat, als sie den Vater meines Halbbruders Dirk geheiratet hat!" ("Leider!" fügte er noch - wenn auch nur in Gedanken - hinzu.) Die Mutter und der Junge hatten nun die volle Aufmerksamkeit der beiden Herren vom Bundesamt. "Ja," bestätigte die Mutter. "Martin, also, Martin Andergaster war mein Mann und der Vater meines Ältesten, Dirk. Er war Stahlbau-Monteur, und ist vor vielen Jahren, lange, ehe mein Timo hier geboren wurde, tödlich verunglückt, als er von einem Gerüst stürzte. Damals war mein Dirk erst drei... vielleicht ist das auch der Grund, warum er mir so entglitten ist!" Tränen traten ihr in die Augen. "Timos Vater ... er war Flussschiffer. Karel Šmetána... ein Hallodri und ein Lump! Wir hatten uns verlobt, als mein Timo unterwegs war, und dann ... und dann habe ich festgestellt, dass das ein Ehebrecher war, und ein Bigamist geworden wäre - wenn wir geheiratet hätten! Ich fand heraus, dass er schon verheiratet war, irgendwo da unten, auf dem Balkan! - Er hat mir zwar zu erklären versucht, dass das nur eine Zigeunerhochzeit ohne jegliche rechtlich-bindende Wirkung gewesen wäre, und dass er seine "Frau" seit über 10 Jahren nicht gesehen hätte... Aber nicht mit mir! - Ich habe selbstverständlich die Verlobung sofort gelöst, und ihn achtkantig rausgeschmissen...!" [A 6] Die beiden Herren vom Bundesamt für magische Wesen sahen sich an - ihrerseits etwas peinlich berührt, ob der Beichte der Mutter. Für Timmy auf der anderen Seite war das im Prinzip nicht wirklich neu. - Eigentlich hatte er es längst gewusst, auch, wenn seine Mutter ihm gegenüber nie derart offen und unverblümt davon gesprochen hatte, wie das damals mit seinem Vater gewesen war - während der kleine David ganz offensichtlich nicht wirklich verstand, worüber die Erwachsenen und sein Halbbruder da sprachen. "Ich bedaure, Gnädigste, aber auch ein Zauberer Karel Šmetána ist dem Bundesamt für magische Wesen leider vollkommen unbekannt..." beendete Jonas Schulze dieses unglückliche Thema. "Aber das spielt auch überhaupt keine Rolle! Magische Kinder können ebenso in Muggel- - also nicht-magischen - Familien geboren werden..." "Entscheidend," erklärte Aaron Becker, "ist, dass Ihr Sohn als frisch entdeckter, minderjähriger Zauberer Teil der magischen Welt ist, und damit auch deren Zaubereigesetzen unterworfen, etwa dem Internationalen Statut zur Geheimhaltung der Magie von 1689 oder dem Erlass zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger von 1875, der es ihm verbietet, außerhalb einer anerkannten Zaubererschule zu zaubern, ehe er 17 ist. - Gerade darum ist es unabdingbar, dass der junge Herr Timo Andergaster eine solche Zaubererschule besucht, und dort seine magische Ausbildung absolviert...!" Weiterhin führten die beiden Herren vom Bonner Bundesamt aus, dass es sich bei den Zaubererschulen um Internatsschulen handelte, und dass das Bundesamt für Magische Wesen unter dem geschätzten Ministerialrat Edmund F. Drekker mittels Fördergeldern für die Schulgebühren und die Kosten für Schulkleidung und Schulbücher muggelgeborener Zauberer und Hexen aufkäme. Timmys Mutter fiel es immer noch außerordentlich schwer, all dies zu glauben - und zu verdauen - aber Timmy bestätigte ihr, dass Edmund F. Drekker nicht nur ihm, sondern auch seinen Freunden und Kameraden Steve und Will eben dies in einem mittels einer Schleiereule übermittelten Brief mitgeteilt hatte, und alle drei Freunde entschlossen waren, die von diesem empfohlene, österreichische Zaubererschule auf Schloss Bergklamm zu besuchen. Wie Steve und Will las auch er - von Jonas Schulze ermuntert - seinen Brief der staunenden Mutter (und dem fasziniert, wenn gleich vollkommen verständnislos lauschenden, kleinen David) laut vor:

„An den werten Herren Timo Andergaster!

Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass sie als Schüler an der "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" in Österreich als Schüler aufgenommen sind, um hier bald möglichst ihre magische Ausbildung zu beginnen!

..."

Um anschließend, nachdem er bei dem Nachsatz angekommen war, und - wenig erfreut - die Erklärung Aaron Beckers, was Quidditch war, zur Kenntnis genommen hatte (er hatte das unbestimmte Gefühl, dass er auf Klatscher vermutlich wie ein Magnet wirken würde...), das zweite Blatt Pergament aus dem mokkabraunen Umschlag zu ziehen.

Timmys Liste

Mit zunehmend größer werdenden Augen las Timmy:

Alle Erstklässler an der "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" benötigen:

Schulkleidung:

  • min. drei Sätze, bestehend aus: Hose, dunkelblau, Sakko, marineblau mit mokkabraunen Aufschlägen und Kragen (Knöpfe für Erstklässler: Messing - Gold oder Elektrum ist NICHT gestattet!), Hemd oder Polo-Shirt, weiß
  • min. zwei Zaubererumhänge, mokkabraun
  • min. einen Zaubererhut, spitz, marineblau, mit mokkabraunem Hutband
  • Persönliche Leib- und Nachtwäsche, Hausschuhe
  • empfohlen: ein Reise/Winterumhang, wetterfest, ebenfalls mokkabraun
  • ein Paar Schutzhandschuhe (Drachenhaut od. Äquivalent) - zwingend erforderlich!
  • eine Arbeitsschürze (Öl- oder Wachstuch, besser: Drachenhaut oder Äquivalent)
  • Wetterfestes Schuhwerk

Schulbücher

Sonstiges:

  • Ein Kessel - Normgröße 1, Zinn (faltbare Kessel sind gestattet, selbstumrührende Kessel nicht)
  • Eine Wage - Messing o. ä.
  • Ein Satz Bechergläser und verschließbarer Kristallfakkons (Grundausstattung, Normgröße)
Achtung: Erstklässler müssen KEINE Zaubertrankzutaten mitbringen. - Diese werden im ersten Jahr im Unterricht von der Schule gestellt.

Besonders Wichtig:

  • Jede Schülerin und jeder Schüler auf Schloss Bergklamm benötigt ab Beginn der dortigen Ausbildung ZWINGEND NOTWENDIGER WEISE einen eigenen, persönlichen Zauberstab!
Das Mitbringen eines eigenen Besens (für Flugunterricht und Besensport) und EINES Haustiers (Liste der auf Schloss Bergklamm zulässigen Haustiere siehe Anschreiben, Blatt 1) wird ausdrücklich empfohlen, bleibt den Schülerinnen und Schülern jedoch freigestellt.
Schülern und Schülerinnen aus der Bundesrepublik Deutschland empfehlen wir für ihre magischen Einkäufe für die Schule die "Karl-Schattenlicht-Straße" in Bonn oder wahlweise den "Oberen" und "Unteren Hexensteig" in Marburg an der Lahn.

gez. Maria Theresia Haten, Schulleiterin auf Schloss Bergklamm.

"Oh Mann...!" entfuhr es ihm. "Das ganze Zeug bauch' ich für ein einziges Schuljahr?!" "Allerdings!" bestätigte Jonas Schulze. "Aber Sie - wie auch Ihre Mutter - brauchen sich deswegen keine Sorgen zu machen. Wie mein Kollege Becker bereits erwähnte, gibt es beim Bundesamt für Magische Wesen ausdrücklich einen Fördertopf, aus dem Sie und Ihre Frau Mutter Unterstüzung zur Bezahlung der Schulgebühren wie auch Schulausstattung und -bücher erhalten. - Wenn Sie zwecks Einkauf nach Bonn, in die Karl-Schattenlicht-Straße kommen, wird Ihnen hierfür ein Konto bei einer Zaubererbank zur Fügung gestellt. - Im Übrigen denke ich, dass der Herr Geheim- und Ministerialrat Edmund F. Drekker Sie und Ihre beiden Freunde auch gerne persönlich, von Angesicht zu Angesicht sehen würde, ehe Sie Ihre Ausbildung auf Schloss Bergklamm beginnen!" Wie schon Steve und Will erhielt auch Timmy eine Karte, die ihm verriet, wie er mittels Muggel-Verkehrsmitteln nach Bonn, zum Bundesamt und zur hinter dem Amtsgebäude gelegenen Karl-Schattenlicht-Straße kam.

Ebenso, wie schon Steves Mutter, wurde auch die Mutter Timmys/Timos von den beiden Mitarbeitern des Bundesamtes für magische Wesen darauf hingewiesen, dass sie - in ihrem eigenen Interesse - außerhalb der eigenen Famlie nicht über das so eben gehörte und erfahrene sprechen solle. (Aaron Becker hatte überlegt, ob es angeraten sein könnte, den kleinen David zu Oblivieren, jedoch davon Abstand genommen, dies vorzuschlagen oder auszuführen, da er befürchtete, die Mutter des jungen Zauberers andernfalls gegen die magische Welt aufzubringen.) Anschließend erwähnten sie noch, dass Timmy noch separate Eulenpost erhalten werde, wie, wann und auf welchem Wege er nach Schloss Bergklamm zu reisen habe, ehe sie sich mit den Worten "Wir müssen jetzt zurück nach Bonn!" verabschiedeten, das Haus verließen, und ein weiteres Mal mit vernehmlichem Knall disapparierten.

Die letzten Schulwochen

Der Rest der Schulwoche verging für die drei Freunde wie im Fluge. Bereits am Donnerstag morgen, auf dem Schulweg berichteten sie einander von den Besuchen der beiden Herrn vom Bundesamt für Magische Wesen aus Bonn, die Edmund F. Drekker offenbar zu ihren Eltern geschickt hatte, um diese in Kenntnis zu setzen, dass sie Zauberer als Söhne hatten, und dass diese eine Zaubererschule und ein Internat in Österreich besuchen würden. Will meinte, die Hunderter, die der eine der beiden seinem Papps für die Tuba gegeben hatte, und die Flasche mit dem über 100jährigen Cognac hätten sicher mehr als nur ein Bisschen dazu beigetragen, dass sein Vater so rasch zugestimmt hätte. "Du kannst Deine olle Tuba mit nach Schloss Bergklamm nehmen?" hatte Steve gefragt. "Ja, kann ich... die PlayStation muss ich ja nu'mal hier lassen, weil sie dort wohl nich' funktionieren würde... wie alles, was elektrischen Strom oder Batterien braucht!" "Stimmt!" Steve hatte dem Freund die alte, mechanische Armbanduhr von seinem Opa gezeigt, die er jetzt bereits trug, um sich schon einmal daran zu gewöhnen, dass er sie täglich aufziehen musste. - Sie waren rasch übereingekommen, dass sie in den letzten Wochen bis zum ersten September, an dem sie - auf welchem Wege auch immer - nach Österreich, in ihre neue Zaubererschule fahren sollten, keine nächtlichen Diebestouren mehr unternehmen würden. - Wer wusste denn schon, ob dieser Edmund F. Drekker und sein Bundesamt sie nicht auch dann magisch überwachen konnte, wenn sie dessen Zauberverbot beachteten?! - Das Risiko, die Chance zum Besuch der Zaubererschule Schloss Bergklamm im letzten Moment doch noch zu verspielen, wollte jedenfalls keiner der drei einzugehen...

Eigenartiger Weise schienen Direktor und Lehrer ihrer Schule bereits informiert zu sein, dass sie zum 1. September auf eine andere Schule, ein Internat wechseln würden. - Und, was noch seltsamer war, keinem einzigen unter den Lehrkräften kam dies auch nur im Geringsten seltsam vor. - Auch, dass man sie in der kommenden Woche Donnerstag den ganzen Tag vom Unterricht freistellen sollte, damit sie Zeit für für den Schulwechsel notwendige Erledigungen hätten, erschien offenbar keinem Lehrer merkwürdig oder in irgendeiner Form unangebracht.

Wilhelms Vater hatte seinem Sprössling - da nun einmal fest stand, dass dieser das Zaubererinternat in Österreich besuchen würde - 50 Mark für eine Zugfahrt nach Bonn in die Hand gedrückt. - Vermutlich hätte Will die eingesteckt, und es mit Schwarzfahren probiert. Da Stevens Mutter jedoch anbot, nicht nur ihren eigenen Sohn, sondern auch dessen beide Freunde - Timmy und Will - in ihrem alten 1er Golf nach Bonn (und nach dem Einkauf wieder zurück) zu kutschieren, hatte er das Angebot dankend angenommen. Dass er (und die beiden anderen Buben) zusätzlich noch etwas Bargeld aus den nächtlichen Fischzügen der letzten Wochen besaßen, und er und Steve ja auch je die Hälfte von Cornelius Fudges Zauberergeld, wussten zum Glück weder sein alter Herr noch die Mütter seiner beiden Kumpels...

Am Samstag hatten Timmy/Timo, dessen kleiner Halbbruder David und die gemeinsame Mutter den Besuch im Jugendgefängnis bei Timos und Davids älterem Halbbruder Dirk absolviert. - Übereinstimmend hatten die Mutter und der mittlere Sohn beschlossen, Dirk nichts davon zu verraten, was ihnen Edmund F. Drekker und seine Mitarbeiter vom Bundesamt für magische Wesen offenbart hatten. Mutter und Sohn waren sich einig, dass sie dem 18jährigen nicht hinreichend vertrauten, dass der sich im Zweifelsfalle darum scheren würde, das internationale Statut zur Geheimhaltung der Magie zu respektieren, und nicht anfing, das Gehörte unter seinen Mithäftlingen herumzuerzählen, egal, wie wenig die ihm in einem solchen Fall Glauben schenken mochten. - Das anschließende, ausufernde Essen bei Burger King hatten Timmy und David jedenfalls genossen (ihre Mutter dagegen weniger)...

Falls David im Übrigen im Kindergarten geschwatzt haben mochte, schien dort zumindest kein Erwachsener - also kein Erzieher und keine Erzieherin - die "Phantastereien" eines äußerst phantasievollen und für sein Alter noch ziemlich unreifen Vierjährigen sonderlich ernst, geschweige denn für bare Münze zu nehmen. Zudem war die Tatsache, dass es bei ihm - seit jenem Mittwoch - im Kindergarten keine nassen Hosen oder größeren Mallheure mehr gegeben hatte, für die Erzieherinnen eindeutig von größerem Interesse.

Und dann war auch schon wieder Donnerstag, der Tag, wo für die Buben die Einkaufsfahrt nach Bonn anstand...

Schuleinkäufe in Bonn

Anreise

Während sie im alten VW Golf von Frau Zachkovitz unterwegs nach Bonn waren, überlegten die Jungen (und wohl auch Stevens Mutter) wie das mit diesem Geheimhaltungsabkommen und einem Bundesamt für Magische Wesen mit einer offiziellen Adresse in Bonn zusammengehen mochte, wo es einen "amtseigenen Laden" und ein "Besuchercafé" geben sollte. - Sie sollten es erfahren: Nachdem die Mutter einen Parkplatz gesucht und gefunden hatte, stellten sie fest, dass sich unter der angegebenen Adresse ein - scheinbar ehemaliges - Regierungsgebäude aus der Zeit vor der deutschen Wiedervereinigung befand, das offenbar gerade saniert oder umgebaut wurde. Ein Bauschild an dem mit Gerüsten und Planen komplett verhüllten, neo-klassizistischen Komplex verriet allerdings, dass die Umbaumaßnahmen anscheinend bereits vor 20 Jahren begonnen hatten. In den Planen klaffte eine Lücke, durch die man eine Tür erreichte, und ein Schild wies auf das «Bundesamt für Magische Wesen» hin, mit dem Zusatz "e.V." für "eingetragener Verein". - Zusätzlich stand dort zu lesen, dass der Verkauf im Shop und der Betrieb des Cafés während der Bautätigkeit weitergehen. - Was zunächst als krasser Verstoß gegen das Internationale Statut zur Geheimhaltung der Magie erschien, stellte sich als geniale Irreführung der Muggel heraus: Scheinbar handelte es sich bei dem "Bundesamt" um einen Verein der als Kleinverlag für alternative Fantasy-Literatur fungierte, und daneben im vereinseigenen Laden Souveniers verkaufte, etwa Tassen, die mit absurd-ironischen, völlig überzogenen, angeblichen Verordnungen "Edmund F. Drekkers" bedruckt waren. So war auf einer Tasse etwa zu lesen, "Engel seien auch nur Geflügel, und könnten bei Vogelgrippe-Verdacht gekeult werden", und eine andere trug die Aufschrift dass "Drachenhaltung in urbanen Habitaten auflagenfrei zu genehmigen sei" oder "Kosten für Staupe-Impfung und Kastration von als Wachhund gehaltenen Werwölfen steuerlich absetzbar wäre". - Es fiel den drei Buben nicht schwer, zu begreifen, dass jeder Muggel, der den Laden betrat, das "Bundesamt" angesichts dieses Angebots nur für einen Witz halten konnte, und dem entsprechend auch die Idee, irgendwelche magischen Wesen könnten tatsächlich existieren, nur als vollkommen absurd von sich weisen würde. Ansonsten wurden hier noch Honig von "amtseigenen" Bienen und daraus hergestellter Met verkauft [A 8].

Wie auf der Karte, die jeder von ihnen von Jonas Schulze bei dessen Besuch im jeweiligen Elternhaus erhalten hatte, angewiesen zeigten sie - da außer Steves Mutter - keine Muggel im Geschäft anwesend waren, der Verkäuferin ihre Schulbuchlisten, und wurden nach hinten geführt, wo es - laut einem Schild - zur "Personal-Toilette" ging. Stevens Mutter musste als Muggel - leider - im öffentlichen, der Muggelwelt zugänglichen Laden oder dem Besuchercafé warten. - Die Verkäuferin (in Wahrheit eine Mitarbeiterin des echten Bundesamtes für Magische Wesen) überzeugte sich mit einem Rundblick, dass sie außer den drei Buben keine Zuschauer hatte, zückte einen Zauberstab, und tippte den massiven, goldenen Rahmen eines Spiegels an, der vor grotesken Gargoylen nur so starrte. Dazu murmelte sie "Alohomora". Dann forderte sie die Jungen auf, in die Spiegelfläche einzutreten. Obwohl diese zu nächst zögerten, da sie instinktiv fürchteten sich schmerzhaft am Spiegelglas zu stoßen, oder dies gar zu zerbrechen, und sich an den Scherben zu verletzen, folgten sie der Aufforderung ...

In der Karl-Schattenlicht-Straße

...und betraten eine vollkommen andere Welt: sie fanden sich im hellen Sonnenlicht in einer Straße - oder wohl eher Fußgängerzone - wieder, in der sich ein kleines Geschäft an das andere reihte. Als sie sich umwandten, erkannten sie, dass sie aus einem hohen, verspiegelten und bis zum Boden- oder Straßenniveau hinabreichenden Fenster herausgetreten waren, dessen Beschriftung in geschwungenen, grünen und goldenen Lettern darauf verwies, dass es links davon zum Besuchereingang des Bundesamtes für magische Wesen gehe. Tatsächlich befand sich dort eine marmorne Freitreppe mit sieben Stufen, die zu einer prächtigen, Schnitzwerk-verzierten Doppeltür mit Adler- oder Greifenköpfigen Türklinken hinaufführte, über der zu lesen stand: "Bundesamt für Magische Wesen der Bundesrepublik Deutschland". Direkt daneben wies ein massives, goldenes Schild auf eine Filiale von "Gringotts" hin, wo - wie ihnen Jonas Schreiber und Aaron Becker am Mittwoch der vergangenen Woche verraten hatten - Konten aus dem Zuschuss- und Fördertopf des Bundesamtes für die drei angehenden Zauberschüler eingerichtet worden wären. Direkt gegenüber gab es ein schmalbrüstiges Haus, das - laut Ladenschild - eine Apotheke war, wenn auch anscheinend eine aus dem ausgehenden Mittelalter, daneben «Elizabeth Prieurs Federkiele & Papeteriewaren», und ein Haus weiter einen Laden, der - von seinen Auslagen ausgehend - wohl ausschließlich Zaubertrankkessel in allen Größen und aus einer Vielzahl unterschiedlicher Metalle verkaufte. Rechts neben dem Spiegelfenster, durch das die drei die Einkaufsstraße betreten hatten, war offenbar eine Art Modehaus. Ein Plakat, auf dem - anscheinend - eine Karrikatur des "Tapferen Schneiderleins" aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm herumhampelte, warb dafür, dass hier die "vorschriftsgemäßen Schulumhänge und Roben für die Schüler der Zaubererschulen Beauxbatons, Durmstrang & Hogwarts wie auch Schuluniformen für die Zaubererschule Schloss Bergklamm und weitere europäische Einrichtungen zur Magierausbildung" erhältlich seien. - Überhaupt hatten figürliche Darstellungen auf Plakaten und Werbeschildern in dieser Straße die - für die drei Jungen höchst irritierende - Angewohnheit, sich zu bewegen...

"Das ... das ist unglaublich!" konnte Timmy nicht länger an sich halten. Wie seine beiden Freunde wusste auch er kaum, worauf er seine Augen als erstes richten sollte. "Also, Will und ich brauch'n als allererstes jeder 'nen Zauberstab! - Und dann müssen wir wohl Klamotten und Schulbücher kaufen... und natürlich auch jeder 'nen Kessel." stellte Steve fest, aber Timmy widersprach dem weissblonden Freund: "Also zu allererst müssen wir - glaub ich - zu dieser Bank, wo man die Konten für uns eingerichtet hat. Weil, Kredit wird man Jungen wie uns hier wohl kaum einräumen, und ob Eure je 13 Galleonen und 15 Sickel ausreichen, um einen Zauberstab zu kaufen, wage ich zu bezweifeln!" Will schnitt eine Grimasse, da ihm offenbar aufging, dass Timmy - möglicherweise - mit Cornelius Fudges Zauberstab besser dran war, als er mit seiner Hälfte von dessen Zauberergeld. Er verzichtete jedoch darauf, den Jüngeren deswegen anzupflaumen, da er sich auf der anderen Seite auch daran erinnerte, dass er den Stab - nachdem er hinter der Schulcaféteria versehendtlich die Ente geschockt hatte - gar nicht schnell genug hatte loswerden können... "Ich denk', Timmy könnte recht haben..." meinte Steve. "Also zu erst zur Bank!" "Ganz genau! - Aber" wandte Timmy mit schelmischen Grinsen ein, "bitte nich' so, wie in den alten Chicago-Gangsterfilmen!" "Nee!" Will musste nun auch grinsen. "So bescheuert, in 'ner Straße voller erwachsener Zauberer und direkt neben dem Haupteingang von ner Behörde, die die Einhaltung von Zauberergesetzen überwacht, 'ne Zaubererbank zu überfallen, wäre vermutlich noch nicht mal dein bekloppter Halbbruder, dieser Dirk!" Timmy bestätigte dies mit einem Nicken, auch, wenn er sich - was den Geisteszustand seines älteren Halbbruders anging - gar nicht so sicher war.

Bankgeschäfte

Auch zur Tür der Gringotts-Filiale führten Steinstufen hinauf, wobei diese für Erwachsene Menschen - und selbst für den für sein Alter lang aufgeschossenen, weissblonden Steve - unbequem niedrig waren. Warum dies so war, offenbarte sich den Jungen, sls sich die über und über mit goldglänzenden, dicken Blechen beschlagene Tür für sie öffnete: Die Angestellten der Bank waren alle samt Kobolde! "Raus, oder rein?!" wurden sie von einem Kobold, der offenbar die Rolle eines Türhüters einnahm angeschnauzt, als sie mit offenen Mündern mehrere Minuten auf das Treiben in geradezu unverschämt geräumigen Schalterhalle der Bank starrten, die - nach herkömmlichen, bautechnischen Gesichtspunkten in dem Gebäude eigentlich gar keinen Platz hätte haben dürfen. "R... R... Rein!" brachte Timmy mit einiger Mühe heraus. "Und zu welchem Zweck, wenn ich fragen darf?!" schnarrte der Türhüter agressiv. "Wir... Bundesamt ... Fordertopf, Konten eingerichtet!" verhaspelte sich der rothaarige Bub, den die glotzenden, rötlichen Augen des Kobolds - der einen Anzug trug, der auch an einem Banker in der New Yorker Wallstreet (oder einem Chicago-Gangster) nicht deplaziert gewirkt hätte - und dessen spitze Zähne sichtlich einschüchterten. "Aha! - Wieder einmal ein paar junge Habenichtse, die dem Bundesamt für magische Wesen auf der Tasche liegen! - Dieser Edmund F. Drekker ist einfach zu weichherzig für sein Amt...!" Sowohl Will als auch Steve war anzusehen, wie sehr sie die Worte des Kobolds trafen, und dass ihnen beiden eine höchst undiplomatische Antwort auf der Zunge lag, aber zum Glück wurde der Kobold abgelenkt, als ein an der Wand hängendes, bewegliches Portrait eines äußerst hässlichen Kobolds mit gewaltigem Vollbart einen gackernden Redeschwall ausstieß, von dem die Jungen kein Wort verstand, da das lebende Gemälde Koboldogack sprach. Offenbar blieb die Ansprache auf den Türhüter nicht ohne Wirkung, da dieser sich zu den Buben umwandte, ihnen einen "Seid Ihr immer noch da?!"-Blick schenkte, und schnarrte: "Auszahlung von Geldern von Konten aus amtlichen Fördertöpfen zweiter Schalter, dahinten, ganz links!" ehe er sich wieder abwandte. Die drei Freunde beeilten sich, zu dem fraglichen Schalter zu gelangen, wobei sie verzweifelt darauf achteten, keinen der vielen Kobolde - und der erwachsenen Hexen und Zauberer - in der Schalterhalle anzurempeln.

Vor dem Schalter, zu dem sie der Türhüter geschickt hatte, stand eine kleine Schlange: Ein gedrungener Junge mit blauschwarzem, wie eingeölt wirkenden Haar, nicht größer, als Timmy, aber fast doppelt so breit, in scharlachrotem Zaubererumhang der - wiewohl es zumindest draußen, in der Sonne viel zu warm dafür war - einen stumpfen, an eine überfahrene Bisamratte erinnernden Pelzkragen aufwies. Eine wahrhaft abscheulich anzusehende Alte in Begleitung zweier stockdürrer Mädchen in grauen, extrem unkleidsamen Kittelkleidern, die wie leere Säcke an ihnen hingen. Und ein blonder Junge, dessen Locken wie mit Blattgold überzogen wirkten, und der anscheinend eine Schuluniform der österreichischen Zauberschule trug, die Timmy, Will und Steve sich erst noch kaufen mussten. Der Blonde verhandelte gerade mit dem - sichtlich übellaunigen und missmutigen - Kobold hinter dem Schalter, und erhielt eine größere Anzahl von goldenen Galleonen. Die grässlich anzusehende Hexe - eine Sabberhexe, was jedoch keiner der drei Freunde wissen konnte - wandte sich zu ihnen um, ließ den Blick ihrer in unterschiedliche Richtungen glotzenden Augen über die Jungen schweifen, ehe er an Timmy hängenblieb. Das Wort, das ihrer Mundhöhle voller krummer und schiefer, gelber Zähne entwich, mochte "Lecker!" lauten, was die beiden dürren Mädchen veranlasste, heftig an den Ärmeln der Alten zu zerren, und sie mit den Worten "Nicht! Nicht, Tante...!" zu bestürmen. Dies zeigte offenbar Wirkung, da sie sich wieder nach vorn wandte, wo jetzt der kleine, dicke Junge in dem roten Schulumhang (ein Durmstrang-Schüler) sich lediglich eine einzige Galleone aber dafür einen ganzen Haufen silberne Sickel und bronzene Knuts auszahlen ließ. Die Sabberhexe war als nächste dran, und bekam von dem Kobold, den ihr Anblick - im Gegensatz zu den Jungen - nicht schrecken konnte, eine kleinere Anzahl Goldstücke, und ebenfalls einen Haufen Silber- und Bronzemünzen, ehe sie - begleitet von den argwöhnischen Blicken des Türhüters - mit ihren beiden Mädchen die Schalterhalle verließ. Dann waren Timmy, Will und Steve an der Reihe. "Namen?" wurden sie von dem Kobold hinter dem Schalter angeschnauzt, der ein gestreiftes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und einen steifen, grünen Augenschirm trug, wie die Croupiers in den Spielhöllen in alten Gangsterfilmen. "Timmy ... ähm, Timo Andergaster!" "Steven Zachkovitz!" "Wilhelm Mankowski!" "Abheben, nehme ich an...?" fragend blickte der Kobold sie an. "Ähm... ja!" meinte Timmy. "Wieviel ... wieviel Geld ist denn auf den Konten, die ... die der Herr Ministerialrat für uns eingerichtet hat...?" Er - wie auch seine beiden Freunde - hatten nicht die geringste Ahnung, wie hoch der Betrag sein mochte, der ihnen für den Einkauf ihrer Schulausstattung zur Verfügung stand, oder was man für eine Galleone, einen Sickel oder einen Knut bekam. "Euch stehen für das erste Trimester in diesem Jahr je 190 Galleonen, 11 Sickel und 14 Knuts zur Verfügung!" lautete die gereizt klingende Antwort des Kobolds hinter dem Schalter. "Die Schulgebühr wird direkt an Eure Zaubererschule - Schloss Bergklamm - bezahlt!" "Dann... dann geben sie uns je 100 Galleonen!" verlangte Steve, der bei sich dachte, dass er keine große Lust hatte, sich heute noch ein zweites Mal zum Geldabheben anzustellen. "Wie die jungen ... Herren wünschen!" der abfällige Unterton war nicht zu überhören. Vor den Augen der Buben zählten insgesamt fünf der Kobolde die Münzen in drei große, lederne Geldbeutel, die dem ähnelten, den Fudge bei sich getragen hatte, aber noch deutlich voluminöser waren. "Das war's und jetzt raus...!" ihnen wurden die Geldbeutel zugeschoben, die offenbar eine magische Eigenschaft haben mussten, da sie trotz der je 100 großen Goldmünzen - die rein physikalisch auch gar nicht darin Platz gehabt hätten - nicht so schwer waren, dass die Jungen sie nicht hätten tragen können. Mit Höflichkeitsfloskeln wie "Beehren sie uns bald wieder!" schienen Kobolde sich nicht aufzuhalten. Sie wandten sich zum Ausgang, während der Kobold hinter dem Schalter nur schnarrte: "Der nächste...!"

Als sie die Schalterhalle von Gringotts verließen, und ersteinmal erleichtert aufseufzten, als sie wieder draußen, im hellen Sonnenlicht standen, erwartete sie dort der blonde Lockenkopf, der etwa so groß wie Steve war, aber - vermutlich - mindestens ein Jahr älter und in der Zauberschule eine Klasse über ihnen. "Muggelstämmig?" fragte er. "Fangt wohl am ersten September Euer erstes Jahr auf Schloss Bergklamm an, ja?" Er schenkte den dreien ein breites Lächeln. "Lasst Euch von den Gringotts-Kobolden nicht kirre machen! - Die behandeln alle Kunden so... Und seid vorsichtig mit Eurem Gold. - Nicht jeder weiss zwischen "mein" und "dein" zu unterscheiden ... das ist in der magischen Welt auch nicht anders, als bei den Muggeln." Er lachte, als er die konsternierten Mienen der drei sah. "Wenn ich ihr wäre, würde ich derart prall gefüllte Geldbeutel nicht so offen herumtragen, wenn Durmstrang-Schüler in der Nähe sind. - Und Sabberhexen geht ihr besser auch aus dem Weg!" Er kicherte. "Die haben Jungs wie den kleinen Durmstrang oder Dich, Karottenkopf, nämlich zum Fressen gern...!" "Äh... Danke für die Warnung!" meinte Timmy, der sich nicht ganz sicher war, was er von dem Jungen halten sollte, der offensichtlich auf dieselbe Zaubererschule ging, die sie auch besuchen würden. "Ach ja: Ich habe mich noch überhaupt nicht vorgestellt. - Ich schätze, die Umgangsformen der Gringotts-Kobolde müssen wohl doch ansteckend sein." Er zuckte entschuldigend die Schultern, wobei sein schelmisches Lächeln die Geste Lügen strafte. "Ich bin Alexander Walter. - Komme auf Schloss Bergklamm jetzt ins dritte Jahr. Vater Muggel, Mutter Hexe... aber keine Sabberhexe, wenn Euch das beruhigt!" "Timmy!" stellte dieser sich vor. "Andergaster ... auch, wenn das blos der Name vom ersten Mann meiner Mutter war, den sie - leider - geheiratet hat!" Er schüttelte den Kopf. "Ich hasse diesen Namen... da würde ich sogar noch lieber Grindelwald heißen!" Der Lockenkopf blickte alarmiert. "Sag Das Nie Wieder!" verlangte er. "Gellert Grindelwald war der schlimmste Schwarze Magier, der seit Jahrhunderten bei uns, auf dem Kontinent gewütet hat! Abgesehen von Du-weisst-schon-wem, natürlich..." "Autsch...!" meinte Steve. "Da hast Du Dich ja mal sowas von in die Nesseln gesetzt, Timmy!" "Ähmmm... is mir so rausgerutscht!" druckste Timmy. "Ich hatte ja keine Ahnung, wer dieser ... dieser Grindelwald is' - ich wusste blos, dass der irgendwo in nem Knast namens Nurmengard hockt - aber nicht, weswegen..." "Na gut!" meinte der Junge, der sich als Alexander Walter vorgestellt hatte. "Wenn ihr ohne jeden Kontakt zur magischen Welt aufgewachsen seid, konntest Du natürlich nicht wissen, dass Grindelwald - oder Du-weisst-schon-wer - bei uns Tabus berühren, und es Namen gibt, die man wirklich nicht leichtfertig oder im Scherz aussprechen sollte!" Er zuckte erneut sie Schultern. "Und ihr beide?" "Will ... Mankowski - mein Papps is' Schrotthändler. An meine Mutter erinner ich mich nich' mehr...!" "Steve ... Zachkovitz. Mein Pa is' 'n Muggelbeamter, meine Ma Hausfrau. Die hat uns auch heute nach Bonn gefahren, damit wir unsre Schulsachen kaufen können!" "Gefahren? - Ach so, ja - natürlich - mit nem Muggel-Auto. - Ihr kennt ja sicher weder Flohpulver, noch Portschlüssel, oder Seit-an-Seit-Apparieren!?" "Nö!" bestätigte Steve. "Ha'm wir alles noch nie gehört...! - Aber jetzt müss'n wir uns echt um unsere Einkäufe kümmern." Er zog das Pergament mit der Liste mit der Schulausstattung aus der Tasche. "Du weisst doch garantiert, wo wir Zauberstäbe kaufen können, Walter, oder?" "Steve und ich brauch'n nämlich als erste 'n Zauberstab ... Timmy hat ja schon einen!" Wills vorlaute Bemerkung veranlasste Timmy, den kräftigen Freund zornig vor's Schienenbein zu treten. Vermutlich, dachte er bei sich, war es keine gute Idee, einem wildfremden Schüler ihrer zukünftigen Schule zu verraten, dass er einen Zauberstab sein Eigen nannte, der auf entschieden irregulärem Weg in seine Hände gelangt war. Falls der blonde Lockenkopf bei Wills Worten auf den richtigen - bzw. falschen - Schluss kam, ließ er es sich nicht anmerken. "Zauberstäbe?! - Aber klar doch! - Kommt mit...!" Die drei blickten sich an, und entschieden dann, dass es vermutlich kein Fehler war, ihm zu folgen. Immerhin war er ja ein künftiger Mitschüler (wenn auch kein Klassenkamerad) von ihnen, der sich - im Gegensatz zu ihnen - in der Zaubererwelt auskannte.

Jetzt kauf'n wir uns 'nen Zauberstab

Die drei Jungen mussten sich zwingen, mit dem blondgelockten Alexander Schritt zu halten, und nicht immer langsamer zu werden, weil es überall in dieser Einkaufsstraße so viel Neues zu entdecken gab. - Die Eröffnung der Mitarbeiter des Bundesamtes für Magische Wesen am Mittwoch-Nachmittag der vergangenen Woche, dass es eine magische Gemeinschaft gab, die im Untergrund lebte, und faktisch in nahezu jedem Land der Erde eine Parallelgesellschaft zur nicht-magischen Bevölkerungsmehrheit bildete, hatte sie nicht darauf vorbereitet, wievielen Zauberern, Hexen ...und anderen Geschöpfen sie in der Karl-Schattenlicht-Straße begegnen würden. - Oder darauf, wie vielfältig die Geschäfte für den Bedarf der magischen Gemeinschaft sein würden, die sie hier vorfanden... Endlich stoppte ihr künftiger Mitschühler seinen Schritt. "Hier wären wir: «Lemann, Detwiler & Styles - Zauberstäbe, neu & gebraucht»! - Zauberstäbe, für jeden Zauberer und jede Hexe!" verkündete er. "Gebraucht?" fragte Will, während Timmy grinste, der daran dachte, dass - wenn andere Zauberer und Hexen mit gebrauchten Stäben zauberten, ja wohl nichts dagegen sprach, dass er das mit dem geklauten Stab von diesem Cornelius Fudge auch konnte. "Ich weiss - es gibt selbstgefällige Zauberstabmacher, wie Garrick Ollivander, drüben in London einer war, die den Verkauf gebrauchter Stäbe ablehnen ... aber das ist Unsinn. - Ein Stab aus zweiter Hand kann ebenso einen neuen Zauberer oder eine neue Hexe finden, wie ein jungfräulicher. - Vorausgesetzt natürlich, er ist in gutem Zustand, nicht angeknackst, zu stark abgenutzt... oder, Merlin bewahre mich: womöglich gar in der Mitte durchgebrochen! - Aber derartigen Schrott werdet Ihr hier definitiv nicht finden!" "Bekommst Du Provision, wenn Du «Lemann, Detwiler & Styles» neue Kunden bringst...?" fragte Steve ihren Begleiter ironisch. Der schnitt eine Grimasse. "Na ja... der Stab, den ich eigentlich wollte, also, der, der mich an sich ausgewählt hätte, war gut 150 Galleonen zu teuer für mich..." Er schluckte. "Aber sie verkaufen hier wirklich gute Stäbe! - Schaut sie Euch einfach mal an, ja...!" "Gut. - Gucken wir mal. - So irre viel Zaubergeld ha'm wir ja auch nicht!" entschied Steve, und Will nickte nur dazu.

Sie betraten das Geschäft durch eine Glastür. Der Griffstange mit der man die Tür aufziehen konnte, hatte derjenige, der sie gestaltet hatte, die Form eines Zauberstabs gegeben. Die Ladenglocke klang wie die Kombination mehrerer unterschiedlicher Fahrradklingeln und einer Kreissäge, die sich durch Metall fraß. Timmy hätte sich beinahe beide Hände auf die Ohren gepresst, aber die das akustische Signal verstummte ebenso rasch wieder, wie es aufgeklungen war. Die Wände wurden von hohen Regalen eingenommen, die vollgepackt waren, mit ungezählten Kästchen, die alle die Form von Schachteln für teure Füllfederhalter hatten, dabei aber lang waren, wie Halb- oder Dreiviertel-Meter-Lineale. Im Raum verteilt standen etliche Vitrinen, in denen unterschiedliche Zauberstäbe auf Samtpolstern ruhten. Diese waren keineswegs ausnahmslos glatt: es gab knotige, leicht gekrümmte, solche mit geschnitzten Knäufen oder mit Leder oder anderen Materialien umwickelten Griffstücken. Einige wiesen auch Noppen oder Dornen auf. In einer Vitrine ruhte ein schwerer, polierter Gehstock. Der Knauf in Form eines Falkenkopfes war ein Stück vom eigentlichen Stock entfernt, so dass der Betrachter sehen konnte, dass dieser einen Zauberstab enthielt, den man wie einen Stockdegen herausziehen konnte. Von weiter hinten im Laden waren Schritte zu hören. Die drei Freunde hielten den Atem an, als scheinbar aus dem Nichts ein Schatten von menschlichen proportionen auf sie zuzugleiten schien, der sich als ein berobter, äußerst schlanker Zauberer mit Spiegelnder Glatze, einer langen, an den Schnabel eines Storchs gemahnenden Nase und einer Randlosen Brille entpuppte. "Detwiler zu Ihren Diensten, junge Gentlemen! - Ich denke, ich weiß... Sie suchen Ihren ersten Zauberstab!" Dies zu erkennen, war, wie Timmy überlegte, keine Hexerei. Sie trugen schließlich alle drei keine Zaubererkleidung, in und waren - wenn sie die Mitarbeiter des Bundesamtes für magische Wesen richtig verstanden hatten, mehr oder minder im typischen Alter, um an einer Zaubererschule eine magische Ausbildung zu beginnen. - Dass es eigentlich nicht ihr erster Stab war, weil sie ja alle drei bereits Zauberversuche mit dem von Cornelius Fudge erbeuteten Stab unternommen hatten, würden sie dem Verkäufer allerdings nicht auf die Nase binden... "Die drei hier werden am 1. September an meiner Schule, auf Schloss Bergklamm, beginnen!" erklärte Alexander Walter. "Sie brauchen jeder einen vernünftigen Zauberstab, aber keinen, der sie gleich ihr komplettes Geld kostet, dass sie für's erste Trimester zur Verfügung haben!" "Verstehe! - Dann wollen wir mal sehen..." er griff in eine Tasche seiner Roben, und zückte ein Maßband, mit dem er erst Steve und dann Will systematisch und von Kopf bis Fuß vermaß. Timmy, der keine Lust hatte, sich schon wieder sagen zu lassen, dass er für sein Alter entschieden zu klein wäre, wehrte ab. "Gut, junger Mann - es ist Deine Entscheidung ... aber beklage Dich nicht, wenn wir nachher Probleme haben, den einen, passenden Stab für Dich zu finden!" Johnnie Detwiler, wie er mit vollem Namen hieß, zückte seinen eigenen, ausgesprochen stark gekrümmten Stab, richtete ihn in die Tiefen des Ladens, und rief "Lemann!" Ein zweiter Zauberer erschien. Auch er glitt über den dunklen Parkettboden des Ladens, als hätte er Schlittschuhe an den Füßen, die von seiner bodenlangen Zaubererrobe verborgen wurden. Er war ebenso schlank, wie sein Kollege (oder Chef?) Detwiler, hatte aber ein Gesicht, das an die Struktur von verwitterter Baumrinde erinnerte, und langes, weißes Haar, das geradezu hinter ihm herwehte, als er herbeieilte. Detwiler beugte sich zum linken Ohr des Neuankömmlings, und ratterte im Flüsterton eine ganze Serie von Maß-Angaben herunter. Murray Lemann nickte mehrfach, zückte einen Zauberstab - ein schmucklosen, extrem dünnes Ding aus nahezu silbergrauem Holz, und ließ mit einem Schnippen eine lange Leiter aus den Tiefen des Ladens herangleiten. diese erstieg er, und begann aus verschiedenen Fächern in den Regalen zwei oder gar drei Dutzend Schachteln zu ziehen, die vermutlich alle Zauberstäbe enthielten. Als er wieder auf den Boden des Ladengeschäfts zurückkehrte, hielt er tatsächlich über 30 Schachteln in seinen Armen. "Dann wollen wir doch mal sehen..." er öffnete die erste Schachtel. Der Stab, der zum vorschein kam, war fast so lang, wie Wills Unterarm, und verjüngte sich zur Spitze hin nur minimal. "Blutbuche und Drachenherzfaser... eine kraftvolle Kombination! ...nur ein Vorbesitzer, der - leider - nie dazu kam, auch nur einen einzigen Zauber damit auszuführen... Dafür ist er aber in Top-Zustand! - Probieren sie ihn, junger Mann!" Will nahm den Stab - leicht zweifelnd - aus der Hand Detwilers. "Lassen sie in durch die Luft sausen. - Dann werden wir sehen..." Will führte eine schlagende Bewegung von oben nach unten, so, wie Timmy sie hinter der Schulcaféteria demonstriert hatte, als er die Funkenfontäne erzeugt hatte - und es geschah ... nichts! "Offensichtlich nicht Ihr Stab!" stellte Detwiler fest. Er schien überrascht, aber nicht übermäßig enttäuscht. "Versuchen sie den!" Ein nahezu schwarzer Stab, um, den sich ein Bandmuster wand, und dessen Griffstück in einem geschnitzten, skelettierten Vogelschädel auslief. "Olivenholz und Phönixfeder... spröde, praktisch nicht federnd... vermutlich nicht, aber probieren sie es trotzdem!" Ein einziges, grünes Flämmchen, das sofort wieder verlosch, war alles, was der Stab in Wills Hand hervorbrachte. "Nein! - Eindeutig auch nicht. - Aber Sie, junger Herr, könnten mit diesem ..." er nahm Will den Stab ab, drehte ihn in der Hand, und hielt ihn Steve hin. Der betrachtete den Stab abschätzig, und führte die Schlagende Bewegung aus - unglücklicher Weise aber nicht von oben nach unten, sondern nahezu wagerecht. Das Ergebniss war erschreckend: Eine Peitsche aus giftgrünem Licht schoss aus dem Stab, die - da Lemann geistesgegenwärtig aus dem Weg sprang, die lange Leiter zerschnitt, wie ein heisses Messer Butter! Timmy stieß einen fast schon panischen Schrei aus, Alexander Walter machte unwillkürlich drei Schitte rückwärts, bis er mit dem Rücken gegen die Ladentür stieß, und Steve erbleichte. "Das ... das wollte ich nicht!" stammelte er. "Nun - ein wenig zu kraftvoll. - Aber, falls wir für Sie nicht noch einen etwas ... nun ja, weniger agressiven Stab finden, würde ich sagen, wir haben einen ersten Treffer!" Er nahm den zitternden Steve den Olivenholzstab aus der Hand, und legte ihn oben auf einer Vitrine ab, ehe er mit einem Schlenker seines eigenen Zauberstabs und einem beiläufigen "Reparo" die beschädigte Leiter wieder heil machte. Will war - nach dem Beinahe-Desaster, das sein weißblonder Kumpel mit dem Olivenholz-Stab ausgelöst hatte, gar nicht mehr so scharf darauf, den nächsten Zauberstab auszuprobieren. "So. - Probieren wir mal den." Der Verkäufer reichte ihm einen weiteren Zauberstab, der Will fatal an einen Korkenzieher erinnerte. "Weide und Drachenherzfaser!" Will brachte damit gerade einmal drei schwache Fünkchen zu stande. "Nein. Ganz eindeutig nicht! - Vielleicht diesen? - Ahorn und Einhornschwanzhaar?" Auch mit diesem - wie auch mit den nächsten 14 Stäben - erzielte Will, dem das Probieren mit den Zauberstäben zunehmend auf den Nerv ging, kein auch nur ansatzweise sehenswertes Ergebnis. "Das wird schwieriger, als ich dachte!" stellte Detwiler fest. Lemann reichte ihm einen weiteren Stab. "Pappel mit ...Veelahaar? - Für einen jungen Mann? - Ich bitte Sie... aber gut - Probieren schadet nicht!" Vielleicht hätte er sich letzteren Satz verkniffen, wenn er gewusst hätte, was folgen würde, als Will die übliche, schlagende Bewegung ausführte: Ein grell blauer, verästelter Lichtblitz schoss aus der Spitze des Stabes, traf eine Vitrine, und diese überzog sich sofort mit einer dicken Eisschicht, unter der das Glas verdächtig zu knacken begann. Will starrte fassungslos auf den Stab in seiner Hand, dessen grau-grünes Holz überraschend angenehm in seiner Hand lag, und dessen Griffstück in einer geschnitzten Weltkugel mit etwas erhabenen Umrissen der Kontinente auslief. "Eindeutig ein Treffer!" stellte Detwiler fest, und nahm Lemann die Schachtel aus der Hand, um sich zu vergewissern, dass es wirklich Pappel und Veelahaar war. "Ich denke, mit dem werden sie gute Arbeit leisten, auch, wenn er vielleicht für den ersten Stab eines jungen Zauberers etwas kapriziös ist..." Lemann hatte indessen mit seinem Stab und einem gemurmelten Zauber das Eis rückstandslos zum Schmelzen gebracht, ehe es die Scheiben der Vitrine zum Bersten bringen konnte. Er forderte Will auf, noch zwei weitere Stäbe zu probieren, mit denen dieser jeweils nur einen schwachen Funkenstoß erzeugte, ähnlich dem, den Timmy bei seinem ersten, nächtlichen Zauberversuch mit Fudges Stab in seinem Zimmer hervorgebracht hatte. "Ich schätze, es ist eindeutig: Der Pappelstab ist für Sie bestimmt, junger Mann!" Detwiler drückte Will noch einmal den Pappelholz-und-Veelahaar-Stab in die Hand. "Versuchen sie es noch mal, aber diesmal mit mehr Gefühl!" Mit gemischten Gefühlen tat Will, wie Johnnie Detwiler ihm gesagt hatte, und diesmal gab es keinen unkontrolliertden blauen Blitz, der auf Oberflächen prallte, und diese vereiste, sondern einen kalten blau-silbernen Funkenregen, der einer gewaltigen Wunderkerze glich - wobei die Funken sich in dicke glitzernde Scheeflocken verwandelten, als sie Richtung Boden sanken! Augenblicke später war ein gutes Stück des Parkettbodens im Laden mit einer dünnen Schicht Schnee bedeckt!" "Hübsch!" meinte Timmy unwillkürlich. "Aber für die Jahreszeit eindeutig zu kalt...!" "Ich denke," stellte Murray Leman fest. "Das ist eindeutig: Dieser Stab ist der Richtige für Sie, junger Mann - egal, wie ungewöhnlich die Kombination in der Hand eines männlichen Zauberers auch wirken mag!" Steve musste ebenfalls noch fünf oder sechs Stäbe ausprobieren, wobei am Ende zwei blieben: Der spröde aus Olivenholz und Phönixfeder, den Steve - nach dem Effekt mit der grünen Lichtpeitsche - etwas skeptisch gegenüber stand, und ein recht biegsamer, deutlich längerer aus Weißdorn und Drachenherzfaser, der eine fast knapp einen Meter lange, weißglühende Flamme produziert, und dabei Lemanns Haare in Brand gesetzt hatte. Detwiler hatte diese mit einem raschen "Aquamenti" glücklicher Weise schnell genug gelöscht, ehe sein Kollege und Partner schlimmere Verletzungen als eine ruinierte Frisur und ein paar leichte Brandblasen davontragen konnte. Steve war selbst nicht sicher, ob er wirklich einen der beiden Stäbe wollte, die offenbar geeignet schienen, verheerenden Schaden anzurichten, solange er ihren Gebrauch nicht richtig beherrschte. "Einer der beiden ist es!" stellte Detwiler entschieden fest. Alexander Walter, der immer noch mit dem Rücken zur Ladentür stand, aber sich inzwischen wieder deutlich entspannt hatte, meinte, "Tschuldigen Sie, Detwiler, aber vielleicht fällt es Steve leichter, zu wählen, wenn sie ihm die Geschichte beider Stäbe erzählen!"

"Tja..." erklärte Johnnie Detwiler. "Der aus Weißdorn und Drachenherzfaser ist neu. - Noch nie verwendet worden, um einen Zauber auszuführen... lediglich ein paar meiner Kunden, die - so wie Ihr - im Laden probiert haben, ob er zu ihnen passt. - Und keiner von diesen hat damit auch nur ansatzweise einen Effekt erzielt, wie Sie! Der Olivenstab gehörte einem Zauberer namens Nagel... unangenehmer Mensch, nach allem, was ich über ihn gehört habe. Ein Killer. Ein Akolyth jenes Gellert Grindelwald, der an der Seite seines unseligen Meisters eine Blutspur durch das Paris der 1920er Jahre gezogen hat...!" "Sind sie verrückt, Detwiler?" Alexander Walter stürmte auf den Ladenbesitzer los. "Sie können doch einem beginnenden Erstklässler nicht den Stab eines Killers aus dem Gefolge Grindelwalds anbieten...!" Er hatte seinen eigenen Stab aus knotigem, mattbraunem Holz gezückt, und wies damit auf Detwiler. "Beruhigen Sie sich, Alexander!" mischte sich eine dritte Person ein, die aus den Tiefen des Ladens erschienen war, ohne, dass es einem der vier Jugendlichen aufgefallen war, ehe sie das Wort ergriff. "Es ist ein Zauberstab! Nur ein Zauberstab, keines jener legendären "Heiligtümer des Todes", kein Horkurx... nur ein Stab. - Gut, mit einer, nun ja, reichlich hässlichen Vorgeschichte, aber nichts desto trotz ein Zauberstab, mit dem dieser Junge Mann auf Anhieb beeindruckende Wirkung erzielt hat, ohne auch nur einen Zauberspruch zu beherrschen!" erklärte Dwain Styles, ein grobknochiger Zauberer mit kantigem Nussknackerkinn, Adlernase, kalten, blauen Augen und schwarzem Bürstenhaarschnitt. "Gleiches gilt allerdings auch für den Weißdorn-und-Drachenherzfaser-Stab. - Ich denke, jener junge Herr sollte die Entscheidung treffen, welcher Stab zu ihm passt...!" "Dwain! - Steve geht nach Schloss Bergklamm! - Nicht nach Durmstrang...!" stieß Alexander durch die Zähne. "Also... ganz ehrlich: mir machen beide ein Bisschen Angst!" gab Steve unumwunden zu. "Also - Ich finde, der Olivenstab ist eindeutig schicker!" äußerte Will. "Wenn er bei mir funktioniert hätte, hätt' ich ihn sofort genommen, egal, was für'nem Ar... er mal gehört hat!" Das überraschte weder Timmy, noch Steve, dessen Blick langsam zwischen den drei Verkäufern, seinem künftigen Mitschüler und seinen beiden Freunden hin und her wanderte. "Zugegeben, der aus Olive und Phönixfeder... richtig? - Der lag schon deutlich angenehmer in der Hand, als der andere, der Weißdornstab," meinte er. "Aber wenn ich mit dem auf Schloss Bergklamm Ärger kriegen würde..." Er wandte sich direkt an Alexander: "Sei ehrlich - hätte ich in der Schule ein Problem, wenn ich mit dem Olivenstab ankäme? Weil, eigentlich fühlte er sich für mich schon richtig an, während das Gefühl, als ich mit dem Weißdornstab die Stichflamme gemacht hab, eher so war, als ob ich mit der Hand 'n Bisschen zu dicht an ne brennende Kerze oder ne heiße Herdplatte gekommen wär'...!" Alexander Walter schluckte. Ihm war anzusehen, dass ihm nicht wohl dabei war, Steves Entscheidung in der Wahl seines Stabes zu beeinflussen, aber er musste zugeben, dass das, was Steve über das Gefühl das er mit dem einen und dem anderen Stab gehabt hatte, eigentlich nur eine Wahl richtig erscheinen ließ - auch, wenn es ihm widerstrebte: "Wenn Dir der Olivenstab taugt, dann ... dann nimm ihn!" stieß er durch die Zähne. "Aber sei - verdammt noch mal - vorsichtig damit... und, ich glaube ich muss es nicht extra betonen, aber erzähl auf Schloss Bergklamm blos nicht rum, wer der Erstbesitzer Deines tollen, neuen Stabes war! - Der eine oder andere Mitschüler wie auch manche der Lehrer könnten sonst nämlich auf falsche Gedanken kommen...!" Steve schluckte, dann ergriff er erneut den Olivenholzstab, wog ihn in der Hand, schloss die Faust um das Griffstück, und entschied: "Ich nehm' ihn...!" wobei er gleich hinterher schob: "Falls ich ihn bezahlen kann!" Er hoffte, dass er mit der Entscheidung für den Stab, der - Detwilers Worten zu Folge - einem Anhänger jenes in Zaubererkreisen offenbar so gefürchteten und verhassten Grindelwald gehört hatte, keinen Fehler beging, und vorallem, dass er sich damit nicht seinen künftigen Mitschüler, Alexander Walter zum Feind machte. Alexander sagte nichts, nickte jedoch, schweren Herzens, auch, wenn er Detwiler und Styles beiden einen ziemlich frostigen Blick schenkte, ehe er seinen eigenen Stab - Kiefer und Einhornschwanzhaar, spröde und absolut nicht federnd - wieder wegsteckte. "Am lieben Geld soll es wirklich nicht scheitern!" meldete sich nun wieder Murray Lemann zu Wort, "wo sie nun schon einaml alle beide den nahezu idealen Stab für sich gefunden haben!" Der Seitenblick, mit dem er den angehenden Drittklässler Walter bedachte, drückte Bedauern aus, da dessen Stab für ihn tatsächlich nur zweite Wahl gewesen war. - Aber der antike Schlangenholz-Stab, der noch deutlich besser mit ihm harmoniert hätte, war vor zwei Jahren weit außerhalb seiner finanziellen Reichweite gewesen, und war es auch heute noch... "15 Galleonen für den Olivenholz-Stab, und 19 Galleonen und zwölf Sickel für den Pappelstab mit Veelahaar. - Sie müssen das verstehen, meine Herren, aber ein solcher Kern ist äußerst selten, und es sind tatsächlich kaum derartige Stäbe am Markt erhältlich!" nannte Lemann die Preise für die beiden Stäbe, die sich soeben ihre neuen Meister gewählt hatten. Detwiler und Stiles nickten, auch, wenn Styles Gesichtsausdruck etwas Angefressenes hatte, da er wohl der Meinung war, Lemann hätte die Preise ruhig etwas höher ansetzen können. "Steve sag mal, willst Du nicht erstmal probieren, ob Du mit dem auch 'n normales "Lumos" schaffst?" mischte sich in dem Moment Timmy ein. "Ich mein' ob Du ihn wirklich beherrschst, oder ob du damit blos Sachen kaputt machen kannst, is doch die eigentlich entscheidend, wenn Du Dir nen Zauberstab kaufst!" "Stimmt natürlich..." gab Steve zu. "Er fühlt sich für mich zwar richtig an, aber wenn ich ihn nicht kontrollieren kann, wär' das natürlich blöd... Nur hat uns Edmund F. Drekker in seinem Brief ausdrücklich verboten, außerhalb einer Zauberschule zu zaubern...!" "Das gilt nicht, wenn Du dir in einem Zauberstabladen einen Stab aussuchst, den Du kaufen willst!" widersprach Alexander, und die drei Zauberstab-Verkäufer nickten bestätigend. "Und wenn Du den "Lumos" kannst, würde ich Dir ebenfalls empfehlen, ihn mit Deinem neuen... nun ja neuen-alten Stab zu probieren, um zu sehen, ob du ihn wirklich kontrollieren kannst!" "Na los...!" forderte Lemann ihn auf, und Steve fasste den Olivenholz-Stab fest, richtete ihn senkrecht nach oben und sagte laut und deutlich: "Lumos!" Prompt war die Zauberstabspitze von einer gleissenden Lichtkugel umgeben, ungefähr anderthalb mal so groß, wie sie im alten Ziegelei-Büro bei Timmys gestohlenem Stab gewesen war, und brennend hell, ohne jedoch das Holz des Zauberstabs auch nur anzusengen. "Ein wenig arg kraftvoll," kommentierte Alexander. "Aber eindeutig sauber ausgeführt...!" Er zuckte die Schultern. "Falls ich noch Zweifel hatte, dass es Dein Stab ist - jetzt hab' ich keine mehr... Es scheint wirklich, als hätten sich da der passende Stab und der dazugehörige Zauberer gefunden!" Und zu Steve gewandt setzte er hinzu: "Bei deinem Pappelstab mit Veelahaar hab ich im ohnehin keine besonderen Zweifel, auch, wenn ich Lemann Recht geben muss, dass der Kern für einen männlichen Zauberer eher ... nun ja, atypisch ist!" Er blickte zu Timmy. "Deine beiden Freunde haben jetzt jeder einen Stab - aber was ist mit Dir, Karottenkopf?"

Damit hatte er auch die Aufmerksamkeit der drei Zauberstabhändler auf Timmy gelenkt, dem das an sich gar nicht so recht war. "Also... wie Steve vorhin schon gesagt hat: Ich hab schon 'nen Stab, mit dem sowohl ich, als auch Steve und Will schon mal erfolgreich gezaubert ha'm... na ja, eh' uns die Briefe von Edmund F. Drekker, der uns verboten hat, außerhalb einer Zauberschule zu zaubern, aus Durmstrang, wo sie uns nicht wollten, und von diesen Schweizer Betrügern, erreicht ha'm...!" "Ihr habt ein Angebot vom "Gehsche Gottfried und E.F.Keller Eidgenössische Ausbildungszentrum für elementare Hexerei, Zauberei und Zaubertrankkunde" bekommen, und abgelehnt... Gut gemacht!" Alexander lachte. "Freut mich für Euch, dass Ihr nicht auf den Neppladen reingefallen seid! - Ihr könnt mir glauben, dass es auf Schloss Bergklamm viel, viel besser ist...!" Steve, Will und Timmy sahen sich an, und grinsten. "Dass ne Zauberschule, die Spam per Eule schickt, dabei unsre Namen falsch schreibt, irre hohe Schulgebühren fordert, und 'n Geschäftsmodell hat, das wie ne Abofalle aufgebaut is', nix taugen kann, war uns sofort klar!" fasste Steve zusammen, und Will und Timmy bestätigten das mit eifrigem Kopfnicken. "Dürften wir mal Ihren Zauberstab sehen?" erkundigte Detwiler sich, nachdem Alexander sich nach dem Lachanfall, den Steve mit seinem allzu treffenden Fazit bei ihm ausgelöst hatte, wieder beruhigt hatte. "Keine Sorge!" er lächelte, als er die Miene des rothaarigen Jungen sah. "Wir wollen ihn Dir nicht abspenstig machen, aber uns interessiert einfach, was das für ein Stab ist! - Oder weißt Du, aus welchem Holz er besteht, und was er für einen Kern hat?" "Nein", gab Timmy zu. "Und interessieren würde es mich schon..." Er zog den Stab hervor, und hielt ihn den drei Zauberstabhändlern hin. "Ich dachte, er ist aus Holz von einem Pflaumen-, Mirabellen- oder vielleicht auch Aprikosenbaum... aber das mit den Kernen wusste ich nicht. - Also, dass Zauberstäbe scheinbar immer irgend 'nen Kern aus was von nem Fabeltier haben müssen..." Die drei Zauberstabhändler betrachteten den Stab höchst interessiert. "Du hast - offenbar instinktiv - richtig geraten: Er ist tatsächlich aus Kernholz vom Pflaumenbaum!" bestätigte ihm Lemann. "Und er ist wirklich sehr schön gearbeitet, absolut glatt, hübsch flexibel... und der Kern - der ist nun wirklich etwas absolut ungewöhnliches..." "Noch ungewöhnlicher, als Veelahaar...?" erkundigte Will sich. "Ja!" bestätigte Detwiler an Stelle seines Kollegen. "Ich habe noch nie einen in der Hand gehabt, und wusste auch nicht, dass man das macht. - Aber ich denke, es ist ein Kern aus einer Augureyfeder!" "Ist das ... ist das was Schlechtes?!" wollte Timmy wissen. "Nein. - Nicht dass ich wüsste... Augureys hatten zwar früher einmal den Ruf, Todesomen zu sein, aber das ist lange widerlegt, da dieser regen-liebende Vogel, der etwas inkorrekt auch "irischer Phönix" genannt wird, eigentlich nur ein ziemlich trübsinniger Wetterprophet mit nervtötend unangenehmen Gesang ist...!" Detwiler lächelte. "Nur ein Zauberstab, der seine Schwanzfeder als Kern hat, ist mir noch nie begegnet!" Anschließend boten alle drei Zauberstabhändler an, den Stab Fudges (dessen Vorbesitzer Timmy natürlich mit keinem Wort erwähnt hatte) gegen einen "nahezu frei wählbaren" aus ihrem Laden zu tauschen, was Timmy allerdings ganz entschieden ablehnte, wobei ihm sowohl seine beiden Freunde beisprangen, als auch Alexander Walter. Dieser drohte schließlich unverholen damit, dem Bundesamt einen Tip zu geben, dass bei «Detwiler, Lemann & Styles» Zauberstäbe, die berüchtigten Killern gehört hätten, an Schüler verkauft würden, wenn sie nicht das Geld für die beiden Stäbe Steves und Wills nähmen, und sie alle vier - und mit Timmys Stab - gehen ließen.

"Uff..." machte er, und schüttelte den Kopf, als sie schließlich den Zauberstabladen verlassen hatten, und - um 34 Galleonen und 14 Sickel ärmer - wieder auf der Straße standen. "Ich schätze, die nächsten Monate kann ich mich in dem Laden nicht mehr blicken lassen...!" "Ähm... Tut mir leid!" meinte Timmy, ehrlich zerknirscht. "Ich wollt' Dir natürlich keinen Ärger mach'n, Alex...!" "Macht Euch nichts daraus...!" entgegnete der jedoch - erstaunlich gut gelaunt. "Wozu sind wir schließlich Schulkameraden, wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, speziell, wenn zweifelhafte Geschäftsleute meine jüngeren Mitschüler über en Tisch zu ziehen versuchen?!" Er lachte. "Dass die drei schon ziemlich krumme Hunde sind, hab' ich schließlich bereits gewusst, eh' ich Euch in den Laden geschleppt hab... - Da ist es nur recht und billig, wenn ich dafür sorge, dass Ihr da auch ungeschoren wieder raus kommt...!" Die drei Freunde mussten nun ebenfalls lachen (schließlich war ihnen schon bewusst, dass die "ziemlich krummen Hunde" ebenso auf sie selbst gepasst hätten, angesichts dessen, dass sie - ehe sie Cornelius Fudge bestohlen, und anschließend erfahren hatten, dass sie Zauberer waren - in den vergangenen Monaten wiederholt zu nachtschlafender Stunde Betrunkenen die Taschen geleert hatten). "Und jetzt," meinte Alexander, "sollten wir als nächstes Eure Schuluniformen und Umhänge kaufen!"

Jede Menge Klamotten

Der Rückweg zu dem Bekleidungsgeschäft, das sich direkt rechts neben dem Zugang von der Muggel-Version des Bundesamtes für magische Wesen befand, legten sie in weit weniger scharfem Tempo zurück (nach dem Alexander ihnen dringend davon abgeraten hatte, ihre Schuluniformen und -umhänge gebraucht, in einem Trödelladen oder Second-Hand-Shop zu erwerben).

Das Geschäft, dessen Plakat mit dem sich bewegenden "Schneiderlein" warb, das die drei Freunde unwillkürlich an einen etwas grob gezeichneten Cartoon-Vorfilm erinnerte, den sie mal vor dem jüngsten Disney im Kino gesehen hatten, stellte sich - wie schon die Gringotts-Filiale - innen als um ein Vielfaches größer heraus, als außen. Irgendwie hatten die Buben fast schon befürchtet, dort - wie in der Zaubererbank - auf Kobolde zu treffen, aber dies war nicht so. Der Laden - laut einem in Blau und Silber gehaltenen Schild die erste Filiale von «Twilfitt und Tatting» in der Bundesrepublik Deutschland - war voll von Kleiderpuppen, die die Schulumhänge, Roben und verschiedene, einzelne Elemente der Schuluniformen der unterschiedlichen, Europäischen Zaubererschulen trugen: Schwarz für Hogwarts, blut- oder scharlachrot mit Pelzkrägen für Durmstrang, himmelblau und aus leichter, luftig fallender Seide gefertigt für Beauxbatons. Jene, unter den Kleiderpuppen, die über Köpfe mit angedeuteten Gesichtern verfügten, schwatzten miteinander, was den gesamten Laden mit einem Summen, wie von einem Bienenschwarm erfüllte. Hin und wieder machte auch eine Kleiderpuppe mit Hogwarts-Umhang mit der Hand eine rüde Geste in Richtung von einer, die eine Robe für Durmstrang-Schüler trug, oder umgekehrt, nur, um umgehend von einem der Verkäufer oder einer der Verkäuferinnen zur Ordnung gerufen zu werden. Das Personal des Ladens war dabei nicht zimperlich, und mehrfach sahen die Freunde, wie eine Kleiderpuppe mit einem Ledernen Maßband eins übergezogen bekam.

Der kleine Durmstrang, den sie in der Bank gesehen hatten, und der vermutlich noch etwas jünger sein mochte, als Timmy, stand auf einem Schemel vor einem Spiegel. - Eine der Schneiderinnen zeigte ihm gerade diverse, neue Pelzkrägen, während der hässliche, alte, der die drei an eine überfahrene Bisamratte erinnert hatte, abgetrennt und unbeachtet in einem Papierkorb lag.

Ein Verkäufer, der einen Rostbraunen Umhang über einer orange und blutrot gestreiften Robe trug, die Steve wie auch Timmy unwillkürlich an die Markise einer Currywurst-Bude denken ließ, eilte auf sie zu, kaum, dass sie den Laden betreten hatten "Ah ... Schloss Bergklamm! - Die jungen Herrschaften benötigen neue Schuluniformen?! - Bitte hier herüber!" Wieder wurden sie alle drei vermessen, wobei Timmy diesmal darauf verzichtete, sich zu sperren, da er ihm wohl bewusst war, dass eine Schuluniform, die ihm nicht richtig passte, mit Sicherheit wesentlich peinlicher war, als diese von ihm als demütigend empfundene Prozedur.

Eine knappe Stunde Später verließen sie das Geschäft mit Tüten mit der kompletten Grundausstattung an Schulkleidung (abgesehen von Nacht- und Leibwäsche, sowie Schuhwerk, die sie von Zuhause, aus der Muggelwelt mitbringen würden). Die Schutzhandschuhe aus Drachenhaut und die Arbeitschürzen würden sie, wie Alexander gemeint hatte, wo anders kaufen. Ihre neuen, spitzen Zauberhüte - marineblau mit mokkabraunem Hutband - hatten sie aufgesetzt, was - in Kombination mit ihrer Muggelkleidung - etwas merkwürdig aussah, und abwechselnd Steve, Will und Timmy zum Kichern animierte. Die Vorstellung, künftig Sakkos mit farblich abgesetzten Kragen und Aufschlägen und dazu weiße Hemden mit Kragen statt T-Shirt und Sweatshirt und jene Zauberumhänge an Stelle von Parka oder Windjacke zu tragen, war für die drei ein seltsames Gefühl. Will meinte, man könne ihn seinethalben "totschlagen" aber er würde zumindest in Gelsenkirchen, in der heimatlichen Reihenhaussiedlung keinesfalls so rumlaufen. Lachend erklärte Alexander den künftigen Zauberschülern, dass er das auch gar nicht sollte, da das Tragen offensichtlicher Zaubererkleidung in Muggelwohngegenden (oder -einkaufsstraßen) außer an Halloween oder Karneval einen Verstoß gegen da Geheimhaltungsabkommen darstellen würde. - Den Stein, der nicht nur Will, sondern auch Steve und Timmy bei diesen Worten vom Herzen fiel, konnte man förmlich hören. Durch das verdreckte Schaufenster eines muffigen, winzigen Second-Hand-Ladens, der gebrauchte, teilweise wohl auch geflickte, ausgefranste und fleckige Umhänge und Roben verkaufte, sahen sie die Sabberhexe und ihre beiden dürren Mädchen aus der Bank, und waren äußerst froh, dass sie auf den älteren Jungen aus Schloss Bergklamm gehört hatten, und nicht gezwungen waren, den Laden zu betreten.

Drachenhauthandschuhe und Schürzen gab es in einem anderen Geschäft, das auch Lederjacken und Schuhwerk aus diesem Material verkaufte. Will hätte ja gerne eine vom Schnitt her seinem Schulsakko nicht unähnliche Jacke aus blau-schwarzem Drachenleder gehabt, aber ein Preis von 99 Galleonen und 16 Sickel ließ ihn mehrfach heftig schlucken, und dann ganz schnell von diesem Wunsch Abstand nehmen. Letztlich kauften sie nur die Handschuhe, da einfache Arbeitsschürzen - laut der ihrem Brief von ihrer neuen Schule beigefügten Liste - für diese zur Not auch Öl- oder Wachstuch genügte. Alexander hatte sie zudem diesbezüglich beruhigt, die meisten Erstklässler hätten Schürzen aus Muggelmaterial, und zwar keineswegs ausschließlich die muggelstämmigen, jedenfalls, wenn die Eltern der Betreffen nicht über "Galleonen wie Würfelzucker" verfügten, wie er sich ausdrückte. "Jetzt fehlen noch die Bechergläser, der Kessel, die Wage und all die ganzen Schulbücher!" meinte Steve, nach einem Blick auf die Liste. Die Drachenhauthandschuhe (21 Galleonen pro Paar - teurer, als ihre Zauberstäbe aus zweiter - oder vielleicht auch dritter - Hand) hatten ebenso, wie die Schuluniformen samt Hüten und Umhängen den Goldbetrag in ihren Beuteln bereits deutlich schrumpfen lassen.

Bücher - und was man sonst noch so braucht

Obwohl die faltbaren Kessel schon ziemlich praktisch waren, wie Alexander ihnen bestätigte, entschieden sie sich - angesichts ihres schrumpfenden Galleonen-Vorrats - doch für ein einfaches Modell in Normgröße aus Zinn für jeden der drei. Zudem war zumindest Steve sich nicht so sicher, ob er der Erzählung Alex' Glauben schenken sollte, dass im Schwarzwald ein minderjähriger, damals gerade erst sechsjähriger Zauberer namens Bruno Schmidt angeblich vor etwas über zwei Jahrzehnten den letzten, dokumentierten Erkling-Angriff auf ein magisches Kind überlebt hatte, weil es ihm gelungen sei, den kleinen Unhold mit dem Faltkessel seines Vaters zu erschlagen. Die Apotheke, die sie anschließend aufsuchten, wurde von Monserrate Olson, einer nahezu fassförmigen Hexe unbestimmmten Alters, mit Unterstützung von drei keinen Meter hohen, großohrigen, nur mit einer Art schmuddeliger Putzlumpen bekleideten Wesen betrieben, die laut Alexander "Hauselfen" waren. Der Geruch im Inneren hätte Timmy - zusammen mit dem Anblick eines kleinen Bergs roher Rattenmilzen auf einem Silbertablett - beinahe dazu gebracht, sich noch im Laden zu übergeben. Alle drei waren sehr froh, dass sie als Erstklässler nur Bechergläser und leere Glasfläschchen mit Glaspfropfen zum Verschließen benötigten, und - im Gegensatz zum angehenden Drittklässler Alexander - keine eigenen Zaubertrankzutaten kaufen mussten. Die Messingwagen samt einem Satz Gewichtssteine erwarben die drei Freunde gebraucht beim Verkaufsstand eines Straßenhändlers, wobei es Timmys Aufmerksamkeit - und Alex' in Missachtung des Erlasses zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger gezückten Kiefernholz-Zauberstab - zu verdanken war, dass der Verkäufer ihnen auch wirklich die nur ganz wenig angelaufene Wagen einpackte, die sie sich ausgesucht hatten, und keine anderen, die in deutlich schlechterem Zustand waren.

"Schulbücher brauche ich auch noch," erklärte Alexander Walter, nachdem sie den Straßenhändler, der sie - kaum, dass sie ihm und seinem Stand den Rücken gekehrt hatten - mit einer Vielzahl von gemurmelten Unfreundlichkeiten bedachte, von denen "Schlammblüter" noch die harmloseste zu sein schien. "Was meint der mit Schlammblut?" wollte Will wissen. "Es gibt," erklärte Alexander den Freunden, "einige ... gut, leider erschreckend viele Zauberer, die sich einbilden, dass Zauberer und Hexen, die ebenfalls von Zauberern und Hexen abstammen, oder doch wenigstens ein Elternteil haben, das ein Zauberer oder eine Hexe war, mehr wert wären, als solche, die von Muggeln abstammen... Schlammblut oder Schlammblüter ist ein übles Schimpfwort, mit dem sie Muggelstämmige belegen...!" Während diese Erklärung in Will anscheinend den dringenden Wunsch weckte, zurück zu gehen, und den Straßenhändler entweder mit der größten seiner eigenen Wagen zu verprügeln, oder ihn mit Hilfe seines neuen Pappelholz-Zauberstabs samt seiner Ware unter einem Eisberg zu begraben, begriff Timmy, dass sie in den Augen der Durmstrangs dann wohl alle drei "Schlammblüter" wären. "Nicht unbedingt!" entgegnete Alexander. "Nach allem, was man so hört, soll es unter den Durmstrang-Schülern durchaus genug geben, die die diesen Quatsch mit der Reinheit des Blutes nicht mitmachten. Victor Krum, der Sucher der Bulgarischen Quidditch-Nationalmannschaft, der bei der WM 94 in England im Endspiel gegen die Iren den Schnatz gefangen hat, und der damals noch Schüler in Durmstrang war, soll da ganz anders sein! - Der hat sich während des Trimagischen Turniers damals sogar mit einer muggelstämigen Schülerin in Hogwarts angefreundet, obwohl er als Champion seiner Schule an dem Wettbewerb teilgenommen hat, und gegen zwei Hogwarts-Schüler und eine aus Beauxbatons angetreten ist!" Er zuckte die Schultern. "Aber bornierte Idioten gibt's halt leider überall..." Tatsächlich, dachte Steve bei sich, war die magische Welt der Muggelwelt, die sie kannten, in manchen Dingen wohl ähnlicher, als die Hexen und Zauberer wahrhaben wollten...

Die Buchhandlung, wo es Zauberbücher aller Art zu kaufen gab, war wenigstens ebenso groß, wie das Bekleidungsgeschäft oder der Zauberstabladen. Auf dem Weg zum Buchladen hatten sie auch eine Zoohandlung passiert, die offenbar noch deutlich exotischere Haustiere feilbot, als die, die den Schülern auf Schloss Bergklamm erlaubt waren. Ebenso kamen sie an einem Fachgeschäft für Rennbesen vorbei, dessen Auslagen und Werbeplakate von einer ganzen Traube von Zaubererkindern unterschiedlicher Altersstufen umlagert waren. Einige davon - wie sie selbst - (mehr oder weniger) in Muggelkleidung, andere in Schulumhängen Durmstrangs, andersfarbigen Zaubererumhängen (einschließlich grellfarbiger Quidditch-Umhänge populärer Teams), oder in Schuluniformen von Schloss Bergklamm, wie Alex eine trug, und anderer, kleinerer Zaubererschulen, die sie nicht erkannten. Timmy - der wie Steve beim Besuch der Mitarbeiter Edmund F. Drekkers korrekt vermutet hatte - von der Idee eines Ballspiels auf Fliegenden Besen, das der populärste Zauberersport sein sollte, so gar nicht begeistert war, interessierte sich mehr für die Fliegenden Teppiche im Laden daneben. "Praktisch," gab Alexander zu, "und auch ziemlich bequem, vorallem, wenn man zu mehreren und lange Strecken reist, aber auch sauteuer ... und wenn man damit in einen Regenguss, einen Sturm oder gar starken Schneefall, Hagel oder Gewitter gerät, sind sie viel schwerer zu lenken, als Besen! - Auf Schloss Bergklamm wirst Du jedenfalls keinen brauchen!" Er schüttelte den Kopf. "Auch, wenn es völlig richtig war, dass Edmund F. Drekkers Bundesamt es - ebenso, wie das österreichische und das Liechensteiner Zaubereiministerium - abgelehnt hat, Teppiche auf die Liste verbotener, verhexbarer Muggelgegenstände zu setzen, wie das Ministerium der Briten, und ein Importverbot für fliegende Teppiche zu erlassen!" Er lachte. "Andernfalls hätte es allerdings auch einen Aufstand gegeben, bei den ganzen Zauberern aus Arabien, der Türkei und Ägypten, die - ebenso, wie ihre Muggel-Landsleute - bei uns in Deutschland leben!" Das fiel den Dreien nicht all zu schwer zu glauben - schließlich war der ironische Beiname als "größte Stadt der Türkei" für den Berliner Bezirk Kreuzberg nicht komplett aus der Luft gegriffen, und in einzelnen Städten des Ruhrgebietes - oder auch in Köln - gab es Stadtteile, wo fast schon ähnliche Verhältnisse herrschten.

Sie betraten die Buchhandlung. - Neben ihnen waren noch vier andere Zaubererkinder anwesend, die - wie sie - offenbar Schulbücher für Schloss Bergklamm kaufen mussten. Ein älteres Mädchen, wohl schon 16 oder darüber, erwarb gerade "Runenübersetzung für Fortgeschrittene" ‎Der Preis, den die Buchhändlerin Katja Emmken forderte - 13 Galleonen - ließ sowohl Will als auch Steve schlucken. Dass sie für ihre jeweilige Hälfte von Fudges Zauberergeld gerade einmal ein einziges Schulbuch bekommen würden, hätten sie nun nicht gedacht. Zum Glück stellte sich heraus, dass die Schulbücher für die Erstklässler bei weitem nicht so teuer waren, wie die für die Oberstufe, in der man "UtZ"-Kurse belegte (was auch immer das sein mochte). - Zudem gab es auch einen Wühltisch wie in der Buchabteilung bei Hertie, wo man stark verbilligte, gebrauchte Bücher erwerben konnte. Alexander erwarb einen Wälzer mit dem Titel "Verwandlung - Die Zwischenstufen" - wie ihr eigenes ""Verwandlung für Anfänger" von einem gewissen Emeric Wendel verfasst - und Miranda Habichts "Lehrbuch der Zaubersprüche - Band 3". Newt Scamanders bereits ab der ersten Klasse verlangtes "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" war - Alex' Worten zu Folge - wirklich lesenswert, und zudem - angesichts der Tatsache, dass der Pflege magischer Geschöpfe auf Schloss Bergklamm ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt wurde, ohnehin unverzichtbar. Sein Arithmantik-Buch "Numerologie und Grammatika" betrachtete er dagegen mit Abscheu. "Das ist was, wo sie es in Hogwarts, drüben, in England, besser haben: Da ist Arithmantik kein Pflichtfach ... und vorallem nicht schon in der ersten Klasse!" "Also, wenn das so ähnlich is', wie Mathe, dann könnte ich mir vorstellen, dass das Spaß macht!" meinte Timmy, was bei Alex einen ungläubigen bis schockierten Gesichtsausdruck hervorrief - und Will zu dem grinsenden Kommentar "Unser kleines Kopfrechen- und Zahlengenie mal wieder...!" veranlasste. Ihm selbst hatte ein einziger Blick in seine "Mathematica & Numerologia" mit den ganzen unverständlichen Formeln und Tabellen genügt, um zu erkennen, dass das unter Garantie nie SEIN Lieblingfach werden würde! - Zumal, da sich scheinbar mehrere Kapitel ausschließlich mit irgendwelchen angeblichen magischen Qualitäten der Zahl "Sieben" beschäftigten, was - aus seiner Sicht - doch eigentlich nur total öde und furchtbar langweilig sein konnte. Dann gab es einen kleinen Aufruhr, weil eine Schülerin in schwarzem Hogwarts-Schulumhang offenbar ein Buch verlangt hatte, das auf dem Index stand. "Das ist aber Lehrstoff in " Dark Arts" dieses Jahr!" behauptete sie, und zeigte der empört dreinblickenden Buchhändlerin eine Schulbuchliste aus Hogwarts, die scheinbar tatsächlich das verfehmte Werk enthielt. Murrend, und nach sichtlichem Zögern holte sie das fragliche Werk aus einem Hinterzimmer der Buchhandlung, und händigte es der Schülerin aus, wobei sie etwas von "Todesser als Lehrer" murmelte, und dass Hogwarts in diesem Jahr endgültig "vor die Hunde gehen" würde. "Vega Rosier" flüsterte Alexander den dreien zu, und sein bislang so freundliches Gesicht spiegelte mit einem Mal echten Hass. "Was bin ich froh, dass wir diese Hexe los sind, da ihre Familie sie dieses Jahr wohl auf ihrer heimischen Insel und in Hogwarts zur Schule schickt!" Auf die fragenden Blicke seiner künftigen Mitschüler erklärte er ihnen, dass das Rosier-Mädchen zu den Reinblut-Fanatikern gehörte, muggelstämmige Schulkameraden und -kameradinnen hasste, bis im vergangenen Jahr in seiner Klassenstufe gewesen sei, und sich teilweise aufgeführt hätte, als ob es eine Todesserin sei, wie seine Eltern. "Ihre Spezialität war es, Mitschülern heimlich schneidende Schreibfedern unterzujubeln..." grimmig zeigte er dem entsetzten Timmy - und dem kaum weniger schockierten Will und Steve - dass sich auf seinem linken Handrücken der Anfang eines Aufsatztextes in feinen Narben verewigt hatte, wo die Schrift ins Fleisch geschnitten worden war. Unwissentlich hatte er - wie andere Opfer von Vegas boshaften Streichen - mit seinem eigenen Blut geschrieben, bis er (etwas zu spät) bemerkt hatte, was beim Schreiben mit dieser Feder mit seiner Hand und der Haut passierte. "Und sowas dulden die Lehrer auf Schloss Bergklamm...?" wollte Steve fassungslos wissen. "Nein! - Natürlich nicht! - Aber Violetta war leider sehr gut darin, sich nicht erwischen zu lassen, wenn sie Mitschülerinnen und -schüler gequält hat! - Wie gesagt: Wir alle können wirklich froh sein, dass wir diesen Fluch auf zwei Beinen los sind...!" Das glauten ihm Timmy, Steve und Will - die als Muggelstämmige vermutlich sofort zu den bevorzugten Opfern der älteren Mitschülerin gehört hätten, ihm unbesehen. Nachdem sie ihre Einkäufe bei Frau Emmken bezahlt hatten, verließen sie den Bücherladen, und kauften bei «Elizabeth Prieurs Federkiele & Papeteriewaren» jeder einen kleinen Vorrat an Tinte, Schreibfedern und Pergament.

...und alles andere

"Wir haben jeder noch etwas über 30 Galleonen!" verkündete Timmy, nach einem kurzen Blick in den mittlerweile gar nicht mehr prall wirkenden Geldbeutel (wobei er nicht dazu sagte, dass seine beiden Freunde ja je 13 Galleonen mehr besaßen). "Für einen Rennbesen reicht das keinesfalls!" überlegte Steve laut. "Stimmt!" gab Alexander den zukünftigen Mitschülern recht. "Aber wie wäre es, wenn Ihr Euch in der magischen Menagerie noch ein Haustier aussucht?" "Können wir das denn, ohne Erlaubnis unserer Eltern?" wollte Timmy wissen. "Aber ja. - Ein Tier, das im Anschreiben von Schloss Bergklamm aufgeführt ist, könnt Ihr Euch natürlich kaufen... wobei ich Euch wirklich nicht empfehlen würde, Ratten oder Kröten zu nehmen. Und mit Elstern könnt ihr Euch leicht Ärger einhandeln, wenn ihr die nicht richtig unter Kontrolle habt, und sie anfangen, irgendwelche Sachen der Schule und von Euren Mitschülern zu klauen..." Er überlegte. "Für Frettchen gilt dasselbe... und Schlangen oder Spinnen sind natürlich streng verboten, wie Frau Professor Haten garantiert auch bei Euch extra dazu geschrieben hat!" "Stimmt!" Steve nickte. "Dass Schlangen und Spinnen verboten sind, hat sie geschrieben, und auch, dass Ratten oder Kröten zwar erlaubt sind, wegen hexischer Tradition, aber nicht empfohlen...!" "Genau!" Alexander nickte. "Also, wollt Ihr?" Die drei blickten sich unschlüssig an, weder Timmys Mutter noch Steves Eltern oder Wills Vater hatten ihren Kindern bislang ein eigenes Haustier gestattet. Timmys Mutter war der Meinung gewesen, sein Halbbruder David müsse erst mindestens Sechs sein, und Wills Vater war unwillig, "so'n Vieh" um sich zu haben, wie er sich ausdrückte, während sein Sohn in der Schule war. Bei den Zachkovitz' hatte es ein Chinchilla gegeben, aber das gehörte Steves großer Schwester Klara, und sein Käfig stand jetzt, wo sie an der Ruhr-Universität studierte, in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim in Bochum. "Wenn uns Schloss Bergklamm das erlaubt, dann kann mein Papps sich deswegen meinethalben auf'n Kopf stell'n!" entschied Will. "Ich wollt' schon länger 'n Haustier - und jetzt kann er's mir ja nich' mehr verbiet'n!" "Aber denkt daran, dass ihr Euch um Eure Haustiere auch kümmern müsst!" warnte Alex sie. "Prof. Lahb - das ist unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe - kann extrem sauer werden, wenn er Schüler bei Tierquälerei erwischt! - Und glaubt mir: ein Professor Lahb, der sauer ist, ist alles andere, als angenehm!" "Das ist doch gut... Tiere quälen ist ja auch voll fies!" meinte Timmy. "Da isses doch gut, wenn der Professor darauf achtet, dass die Schüler sowas nicht machen!" Er erinnerte sich dunkel, dass sein älterer Halbbruder Dirk wohl früher - lange, bevor er in den Jugendknast gewandert war - mal ein Kaninchen gehabt, und das so schlecht behandelt hatte, dass es an den Folgen gestorben war (auch, wenn er - er war damals Vier gewesen, wie sein jüngerer Halbbruder David heute - keine Details mehr wusste). "Hast Du es gehört, Will?" meinte Dirk spöttisch. "Also keine Schockzauber mehr gegen Enten...!" Will schnitt eine Grimasse. "Das hinter der Schulcaféteria, das ... wollt ich nicht! - Wie oft soll ich das denn noch sag'n...?" "Du hast bei Euren ersten Zauberversuchen - ehe Ihr den Brief von Edmund F. Drekker vom Bundesamt bekommen habt - versehentlich einen Schockzauber auf eine Ente abgeschossen?" Alexander Walter sah den Sohn des Schrotthändlers an. "Ja... Er hat es geschafft, dass das Vieh mir aus 10 Metern Höhe beinahe auf den Kopf gefallen wär'!" verriet Steve die Details. "Zum Glück hab ich es geschafft, auszuweichen, der Vogel hat's überlebt, und der Hausmeister unserer Schule in Gelsenkirchen geglaubt, es wäre eine Feuerwerksrakete gewesen, und er hat auch keinen Verdacht gegen einen von uns dreien gehabt!" "Respekt!" meinte Alexander, und klopfte Will auf den Rücken. "Wobei ich Steve recht gebe, dass man solche Versuche in Professor Lahbs Nähe in seinem eigenen Interesse wirklich besser bleiben lässt...!"

Sie betraten die «Magische Menagerie», in der es tatsächlich eine Unzahl an unterschiedlichen Tieren gab, und ein unglaubliche Lärm herrschte, da zahllose Tierstimmen sich zu einer beispiellosen Kakkophonie vermischten. Die drei Freunde blickten sich staunend um. Es war faszinierend, was es hier alles gab. Steve musste zugeben, dass er die großen Ratten, die ein geschecktes Fell hatten, wie eine Kuh, und die sich offenbar die Zeit in ihrem Glaskasten damit vertrieben, mit ihren Schwänzen Seilspringen zu üben, äußerst witzig fand, aber eingedenk dessen, dass eine Ratte "nicht empfohlen" wurde, wollte er sich auch keine kaufen. "Besonders praktisch sind natürlich Eulen," wandte sich Alex an die drei, da er wohl bemerkte, wie überwältigt sie von dem Angebot waren. "Können Eure Post besorgen...! Und fangen sich einen Teil ihres Futters selbst. - Hab mir selber eine angeschafft, als ich nach Schloss Bergklamm kam!" "Also 'ne Eule lieber nicht!" meinte Will, der sich zu genau an den schmerzhaften Kontakt seines Arms mit den Fängen der Schleiereule erinnerte, die die Schweizer Zauberschule ihnen in das ehemalige Direktionsbüro der alten Ziegelei geschickt hatte. Fasziniert betrachtete er ein Tier, das sich im Schaufenster unter einer künstlichen Sonne aalte. "Ein Mungo!" verriet ihm der Verkäufer, ein ältlicher Zauberer mit Brille und Ziegenbart. Ein Schnippen mit dem Zauberstab, und die gläserne Trennscheibe zwischen Schaufenster und Ladengeschäft verschwand. Will war sich nicht ganz sicher was er nun machen sollte: Das Tier streicheln? Es zunächst an seiner Hand riechen lassen, wie einen Hund, ehe er es berührte? "Frag ihn doch mal, ob er Dich mag!" forderte der Verkäufer den Jungen auf. "Wie isses...? Magst Du mich?" fragte Will das fremde Tier. "Darf ich Dich streicheln?" er hielt dem Mungo die Fingerspitzen hin, so dass dieser daran schnuppern konnte. Offenbar mochte der Mungo ihn wirklich da er seinen Kopf an Wills Hand rieb, und ihm anschließend den Bauch zuwandte, um gekrault zu werden. Das Tier besaß ein herrlich seidiges Rückenfell, und ein wunderbar weiches Bauchfell. Will lächelte geradezu selig, als er dem Tier ausdauernd den Bauch kraulte, was diesem offensichtlich enorm gefiel. Dann richtete der Mungo sich auf die Hinterpfoten auf, Will erkannte instinktiv, dass das kleine Raubtier ihm auf den Arm springen wollte, und nahm eine Position ein, in der dem Mungo dies ohne Mühe möglich war. Schwups saß dieser auf Wills Arm, kuschelte sich weiter an ihn, und verlangte offenbar, dass der Junge die Streicheleinheiten fortsetzte. "Ich schätze," meinte Alexander. "Du hast Deinen Tierischen Gefährten bereits gefunden!" Der Mungo hatte offenbar genug vom Gekrault-werden, kletterte von Steves Arm auf dessen Schulter, und legte sich wie ein Pelzkragen um dessen Hals, wobei er ein sanftes, wohliges Brummen von sich gab. "Eindeutig!" nichte der Zauberer hinter dem Verkaufsthresen, und sorgte mit einem Zuaberstabschlenker dafür, dass die Scheibe zwischen Schaufenster und Ladeninnenraum wieder an ihren Platz zurückkehrte. "Das hat er noch bei keinem gemacht!" Der Ladenbesitzer lächelte Will an. "Die meißten faucht er an, oder beisst sie, wenn sie ihn anfassen wollen, und er das nicht mag. - Aber ich schätze, mit Dir hat er sein Herrchen gefunden!" "Was frisst ... er?" wollte Will wissen, der von dem Mungo fasziniert war. "Jeden Tag mindestens ein rohes Ei und ein Schälchen Milch... ansonsten ist er ein Schlangenfänger. - Ich schätze, wenn Du in der Nachbarschaft schwarze Hexen und Magier wohnen hast, die sich Schlangen halten, könntest Du Dich mit ihm ziemlich unbeliebt machen... Ansonsten jagt er natürlich auch Ratten und Mäuse!" "Ich würde behaupten, dass man ihm DAS auf Schloss Bergklamm garantiert nicht übel nehmen wird!" warf Alexander ein. "Ansonsten: Mungos lieben Wärme! - Schaff ihm einen warmen, gemütlichen Platz, spiel mit ihm, und verweigere ihm nie seine Streicheleinheiten, dann wird er Dir mit Sicherheit ein sehr, sehr guter Freund und Gefährte sein!" meinte der Verkäufer. "Wenn ich den wirklich haben kann...?" Es war offensichtlich, dass Will sich - zumindest im Moment - so ziemlich nichts mehr wünschte. "Was kannst Du denn anlegen?" fragte der Verkäufer - nun geschäftsmäßig. "30..." Will schluckte. "43 Galleonen, 16 Sickel und 4 Knuts!" Steve riss die Augen auf. Das war alles Zauberergeld, das sein kräftiger Freund in bar bei sich trug - einschließlich seines Anteils von dem, was sie von diesem Fudge erbeutet hatten. - Er musste dem Mungo, der auf seinen Schultern im Moment Pelzkragen spielte, wohl wirklich mit Haut und Haaren verfallen sein. "Tja, ich will Dich ja nicht berauben, junger Mann!" meinte der Verkäufer. "Gib mir 20 Galleonen, und Du bekommst noch einen roten Gummiball dazu!" Er lachte gackernd. "Du wirst nämlich noch merken, dass es allein mit Schmusen und Füttern nicht getan ist, sondern Du mit ihm auch spielen musst!" "Selbstverständlich...!" Steven kippte seinen Geldbeutel auf dem Thresen aus, zählte umständlich 20 der großen Goldmünezen ab, und schob sie dem Besitzer der Tierhandlung zu. Anschleißend verstaute er den Rest seines Zauberergeldes (einschließlich des Beuteanteils) zusammen mit dem roten Gummiball wieder in dem Geldbeutel, während er gleichzeitig versuchte, seinen Mungo daran zu hindern, mit der Zunge in sein Ohr zu lecken. "Ih... lass das! Das Kitzelt!" mühsam unterdrückte er einen Kicheranfall. "Ich schätze, wenn Du im sagen willst, was er tun oder lassen soll, musst Du ihm einen Namen geben!" meinte der Tierhändler. Will überlegte. "Wie soll ich ihn nennen..." "Das musst Du entscheiden!" meinte der Tierhändler augenzwinkernd. "In der Mungo-Sprache hat er natürlich einen Namen... nur, dass er den mir bislang leider nicht verraten hat! - Also nenn ihn, wie Du magst!" "Aber bitte nicht David!" verlangte Timmy, der die fürchterliche Vorstellung hatte, sein stämmiger Freund könnte sein neues Haustier nach seinem kleinen Halbbruder benennen. "Nee... bestimmt nicht!" zerstreute Will diese Sorge. Er überlegte laut. "Jacky?" Der Mungo schloss die Augen, und öffnete sie wieder. "Nein? - Jimmy?" Das selbe Spiel, und ebenso, bei "Johnnie?" "Ich glaube nicht, dass er wie eine Whisky-Marke heißen will!" meinte Timmy kichernd. "Joker?" versuchte Will es weiter, und dieser Name schien dem Munge zu gefallen, da er seinen Kopf an Wills Wange rieb, und ihm über die Nasenspitze schleckte. "Also bist Du mein Joker!" Entschied Will, zwischen zwei Kicheranfällen, da die Zunge seines Mungos an der Nase ebenso kitzelte, wie im Ohr. "Fledermäuse auf Schloss Bergklamm - nehmt Euch in acht...!"

"Nun zu Euch, meine Herren: Was kann ich für Euch tun?" wandte der Verkäufer sich an Steve und Timmy. Steve entschied sich für eine Eule, ein kleines Käuzchen, das er bequem auf der Schulter oder dem Oberarm sizen haben konnte, ohne vom Gewicht des Vogels erdrückt zu werden. "Das ist eine Sie!" verriet ihm der Tierhändler, und Steve taufte sie "Christl! - Wie die Christl von der Post!" da er daran dachte, dass Alex ja behauptet hatte, Eulen könnten für ihre Besitzer die Post besorgen. Timmy war sich zunächst unsicher, ob er auch eine Eule wollte, entschied sich dann jedoch für einen Raben, der ihn - er wusste selbst nicht warum - unglaublich an seinen älteren Halbbruder Dirk erinnerte, und der ihm - kaum dass er ihm den Arm hinstreckte, um ihn aufzufordern, sich darauf nieder zu lassen, auf der Schulter landete, und ihm ins Ohr krächzte: "Ich bin Blackbird - der Pirat! Ich hab noch jeden reingelegt...!" Will und Steve brachen unisono in schallendes Gelächter aus. "Da... da hast Du ja den passenden Vogel gefunden!" prustete der weissblonde Steve, und Will stellte zwischen zwei Lachern fest: "Jetzt müsste er nur noch singen können: Johoho und ne Buddel voll Rum!" - Woraufhin der Vogel prompt anstimmte: "Joho-Joho ... Piraten haben's gut!..." Timmy war sich nicht sicher, was seine Mutter zu Blackbird sagen würde, bezahlte aber die vom Verkäufer geforderten 12 Galleonen und 5 Sickel, und erhielt - wie Steve, dessen Eule 15 Galleonen kostete - einen Vogelbauer dazu.

Anschließend erkundigte der Betreiber der Magischen Menagerie sich noch bei Alexander, was dessen Eule - James - mache, und wie es ihr gehe. "Die hab ich nicht dabei..." erklärte der. "Bin mit'm Flohnetzwerk hier... und sie mag es nun mal überhaupt nicht, mit Flohpulver zu reisen!" Dies war für den Zoohändler offenkundig keine Überraschung. Alexander kaufte noch eine Packung Eulenkekse und einen Beutel Eulennüsse, ehe sie - nun zu siebt - die Tierhandlung verließen. "Ich muss dann mal heim!" meinte Alexander Winter. "Ich schätze, wir seh'n uns am ersten September - entweder unterwegs, oder spätestens auf Schloss Bergklamm!" Die drei Freunde waren neugierig, sie das mit dem Flohnetzwerk, von dem der künftige Schulkamerad gesprochen hatte funktionierte, und begleiteten ihn in ein zur Straße offenes Gebäude, das ein Bisschen wie Wartehäuschen am Busbahnhof aussah, nur, dass es nicht mit Graffiti verunstaltet war, und vor allem, dass es statt Wartebänken ein halbes Dutzend offener Kamine enthielt.
Ein Schild wies den Ort als

"Öffentlicher Zugangspunkt zum Flohnetzwerk"

aus, ein weiteres forderte

"Eigenes Flohpulver ist mitzubringen!"

und ein drittes warnte

"Ladenbesitzer sind befugt, von Flohpulver-Reisenden, die in ihren Kaminen ankommen, oder über diese abreisen wollen, ohne im Laden etwas zu kaufen, eine Gebühr in ihnen angemessen erscheinender Höhe zu erheben!
Gez. Edmund F. Drekker"

"... was Ladenbesitzer für eine angemessene Gebühr halten, lässt ich unglücklicher Weise ausgesprochen weit auslegen!" meinte Alexander, zog ein Döschen mit einem grünen Pulver aus der Sakkotasche, warf etwas davon in die Flammen, die im Kamin ganz links brannten, und die sich prompt gift grün färbten. "Dann also ... bis zum ersten September!" Zum Entsetzen der Drei trat er mit seiner Einkaufstüte von der Buchhandlung und der vom Schreibwarengeschäft mitten in die Flammen, sagte etwas, was wohl eine Adresse war, drehte sich einmal um die eigene Achse - und war verschwunden! Fassungslos blickten die drei Freunde abwechselnd auf den Kamin, in dem ihr neuer Bekannter soeben verschwunden war, und zu einem vierte Schild, das es ausdrücklich verbot, Feuerwerkskörper in die Kamine zu werfen.

"Schlammblüter! Machen sich vor Angst in die Hosen, weil sie nicht wissen, wie man mit Flohpulver reist! - Jämmerlich...!" Das war jene Vega Rosier, von der Alex in der Buchhandlung gesprochen hatte, und die - zum Glück - in Zukunft nicht mehr auf Schloss Bergklamm zur Schule gehen würde. "Aus dem Weg, verfluchte Muggel-Brut...!" Sie wechselte das Buch, das sie im Bücherladen erworben hatte, von der rechten Hand in die Linke, um eine Prise jenes grünen Pulvers aus der Umhangtasche zu holen, die sie in die Flammen streute. "Woussch!" erneut färbten diese sich in einem grellen Grün, und loderten hoch auf. Steve konnte einen Blick auf den Einband ihres Buches erhaschen: "Gar böse Zauberey" Ehe sich jedoch in den Flammen um die eigene Achse drehte um - wie Alexander Winter - zu verschwinden, deutete die Hexe jedoch noch mit ihrem schwarzen, gemein aussehenden Zauberstab, den sie plötzlich in der Hand hatte, auf einen Punkt hinter den Jungen: "Serpensortia" Ein Knall erklang, und die Jungen hörten mit einem Mal hinter sich ein bösartiges Zischen und trockenes Klappern. Erschrocken kreiselten die Buben herum, und sahen sich einer zischenden, angriffsbereiten Klapperschlange mit weitaufgerissenem Maul gegenüber! Panik spiegelte aich auf ihren Gesichtern. Will wollte schon - unabhängig davon, welchen Ärger er sich einhandeln konnte - seinen Pappelholz-Zauberstab zücken, in der Hoffnung, die Schlange zu stoppen, wenn es ihm gelang sie - wie die Vitrine im Zauberstabladen - einzufrieren, als sich plötzlich sein Mungo "Joker" mit einem Satz von seinen Schultern löste, und auf die Schlange hinab stürzte. Der folgende Kampf dauerte keine 10 Sekunden, war höchst einseitig, und endete damit, dass der Mungo der Klapperschlange ganz unzeremoniell den Kopf abbiss, und begann, das Reptil zu verspeisen! Fassungslos blickten die Buben sich an. "Du, Will...!" meinte Steve schließlich, "Ich glaub, Dein Mungo - Joker - hat uns das Leben gerettet!" Timmy zitterte noch zu sehr, als das er ein Wort herausbrachte, dafür krächzte sein Rabe "Blackbird": "Schlangen! - Ich Hasse Schlangen!". nur, um das Zitat aus dem "Indiana Jones"-Film mit den Worten: "Da beißt keine Maus nen Faden ab!" zu ergänzen. Anschließend brach der Vogel in kreischendes Gelächter aus, das schließlich auch auf die drei jungen Zauberer ansteckend wirkte.

"Knall" Ein untersetzter Herr im Nadelstreifenanzug, mit - schwarzem - Bowler und ausladendem Schnurrbart erschien aus dem Nichts. In der hand hielt Edmund F. Drekker - denn niemand anderer war der Zauberer, der seinen blau-violetten Umhang lose um die Schultern gelegt hatte, und der unmittelbar vor den dreien appariert war - seinen Zauberstab. "Was ist denn hier los?!" Sein Blick fiel auf die Überreste der Schlange, von der der Mungo nur die Klapper und den abgebissenen Kopf übriggelassen hatte. "Na Ihr drei?" wandte er sich an Steve, Will und Timmy. "Schuleinkäufe erledigt? - Und ein Haustier habt Ihr also auch angeschafft! - Aber mit wem habt Ihr Euch da jetzt schon angelegt?" "Wir?" Will beugte sich zu seinem Mungo hinunter, um ihn wieder auf seine Schultern klettern zu lassen. "Joker, mein Lebensretter, mein Held...!" Dankbar kraulte er dem Tier das Bauchfell. "Mit niemandem... das... das war eine... eine Violette Rosier! - Die... die war auf Schloss Bergklamm, 'ne Mitschülerin von Alex... aber die geht dies Jahr zum Glück nicht mehr dort zur Schule, sondern in Hogwarts, hat er gemeint!" stotterte Timmy. "Ja!" bestätigte Steve. "Zum Glück! - Die war ja echt sowas von gemein...!" "Rosier... - Von den Todesser-Rosiers? Das dürfte wohl passen! - Ich hoffe, die sehen wir hier, in der Karl-Schattenlicht-Straße nicht wieder!" Er zuckte die Schultern. "Und auf Schloss Bergklamm - zum Glück - wohl hoffentlich auch nicht!" Er wandte sich wieder den dreien zu, wobei er seinen Stab - ehe er ihn wegsteckte - auf den Schlangenkopf und die Klapper richtete, und beides mit einem leisen "Puff" zu Staub zerfallen ließ, der vom Wind davongetragen wurde. "Ihr habt also alles, was Ihr fürs erste Schuljahr an der "Schloss Bergklamm - anerkannte und höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen" braucht, ja?" Er betrachtete ihre prall gefüllten Einkaufstüten, die beiden Vogelbauer, Eule, Rabe und Mungo. "Zauberstäbe habt Ihr alle drei ebenfalls?! - Ja, natürlich. - Ich schätze, für eigene Besen hat es noch nicht gereicht?! - Macht nichts, das kommt noch!" Er blickte - versonnen lächelnd - von einem zum anderen. "Ich hätte mir für Euch ja einen weniger turbulenten Einstieg in die magische Welt gewünscht, aber ihr scheint Euch bislang ja trotzdem ganz gut zu behaupten und zurechtzufinden. Wie Ihr am 1. September nach Schloss Bergklamm kommt, wird Euch per Eulenpost mitgeteilt werden! - Dann bleibt mir nur noch, Euch dreien - Timo Andergaster, Wilhelm Mankowski und Steven Ratkovitch - ein erfolgreiches erstes Schuljahr zu wünschen... und" er zwinkerte allen dreien zu. "Denkt daran, dass es auch in der Magischen Welt Gesetze gibt, und die jungen Herrschaften gut daran tun, sich an diese zu halten!" Die Drei sahen sich alarmiert an. Wusste Edmund F. Drekker von ihren nächtlichen Diebeszügen? - Dass Cornelius Fudge nicht der erste Betrunkene gewesen war, dem sie die Taschen ausgeräumt hatten? - Der Geheim- und Ministerialrat ging jedoch mit keinem Wort auf ihre vergangen Sünden ein, sondern meinte nur: "Und nun solltet Ihr Drei wirklich machen, dass Ihr zurück zu Stevens Mutter kommt, bevor die anfängt, sich vor Sorge um Euch die Augen auszuheulen oder im amtseigenen Café soviel Torte isst, bis ihr übel wird! - Edmund F. Drekker empfielt sich, viel Glück, und alles Gute!" - Und mit einem Knall, wie er erschienen war, war er auch wieder disappariert.

Zurück in die Muggelwelt

Das brauchte Edmund F. Drekker den dreien nicht zweimal zu sagen. So rasch, wie sie es mit ihrem ganzen Gepäck schafften, eilten sie zu dem Spiegelfenster zurück, durch das sie die Karl-Schattenlicht-Straße betreten hatten. Sie hatten Sorge, wie sie ohne - verbotenen - Gebrauch ihrer Zauberstäbe zurück auf die Muggelseite des Bundesamtes für magische Wesen gelangen sollten, aber dies war unbegründet: Ein leichter Druck mit der flachen Hand reichte vollkommen aus, damit sie in den Zwei-Wege-Spiegel eintauchen konnten, und samt all ihren Einkäufen und den neuen Haustieren im Lagerraum des Ladengeschäfts landeten, wo sie von der Bundesamts-Mitarbeiterin / -Verkäuferin in Empfang genommen wurden, die sie zu ihrer Mutter ins Café führte. Diese hatte sich die Wartezeit tatsächlich mit Torte und heißer Schokolade - die ihren Worten zu Folge - ganz köstlich war, verkürzt, und ansonsten im Souvenierladen drei Gläser Honig und die Tasse mit dem - angeblich von "Edmund F. Drekker" stammenden - Satz zur "Drachenhaltung in urbenen Habitaten" erworben. - Sie war allerdings wirklich sehr froh, die drei mit ihren Einkäufen und gesund und heil wieder zu sehen. "Und?" fragte sie. "Habt Ihr alles bekommen, was auf den Listen in diesen Briefen steht? - Und hat das Geld aus diesem ... Fördertopf, von dem die beiden Herren vergangene Woche Mittwoch sprachen, für alles gereicht?" "Ja, klar, Ma!" antwortete Steve. "Alles super!" Die Haustiere betrachtete sie mit weniger glücklichem Gesichtsausdruck. "Eine Eule! Ein Rabe! Und ein ... was um alles in der Welt ist das für ein Tier, Wilhelm?" "Ein Mungo, Frau Zachkowitz!" entgegnete dieser. "Er heißt Joker! - Und er ist unglaublich lieb und tapfer...!" "Ich fürchte, dann muss ich mich wohl daran gewöhnen, dass künftig Eulen Briefe in unseren Briefkasten stecken..." meinte sie kopfschüttelnd, erfuhr, als sie Torte und heiße Schokolade bezahlen wollte, dass dies für "die Gnädige Frau auf's Amt" ginge, und verließ mit den drei Jungen, und ihren Einkäufen einschließlich des Mungo und der beiden Vögel das «Bundesamt für magische Wesen», um mit ihrem VW Golf und ihren Passagieren zurück nach Gelsenkirchen zu fahren.

Die letzten Schulwochen, die zweite

Sie hatten sich nicht absprechen müssen, um zu wissen, dass es besser war, zu Hause, bei ihren jeweiligen Elternteilen, gewisse Details ihres Einkaufsbummels in der Karl-Schattenlicht-Straße nicht zu erzählen. - Beispielsweise, dass es da Sabberhexen gab, dass die Zaubererbank, wo sie ihre Konten hatten, auf die das «Bundesamt für magische Wesen» ihre Unterstützung zum Kauf von Schulbüchern und -materialien einzahlte, von übellaunigen Kobolden geführt wurde, oder, dass Steves gebraucht gekaufter Zauberstab in den 1920ern einem magischen Killer gehört hatte... - Schließlich wollte keiner der drei riskieren, dass ihre Mütter (und Stevens und Wilhelms Vater) sich doch noch sperrten, dass sie auf Schloss Bergklamm auf die Zaubererschule nach Österreich gehen konnten. - Aus dem selben Grund erwähnten sie auch mit keinem Wort, dass scheinbar manche Zauberer und Hexen Muggelstämmigen wie ihnen mit offenem Rassismus begegneten, wie diese Vega Rosier. Dass sie einen Schüler ihrer künftigen Schule getroffen hatten, der den so wunderbar normalen, deutschen Muggelnamen "Alexander Walter" trug, dort zwei Klassenstufen über ihnen war, und ihnen geholfen hatte, ihre Einkäufe zu erledigen berichteten sie dagegen nur zu bereitwillig. - Schließlich würde die Eltern sicher beruhigt sein, wenn sie wussten, dass ihre Söhne in der Zaubererwelt zurechtkamen, und dort neue Freunde fanden. Den gemeinen Streich mit der schneidenden Schreibfeder, den jene Vega ihrem künftigen Mitschüler Alex gespielt hatte, die gruselige Einrichtung des Flohnetzwerkes und erst Recht den Anschlag mit der Klapperschlange erwähnten sie hingegen nicht, um die Sorgen ihrer Eltern nicht ins unermessliche wachsen zu lassen...

Will hatte zudem darauf verzichtet, seinem Vater zu verraten, dass sein neuer Zauberstab aus Pappelholz mit Veelahaar einen Kern besaß, der für männliche Zauberer als vollkommen atypisch galt. - Mit Dingen, die der Schrotthändler für unmännlich hielt, durfte er ihm nämlich nicht kommen. - Hätte sein alter Herrn mitbekommen, dass sein 12-, bald 13-jähriger Sprössling - wenn er nachts vor dem Fernseher eingeschlafen war - einen im Glas zurückgebliebenen Rest seines Cognacs naschte, hätte das diesen dagegen kaum aufgeregt... Dass er, Wilhelm, Tuba spielte (bzw. dies lernen wollte), ging in den Augen von Wills Vater noch an, da das Blechblasinstrument, das ordentlich Puste erforderte, schließlich ein Instrument für richtige Männer war. - Mit dem Wunsch, Klavier, Geige - oder, der Himmel bewahre - Blockflöte spielen zu wollen, hätte er seinem Papps dagegen auf keinen Fall kommen dürfen...

Der Mungo "Joker" hatte - erstaunlicher Weise - die Zustimmung von Wills Vater gefunden, der zugab, dass er als 14-jähriger, in seiner eigenen Schulzeit in den 1950er Jahren, einen indischen oder pakistanischen Mitschüler glühend beneidet hatte, der kurze Zeit an seiner Schule gewesen war, und ebenfalls einen solchen als Haustier gehabt hatte...

Stevens Vater, der ja ein Beamter in der Abteilung für Wasserbau beim städtischen Tiefbauamt Gelsenkirchens war, hatte interessanter Weise deutlich weniger Probleme damit gehabt, mit einem Mal einen "Zauberer" als Sohn zu haben, als seine Mutter. Vielmehr hatte er ihn lediglich dringend ermahnt, an seiner künftigen Schule fleißig zu lernen, sich im Internat an die Haus- und Schulordnung zu halten, keinen Unsinn anzustellen, und seiner Familie dort, in Österreich keine Schande zu machen. - Über das weibliche Käuzchen, das der Sohn "Christl" getauft hatte, und was man in der Nachbarschaft über ein derart ausgefallenes Haustier tratschen würde, dass die Zachkovitz' ihrem Sohne gestatteten, war er entschieden weniger glücklich, akzeptierte es jedoch, da Steve ihm erklärte, dass das in der magischen Welt absolut üblich wäre.

Timos / Timmys Mutter, die wohl im Nachhinein glaubte, dass sie während des Besuchs der Mitarbeiter des Bundesamtes ihrem mittleren Sohn gegenüber im Bezug auf dessen Vater ein wenig zu offen gewesen und viel zu deutlich geworden war, verhielt sich ihm gegenüber nun ständig etwas befangen. - Dafür nervte sie ihn wenigstens nicht mehr permanent mit ihren übertriebenen Ängsten, er könne - wie sein Halbbruder Dirk - im Jugendknast landen, oder schlimmeres. Über seinen sprachbegabten Raben "Blackbird" war sie tatsächlich alles andere als begeistert ... der kleine David dagegen mochte das Tier um so mehr. - Der noch nicht ganz Fünfjährige schien in den den Vogel absolut vernarrt zu sein, und bekam von dessen im passenden (oder unpassenden) Moment vorgebrachten Wortmeldungen gar nicht genug. - Insgeheim ahnte Timmy, dass es zwangläufig viele Tränen geben würde, wenn er mit seinem Haustier und seiner neuen Schulausstattung nach Schloss Bergklamm abreisen würde, und David hierbleiben musste.

Peinlich vermieden alle drei Jungen praktisch alles, was sie mit dem Gesetz oder der Schulordnung ihrer bisherigen, Gelsenkirchener Schule in Konflikt bringen konnte, aus Sorge, ihre Zukunft als Zauberer könnte im letzten Moment noch an irgendeinem Fehlverhalten ihrerseits scheitern. Wegen des Geheimhaltungsabkommens trauten sie sich nicht, wo anders, als in ihren Elternhäusern - oder dem Versteck im ehemaligen Direktionsbüro der Ziegeleiruine - über das zu sprechen, was sie in Zukunft erwarten mochte. Aus - vielleicht nicht ganz unberechtigter - Sorge, womöglich noch einmal unbeabsichtigt einen spontanen, magischen Effekt zu erzeugen, hatten sie ihre Zauberstäbe nicht mehr angerührt, und sie ganz unten in ihren jeweiligen Koffern versteckt. Timmy hatte dafür tatsächlich bereits angefangen, nachts im Bett, heimlich mit der Taschenlampe in seinem neuen Arithmantik-Buch zu lesen. - Zwar verstand er noch nicht einmal die Hälfte von dem, was da drin stand, aber er fand es dennoch bereits jetzt ungemein faszinierend. Alle drei saßen sie zudem natürlich die ganze Zeit wie auf Kohlen, da sie darauf warteten, dass sie die von Edmund F. Drekker, dessen Mitarbeitern und der künftigen Schulleiterin angekündigte Eulenpost erhalten würden, die ihnen verraten sollte, wie sie am 1. September nach Österreich, in die Zaubererschule auf Schloss Bergklamm gelangen würden. - Zufall, oder nicht, die Eulen - ziemlich winzige Vögel, die ausgesprochen niedlich aussahen, und die ersehnte Nachricht (und die Fahrkarten) für die Reise nach Schloss Bergklamm brachten - erreichten sie wieder in den Räumlichkeiten der aufgelassenen Ziegelei "Brennher und Söhne". Tatsächlich waren die Briefe - wieder in Kuverts in einem sehr dunklen mokkabraun, mit goldenem und scharlachroten Rand und goldener Anschrift in schöner, geschwungener Handschrift - wie die, die die "Schloss Bergklamm - höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen" ihnen in ihr jeweiliges Elternhaus geschickt hatte - für alle drei von der Anrede abgesehen identisch. Steve übernahm es, alle drei Umschläge mittels des geerbten Rasiermessers von seinem verstorbenen Opa an den Kanten aufzutrennen. Der Text war diesmal kurz und knapp gehalten:

Briefe und Fahrkarten

„An den werten Herren Steven Zachkovitz! ...

Für seine Freunde lautete die Anrede entsprechend "Timo Andergaster" und "Wilhelm Mankowski",

Bitte begeben Sie sich am 1. September 1997 um 4.45 zum Busbahnhof der Muggel. Bringen sie Ihr sämtliches Gepäck, mit allem, was sie bei uns in der Schule benötigen oder mitzubringen wünschen einschließlich etwaigen Besens und / oder Haustier mit. Sorgen sie für letzteres für ein angemessenes Transport-Hilfsmittel (Vogelbauer, tragbares Terrarium, Transportbox oder Korb). Halten Sie die dem Schreiben beigefügte Fahrkarte sowie ihren Zauberstab bereit.

Strecken sie pünktlich um 4.45 h ihren Zauberstabarm aus und weisen Sie mit ihrem Zauberstab in den Himmel.

Achtung: Sie sollen nicht versuchen, einen Zauber auszuüben, sondern ausschließlich mit dem Stab in den Himmel deuten!

Wenn der Bus erscheint, steigen sie zügig mit Ihrem Gepäck ein. - Sie sind nicht die einzigen Schüler, die heute Ihr Schuljahr auf Schloss Bergklamm beginnen! Weisen Sie auf Aufforderung Ihre Fahrkarte vor, und genießen Sie ansonsten die Reise.

Wir freuen uns darauf, sie am 1. September 1997 an der höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen auf Schloss Bergklamm in Österreich begrüßen begrüßen zu dürfen!

gez. Prof. Jude Neustadt, Lehrerin für Muggelkunde
(i. V. für Frau Direktorin Prof. Maria Theresia Haten)

Anliegend:

  • 1 Fahrkarte

Die Fahrkarte bestand aus steifem, mokkabraunem Karton und wies ein - sich bewegendes - Bild eines marineblauen, drei- oder sogar vierstöckigen Omnibusses auf, der sie an die roten Londoner Doppeldecker-Busse erinnerte, die sie aus dem Fernsehen kannten. Er kam ein ums andere Mal von links im Bildhintergrund auf den Betrachter zugefahren, stoppte kurz, und verschwand dann rechts aus dem Bild. - Ihm mit den Augen zu folgen, löste ein wirklich merkwürdiges Gefühl im Magen aus - so, als ob man in einer Achterbahn säße, und es steil abwärts ginge, oder man kurz davor wäre, reisekrank zu werden...

Unter dem Bild war - in blau-goldenen Lettern - zu lesen:

"Busbahnhof Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfahlen, BRD""Schloss Bergklamm - höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen, Österreich", "Einfache Fahrt"

"Du meine Güte!" entfuhr es Steve. "Vier Uhr Fünf-und-Vierzig in der Früh ... das ist ja praktisch mitten in der Nacht!" Dem konnten seine beiden Freunde nur zustimmen, auch, wenn Will meinte, "Mit Mitten in der Nacht ha'm wir ja eigentlich Erfahrung ... nur halt eher vor Mitternacht, als danach...!" Allen dreien war klar, dass ihre Eltern über den Abfahrttermin wohl kaum erfreut sein würden. "Wenn alle Stricke reissen, besorgen wir uns jeder 'n großen Einkaufswagen, und schieben unser Gepäck damit zu Fuß zum Busbahnhof!" überlegte Steve. Timmy nickte, auch, wenn ihm nicht wohl war, bei der Vorstellung. Er dachte an seinen älteren Halbbruder Dirk, und den Mist, den der gebaut hatte, auch, wenn der dortige MiniMart um 4.45 h garantiert zu hatte. "Ihr beide werdet das mit je 'nem Koffer, ner Reisetasche und dem Vogelbauer vielleicht schaff'n!" stöhnte Will. "Aber vergesst nicht: Ich hab zusätzlich noch die Tuba! - Und ich besitz noch gar keinen Transportbehälter für "Joker"!" Der Mungo, der seinen Namen gehört hatte, kam herbeigeflitzt, sprang auf den alten Schreibtisch, und von dort aus auf Wills Schulter. "Blackbird", Timmys Rabe, nahm dies zum Anlass, sich von der Rückenlehne des schadhaften Schreibtischsessels (wo vor etwas mehr als einer Woche die Schleiereule aus Durmstrang gesessen hatte) zu erheben eine Runde durch den Raum zu fliegen, und dabei zu krächzen: "Drei Asse und ein Joker...!" was Timmy zu der kichernden Feststellung veranlasste: "Und eine Posteule ...und dazu noch ein echt schräger Vogel!"

Letzte Tage in der Heimat

Mit der Annahme, die jeweiligen Eltern bzw. in Timmys Fall die Mutter und bei Will der Vater wären von der Abfahrtszeit und der Aussicht, ihre Jungen zu nachtschlafender Zeit zum Busbahnhof kutschieren zu müssen, nicht erfreut, lagen die Drei vollkommen richtig. Da aber zumindest Frau Andergaster und das Ehepaar Zachkovitz von der Option, sie könnten ihr Gepäck zu Fuß in Einkaufswagen dort hin schieben, noch weniger hielten, fanden sie sich dann doch bereit, sie pünktlich hinzufahren. - Wills Vater hätte es dagegen entschieden vorgezogen, wenn sein Sprössling den Transport seiner Sachen zum Abfahrtspunkt des Busses auf eigene Faust und ohne väterliche Unterstützung bewältigt hätte. "Wenn Du Deine verdammte Tuba nich' transportieren kannst, dann lass sie halt verdammt noch mal hier, Junge...!" hatte er gepoltert, um schließlich einzulenken, und seinem Sohn zuzusichern, dass er ihn, sein Gepäck, das unhandliche Blechblasinstrument und den Mungo mit dem Schrottlaster zu dieser unchristlichen Stunde zum Busbahnhof kutschieren würde (Er hatte tatsächlich und allen Ernstes den Ausdruck "unchristliche Stunde" gebraucht.). - Allerdings nur um den Preis, dass ihn Will am Samstag, den 31. August, noch ein letztes Mal auf seiner Schrott-Tour begleiten würde. - Dagegen hatte Will allerdings auch überhaupt nichts einzuwenden. Da er keinen Transportkorb für den Mungo besaß - und es nicht riskieren wollte, zu versuchen einen zu klauen - hatte er - schweren Herzens - die 50 Mark, die eigentlich für die Fahrt nach Bonn bestimmt gewesen waren, investiert, um einen Katzentransportkorb aus Weidengeflecht mit runder Einstiegsöffnung und einem metallen Gittertür davor zu kaufen. Damit sein "Joker" es darin auf der Fahrt einigermaßen bequem haben würde, hatte er ein großes, flauschiges Strand- bzw. Badelaken (das witziger Weise mit einer Abbildung Batman bedruckt war, der auf dem fraglichen Bild seinem Gegenspieler, dem Joker, mit einem "POW!" eine reinhaute) und ein Paradekissen von der väterlichen Couch hineingestopft.

An ihrem letzten Schultag an ihrer bisherigen Schule im heimatlichen Gelsenkirchen, dem 30. August, pfiffen Steve, Will und Timmy auf die Geheimhaltung, und nahmen alle drei ihre neuen Haustiere mit zum Unterricht, wo sie sich von ihren bisherigen Klassenkameraden verabschiedeten. - Das gab vielleicht ein Hallo! Vor allem der Mungo "Joker", aber auch der Rabe "Blackbird" und die Eule "Christl" waren der Hit... und lösten neidische Blicke und Kommentare aus, auch, wenn die Mitschüler vor den Schnäbeln und Krallen der Vögel - glücklicher Weise - eine Menge Respekt hatten (und die drei nicht den Fehler begingen, irgendwem zu verraten WO sie die Tiere gekauft hatten). Timmy hatte es sich nehmen lassen, das moosgrüne Taschentuch mit dem in Silber gestickten "CF"-Monogramm, das er Cornelius Fudge entwendet hatte, eigenhändig frisch gewaschen und gebügelt, seinem Mathelehrer Christoph Farkas zum Abschied zum Geschenk zu machen. Der war ob dieser Geste ehrlich gerührt, und verzichtete darauf, laut darüber nachzudenken, ob der rothaarige Bub bei den Mathearbeiten in den vergangenen Schuljahren nicht womöglich doch geschummelt hätte. - Dass sie den Schul- und Klassenkameraden leider weder eine genaue Postanschrift noch eine Telefonnummer mitteilen konnten, unter der sie in ihrer neuen Schule in Österreich erreichbar waren, löste allgemeines Bedauern aus (auch, wenn sich alle drei sicher waren, dass ihre alten Klassenkameraden ihnen wohl kaum geschrieben hätten, selbst, wenn dies problemlos möglich gewesen wäre...).

Schließlich lag dann auch die letzte, samstägliche Schrott-Sammeltour mit seinem Vater hinter Will, der stimmlich in Sachen "Alteisen! - Alte Öfen! - Altmetalle! ..." noch einmal wirklich alles gegeben hatte. Anschließend hatte Herr Mankowski seinem Sohn - zu dessen Überraschung - mit den Worten "Taschengeld!" einen Hunderter zugesteckt, weil es bis zu den Weihnachtsferien, wo sie sich frühestens wiedersehen würden, ja doch noch etliche Monate wären, und ihm zudem den zweischneidig geschliffenen Dolch zum Geschenk gemacht, mit dem Will seinen ersten Schul-Brief von der Schulleiterin auf Schloss Bergklamm geöffnet hatte.

Und ... Abfahrt!

Auf dem Weg zum Busbahnhof

Als der kleine David Andergaster begriff, dass sein Halbbruder Timo (den er immer "Timmo" nannte) noch vor seinem fünften Geburtstag, in der Nacht zum 1. September 1997 - samt seinem neuen Haustier, dem sprachbegabten Raben "Blackbird" - abreisen würde, um in eine Internatsschule irgendwo ganz weit weg (nämlich ins österreichische Schloss Bergklamm) zu gehen, während er selbst hierbleiben musste, gab es genau die Szene, die sowohl Timmy als auch die gemeinsame Mutter befürchtet hatten: Tränen flossen, und David steigerte sich in einen Trotzanfall hinein, wie ihn Mutter und Halbbruder bei ihm seit Monaten nicht mehr hatten erleben müssen, weil die Mutter es rundheraus abgelehnt hatte, ihn mit zum Busbahnhof zu nehmen, wenn sie dort um 4.45 h zu nachtschlafender Zeit ihren mittleren Sprössling verabschieden würde. - Egal, was sie sagten, und versuchten, der Kleine war nicht zum Einschlafen zu bewegen, und machte es so auch Timmy nahezu unmöglich, wenigstens ein paar wenige Stunden Schlaf zu finden, ehe er um 4.20 wieder aufstehen und sich nach einer Katzenwäsche anziehen und ins mütterliche Auto steigen musste... Am Ende blieb der entnervten Mutter nichts anderes übrig, als das übermüdete, quengelnde Kleinkind in Pyjama und Nachtwindel in seinen Kindersitz zu setzen, und es doch mit in ihren silbernen Fiat Ritmo zu packen, in dem es - mit Timos riesigem Koffer, einer großen Reisetasche und dem Vogelbauer mit dem gleichfalls total aufgedrehten Raben "Blackbird" sowie einem äußerst verschlafenen Timo - extrem eng wurde. Da er - laut seinem Brief, mit dem er seine Fahrkarte erhalten hatte - am Busbahnhof ja seinen Zauberstab benötigen würde, lag dieser ganz oben in der Reisetasche, neben zwei von der Mutter mit belegten Broten und kleingeschnittenem Obst sowie einer geviertelten Tomate und ein paar Scheiben Gurke gefüllten Tupperdosen, wozu noch drei Tetrapacks mit Multivitamin-Saft und noch in Folie eingeschweißten Trinkhalmen kamen.

Steve hatte es da entschieden besser, da er keinen jüngeren Halbbruder hatte, der ihn daran gehindert hätte, etwas auf Vorrat zu schlafen. Seine Eule, das weibliche Käuzchen "Christl", machte ebenfalls keinen Radau, sondern hockte friedlich schlafend in ihrem Vogelbauer. Zudem wurde er im väterlichen Audi zum Busbahnhof chauffiert, in dem es auch mit Gepäck nicht so drangvoll eng wurde.

Will schließlich saß neben seinem Vater im (ehemals) ochsenblut-roten Führerhaus des väterlichen Schrottlasters, während die Tuba, sein Koffer, seine Reisetasche und der Transportkorb für den Mungo "Joker", der sich - ohne Gewaltanwendung - partout nicht in seinen Korb hatte verfrachten lassen, auf der Ladefläche lagen, und der Mungo selbst bei Will mal wieder "lebender Pelzkragen" spielte... Diese drei Fahrzeuge rollten nun mit den drei Freunden an Bord als reichlich merkwürdig anzusehende Kolonne aus der Reihenhaussiedlung hinaus, und Richtung Gelsenkirchener Busbahnhof. - Will fühlte sich leicht beschwipst, da sein alter Herr ihm "zur Feier des Tages" ein "winziges Schlückchen" Cognac gestattet hatte. - Es war wirklich nur ein winziger Schluck gewesen, den sein Alter Herr ihm spendiert hatte, kein halber Zentimeter, und definitiv weniger, als der Rest aus dem Glas des Vaters, den er sich nach jenem Fischzug mit seinen Freunden Steve und Timmy in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch genehmigt hatte... Aber der Napoléon Private Reserve war eben auch ein ganz anderer Stoff, als der gewöhnliche Cognac, den sein alter Herr sich sonst beim abendlichen Fernsehen gönnte! - Will war allerdings trotzdem noch klar genug im Kopf, um sich Sorgen zu machen, was passieren mochte, wenn sie unterwegs angehalten wurden: Sein Papps hatte sich selbst von dem 180jährigen Cognac, den ihm Becker und Schulze vom Bundesamt für Magische Wesen dagelassen hatten, als sie disappariert waren, selbstverständlich NICHT blos ein "winziges Schlückchen", sondern gleich einen Doppelten gegönnt, und danach gleich noch einen zweiten, weil man ja bekanntlich auf einem Bein nicht stehen konnte. - Falls der Schrotthändler Mankowski bei einer Kontrolle der Polizei ins Röhrchen pusten müsste, war zu befürchten, dass er, Will, nicht nur den Bus nach Schloss Felsklamm in seine künftige Zaubererschule verpasste, sondern dass sein Vater zusätzlich auch seinen Führerschein verlor ... Zum Glück ging jedoch alles gut. Dem Fahrstil des Vaters sah man von den zwei Gläsern Cognac nichts an, und sie erreichten ohne angehalten zu werden den nächtlichen, vollkommen verlassenen Busbahnhof.

Der Fiat Ritmo von Timmys Mutter und der alte aber gepflegte Audi 80 von Steves Eltern hielten hinter dem Schrottlaster. Will kletterte - vielleicht ein bisschen umständlicher, als sonst - aus dem Führerhaus des Kleinlasters, und nahm seinem Vater die Tuba, den Koffer, seine Reisetasche und und den Katzen- (respektive Mungo-) Transportkorb ab, die dieser von der Ladefläche wuchtete. Auch Steve half seiner Mutter und seinem Vater dabei, das Gepäck aus dem Wagen zu heben, und Timo bemühte sich zumindest, beim Ausladen von Koffer, Tasche und Vogelbauer aus dem Fiat der Mutter mit anzufassen, auch, wenn er nahe daran war, im Stehen einzuschlafen... Alle drei Buben verabschiedeten sich mit einer Umarmung - bzw. in Wills Fall nur einem kräftigen Händedruck - von ihren jeweiligen Elternteilen. David bekam in seinem Kindersitz hingegen nichts von der Verabschiedung seines Halbbruders von der gemeinsamen Mutter mit, da er während der Fahrt zum Busbahnhof - endlich - doch noch eingeschlafen war. - Ein Blick Steves auf seine mechanische Armbanduhr verriet ihm, dass sie noch gut 8 oder 9 Minuten bis Viertel vor Fünf hatten. Alle drei Jungen öffneten die Reissverschlüsse ihrer jeweiligen, großen Reisetasche, um ihre Zauberstäbe griffbereit zu haben, damit sie diese - der Weisung in jenem Brief folgend - in den Himmel richten konnten, wenn es 4.45 war. "Du kannst mit Pa ruhig wieder heimfahr'n, Ma!" sagte Steve zu seinen Eltern. "Ich schätze, die Zeit vergeht auch nicht schneller, wenn Ihr bleibt, und es wäre vermutlich nicht so toll, wenn Ihr den Bussteig blockiert, wenn unser Bus dann auftaucht!" setzte Timmy hinzu, "und David wär' in seinem Bett bestimmt auch besser aufgehoben, als im Auto!" "Man merkt, dass Du inzwischen mein Großer bist, Timo!" meinte Frau Andergaster, und verdrückte eine Träne. "In einer Art und Weise, wie Dirk es nie war...!" Sie küsste ihren mittleren Sohn noch einmal auf die Wange, ehe sie wieder in ihren silbernen Wagen stieg, und wendete, um mit David zum Reihenhaus zurückzufahren. Steves Eltern, Herr und Frau Zachkovitz, folgten mit ihrem Audi dem Beispiel von Timmys Mutter, und vom Kleinlaster von Wills Vater waren zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch die Rücklichter zu sehen.

Abfahrt vom Busbahnhof

Dann waren die drei mit ihrem Gepäck auf dem nächtlichen Gelsenkirchener Busbahnhof allein. - Steve warf einen weiteren, ungeduldigen Blick auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr... Er konnte sich an wenige Gelegenheiten erinnern, wo 8 oder 9 Minuten so lang geworden waren... Es war eine ähnlich klamme, ungemütliche Nebel-Nacht, wie an jenem Dienstag, als mit Cornelius Fudges Mantelschließe, Geldbeutel, Taschentuch und Zauberstab alles begonnen hatte... - Den Buben kam es vor, als läge das inzwischen schon eine kleine Ewigkeit zurück! Wills Mungo "Joker" hatte sich schlussendlich doch noch bequemt, von dessen Schultern herunter und in seinen Transportkorb zu klettern, da es der wärmeliebenden Schleichkatze, die ursprünglich vom Indischen Sub-Kontinent stammte, in der klammen Nachtluft nun doch ein wenig zu kalt wurde. "Jetzt müsste es aber 4.45 h sein..." meinte Timmy, der dem MiniMart (der wie erwartet zu dieser Stunde geschlossen, und dessen Tür und Schaufenster mit herabgelassenen, schweren Scherengittern gesichert waren), einen unfrohen Blick geschenkt hatte. Er ergriff seinen Pflaumenholz-Zauberstab, der in der Reisetasche zwischen einer Tupperdose und einem Saftpaket gelegen hatte, und richtete ihn steil gen Himmel. Will mit seinem Pappel- und Steve mit dem Olivenholz-Stab taten es ihm gleich. "Knall!" Der Bus fiel praktisch aus dem Nichts herab, und kam am Bussteig, von dem sonst tagsüber Busse nach Bochum oder Dortmund abfuhren, zum Stehen. - Hätten Frau Andergasters Fiat und der Audi der Zachkovitz' noch da gestanden, wären sie platt gewesen! Der gewaltige Bus war marineblau lackiert, und tatsächlich vierstöckig. Zumindest Timmy, der für Dinge wie Größenverhältnisse genau wie generell für Zahlen einen natürlichen Blick hatte, fragte sich unwillkürlich, wie das Ungetüm von einem Bus unter Brücken, Überführungen, Ampeln oder Oberleitungen hindurchkommen wollte. Die Türen des Busses öffneten sich, und ein altmodisch uniformierter Schaffner streckte den Kopf heraus: "Aha - drei neue Schüler für die höchst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen auf Schloss Bergklamm! - Dann mal rein mit Euch und Eurem Gepäck!" Er schwang einen - nicht sonderlich beeindruckend aussehenden - Zauberstab. "Accio... Accio... Accio!!!" Irritiert blickte er auf Wills Tuba. "Wassn das?" "Eine Tuba!" entgegnete Will, "und zwar meine!" "Na schön!" der Schaffner zuckte die Schultern, "Accio Tuba!" Das Blechblasinstrument segelte - wie zuvor Reisetaschen und Koffer - durch die geöffneten Türen in den Bus. Die drei Jungen folgten mit ihren Vogelbauern mit Eule und Rabe und dem Transportkorb mit dem Mungo. "Ich sach Euch..." meinte der Schaffner, "Dieser Nebel, das ist nicht normal! - Das sind diese verfluchten Dementoren! - Die sind jetzt einfach überall, nachdem Du-weisst-schon-wer all seine inhaftierten Anhänger aus Askaban rausgeholt hat..." Er beeilte sich, mit einem Zauberstab-Schlenker die Türen des Busses hinter den drei Buben zu schließen, offenbar in Sorge, ein "Dementor" (was auch immer das war...) könnte in den Bus gelangen. Die drei Freunde (die mit den Worten des Schaffners natürlich wenig anfangen konnten) sahen sich interessiert um: Anstelle von normalen, im Boden verankerten Sitzreihen gab es eine Unzahl von Sesseln, Sofas und Couchs, deren Bezüge farblich nicht zusammenpassten, und die sich scheinbar nach Lust und Laune im Fahrzeug verteilten, oder in Gruppen zusammen standen. "Fahrkarten?" wurden die drei gefragt, als die Türen zu waren. Sie zeigten diese vor. "Bestens! - Dann mal alles gut Festhalten! - Und weiter geh's!" verkündete der Schaffner. Die Warnung war mehr als gerechtfertigt, da der Bus mit einem lauten "Knall!" in den nächtlichen Himmel emporschoss. "Oh Mann! - Das is' ja schlimmer, als jede Achterbahn im Phantasialand!" stellte Timmy fest. Will, leicht grünlich, konnte nur nicken, da er die Lippen fest zusammenpresste, und sich bemühte, den Transportkorb mit seinem Mungo "Joker" nicht loszulassen. Den dreien gelang es gerade noch so, sich in drei einander zugewandte, zusammenstehende Sessel zu setzen, ehe der Buss die nächste, überraschende Spitzkehre beschrieb, was den Mungo zu einem wütenden Keckern und den Raben "Blackbird" zu einem gekrächzten: "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern...!" animierte. - Lediglich Steves Eule "Christl" ließ sich von all dem nicht beirren, und schlief in ihrem Käfig auf der Stange so tief und fest, als ob dieser sicher auf festem Boden stände... [A 9]

Eine holprige Busfahrt

"Knall!" - Kaum hatten die drei es sich auf ihren Sesseln bequem gemacht, und der Rabe und der Mungo sich wieder einigermaßen beruhigt, ging es auch schon wieder steil abwärts. Steve - der sich als einziger der Freunde traute, aus dem von schweren, blauen Samtvorhängen und Spitzenvolants umrahmten Busfenster zu schauen - sah, wie Alleebäume, parkende Autos, ganze Batterien von Mülltonnen und selbst komplette Häuser aus dem Weg sprangen, um den vierstöckigen Bus passieren zu lassen. Der nächste Stop um weitere Schüler aufzunehmen, erfolgte in einer schmalen Altstadt-Gasse, entschieden zu eng, als dass der Bus nach rein physikalischen Gesichtspunkten hindurch gepasst hätte. Zwei größere Jungen, beide sicherlich schon 16 wenn nicht gar 17 oder 18 und in Schuluniform von Schloss Bergklamm, und ein Mädchen, dass - höchstens - in Steves oder Wills Alter war, stiegen zu. In der Ferne bemerkte Steve die Spitzen des Kölner Doms. Ein erneuter Knall. Der Start des Busses erfolgte derart heftig, dass die beiden Jungen beinahe auf das Mädchen gefallen wären, was - wie Steve überlegte - übel hätte ausgehen können. Die Neuankömmlinge suchten sich ihre Plätze auf einem voluminösen Sofa, wobei das Mädchen, das die goldblonden Haare rechts und links in zwei Pferdeschwänze gebunden trug, auf dem Weg dorthin Wills Tuba ausweichen musste, der es einen misstrauischen Blick schenkte. Vielleicht, so überlegte Will, war die Aussage der Mitarbeiter des Bundesamtes, dass er das unhandliche Blechblasinstrument selbstverständlich mit in ihre neue Zaubererschule nehmen dürfe, doch ein wenig voreilig gewesen... Nachdem der Bus ein Stück auf - mehr oder minder normale Art und Weise - auf der Muggel-Autobahn gefahren war, kündigte ein weiteres "Knall!" den nächsten Sprung an. Diesmal landete der Bus auf einem großen, offenen Platz, wo er schlafende Tauben und Möwen aufscheuchte, vor einer kleinen, steinernen Pyramide. Timmy erinnerte sich dunkel, dass diese in ihrem Weltkundebuch abgebildet war, und sich in Karlsruhe befand. Ein stämmiger Junge, der seinen mokkabraunen Reiseumhang über Muggelkleidung trug, und sich seinen Spitzhut auf die schwarzen Locken gestülpt hatte, stieg als einziger, neuer Passagier zu. Er wollte schon die Wendeltreppe ins Obergeschoss des Busses in Angriff nehmen, als er plötzlich verharrte: "Bist Du mit den Malfoys verwandt?!" fragte er agressiv, den Blick auf Steves weissblondes Haar gerichtet. "Mit wem...?" fragte Steve, der sich auf das Verhalten des künftigen Mitschülers keinen Reim Machen konnte. "Draco Malfoy, diesem Höllensohn, und seinen Eltern, Narzissa und Lucius... solche wie die wollen wir nämlich nicht, bei uns auf Schloss Bergklamm! - Sind froh, dass wir die Rosier-Schlampe dieses Jahr nicht mehr als Mitschülerin haben...!" wurde er angeraunzt. Ein goldblonder Lockenkopf erschien auf der Wendeltreppe, die die Etagen des Busses verband. "Das sind Muggelstämmmige, Antonio! - Die können das nicht wissen ... bis zu ihrem Schuleinkauf in der Karl-Schattenlicht-Straße hatten die von Zaubererfamilien oder Reinblütlern noch nie auch nur ein Wort gehört! Und mit den Malfoys - oder den Rosiers - wollen die nicht mehr zu schaffen haben, als Du oder ich!" Hocherfreut sahen die drei, dass es sich bei dem blonden Lockenkopf um jenen Alexander Walter handelte, der ihnen bei ihren Einkäufen in Bonn behilflich gewesen war. "Na dann..." der Jugendliche, den Alex Antonio genannt hatte, schenkte Steve ein entschuldigendes Grinsen. "Aber Du siehst wirklich aus, wie eine jüngere Ausgabe von Draco Malfoy, der in Hogwarts im selben Jahrgang war, wie Harry Potter!" "Wartet! Ich komm runter zu Euch..." Alex erschien mit einem großen Vogelkäfig, in dem eine deutlich größere Eule als Steves "Christl" hockte. Er stellte den Käfig am Boden des Busses ab, und zog sich einen Sessel heran, um sich zu den dreien zu setzen, und jener Antonio fläzte sich auf ein in der Nähe stehends, schmales Sofa. "In Hogwarts muss es dieses Jahr, nach Dumbledores Tod, und mit den ganzen Verordnungen dieses neuen Ministers schrecklich sein..." Die drei dachten an das, was Edmund F. Drekker im Bezug auf Hogwarts in seinem Brief geschrieben hatte, und dass sie sich - vermutlich - glücklich schätzen durften, auf Schloss Bergklamm, und nicht dort zur Schule zu gehen. "Sagt mal," wollte Will wissen, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten. "Fährt dieser komische Bus immer so?!" "Ja ... so ziemlich!" lachte Antonio. "Da werdet ihr Euch schon noch dran gewöhnen! - Ist ja auch harmlos, im Vergleich mit einem Wronski-Bluff...! - Quidditch...!" ergänzte er, als er die fragenden Gesichter der drei sah. "Ich spiele als Treiber in einem der Schülerteams auf Schloss Bergklamm, bei den «Fledermäusen»!" "Die dieses Jahr genauso wenig eine Chance auf die Schulmeisterschaft haben, wie letztes Jahr ... oder vorletztes!" rief der eine der beiden in Köln zugestiegenen, älteren Schüler ihnen quer durch den Bus zu. "Einfach ignorieren! Gar nicht beachten..." forderte Alexander sie auf. "Muss man drüber stehen...!" Er lachte. "Die zwei waren in ihren ersten beiden Schuljahren Durmstrangs, ehe ihre Eltern sie dort von der Schule genommen haben, weil es ihnen nicht gefiel, wie Karkarow als Direktor den Laden geleitet hat... - Können froh sein, dass sie auf Schloss Bergklamm aufgenommen wurden, und sie nicht auf dieses «Gehsche Gottfried & E.F.Keller - Eidgenössische Ausbildungszentrum» gehen mussten...!" Beim nächsten Stopp an einer Höhenstraße im Schwarzwald stieg ein ganzes Dutzend schwatzender und lärmender junger Hexen und Zauberer zu, die sich offenbar alle untereinander kannten, wohl in relativer Nachbarschaft zu einander wohnten, und sich sofort nach oben, in den zweiten, dritten oder vierten Stock des Busses verzogen. Der nächste Stop war in schweizerischen Basel am Dreiländereck, wo vier Hexen zustiegen, kichernde Mädchen die altersmäßig zwischen den drei Freunden und Alex und Antonio liegen mussten, ehe ein weiterer, infernalischer Knall den nächsten, enormen Sprung einleitete, der den Bus direkt bis in die Tiefen des Bayerischen Waldes beförderte. Ein älterer Schüler stieg hier zu, der einen Besen - einen "Nimbus 2001", wie Antonio neidisch raunte, geschultert hatte, und der eine Eule von wahrhaft monströser Größe mit sich führte, die locker die Scheitelhöhe von Timmys 4-, bald 5-jährigem Halbbruder David erreichte.

"Bin froh, dass meine Eltern mit uns mitten in Karlsruhe, unter den Muggeln, und nicht im Schwarzwald wohnen!" meinte Antonio. "Oder im Bayerischen Wald... Da hat's für meinen Geschmack entschieden zu viele Erklings. - Ich wär' ewig in Sorge um meine kleine Schwester, wenn ich nicht in ihrer Nähe, sondern im Schloss, in der Schule bin!" "Verständlich." stellte Alexander fest. "Nicht jedes Kind ist ein Bruno Schmitt - auch, wenn man schon lange nichts mehr von ernsthaften Übergriffen durch Erklings auf Zaubererkinder gehört hat!" Der Mungo, der sich inzwischen scheinbar an den eigenwilligen Fahrstil des Busses gewöhnt hatte, steckte seinen Kopf aus seinem Transportkorb, und flitzte über den - mittlerweile ziemlich mit Gepäckstücken vollgestellten - Boden zu Will und sprang auf dessen Schoß, wo er die Hand des stämmigen Bubs mit der Schnauze anstuppste, um diesen aufzufordern, ihn zu kraulen. "Oh! - Du hast einen Mungo?" Antonios Augen glänzten. "Ich hatte bis letztes Jahr 'ne Ratte... war eigentlich auch ganz süß, auch, wenn Prof. Haten und Prof. Lahb alle neuen Schüler darauf hinweisen, dass sie Ratten oder Kröten als Haustier nicht empfehlen würden...!" Er machte ein verdriesliches Gesicht. "Leider hat mein Rizzo das letzte Schuljahr nicht überlebt..." Er beugte sich vor zu seinem Klassenkameraden Alexander. "Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin überzeugt, dass das auch diese verfluchte Vega Rosier war!" "Oder eine von ihren Schlangen...!" überlegte Timmy laut. Das brachte ihm die Aufmerksamkeit sowohl Alexanders als auch Antonios ein. "Wie kommst Du darauf?" wollten beide wissen, und Alexander erklärte: "Wenn sie illegal Schlangen gehalten hätte, wäre sie hochkant rausgeflogen! - Das ist Gesetz! - Und sie hätte es bestimmt nicht mit Erfolg verheimlichen können, wie ihre schneidenden Schreibfedern und ihre sonstigen Gemeinheiten...!" "Na die kann sie doch einfach herbeizaubern!" wandte Timmy ein. "So, wie sie's gemacht hat, nachdem Du mit diesem Pulver und den Grünen Flammen in der Karl-Schattenlicht-Straße in diesem Kamin verschwunden warst!" Er blickte zu wills Mungo, der auf dem Schoß des Freundes eine Rückenlage eingenommen hatte, und sich ausdauernd den Bauch kraulen ließ. "Ohne "Joker" hätt' uns die Klapperschlange vermutlich erwischt, und wir währ'n entweder im Krankenhaus, oder tot...!" "Sie hat einen Serpensortia-Zauber auf Euch geworfen?!" sowohl Alexander, als auch Antonio klangen alarmiert. "Jep!" nickte Will. "So etwa hat das geklungen, was sie gekrischen hat, ehe sie so wie Du, Alex, im grünen Feuer verschwunden ist...!" Er schnitt eine Grimmasse. "Nachdem sie uns als Schlammblüter, Muggelbrut und Hosensch...er beschimpft hatte..." "Das," entschied Alexander, "ist wirklich ein neuer Gipfel der Gemeinheit von ihr! - Sie hätte doch wissen können, dass Ihr als angehende Erstklässler, zumal als Muggelstämmige, keine Ahnung haben konntet, wie ihr mit so'nem Zauber umgehen müsst! - Ich würde schon behaupten, dass man das 'nen glatten Mordversuch nennen kann...!" "Stimmt!" Steve schenkte dem Mungo auf dem Schoß seines Freundes Will einen bewundernden Blick. "Aber Wills "Joker" hier, der hat mit der Klapperschlange kurzen Prozess gemacht, noch ehe dieser Edmund F. Drekker aufgetaucht is'!" "Super!" fand Antonio. "Ne Runde Schokofrösche auf den Schreck?" fragte er. Er zückte seinen Zauberstab "Accio Schokofrösche!" und schon kam aus seinem Schulkoffer, den er nahe des Einstiegs stehen gelassen hatte, eine Schachtel geflogen, die die Schokoladige Süßígkeit enthielt. "Wow!" staunten die drei. "Das woll'n wir auch lernen!" "Aufrufungszauber! - Zauberkunst ... entweder zweites, oder drittes Schuljahr, je nach dem, wie gut der Lehrer mit dem Stoff durchkommt!" erklärte Antonio mit breitem Grinsen, und verteilte die Schokofrösche. "Aber, sag mal, ...Antonio: Bist Du denn schon 17?! - Weil außerhalb der Schule Zaubern, und so...?" wollte der rothaarige Timmy wissen. "Nö!" der stämmige Junge lachte. "Werd um Weihnachten rum 15! - Aber hier, im Schulbus, wo garantiert kein Muggel was merkt, is' das mit Zauberei Minderjähriger kein Problem! - Ebensowenig, wie im Hogwarts-Express, nach allem, was man so hört...!"

Sie waren so mit einander beschäftigt, dass sie die letzten Zwischenstopps - einen auf einer Uferstraße am Starnberger See, wo zwei Hexen aus der Oberstufe zugestiegen waren, und noch drei, vier in Österreich - gar nicht mehr registriert hatten.

Schloss Bergklamm

"Wir sind gleich da!" verkündete Alexander den drei Freunden. "Schaut mal aus den Fenstern - es lohnt sich wirklich!" Antonio nickte bestätigend. Mit einem ziemlich überraschten Blick auf seine Armbanduhr stellte Steve fest, dass es tatsächlich bereits 18 Uhr vorbei war, und auf 19 Uhr ging. - Die Zeit war während der Busfahrt - im wortwörtlichen Sinne - im Fluge vergangen... Sie blickten aus den Busfenstern, und mussten Alexander Walter recht geben: Der Ausblick über das Alpenpanorama war einfach nur phantastisch. Vereinzelt selbst jetzt im Spätsommer noch schneebedeckte Gipfel und Gletscher, zerklüfteter Fels, grüne Almen, unergründliche Bergseen, kristallklare Gebirgsbäche und dunkle Wälder in tiefen Tälern!

Ein Blick auf Nurmengard

"Das dahinten dieser gruselige Turm - das ist übrigens Nurmengard!" meinte Alexander, und wies sie mit dem Finger auf eine steil aufragende Turmburg von geradezu absurden Proportionen hin. "Das Gefängnis, wo dieser ... Gellert Grindel...?" Timmy schluckte, weil er sich erinnerte, dass Alex sie ja dringend gewarnt hatte, den Namen des verhassten und gefürchteten Schwarzen Magiers leichtfertig und gedankenlos auszusprechen. "Ganz genau!" Antonio nickte. "Da hockt Gellert Grindelwald in seiner Zelle! - Als einziger Gefangener in dem Gefängnis, das er einst selbst für seine Feinde erbaut hat!" "So dicht bei Schloss Bergklamm...?!" Steve schüttelte es leicht. "Macht Euch keine Sorgen!" beruhigte Alexander sie. "Da liegen mehrere Gipfel dazwischen... und ausbrechen, so, wie die Todesser aus Askaban, die - mit Unterstützung der Dementoren, die sie eigentlich bewachen sollten - jetzt wieder in England und Schottland wüten, wird er mal unter Garantie nicht!" Will, Steve und Timmy dachten an Cornelius Fudges Besuchserlaubnis für diesen Häftling und dieses Gefängnis, die Edmund F. Drekker vom Bundesamt für magische Wesen ausgestellt hatte, erwähnten es gegenüber den künftigen Mitschülern jedoch nicht, da es sie doch in ziemliche Erklärungsnöte gebracht hätte, wie es kam, dass sie diese gesehen und gelesen hatten.

Bergklamm

"Das ist es, hinter der nächsten Bergkette!" erklärte Antonio stolz. "Unser Tal!" Tatsächlich war es beeindruckend trotz des Abendlichts schimmerte der Fluss, der das Tal durchzog, wie Kristall, während die Gipfel der Bergketten mit ihrem ewigen Eis im Abendrot glühten. - Es war ein Anblick, der mit absolut nichts, was Steve, Will oder Timmy aus dem heimischen Ruhrgebiet und aus Gelsenkirchen kannten. Der Wald bestand aus majestätischen Nadelgehölzen - jeder einzelne Baum so gewaltig, dass er den übergroßen Weihnachtsbaum vor dem New Yorker Rockefeller Center (den die drei im vergangenen Jahr im Fernsehen gesehen hatten) zwergenhaft erscheinen ließ. "Da hinten hat's auch eine kleine Farm, mit lauter magischen Tierwesen!" wies Alexander sie auf eine Ansammlung von Gebäuden im typisch alpenländischen Stil hin, die von hier oben wie Spielzeuge aussahen. Der Bus ging in einen rasanten Sturzflug über, und den drei Buben wurde mit einem Mal bewusst, dass sie während der ganzen Fahrt nichts außer den Schokofröschen gegessen hatten, wobei sie darüber im Augenblick sogar ziemlich froh waren. "Knall!" Der vierstöckige Bus setzte ziemlich hart auf der Straße auf, die den Windungen des kristallklaren Flusses folgte. "Gleich werdet ihr es sehen!" meinte Alexander. Die Jungen, die aus den Fenstern des Busses blickten, wirkten irritiert - und ein wenig alarmiert: Der Bus schien haargenau auf eine Felswand an der Flanke des Berges zuzufahren. - Wie sollten sie einen frontalen Aufprall auf massiven Fels verkraften, selbst, wenn das Fahrzeug verzaubert war? Staunend sahen sie, wie sich in der Felswand ein gemeißelter Torbogen abzuzeichnen begann. Das Gestein, das sich im Moment noch scheinbar dieses gigantische Portal ausfüllte, durch das der vierstöckige Bus ohne Probleme hindurchpassen würde, schien transparent zu werden. Dahinter sahen sie den Schatten eines mächtigen Schlosses mit hohen, runden Türmen, der sich abzeichnete. - Offenkundig war der Fels nicht bloß leicht transparent, sondern auch durchlässig, da der Bus ihn passierte, ohne dass es zur geringsten Erschütterung gekommen wäre. Der Berg, in dessen Innern sie sich nun samt dem Bus wiederfanden, war nicht nur gewaltig, sondern innen auch komplett ausgehöhlt, und in dieser gewaltigen Kaverne stand es: Schloss Bergklamm! - Riesengroß, unglaublich beeindruckend - und Steve fiel wirklich kein besserer Begriff ein - wunderschön! (Dass Schloss Bergklamm nur etwa halb so groß war, wie das britische Hogwarts, konnten die drei Buben aus Gelsenkirchen nicht wissen, und dadurch, dass es im Inneren eines Berges stand, wirkte es ohnehin wesentlich größer und gewaltiger, als es eigentlich war.)

Ankunft

Der Bus kam vor dem Schlossportal, zu dem eine Freitreppe hinaufführte, zum Stehen. "Wir sind da, junge Damen und Herrschaften!" verkündete der Schaffner. "Steigen Sie alle zügig aus, und lassen Sie Ihr Gepäck im Bus! - Es wird ihnen ins Schloss auf Ihre Zimmer gebracht werden! - Wir hoffen, Sie haben die Reise genossen, und freuen uns, sie zu Beginn der Weihnachtsferien wieder in diesem Bus begrüßen zu dürfen!" Das mit dem Genießen der Fahrt, dachten sowohl Timmy als auch Will und Steve bei sich, konnte man so oder so sehen... auch, wenn der Flug über das Alpenpanorama kurz vor Fahrtende sie schon einwenig für die holprige Fahrt, das Knallen und die abrupten Sprünge entschädigt hatte. "Die Vogelkäfige mit den Eulen und Raben auch?" erkundigte Timmy sich bei Antonio und Alex, der an dessen Worte dachte, dass Prof. Lahb empfindlich reagierte, wenn Schüler ihre Haustiere schlecht behandelten, oder sie vernachlässigten. "Ja, klar!" entgegnete Antonio. Da Wills Mungo "Joker" allerdings keine Anstalten machte, wieder in seinen Transportkorb zurückzukehren, ließ der Junge ihn wieder von seinem Schoß über seine Arm auf seine Schultern klettern, wo er die schon bekannte Pelzkragen-Position einnahm, ehe er selbst von seinem Sessel aufstand. Alexander gab seinem "James" noch eine Eulennuss, ehe er sich dem Ausstieg des Busses zuwandte, und auch Steve schob seiner "Christl" die die Ankunft mit einem kurzen Öffnen der Augen registriert hatte, eine durch das Gitter. - Timmy hingegen ließ - da er sah, dass auch etliche andere Schüler ihre jeweiligen Vögel auf der Schulter sitzen hatten - seinen Raben aus dem Käfig, der bereits seit der Landung heftig in seinem Vogelbauer auf seiner Stange mit den Flügeln geschlagen und begonnen hatte, herumzukrakelen. "Blackbird" quittierte dies, in dem er auf der linken Schulter des karottenhaarigen Bubs Platz nahm, und - im Mainzelmännchen-O-Ton „Guuudn Abend“! krächzte. Die drei Freunde folgten Alex und Antonio, ebenso, wie die Schülerinnen und Schüler, die jetzt über die Wendeltreppe von oben, aus den drei oberen Etagen des vierstöckigen Busses herabströmten

Als sie die Stufen der marmornen Freitreppe zum Eingangsportal von Schloss Bergklamm hinaufstiegen (sieben!) und vor ihnen die geschnitzten Flügel des Tores aufschwangen, dachte Will noch: "Hoffentlich passiert meiner Tuba nix...!"

„Willkommen auf Schloss Bergklamm“

"Willkommen, auf Schloss Bergklamm, der höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen!" begrüßte sie der donnernde Bass eines bärtigen Zauberers mit fassförmiger Brust, der einen mokkabraunen Zaubererhut auf dem Kopf hatte und einen mokkabraunen Umhang über einem ebensolchen Anzug trug. Das grell-bunte, mit allerlei Dschungelgewächsen, Papageien und zwischen großblättrigen Pflanzen herumschleichenden Raubkatzen bedruckte Hawaiihemd, das er zum Anzug trug, machte den seriösen Eindruck der Aufmachung allerdings effektiv zunichte. "Prof. Lahb... der Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe!" flüsterte Alexander den dreien zu. Dieser hatte offenbar trotz Alexanders Bemühen, leise zu sprechen, und ungeachtet des Stimmengewirrs in der Eingangshalle jedes Wort verstanden, und erklärte: "Sehr richtig! - Mein Name ist Prof. Lahb! Ich unterrichte an dieser Schule das Fach "Pflege magischer Geschöpfe". Alle, die schon letztes Schuljahr - oder in den Vergangenen Jahren - hier waren, werden mich kennen, und sich bestimmt an mich und meinen Unterricht erinnern. - Alle neuen Schüler werden mich in den kommenden Wochen kennenlernen! - Im Interesse eines geordneten Ablaufs..." Dies entlockte den vier auf der Busfahrt zur Schule in Basel zugestiegenen Hexen, die - wie Steve richtig vermutete - ihr zweites Jahr auf Schloss Bergklamm begannen, einiges Gekicher, was der Professor jedoch ignorierte. "...mögen sich alle Schülerinnen und Schüler, die zu einem zweiten oder dritten Schuljahr nach Schloss Bergklamm zurückgekehrt sind - oder bereits einer höheren Klassenstufe angehören - bitten, sich direkt und ohne jegliche Umschweife in die große Halle zu begeben, damit ich mich mit den Kolleginnen Professor Rosenberg und Professor Richter um unsere diesjährigen Erstklässler kümmern kann!" "Ihr habt es gehört!" flüsterte Alexander den dreien zu. "Antonio und ich, wir müssen... aber keine Sorge, Prof. Lahb ist nicht so wild und grimmig, wie er aussieht!" "Sag mal, Alex...müssen wir irgend 'nen Test machen, 'ne Aufnahmeprüfung, oder so?" fragte Will - sichtlich alarmiert. "Nein, keine Angst. - Ihr bekommt bloß die Nummern und die Schlüssel Eurer Zimmer!" beruhigte ihr älterer Mitschüler, der sich schon bei den Einkäufen in der Bonner Karl-Schattenlicht-Straße so hilfsbereit gezeigt hatte, ehe er - wie alle anderen, älteren Schüler - die von Kerzen in goldenen und silbernen Wandleuchtern erhellte Eingangshalle von Schloss Bergklamm durch eine weitere, zweiflüglige Tür wieder verließ. Zurück blieben etwas mehr als 50 Jungen und Mädchen, die etwa im selben Alter sein mussten, wie Timmy, Steve und Will und von denen viele extrem nervös wirkten. Zwei Hexen, die von Prof. Lahb erwähnten Kolleginnen, waren rechts und links an seine Seite getreten. Die eine von ihnen, in einer violetten, bodenlangen Robe, hielt eine endlos lange Pergamentrolle in den Händen, deren letzte zwei Meter über den Boden schleiften, die andere, eine kräftig gebaute Person in einem grünen Fest-Dirndl mit aufwendig silberbesticktem Mieder, trug einen goldenen Kessel. Steve erinnerte sich, dass in Frau Prof. Hatens Brief, der ihre offizielle Einladung an diese Schule enthalten hatte, davon die Rede gewesen war, dass man die Schülerinnen und Schüler auf Schloss Bergklamm nicht auf rivalisierende "Häuser" verteilte, wie in Hogwarts. Und daran, dass man dieses Konzept deswegen nicht übernommen hatte, um keine übermäßige Rivalität und Konkurrenz unter der Schülerschaft zu erzeugen oder zu fördern, die - schlimmstenfalls - zu echten Feindseligkeiten und regelrechten schulinternen Fehden ausufern konnte. Er fragte sich, was sie statt dessen erwartete. Er, und seine beiden Freunde - wie auch all die anderen jungen Hexen und Zauberer - sollten es gleich erfahren:

"Meine werte Kollegin, Frau Prof. Alinka Richter, welche das Fach Arithmantik unterrichtet, wird jetzt die Namen der einzelnen Schüler auf dieser Liste vorlesen. Jeder, dessen Name vorgelesen wird, wird vortreten, und - blind - eine Messingplakette mit einem Schlüssel aus dem Kessel meiner Kollegin Professorin Elke Rosenberg ziehen, welche den Unterricht im Fach Zauberkunst hält. Die Plakette gibt jedem von Euch Auskunft über Flügel, Stockwerk, Korridor und Nummer seines Zimmers, der Schlüssel erlaubt dem jeweiligen Schüler oder der Schülerin den Zutritt. Wer seine Plakette samt Schlüssel erhalten hat, geht durch die Flügeltür in die Große Halle, und sucht sich einen Platz an den Tischen. Es gibt keine besondere Sitzordnung..." "Abgesehen davon, dass Sie, jungen Damen und Herren, sich selbstverständlich NICHT an den Lehrertisch zu setzen haben!" ergänzte Prof. Rosenberg die Rede Prof. Lahbs. "Und," führte Prof. Richter weiter aus, "bevor jetzt die große Fragerei losgeht: Jede und jeder hat ein Einzelzimmer für sich alleine. Es ist nicht gestattet, zu zweit oder zu mehreren in Zimmern von Mitschülerinnen oder Mitschülern zu nächtigen. Wenn es Schlafenszeit ist, begibt sich jeder und jede in ihr jeweiliges, eigenes Zimmer - allein! - Weiterhin ist es ebenfalls nicht gestattet, dass Schüler und Schülerinnen ihre Zimmer untereinander tauschen! Dies ist ein ehernes Gesetz auf Schloss Bergklamm! - Das Zimmer, welches ihr gezogen habt, ist das Eure, und bleibt es auch! - Sollte ein Schüler oder eine Schülerin sich einbilden, er oder sie sehe sich nicht in der Lage, ein Zimmer neben diesem oder jenem Mitschüler zu bewohnen, etwa, weil der oder diejenige ein Muggelgeborener ist, oder vielleicht aus einer Zaubererfamilie stammt, mit der ihre oder seine Familie bzw. er oder sie Probleme haben, so tut uns das leid. - Er oder sie wird sich entweder damit arrangieren und sich mit den Nachbarn zur Rechten und zur Linken abfinden, oder es zumindest bis zu den Weihnachtsferien ertragen, und kann dann uns - wenn er oder sie meint, es gehe partout nicht anders - verlassen, und sich eine andere Zaubererschule suchen! - Habe ich mich diesbezüglich klar ausgedrückt?!" "Dies ist überaus wichtig, meine jungen Damen und Herren!" erklärte Prof. Lahb. "Halten Sie sich an das, was die Professorinnen Richter und Rosenberg gesagt haben! Sollte das Kollegium von irgend einem verbotenen Zimmertausch unter den Schülern erfahren (und es WIRD davon erfahren), oder dass sie sich unzulässiger Weise zu zweit oder zu mehreren ein Zimmer teilen, dann haben die daran beteiligten RICHTIG großen Ärger...! - Und nun bitte, Frau Kollegin Richter, beginnen sie mit "A"!" Ehe die Hexe in der bodenlangen Robe dies tun konnte, fiel Prof. Lahb allerdings noch etwas ein: "Sollte einen Schüler oder eine Schülerin zu nächtlicher Stunde ein menschliches Bedrüfnis peinigen, oder ihm oder ihr nach Mitternacht einfallen, dass er oder sie etwa vergessen hätte, sich die Zähne zu putzen, so ist dies für den- oder diejenige kein Vorwand, sich, wenn Schlafenszeit ist, außerhalb ihres oder seines Zimmers aufzuhalten und auf den Korridoren umher zu wandern! - Jedes der Zimmer verfügt nämlich über ein von dort - und nur dort - zugängliches, eigenes Bad mit eigener Toilette!"

Timmy, Steve und Will sahen sich an. - Auf der einen Seite waren sie froh, wie bei sich zuhause, jeder ein Zimmer für sich zu haben, und nicht mit anderen Jungen, die sie vielleicht nicht leiden mochten, die unschöne Angewohnheiten hatten, womöglich Bettnässer waren, schnarchten oder laut im Schlaf sprachen, in einem Mehrbettzimmer oder gar einem großen Schlafsaal schlafen zu müssen. Und ein eigenes Bad mit eigener Toilette, das direkt vom Zimmer aus zugänglich war, klang auch wirklich gut ... - Auf der anderen Seite hörte das strikte Verbot des Zimmertauschs sich in den Ohren der Freunde schon sehr streng an, und die drei fragten sich bang, wie sich dies mit dem "kooperativen Lernumfeld" vertrug, das die Schule laut Frau Prof. Hatens Brief ihren Schülerinnen und Schülern bieten wollte...

Da begann Frau Prof. Richter auch schon damit, die Namen der Schüler vorzulesen: "Alpermann, Martina" Ein rothaariges Mädchen mit Himmelfahrtsnase und unglaublich vielen Sommersprossen, das Jeans und ein giftgrünes T-Shirt trug, musste vortreten, und seine große, ovale Messingplakette, an der ein Schlüssel baumelte aus dem Kessel ziehen, betrachtete sie, und wurde von der Hexe im Dirndl in die große Halle geschickt. "Ammand, Aidan" Ein farbiger, junger Zauberer mit wolligem, schwarzen Kraushaar und fast ebenso dunkler Haut, der seine komplette Schuluniform - Hose, Sakko, weisses Hemd, Umhang und Spitzhut - trug, trat vor, zog ebenfalls seine Plakette samt Schlüssel, und ging in die große Halle. Dann folgte, was Timo befürchtet hatte: "Andergaster, Timo" Mit reichlich angefressenem Gesichtsausdruck, weil sein ihm so verhasster Familienname vor den versammelten Erstklässlern aufgerufen wurde, trat er vor, zog seine Plakette mit dem Schlüssel, und beeilte sich, in die große Halle zu kommen, wo er sich suchend durch die Tisch- und Stuhlreihen schob, bis er den Tisch mit Antonio und Alexander entdeckte, die so nett gewesen waren, ihm und seinen beiden Freunden Plätze bei sich frei zu halten. Draußen, in der Eingangshalle rief derweil die Arithmantik-Hexe "Arnold, Antonia" auf, die ebenfalls ihre Zimmernummer samt Schlüssel aus dem Kessel ziehen musste, und dann in die Große Halle geschickt wurde. So ging es weiter, und irgendwann war auch "Mankowski, Wilhelm" (dessen Mungo "Joker" ihm einen freundlichen, anerkennenden Blick Prof. Lahbs bescherte) und - nach einer schieren Ewigkeit - schließlich "Zachkovitz, Steven" an der Reihe (dessen Rabe "Blackbird" krächzend verkündete: "The First, The Last, The Only!"), und nach dem nur noch eine "Zinn, Elissa" folgte. 52 Erstklässler hatten ihre Zimmernummern und -schlüssel erhalten, während die Schüler aller Jahrgangsstufen in der Halle bunt durcheinander an den Tischen saßen, viele nach der Anreise im Bus komplett in Muggelkleidung, andere teilweise oder vollständig in ihren Schuluniformen, und die Große Halle vom Stimmengewirr unzähliger Unterhaltungen erfüllt war [A 10].

Wie Professor Lahb, und die Professorinnen Richter und Rosenberg es angestellt hatten, wussten Steve, Will und Timmy nicht, aber nur Augenblicke später saßen sie - ohne Pergament und Kessel -am großen, etwas erhöht und quer zur Halle stehenden Lehrertisch, der sich mit noch einem guten Dutzend weiterer Lehrer füllte. Schließlich erhob sich die Schulleiterin, Frau Professorin Maria Theresia Haten, eine beeindruckende Hexe in langem, marineblauen, viktorianischen Kleid (bei dessen Anblick die Jungen aus Gelsenkirchen sich unwillkürliche fragten, wie sie sich damit auf einen Stuhl setzen konnte), schlug mit ihrer goldenen Gabel an ihren Trinkpokal, und rief:

"Liebe Erstklässler! - Herzlich Willkommen auf Schloss Bergklamm - der höchst löblichen Schule für Zaubrei und Zauberwesen! - Alle anderen Schüler: Herzlich Willkommen zurück! - Ein weiteres Jahr einer für Euch alle hoffentlich erfolgreichen, magischen Ausbildung liegt vor Euch, doch bevor ich hier noch weitere Worte verliehre, die ohnehin nur in Eurem allgemeinen Magenknurren untergehen würden, wünsche ich Euch zunächst einmal allen einen Guten Appetit!""

Willkommensfestmahl

Wie von Geisterhand deckten sich die die Tische mit Tellern, die sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Speisen füllten, vornehmlich Süßspeisen, für die die Österreichische Küche so berühmt war. Große Kannen mit heißem Met, Krüge heißer Schokolade und Kännchen mit Sahne erschienen. Riesige Stapel an Palatschinken, Gugelhupfe, die in warmer Vanillesauce schwammen, heißer Apfelstrudel, diverse Kuchen, Sachertorte und kleine Törtchen, die von einer mehr als daumendicken Schicht Marillengelee gekrönt waren. Will, Steve und Timmy fühlten sich wie im Schlaraffenland, und waren ob des Angebots schlichtweg begeistert. Antonio lachte. "Ja, Süßspeisen, die können die Österreicher wirklich...!" Er goss heiße Schokoladensauce über zwei große Kugeln Vanilleeis, die auf einem Stück rumgetränkten Hefegebäck mit dicken Rosinen ruhten. Alexander Walter hatte sich eine Anzahl an Pfannkuchen mit Pflaumenmus auf den Teller gepackt, und nuschelte mit vollem Mund "Können schie wirklich... Aller... dings...!" Die jungen Zauberer futterten, bis sie beinahe das Gefühl hatten, zu platzen. Will hatte seinem Mungo "Joker" eine Schale süßer Sahne hingestellt, die dieser genüsslich leerschlabberte, während Timmys Rabe "Blackbird" voller Begeisterung die Rosinen aus einem Stück Gugelhupf pickte. "Falls ihr statt lauter Nachspeisen und süßem Zeug vielleicht auch was herzhaftes wollt, hier drüben gibt's Sauerbraten, Kalbshaxn und Blaukraut!" wies einer der beiden älteren Schüler, die zusammen mit der kleinen blonden Hexe mit den zwei Pferdeschwänzen - sie hieß Elissa Zinn - in Köln in den Bus gekommen waren, sie auf das herzhafte Speisenangebot auf dem Nachbartisch hin. Auch Klösse und Semmelknödel gab es, während auf anderen Tischen auch Platten mit Wurst und Käse, frisches knuspriges Brot, Gemüsegratins oder Fischgerichte für die Hungrigen bereit standen. Weder Timmy, noch Steve oder Will zeigten jedoch nur die geringste Neigung, sich auch dort zu bedienen. - Wann hatte man schließlich die Möglichkeit, sich allein an Nachtisch und Süßspeisen satt zu essen, ohne sich deswegen die Vorwürfe der Erwachsenen anhören zu müssen?!

...und die Ansprache

Aber auch das ausgedehnteste Festessen hat irgendwann ein Ende. Teller, Tassen, Becher und Besteck verschwanden mit allen Resten, und ließen die Tische in der großen Halle sauber und wie blankpoliert zurück. Frau Professor Haten erhob sich erneut hinter dem Lehrertisch, um das Wort an die Schülerschaft der Zaubererschule auf Schloss Bergklamm zu richten.

Aber auch das ausgedehnteste Festessen hat irgendwann ein Ende. Teller, Tassen, Becher und Besteck verschwanden mit allen Resten, und ließen die Tische in der großen Halle sauber und wie blankpoliert zurück. Frau Professor Haten erhob sich erneut hinter dem Lehrertisch, um das Wort an die Schülerschaft der Zaubererschule auf Schloss Bergklamm zu richten.

"Ich freue mich, dass wir dieses Jahr eine so große Zahl junger Hexen und Zauberer als neue Schülerinnen und Schüler hier auf Schloss Bergklamm, an der höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen begrüßen können! - Und es freut mich, dass fast alle Schüler - die im letzten Jahr unsere Zaubererschule im schönen Österreich besucht haben dies auch dieses Jahr wieder tun werden!"

"Wenn man von denen absieht, die vergangenen Sommer ihren UtZ gemacht haben..." warf Alexander ein, um - im Flüsterton an die drei Freunde gerichtet hinzuzufügen: "...und wenn man diese elenden Vega Rosier außen vor lässt, die - Merlin und den Göttern sei dank - dies Jahr nach Hogwarts gewechselt ist, so dass wir sie hier glücklicher Weise los sind...!" Nach ihrer persönlichen Erfahrung mit der jungen Rosier vor dem Kamin des Flohnetzwerks in der Karl-Schattenlicht-Straße konnten die drei dem nur zustimmen. Als ob Frau Professor Haten die zum Ausdruck gebrachten Gedanken mitbekommen hätte, richtete sie die folgenden Worte an die Schülerschaft der Zaubererschule:

"Wie vielen von Euch bekannt sein dürfte, leben wir in interessanten Zeiten. - Interessant, aber leider für weite Teile der Zauberergemeinschaft auch ziemlich düster: Die Anhänger von jenem, dessen Namen wir nicht nennen, haben auf den Britischen Inseln offen, und unverholen die Macht ergriffen. Jene, die sich selbst als Todesser bezeichnen, arbeiten dort mit dem britischen Zaubereiministerium Hand in Hand, um namentlich muggelgeborene Hexen und Zauberer wie auch nichtmenschliche Zauberwesen und Muggel zu unterdrücken. - Wenn - wie ich befürchte - jene Schreckensherrschaft andauern sollte, rechne ich damit, dass eine große Zahl an jungen, muggelstämmigen Hexen und Zauberern auf den Kontinent fliehen wird, und ich sage Euch, dass wir diese Flüchtlinge wenn sie zu uns kommen, auf Schloss Bergklamm, an unserer Schule als Schüler herzlich willkommen heißen, und aufnehmen werden! - In diesem Zusammenhang möchte ich klar und deutlich zum Ausdruck bringen, dass wir schwarzmagische Umtriebe auf Schloss Bergklamm nicht tolerieren! - Ich weiss, es hat im vergangenen Jahr eine Reihe von Vorgängen gegeben, die das Maß gewöhnlicher Schülerstreiche in nicht akzeptabler Art und Weise überschritten haben. Ich versichere Euch, dass das Lehrerkollegium eine Wiederholung oder Fortsetzung dieses Verhaltens Einzelner nicht hinnehmen wird! Diskriminierendes Verhalten Einiger, die der unseligen Ideologie vom "Reinen Blut" anhängen, gegenüber ihren muggelstämmigen Mitschülern ist eine Schande für die gesamte Schülerschaft wie auch für unsere Schule, als solche absolut inakzeptabel und das entsprechende Gedankengut kann und soll auf Schloss Bergklamm keinen Raum finden!"

Sie unterbrach ihre Rede, und ließ ihre dunklen Augen über die Schülerschar schweifen, von der ein nicht geringer Teil diese Worte ihrer Schuldirektorin mit Applaus bedachte.

"Aber genug davon. - Ihr seid hier, um zu lernen, wir"

sie machte eine Geste, die das Kollegium am Lehrertisch umfasste

"um junge, magische Menschen zu lehren! - Die Stundenpläne, Klassen- und Kurseinteilung gibt es wie jedes Jahr morgen, direkt nach dem Frühstück. Wie die Drittklässler wissen, beinhaltet dies nicht zuletzt, dass sie - neben ihren bisherigen Unterrichtsfächern - ab diesem Jahr eine Reihe von Wahlpflichtfächern belegen werden, was für sie zwangsläufig mit einer Änderung der Klassenzusammensetzung verbunden ist. - Sie erwartet in erhebliches Maß an zusätzlicher Arbeit, aber ich denke, ich - wie auch meine Kolleginnen und Kolegen und Eure Mitschüler, welche die dritte Klasse auf Schloss Bergklamm erfolgreich hinter sich gebracht haben - können Ihnen mit gutem Gewissen versichern, dass Ihnen allen trotzdem genügend freie Zeit für Arbeitsgemeinschaften, Lerngruppen, Projekte sowie Schülerclubs und natürlich Quidditch bleiben wird! - Unsere Erstklässler haben - dank freundlicher Unterstützung der Professoren Lahb, Richter und Rosenberg ihre Zimmernummern und -schlüssel bereits erhalten, und wurden über die diesbezüglich geltenden Regeln"

sie lächelte,

"mit Sicherheit mit hinlänglicher Eindrücklichkeit unterrichtet. Allen in die Schule zurückgekehrten Schülerinnen und Schülern sollten diese noch bekannt sein, und ich muss denke ich nicht nocheinmal betonen, welche Konsequenzen diesbezügliche Verstöße gegen die Schulordnung haben können!"

Ein weiterer Blick in die Runde.

"...und da es nun schon recht spät ist, und ihr eine lange und sicherlich anstrengende Anreise hinter Euch habt, denke ich, es ist an der Zeit, die Tafel aufzuheben, und die Nachtruhe ab 21.00 Uhr zu verkünden! Also, geschätzte Schülerinnen und Schüler: Begebt Euch auf Eure Zimmer und schlaft gut, in der ersten Nacht Eures neuen Schuljahres - Husch, husch, ins Bett!"

Es folgte ein verhaltener Applaus, und eifriges Stühle-, Tische und Bänkerücken, als sich überall in der Halle die Schüler erhoben, um zum Ausgang in die Eingangshalle zu strömen, wobei einige auch noch zuvor ihr jeweiliges Haustier einsammeln mussten.

Fragen, die man nicht stellen sollte

„Sag mal, Alex,“ wollte Steve wissen, als sie pappsatt und reichlich müde die große Halle verließen, um ihre frisch zugewiesenen Schlafzimmer aufzusuchen. „Was ist eigentlich eine Ruhmeshand...?“ „Oh-oh! - Da hat wohl jemand die vollmundige Werbung vom „Gehsche Gottfried & E.F.Keller-Institut“ gelesen...?!“ meldete Antonio sich an Alexanders Stelle zu Wort. „Ja, haben sie … sind aber nicht drauf reingefallen! – Andernfalls wären sie jetzt ja nicht hier bei uns, auf Schloss Bergklamm, sondern am „Eidgenössischen Ausbildungszentrum“...!“ Alexander lachte. „Aber ihr könnt beruhigt sein: Ihr habt nix verpasst... selbst, wenn es keine leeren Versprechungen sind, dass sie Euch bis zum Ende Eures zweiten Jahres dort beibringen würden, wie man sowas herstellt und verzaubert, würdet ihr das Ergebnis einer diesbezüglichen, praktischen Lektion mit Sicherheit eher unbefriedigend, mängelbehaftet und wenig tauglich finden...! - Die dunklen Künste sind tricky … und die Lehrkräfte dort, bei den Schweizern und generell die Qualität des dortigen Unterrichts ha'm 'nen verdient miesen Ruf...!“ Er erkannte an den Mienen der drei, dass seine Worte Steves Frage – wenigstens in ihren Ohren – nicht wirklich beantwortet hatten, und erklärte: „Eine Hand des Ruhms – oder einfach „Ruhmeshand“ - ist ein dunkelmagisches Artefakt. Sie besteht im Prinzip aus der abgehackten, konservierten Hand eines gehenkten oder sonstwie zu Tode gebrachten Diebs oder auch eines Wilderers ...“ „Uäääh!“ entfuhr es Timmy. „Stimmt. „Uäääh!“ - Das beschreibt es ziemlich genau. - Der Clou bei der Geschichte ist, dass, wenn sie korrekt verzaubert wurde, und man ihr eine brennende Kerze zwischen die erstarrten Finger klemmt, selbige Kerze nur für den Zauberer leuchtet, der die Hand vor sich herträgt, während sie alle anderen in Schatten und Düsternis hüllt... Darum nennen diejenigen, die mit solchem schwarzmagischen Plunder handeln, sie auch den „besten Freund aller Diebe und Plünderer“!“ „Gruselig!“ fand Steve, was Will prompt zu dem Einwurf „Stimmt schon ... klingt aber irgendwie auch ziemlich cool...!“ animierte. „So? - Findest Du?“ Antonio zog die Augenbrauen hoch, und schüttelte leicht den Kopf. „Hier auf Schloss Bergklamm werdet ihr jedenfalls unter Garantie nicht lernen, wie man sowas herstellt...!“ "Exakt!" bestätigte Alexander. "Direkt verboten, wie das Halten von giftigen Schlangen und Spinnen als Haustiere oder schwarze Flüche und illegale Zauber wie Serpensortia ist es bei uns an der Schule zwar nicht, so'n Ding zu haben,“ erklärte er den dreien, „...aber die Lehrer wären trotzdem nicht gerade glücklich, wenn sie mitbekämen, dass Ihr - oder irgend ein anderer Schüler oder eine Schülerin - sowas besitzt und mit ins Schloss bringt. - Unsere Frau Direktorin, Professor Haten, würden den oder diejenigen garantiert verschärft im Auge behalten, und auch bei den meisten anderen Lehrern stände er - oder sie - quasi automatisch unter Generalverdacht...!“ „Gar nicht erst zu reden von der Muggelkunde-Lehrerin, Jude Neustadt...! - Die ist, wenn es um potentielle, dunkelmagische Umtriebe der Schüler bei uns, auf Schloss Bergklamm geht, sogar noch schärfer dahinter her...!“ ergänzte Antonio, um im Flüsterton fortzufahren: „Aber das muss man auch verstehen:“ Er beugte sich zu den dreien hinunter. „Ihre ganze Familie gehörte zu denen, die Grindelwald und seine Akolythen damals, vor '45... Krrckkk!“ Er machte eine vielsagende Geste mit der Hand (was Steve, der unwillkürlich daran denken musste, was Detwiler im Zauberstabladen in Bonn ihm zum Vorbesitzer seines Zauberstabs gesagt hatte, einen alarmierten Blick annehmen ließ). „Aber reden wir nicht weiter darüber... Bona Notte!“ „Gute Nacht! - Und denkt daran: Seid morgen pünktlich bei Frühstück!“ empfahl Alexander den dreien noch. „Dann gibt’s die Stundenpläne und die Klassen-Einteilung. - Sind ja dieses Jahr wieder Erstklässler für mehr als nur eine Klasse...!“

Sie trennten sich, da die Zimmer der drei in einem anderen Korridor (und Stockwerk) lagen, als die der beiden frischgebackenen Drittklässler. "Wir hätten Sie fragen sollen, was "Muggelkunde" für'n Fach ist!" überlegte Timmy, ehe sich trennten, um jeder in sein eigenes Zimmer zu gehen. "Da kann ich mir irgendwie so gar nix drunter vorstellen!" "Ich auch nicht..." entgegnete Steve. "Aber sie muss im Schloss was zu sagen haben: Sie hat nämlich das Schreiben, das der Fahrkarte beilag, in Vertretung für die Frau Direktorin unterschrieben...!" Alle drei betraten sie ihre Zimmer, deren Türen neben der jeweiligen Zimmernummer - erstaunlicher Weise - bereits mit ihren Namen in geschwungenen Goldbuchstaben beschiftet waren. Tatsächlich erwarteten sie in den kleinen Schlafzimmern nicht bloß bezogene, weiche und warme Betten, sondern auch ihre Koffer und Vogelbauer, und im Fall Wills sein Transportkorb für den Mungo, der wieder wie ein zusätzlicher, voluminöser Kragen auf seinen Schultern und um seinen Nacken lag, und ihm im Moment leise ins linke Ohr schnarchte sowie seine Tuba, die in einer Zimmerecke auf einem großen Kissen ruhte. - Seine Sorge wegen des sperrigen Blechblasinstruments war - glücklicher Weise - unbegründet gewesen...

Timmy dagegen hatte in seiner ersten Nacht auf Schloss Bergklamm einen Alptraum, in dem Vega Rosier von ihm forderte, er solle sich seine Zauberstabhand abhacken lassen, weil sie für eine Hausarbeit eine Ruhmeshand herstellen müsse. Andernfalls, so drohte das bösartige Mädchen ihm, werde es ihn mittels des Serpensortia-Zaubers unter einem ganzen Berg von Giftschlangen begraben. - Vermutlich lag es auch an dem doch etwas zu schweren, ungewohnten und ein wenig überreichlichen Abendessen. - In Kombination mit Alex' gruseliger Erläuterung und der Erinnerung an das erschreckende Erlebnis mit dem Rosier-Mädchen und der von ihr beschworene Klapperschlange in der Bonner Karl-Schattenlicht-Straße wirkte sich das wohl auf sein Unterbewusstsein aus. - So kam es wohl dazu, dass die diffusen, unbewusste Befürchtungen des Jungen in Bezug auf seine Zukunft in der magischen Welt in seinen Träumen derart absurde und bedrohliche Gestalt annahmen. - Und dass sein Rabe "Blackbird" irgendwann in der Nacht das bekannte "Indiana Jones"-Zitat: "Schlangen?! - Warum müssen es immer ausgerechnet Schlangen sein? - Ich Hasse Schlangen!" krächzte, hatte er sich vermutlich auch nur eingebildet...

Morgenstund...

Timmys Erwachen

Timmy erwachte, weil das Morgenlicht durch das Fenster seines Zimmers direkt auf sein Gesicht schien, und brauchte erst einmal eine Weile, ehe ihm klar wurde, wo er sich befand. "Morgenlicht?!" überlegte er. "Befindet sich Schloss Bergklamm nicht im Inneren eines Berges...?" Er war sich eigentlich ziemlich sicher, dass dies so war. Natürlich konnten weder er noch seine beiden Freunde wissen, dass die Kavernendecke des komplett ausgehöhlten Berges in der selben Art und Weise verzaubert war, wie die Decke der großen Halle in Hogwarts, so dass sie stets den Himmel über dem Berggipfel zeigte. Dies sorgte dafür, dass es tagsüber im Schloss Bergklamm auch nicht weniger hell war, als wenn dieses oben, auf dem Berg und nicht im Berginneren gestanden hätte, und sorgte zugleich für einen "natürlichen" Tag- und Nachtrhytmus. - Diesen erachtete die Schulleiterin, Maria Theresia Haten, für überaus wichtig für eine gesunde Entwicklung junger Menschen. - Daher wäre es auf Schloss Bergklamm auch undenkbar gewesen, einen Teil der Schlaf- und Aufenthaltsräume der Schüler in den unterirdischen Kerkergewölben des Schlosses unterzubringen, wohin sich nie ein Strahl Tageslicht verirrte, wie es beim Haus Slytherin in Hogwarts der Fall war! - Dass sich - neben Wirtschaftsräumen und dem Archiv, wo die Prüfungsergebnisse ganzer Schülergenerationen lagerten - auch einzelne Unterrichtsräume wie etwa der für den Zaubertränke-Unterricht dort unten befanden, war fachspezifischen Anforderungen geschuldet (und - im einen, oder anderen Fall wohl auch den persönlichen Vorlieben der betreffenden Fachlehrer). - Im Gegensatz zur Decke der gigantischen Kaverne, in der das Schloss stand, waren deren Wände nicht verzaubert, so dass Timmy, als er hinaus blickte, auf schroffe Felswände blickte, die von vereinzelten Erzadern durchzogen waren. Da und dort fing auch ein Kristall das Licht von der Kavernendecke ein. - Dieser Anblick bewies, das er sich gestern abend, als sie angekommen waren, nicht getäuscht hatte, und sie sich wirklich IN einem Berg befanden. Timmy dachte an seinen nächtlichen Alptraum, und es schüttelte ihn leicht. "Hanebüchener Unsinn!" dachte er bei sich, auch, wenn er nicht umhin konnte, vor sich selbst zuzugeben, dass seine Zauberstabhand, seine Rechte, sich durchaus als "Diebeshand" qualifizieren mochte. Vena Rosier war - Gott sei dank - nicht ihre Mitschülerin, sie hielt sich vermutlich in England, und nicht in Österreich auf, und mit Sicherheit würde es auf Schloss Bergklamm auch niemals Gegenstand einer Hausarbeit sein, eine Hand des Ruhms zu erzeugen... Er schätzte - durchaus korrekt - dass es am vorigen Abend vielleicht doch ein wenig zu viel Palatschinken und mehr heiße Schokoladensauce gewesen war, als seinem unbeschwerten Schlaf guttat. Und dazu noch Alex' gruselige Erläuterung... - Aber Steve, Will - und im Prinzip auch er - hatten es schließlich wissen wollen. - Da durften sie sich nicht beklagen, wenn sie eine Antwort erhielten, die zumindest ihm Alpträume bescherte... Draußen, rund ums Schloss hob ein ziemlicher Radau an. Es grunzte, kreischte, brüllte und pfiff, und dazu waren rennende Pfoten und galoppierende Hufe auf dem steinernen Kavernenboden zu hören. Der Krach, den offenbar eine Anzahl unterschiedlicher Tierwesen veranstaltete, die scheinbar frei durch den hohlen Berg rannten, wurde gleich darauf noch vergrößert, als Prof. Lahb mit seiner Donnerstimme anfing, nach seinen Schützlingen zu rufen, die ihm anscheinend entwischt waren. Es ging eine Weile so, ehe es einen Knall tat (den Timmy mittlerweile mit apparierenden und disapparierenden Zauberern wie Edmund F. Drekker und seinen Mitarbeitern - oder mit fliegenden Bussen - in Verbindung brachte). Die Schulleiterin, Prof. Haten erschien direkt vor dem rufenden und mit seinem Zauberstab fuchtelnden Prof. Lahb, und fing offenbar an, mit ihm zu Schimpfen, was er denn hier in aller Herrgotts Frühe für einen Radau veranstalte. "Wenn das jeden Morgen so ist", überlegte er, "dann braucht hier, auf Schloss Bergklamm zumindest niemand einen Wecker...!" Sein Rabe "Blackbird" musste natürlich prompt ebenfalls seinen Senf dazugeben, in dem er lautstark krakelte: "Im Frühtau, zu Berge wir zeihn', falleraaaah...!"

Wills Erwachen

Will, der tief und fest, und - nach seinem Dafürhalten - traumlos geschlafen hatte, wurde geweckt, als sein Mungo "Joker" ihm mit der Zunge durchs Gesicht schleckte. "Lass das...! Das kitzelt, Joker!" stieß er prustend hervor. Von dem Spektakel draußen, im Berg vor dem Schloss hatte er bis zu diesem Moment noch gar nichts mitbekommen. "Ich schätze, ich sollte wohl aufsteh'n!" überlegte er. Dunkel erinnerte er sich, dass Alex sie am Vorabend darauf hingewiesen hatte, pünktlich zum Frühstück zu erscheinen, da es direkt im Anschluss Stundenpläne und die Klasseneinteilung geben würde. Er fragte sich, ob es - angesichts des Krawalls, den anscheinend Prof. Lahb, irgendwelche Tiere und die schimpfende Frau Prof. Haten veranstalteten, irgendwen stören würde, wenn er vor dem Frühstück noch etwas auf einer Tuba übte. Er ließ es dann aber doch lieber, sondern ging erst einmal ins Bad, das ihn - von der beengteren Größe einmal abgesehen - an die Bilder aus Bädern in Grandhotels längst vergangener Epochen erinnerte. Die große Gusseiserne Badewanne mit den vergoldeten Löwenfüßen, die mehr als dreiviertel des vorhandenen Raums einnahm, hätte seinen Vater, den Schrotthändler in Verzückung versetzt, überlegte er. Für seine Bedürfnisse hätte es auch eine einfache Duschkabine wie im väterlichen Reihenhaus getan, wobei er allerdings erfreut registrierte, dass das warme Wasser für die Schüler scheinbar nicht rationiert war. Das laute Keckern des Mungos, der offenbar Hunger hatte, veranlasste ihn, die morgendliche Dusche zu beenden, sich mit den großen, flauschigen Badetüchern abzutrocken, und sich anzukleiden. Eingedenk der Worte Prof. Hatens vom Vorabend, dass ihre Anwesenheit in der Großen Halle in Muggelkleidung nur am Abend der Ankunft zulässig sei, zog er sich die - ungewohnte - Schuluniform an, schnappte sich den Spitzhut, einen seiner beiden Umhänge und seinen Pappelholz-Zauberstab. Sollte er diesen bereits mit zum Frühstück in die große Halle nehmen? - Vermutlich, dachte er, auch, wenn er - nachdem sie die Stundenpläne hatten - wegen der heute benötigten Schulbücher wahrscheinlich noch einmal in sein Zimmer zurückkehren musste. Da er nicht wusste, wie er den Mungo sonst füttern sollte, ließ er ihn wieder auf seinen Arm springen, ehe er sein Zimmer verließ. Auf dem Gang begegnete er als erstes dem blonden Mädchen mit den beiden Pferdeschwänzen, dass wohl aus Köln stammen musste, und dann einer weiteren Mitschülerin, die sich in Begleitung einer grau-schwarz getigerten Katzw befand, die misstrauisch zu seinen Mungo hinaufblickte. Ein Stück den Flur hinunter traf er auf Timmy, der den unvermeidlichen Raben "Blackbird" auf der Schulter hatte, der ihn und die beiden jungen Hexen, die anstelle dunkelblauer Hosen Röcke, und anstelle von Sakkos Blazer trugen, mit "Morgenstund hat Gold im Mund!" begrüßte. Gleich darauf traf er auch auf Steve, der seinen Zauberstab (ebenso, wie Timmy) gleichfalls mitgenommen, ihn aber, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, in eine lange, schmale Tasche gesteckt hatte, die scheinbar genau zu diesem Zweck längs der Seitennaht am linken Hosenbein der Schuluniformen anbracht war. Sie warteten, bis sich die beiden Mädchen ein Stück entfernt hatten, ehe Timmy den Freunden von seinem Alptraum erzählte. "Upps..." meinte Steve, "Solche Alpträume sind mir - zum Glück - erspart geblieben. Lediglich meine "Christl" hat mich kurz nach Eins geweckt, damit ich sie aus ihrem Käfig und dem Fenster meines Zimmers lasse...!" Er lachte, und meinte dann mit - für ihn an sich eher untypischem Sarkasmus: "Wobei - so irreal Timmys Traum auch erscheinen mag - meine oder deine Flosse, Will - würde sich im Zweifelsfall vermutlich ebenso qualifizieren, als "Diebeshand" zu einer Hand des Ruhms verarbeitet zu werden...!" "Also eh' ich mir - oder einem meiner beiden besten Freunde - von dieser Rosier 'ne Hand abhacken lass' verpass ich der mit meinem Zauberstab eher so 'ne Ladung Eis, dass man die glatt für 'ne Zwillingsschwester von diesem Gletschermann Ötzi halten könnte...!"

Frühstück

Auf dem Weg die Treppe hinab schlossen sich ihnen noch etliche Weitere Schüler an - Erstklässler, wie sie ebenso, wie Schüler höherer Jahrgangsstufen - so dass es ein ganzer Pulk von jungen Hexen und Zauberern war, der die Große Halle betrat. Das Frühstück war zwar längst nicht so reichhaltig, wie das gestrige Festmahl, aber nichts desto trotz in den Augen der Jungen vielfältig genug: Es gab Brot, Brötchen, Toast, goldgelbe Butter, verschiedene Marmeladen, Frischkäse und auch Kornflakes und Haferflocken für die, die dies bevorzugten. Zudem standen auch auf den Tischen, an denen die Schüler frühstückten, neben Kannen mit heißem Kakkao und Krügen mit Milch auch Kaffeekannen, und niemand störte es, dass er sich etwas Kaffee in seinen Kakkao goss, wie er es daheim, bei seiner Mutter, zuweilen heimlich gemacht hatte. Er bemerkte Prof. Lahb, der sich durch die Bankreihen schob um die in die Halle mitgebrachten Haustiere der Schüler einer Musterung zu unterziehen. Eine Zweitklässlerin musste sich sagen lassen, dass sie das Fell ihrer großen Perserkatze unbedingt richtig bürsten müsse, und er kontrollieren würde, dass sie dies auch tat, ehe er den Tisch, an dem die drei frühstückten, erreichte. Will hatte "Joker" Milch gegeben, aber die hart- wie auch weichgekochten Eier, die es gab, hatte der Mungo schimpfend zurückgewiesen. Eingedenk der Worte des Verkäufers in der Magischen Menagerie sprach er den Professor an, und fragte ihn, wo er täglich ein rohes Ei für sein Tier herbekommen könne. "Nichts leichter als das!" Lahb deutete mit seinem Zauberstab auf ein weichgekochtes Ei, das der Mungo verschmäht hatte, und sagte "Rekursia totalis", worauf das Ei augenblicklich in seinen rohen, ungekochten Urzustand zurückverwandelt wurde. Der Mungo ließ ein begeistertes Keckern höhren, ehe er sich seine Leibspeise schnappte, die Schale aufbrach und Eiweis und Eidotter herausschlürfte. Bewundernd sahen die Jungen den Lehrer für die Pflege magische Geschöpfe an. "Das will ich auch können!" meinte Will, der daran dachte, dass - wenn er gekochte Eier in rohe zurückverwandeln könnte - die Verpflegung seines Mungos mit deutlich weniger Aufwand verbunden wäre. "Wirst Du, junger Mann" entgegnete der Professor. "Aber untersteh' Dich, es auf eigene Faust zu probieren, ehe Du Deine erste Stunde Verwandlung hattest. - Wenn ich's recht überlege, das wird in Verwandlung vermutlich nicht vor den Osterferien dran sein. - Da sage ich besser in der Küche bescheid, dass sie Dir jeden Morgen ein rohes Ei für Deinen..." er sah den Mungo an, "Joker heraufschicken!" "Dingelingeling hier kommt der Eiermann...!" krächzte prompt "Blackbird". "Ein echter Spaßvogel!" die Lippen die seinen bis auf die Brust reichenden, tiefschwarzen Vollbart teilten, zogen sich zu einem breiten Lächeln auseinander, ehe er seine Wanderung durch die Halle fortsetzte. "Alex hatte Recht!" meinte Timmy. "Der ist überhaupt nicht wild, sondern richtig nett!" Dem konnte Will nur beipflichten.

Eine der vier Zweitklässlerinnen, die in Basel in den Bus gestiegen waren, und die den Zauber Professor Lahbs mitbekommen hatte meinte: „Damit kann man nicht nur gekochte Eier in rohe zurückverwandeln – oder faule in frische … mit „Recursia Totalis“ gehen auch noch ganz andere Dinger: Mein Pa hatte vorletztes Jahr Ärger mit der Besitzerin einer Eulenfarm, die direkt an unser Land grenzte. Untalentierte Hexe, fast 'ne Squib... wollte partout nicht verkaufen. - Da hat er 'n komplettes Frühjahr durch jeden Morgen alle Eier ihrer Eulen mit „Recursia Totalis“ behandelt... Das verwandelt nämlich auch fast fertig ausgebrütete Eier in jungfräuliche zurück, wie gerade erst gelegt, solange noch kein Küken daraus geschlüpft ist! - Von März bis Ende Juni ist bei der auf der Farm keine einzige Eule geschlüpft … dann hatte sie's kapiert, und hat an uns verkauft...! - Pa ist eben einfach der Beste!“ Das, überlegte Timmy, dürfte die ehemalige Besitzerin der Eulenfarm vermutlich deutlich anders gesehen haben, und er fragte sich, was Edmund F. Drekker und sein Bundesamt für magische Wesen von einer solchen Anwendung von Magie hielten. - Für ihn klang das, was der Vater der Schweizer Hexe da praktiziert hatte ziemlich stark nach Mafia-Methoden... Dazu, sich zu ihrer in prahlerischem Ton vorgebrachten Erzählung zu äußern, kamen allerdings weder Timmy, noch Will oder Steve.

"Stundenpläne!" verkündete Frau Prof. Haten vom Lehrertisch, und beendete damit das unbeschwerte Frühstück der Schülerinnen und Schüler.

Stundenpläne

Während die Klassenleiter der Jahrgänge von der zweiten Klasse aufwärts die Stundenpläne an ihre jeweiligen Schüler verteilten, würde es Frau Professor Haten persönlich übernehmen, die 52 Erstklässler auf drei Klassen zu verteilen, und diesen dann ihre Stundenpläne zuzuweisen. - Timmy, Steve und Will konnten mitanhören, dass die Schweizer Hexe und Zweitklässlerin, die so eben noch stolz berichtet hatte, wie ihr Vater - angeblich - vor zwei Jahren die Eulenfarm der Nachbarin an sich gebracht - oder, um es klar auszudrücken: ergaunert - hatte, recht kleinlaut wurde, und ein bedröppeltes Gesicht machte: Die Aussicht auf je eine Doppelstunde Arithmantik an zwei unterschiedlichen Wochentagen schien für sie etwas ausgesprochen erschreckendes zu haben. - Dann waren sie an der Reihe. "Alle Erstklässler erheben sich bitte, und kommen nach vorne, zum Lehrertisch!" Die Direktorin von Schloss Bergklamm besaß - selbst ohne magische Verstärkung mittels "Sonorus" - ein beeindruckendes Stimmvolumen, um das sie vermutlich jeder Drill Sergeant der US Marines der Muggel beneidet hätte.

"Bitte..." dachten Timmy, Steve und auch Will. "Lass uns zusammen, in eine Klasse kommen! Bitte, bitte, bitte...!" An der Schule, daheim, in Gelsenkirchen war Steve zwar in der Parallelklasse von Timmy und Will gewesen, aber die Vorstellung, hier, in dieser ihnen immer noch ausgesprochen fremden, magischen Welt auf zwei - oder gar drei - getrennte Klassen verteilt zu werden, flößte den dreien große Furcht ein. Frau Prof. Haten schien - mit welchen magischen Sinnen auch immer - ihr wortloses Flehen gehört zu haben, und meinte: "So so - Ihr Drei wollt also unbedingt zusammen in eine Klasse..." Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, ob ich Euch damit wirklich einen Gefallen tue, und ich weiß fast sicher, dass ich das im Laufe Eurer Schulzeit, hier auf Schloss Bergklamm noch einmal bereuen werde... aber gut: Sei's drum!" Die drei Buben wurden - zu ihrer grenzenlosen Erleichterung - gemeinsam der 1-A zugewiesen, die eine Eule als Symbol hatte. Mit ihnen kamen - unter anderem - die blonde Kölner Hexe mit den beiden Pferdeschwänzen, der afrikanische junge Zauberer mit dem schwarzen Kraushaar und der beinahe ebenso schwarzen Haut, die Hexe mit der getigerten, grauschwarzen Katze und noch 12 weitere Jungen und Mädchen in ihrem Alter in ihre Klasse. 18 Schülerinnen und Schüler waren es. Die beiden anderen ersten Klassen - 1-B mit einer Katze als Symbol, 1-C mit einem Raben - bestanden jeweils aus nur 17 Jungen und Mädchen. Es folgte die Zuteilung der Stundenpläne. Für den heutigen Montag lautete der Stundenplan der 1-A aka Eulen-Klasse:

  1. Stunde: Verwandlung bei Prof. Bill Muntz
  2. Stunde: Arithmantik bei Frau Prof. Alinka Richter
  3. Stunde: Pflege magischer Geschöpfe bei Prof. Eugenius Ephraim Lahb
  4. Stunde: Pflege magischer Geschöpfe (Dito. → Doppelstunde)
  5. Stunde: Mittagspause → Mittagessen in der Großen Halle
  6. Stunde: Zauberkunst bei Frau Prof. Elke Rosenberg
  7. Stunde: Zaubertränke bei Prof. Dorcas Ferro
  8. Stunde: Zaubertränke (Dito. → Doppelstunde)

An den folgenden Tagen ging es entsprechend weiter. Dienstag hatten sie das erste mal "Geschichte der Zauberei" und "Kräuterkunde", Mittwoch folgte der erste Unterricht in "Verteidigung gegen die Dunklen Künste". - Letzteren würde laut Stundenplan die Direktorin von Schloss Bergklamm, Frau Prof. Maria Theresia Haten, höchst persönlich halten. Für Freitag waren zwei Freistunden sowie Flugunterricht (Handhabung und Gebrauch des Fliegenden Besens) eingetragen. Timmy und seine Freunde sahen sich an: "Keine Muggelkunde!" Wenn sie Alexander und Antonio das nächste Mal trafen, mussten sie die zwei unbedingt fragen, was das war. - Zunächst einmal mussten sie sich aber beeilen, um ihre Schulbücher aus ihren Zimmern zu holen, um anschließend - hoffentlich rechtzeitig - zu ihrer ersten Unterrichtsstunde "Verwandlung" zu kommen, die (wie hätte es anders sein sollen?) in einem anderen Stockwerk stattfand, als dem, wo sie ihre Schlafzimmer hatten, und zusätzlich noch genau auf der gegenüberliegenden Seite des (im wesentlichen) quadratischen Schlossgebäudes. Die beiden Junghexen, die ihre Zimmer im selben Korridor hatten, wie Will, hatten offenbar ihre sämtlichen Schulbücher mit hinunter zum Frühstück in die große Halle geschleppt, so dass sie vor dem Unterricht nicht noch mal in ihre Zimmer zurück mussten.

1. Stunde Verwandlung

Timmys, Steves und Wills neue Klasse betrat das Klassenzimmer für Verwandlung. Will, dessen Mungo wieder Pelzragen gespielt hatte, jetzt jedoch von seiner Schulter auf sein Pult hinab sprang, wirkte ziemlich abgehetzt, da er den weitesten Weg zu seinem Zimmer gehabt hatte, um seine Schulbücher vor den heutigen Unterricht zu holen. Der Klassenraum war mit fünf Reihen etwas altmodisch wirkender Pulte und Schulbänke eingerichtet, wie die Jungen sie bislang nur aus alten Filmen oder von einem Klassenausflug in ein Bauernhaus- und Freilichtmuseum kannten, wo es auch eine historische Dorfschule gab. Auf dem Lehrertisch stand ein großes, mit königsblauer Tinte gefülltes Tintenfass und ein zweites, kleineres mit roter Tinte. Der Lehrer, der das Fach unterrichtete, war ein grobknochiger Zauberer, über zwei Meter groß, mit spitzen, eckigen Schultern und Ellenbogen, der eine bodenlange Robe trug, die wohl dunkelgrün war, aber bei Lichteinfall die Farbe wechselte, was - zumindest auf die Buben aus Gelsenkirchen - recht irritierend wirkte. Steve fand, dass der Professor eine Figur hätte, wie ein Sack voller Hirschgeweihe, sprach dies aber - zum Glück - nicht aus. Er hatte ein ebenfalls langgezogenes Gesicht, eine hohe Stirn, fast schwarze Augen und dicke, blonde Augenbrauen. Seine - gleichfalls blonde - Frisur erinnerte an einen explodierenden Handfeger. "Willkommen, liebe Schülerinnen und Schüler!" begrüßte er sie, "in Eurer ersten Unterrichtsstunde in Verwandlung! Mein Name ist Bill Muntz‎, und sie werden mich mit Professor ansprechen! - Legt Eure Zauberstäbe und Euer Exemplar von "Verwandlungen für Anfänger" vor Euch, auf Euer Pult!" Die Schülerinnen und Schüler folgten dieser Aufforderung. Steve holte seinen Olivenholzstab mit dem geschnitzten Vogelschädel am Griff-Ende mit sehr gemischten Gefühlen aus der Tasche seiner Hose, um ihn vor sich auf den Tisch zu legen, aber der Lehrer schenkte den einzelnen Stäben seiner Schülerinnen und Schüler keine besondere Beachtung. Sowohl Timmy als auch Will registrierten, dass mehrere Mitschüler ganz offensichtlich ebenfalls gebrauchte Zauberstäbe hatten, teilweise in deutlich ramponiertem, abgewetzten und generell schlechteren Zustand, als ihre eigenen, was auf die beiden durchaus beruhigend wirkte. - Mit dem geklauten Stab von Fudge und den gebraucht gekauften Stäben von «Lemann, Detwiler & Styles» in Bonn fielen sie hier offenbar nicht negativ auf.

"Verwandlung!" Verkündete der Professor. "ist die hohe Kunst, ein Ding, ein Tier, oder eine Person in etwas anderes zu verwandeln!" Dies war, wie Steve überlegte, jetzt nicht so überraschend. "Ich weiß, dass mein Kollege im Fach Zaubertränke Ihnen beibringen wird, Tränke und Elixiere zu brauen, die dies ebenfalls vermögen. - In meinem Unterricht lernt Ihr jedoch, dies allein mit Eurem Zauberstab und Kraft Eures Willens zu bewerkstelligen!" Er blickte über die Schar der Erstklässler, die ihm - nach seinen letzten Worten - deutlich mehr Aufmerksamkeit zollten. "Ihr werdet bei mir lernen..." Will, der es nicht wagte, ihn mit einem Zwischenruf zu unterbrechen, hob den Arm, um sich zu melden. Prof. ... blickte ihn irritiert an. "Ja...?" "Sie sagten eben "Kraft des Willens", Herr Professor... braucht man da nicht auch den passenden Zauberspruch... so, wie "Rekursia Totalis"?" "Ah... der junge Mann kennt bereits einen Verwandlungszauber?!" Will hatte jetzt die ungeteilte Aufmerksamkeit sowohl des Lehrers als auch der Mitschüler. "Ähhh nein... Prof. Lahb..." stammelte Will. "Ich verstehe. Er hat Dir gezeigt, wie man ein gekochtes Ei in ein rohes zurückverwandelt. Für deinen Mungo, richtig?" Er maß Joker mit einem Blick aus seinen schwarzen Augen. "Lernen wir den auch bei Ihnen, Professor?!" platzte es aus Will heraus. "Das werdet Ihr... später, im Laufe der kommenden Monate, wenn wir mit dem Stoff ordentlich durchkommen." entgegnete der Lehrer. "Ihr werdet bei mir lernen, ein Ding in ein anderes zu verwandeln..." "Ploff!" Ein Deuten mit dem Zauberstab, und das Kristalltintenfass voll königsblaue Tinte hatte sich in eine Vase aus Meißner Porzellan mit blauem Dekor verwandelt, in der eine einzelne Tulpe mit blaugrünen, langen Blättern und königsblauer Blüte stand. "Ein Ding in ein Tier..." "Ploff!" Aus dem großen Papierkorb in der Ecke des Klassenraums wurde ein grunzendes, gedrungenes und extrem fettes Schwein, dass die Zimmerecke beschnüffelte, ehe es sich hinlegte. "Ein Tier in ein anderes Tier..." Wieder ein "Ploff!" und als der Professor mit dem Zauberstab auf Wills Mungo wies, verwandelte dieser sich zum Entsetzen des Jungen in eine Ente die flatternd von seinem Pult hüpfte, und quakend Richtung Lehrertisch lief. Mit einem Satz war Will auf den Beinen, den Zauberstab in der Hand, und auf Prof. Muntz‎ gerichtet: "Joker!" "Expelliarmus!" Will wurde sein Pappelholz-Stab aus den Fingern gerissen, der durch den Raum flog, und gegen ein Portrait Kaiserin Maria Theresias knallte, das hinter dem Lehrertisch an der Wand hing. "Entwaffnungszauber!" sagte der Professor kühl. "Nicht Teil meines Unterrichts, sondern ein Zauber, den Sie in "Verteidigung gegen die Dunklen Künste" erlernen und einüben werden. - Und im Übrigen erwarte ich von Schülern, die in meinen Unterricht kommen, ein deutlich höheres Maß an Selbstbeherrschung!" Mit einem beiläufigen Schlenker seines Zauberstabes hatte er Wills Mungo wieder seine ursprüngliche Gestalt annehmen lassen. "In Momenten wie diesem bedauere ich, dass es auf Schloss Bergklamm keine Hauspunkte gibt," meinte er, und ließ mit einem weiteren Zauberstabschlenker den Stab Wills, der im linken Nasenloch des Gemäldes der österreichischen Kaiserin stecken geblieben war, das darauf mit einem empörten Hüsteln und Mundwinkel-Verziehen reagiert hatte, auf Wills Pult zurückschweben. "Ich würde sagen, Sie lesen bis heute in einer Woche das Kapitel 45 in "Verwandlungen für Anfänger" von Seite 207 bis 222 - ein Essay, das erklärt, warum korrekt ausgeführte Verwandlungen für Lebewesen schmerzfrei und praktisch kaum unangenehm sind - und schreiben mir darüber eine Zusammenfassung. Eine Rolle Pergament, mindestens 50 Zentimeter!" Sein Blick schien Will zu durchbohren. "und nun nehmen sie Ihren Mungo, und setzen sie sich an Ihren Platz!" Will, dessen Gesichtsfarbe mehrfach zwischen kreidebleich und puterrot gewechselt war, tat, wie ihm geheißen. "Und da uns der junge Herr ... Wilhelm - Will - gerade so anschaulich demonstriert hat, dass manche es wohl nicht so schätzen, wenn man ihr geliebtes Haustier verwandelt, verhext oder verzaubert, wird er seinen Mungo künftig nicht mehr mit in mein Klassenzimmer bringen, und ihn während des Unterrichts in seinem Zimmer lassen!" "Herr ... Professor, ich ... Sie können doch nicht verlangen, dass ich "Joker" den ganzen Tag in mein Zimmer sperr'...!?" "Ich sagte "In ihrem Zimmer lassen" - nicht "einsperren", das würde auch Prof. Lahb nicht gutheißen. - Ich werde der Kollegin, Frau Prof. Alinka Richter ein Memo schicken, dass sie jedem von Euch ein Permit für sein jeweiliges Haustier gibt, damit dieses das Zimmer seines jungen Herrchens oder Frauchens selbstständig betreten und verlassen kann!" Eine Feder kritzelte am Lehrertisch selbsttätig ein paar Worte auf ein Stück Pergament, das sich anschließend zu einem Papierflieger faltete, der den Raum ohne weiteres Zutun des Lehrers verließ. Er blickte in die Runde: "Dies gilt - im Sinne eines ungestörten Unterrichts - im übrigen auch für alle anderen Haustiere in diesem Raum!" Will brachte das von der Mitschülerin mit der getigerten Katze einen wütenden Blick ein, was aber sowohl er als auch der Lehrer ignorierten, während "Blackbird" nichts besseres einfiel, als zu kreischen: "Was Essen die Studenten - Enten! - Enten!" Der Professor, der mit keiner Regung auf diese neuerliche Störung einging, meinte dagegen. "Wo war ich stehengeblieben? - Ach ja: Ein Ding in ein Tier, ein Tier in ein anderes Tier ... ein Tier in einen Gegenstand..." "Pfloff!" und aus der Katze der Erstklässlerin wurde eine Gießkanne, deren grüner Kunststoff deutlich die Fellzeichnung des Tieres aufwies, "wobei, wie Sie gesehen und gehört haben, das Aussprechen eines Zauberspruchs nicht immer von Nöten ist! - Schließlich, wenn Sie ihre ZAG-Prüfung abgelegt haben, und Sie dann noch in meinem Kurs sind, lernen Sie auch das Verwandeln von Menschen, einschließlich - was am schwierigsten ist - sich selbst zu verwandeln...!" Das Läuten der Schulglocke (so etwas normales schien es - zur größten Überraschung der drei - auf Schloss Bergklamm tatsächlich zu geben) unterbrach ihn. "Bis zu meiner nächsten Stunde lesen Sie bitte alle das erste Kapitel von Verwandlung für Anfänger. - Ach ja..." Ein beiläufiger Wink mit dem Zauberstab ließ aus der Gießkanne wieder die Katze werden, die von ihrer zuvor ziemlich blass gewordenen Besitzerin auf den Arm genommen wurde. "Und nun alle raus hier, und sehen Sie zu, dass sie pünktlich in Arithmantik kommen!"

Auf dem Weg in die nächste Stunde

"So'n Mist!" schimpfte Will, nachdem sich die Tür des Klassenraums hinter ihnen geschlossen hatten, und sie den Flur entlang eilten. "Erster Schultag, erste Stunde an der neuen Schule - und ich hab' bereits Strafarbeiten...!" Er schluckte, und kraulte den Mungo. "...Mann, wie kommt dieser Professor Muntz auch dazu, einfach meinen "Joker" zu verwandeln? Ohne jede Vorwarnung... da hätte er sich doch... Und was wird Prof. Lahb davon halten? - Alex sagte doch, der hasst Tierquälerei!" "Ich schätze, das Verwandeln von Tieren im Unterricht ist an dieser Schule üblich, und Prof. Lahb weiß vermutlich bereits, was Du nach der Lektüre des Essays in Kapitel 45 ebenfalls wissen wirst...!" entgegnete Steve, und fügte, angesichts von Wills grimmiger Miene süffisant hinzu: "Deinem geliebten Mungo ist ja wirklich nichts passiert ... im Gegensatz zu einer gewissen Ente, die das Pech hatte, im falschen Augenblick den Schulhof einer gewissen Schule in Gelsenkirchen zu überfliegen...!" Will machte ein Gesicht, als ob er jeden Augenblick explodieren und dem weissblonden Freund eine reinhauen könnte. "Also, ich fand das auch nicht nett!" warf Timmy ein. "Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätt', wenn er das mit meinem "Blackbird" vorgeführt hätte!" Ausnahmsweise hielt der Rabe seinen Schnabel, und nach einer weiteren Ecke erreichten sie den Klassenraum für Arithmantik. - Die glänzend schwarz lackierte Tür wirkte zumindest auf Will nicht sonderlich einladend.

1. Stunde Arithmantik

Die schwarze, glänzende Tür öffnete sich in ein überraschend helles, nüchternes und dabei noch nicht einmal unfreundlich wirkendes Klassenzimmer. - Gut, die Pulte und Schulbänke waren von ähnlich altmodischer Machart, wie jene im Klassenraum für Verwandlung, aber daran mussten sie sich auf Schloss Bergklamm anscheinend gewöhnen. Die Wand hinter dem Lehrerpult nahm eine große, dunkelgrüne Tafel ein, und auf dem Lehrertisch lag ein gewaltiges, aufgeschlagenes Tabellenbuch, dessen schwarzer Einband eine Kantenlänge von über einem Meter besaß. Die schlanke Arithmantik-Hexe - Professorin Alinka Richter - trug wie am Vorabend eine lange, violette Zaubererrobe mit hohem, steifem Schalenkragen. Steve musste dabei unwillkürlich an die Abbildung einer Vampirin auf dem Titelbild eines Gruselromanhefts denken. "Ah ja, meine neuen Schüler!" begrüßte die Lehrerin sie mit einer rauchigen Altstimme, die sich - wie Timmy auffiel - deutlich von ihrem Tonfall und der Stimmlage bei der Verlesung ihrer Namen und der Erläuterung zum Procedere der Vergabe der Zimmer und des Verbotes eines Zimmertauschs unterschied.

Erst Permits...

"Die Permits für Eure Haustiere... ich hätte Euch nach meiner Stunde ohnehin noch darauf angesprochen, aber da der Kollege Prof. Muntz..." sie zuckte die Schultern. "...können wir das auch jetzt gleich erledigen. Alle, die ihren jeweiligen, tierischen Begleiter dabei haben, bleiben bitte stehen. - Alle anderen können sich setzen!" Timmy, Will, das Mädchen mit der getigerten Katze und noch vier weitere Schüler blieben mit ihren jeweiligen Tieren vor dem Lehrerpult stehen. "Der gute Bill Muntz liebt es, neuen Schülerinnen und Schülern seine erste Demonstration, was Verwandlung ist, und was sie vermag am lebenden Objekt vorzuführen... Aber keine Sorge," ergänzte sie, da sie wohl wahrnahm, wie es in Wills Gesicht arbeitete, "euren vierbeinigen oder gefiederten Lieblingen passiert dabei wirklich nichts Schlimmes, ebensowenig, wie jetzt, wenn ich sie mit den Permits versehe, die es ihnen erlauben, sich weitgehend frei im Schloss zu bewegen, und Eure Zimmer zu betreten oder zu verlassen, ohne, dass ihr ihnen Tür oder Fenster öffnen müsst, jedenfalls, solange sie nicht in Vogelbauer oder Terrarien eingesperrt sind." Ihr Zauberstab - ein schickes Ding in Schwarz, mit offenbar mit kleinen, silbernen Perlen besetztem Griff, der in einem kurzen facettierten Metallkegel auslief [A 11] - flitzte gehalten von den spinnenartigen, schlanken Fingern der Lehrerin - viel zu schnell für die Augen der Buben und Mädchen - über die Tabelle in dem gewaltigen Buch, und deutete dann auf die Kehle von Timmys Rabe Blackbird, wo ein gold-gelbes Licht erschien. Einen Augenblick später befand sich dort eine winzige, goldene Plakette, nicht größer, als ein handelsüblicher Druckknopf, wie man ihn an zahlreichen Muggelkleidungsstücken fand. "So, nun steht es Ihrem Vogel ...ah ja, "Blackbird",... frei, jeder Zeit in Ihr Zimmer zurückzukehren, oder dieses zu verlassen!" erklärte die Frau Professorin, was den Raben prompt veranlasste, laut krähend "Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh'n..." anzustimmen. Timmy reagierte mit dem - peinlich berührten - Ausruf: "Ach, "Blackbird", halt doch bitte verdammt noch mal Deinen Schnabel...", während etliche der sitzenden Schüler sich nur schwer das Lachen verkneifen konnten, und auch um die Mundwinkel Prof. Richters ein Lächeln spielte. "Und flieg in mein Zimmer, und bleib dort bitte... jedenfalls, bis zum Mittagessen!" Für Timmy ziemlich überraschend gehorchte der Vogel seiner Anweisung tatsächlich. Alinka Richter nahm sich derweil die getigerte Katze, "Mimmi", Wills Mungo "Joker" und zwei kleine Eulen vor, die vorn, an ihrem Hals jeweils wie von Geisterhand einen kleinen, goldenen Knopf - ihr Permit - erhielten. Eine knochendürre Jung-Hexe in der Will und Timmy - wie auch Steve - mit Schrecken das eine der beiden Mädchen aus der Karl-Schattenlicht-Straße wiedererkannten, die sie bei Gringotts und in dem Second-Hand-Shop in Begleitung ihrer Tante, der Sabberhexe, gesehen hatten, hatte eine ziemlich rundliche, ziemlich kahle Ratte dabei. "Ah... nun ja, das..." meinte die Arithmantik-Professorin mit gespitzten Lippen und eindeutig wenig erfreutem Gesichtsausdruck. "...ist "Joe"! - Ratten sind nicht verboten, hat man uns geschrieben...!" zischte das Mädchen, dessen offensichtlich gebraucht gekaufte, abgewetzte und vielfach geflickte Schuluniform ihm mindestens drei Nummern zu weit war. "Nein, sind sie nicht!" bestätigte ihr die Lehrerin. "Dennoch kann ich allen Rattenbesitzern und -besitzerinnen nur raten, sich gut zu überlegen, ob sie ihre Tiere - wenn sie nicht bei ihnen sind - nicht doch lieber in der Sicherheit eines Terrariums lassen: Nicht jede Eule oder Katze wie auch nicht jedes Frettchen oder jeder Mungo, was das angeht, macht einen Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Ratte, und einer, die der Tierische Begleiter einer Schülerin oder eines Schülers ist. - Für Ratten kann es darum zuweilen ziemlich gefährlich sein, frei im Schloss herumzulaufen...!" Das Mädchen, weiß wie Magerquark, tastete in der Rocktasche nach seinem Zauberstab, ließ ihn dann aber doch stecken, und stopfte seine Ratte - nachdem diese ihr goldenes Permit erhalten hatte - eilig in die andere Rocktasche, um sich wieder auf ihre Bank in der letzten Sitzreihe zurückzuziehen. Als letztes Haustier wurde ein großer, schwarzer, scheinbar einäugiger Kater mit zerfranstem, linken Ohr mit dem Permit ausgestattet, der dem dunkelhäutigen Zauberer mit dem schwarzen Kraushaar und der fast ebenso schwarzen Haut gehörte, und es - wie Will überlegte - unter Umständen in Sachen Kampfkraft und -erfahrung mit seinem Mungo aufnehmen konnte. "Na los, Joker!" sagte er zu dem Tier. "Lauf schon, Du kannst jetzt in mein Zimmer rein, und wieder raus. - Und Du hast es ja gehört, dass Prof. Muntz keine Haustiere von Schülern in seinem Klassenraum wünscht!" Der Mungo, der die Anweisung seines Herrchens offensichtlich mit gemischten Gefühlen betrachtete, verpasste Will einen spielerischen Schlag mit der Vorderpfote auf den Handrücken, so dass diesem ein "Autsch!" entfuhr, ehe er gehorchte und sich trollte. Auch der große, schwarze Kater, der auf den Namen "Ozimydias" hörte, und die beiden kleinen Eulen hatten das Arithmantik-Zimmer verlassen. "Alle Haustierbesitzer unter den Erstklässlern, die ihr Tier in dieser Stunde nicht hier bei sich hatten, können sich das Permit für ihre Haustiere heute Mittag, zwischen eins und zwei bei mir im Büro abholen, wenn sie dort mit ihren Tieren vorsprechen!" verkündete die Professorin, und schlug das große Tabellenbuch zu. "Und nach dem das nun geklärt ist, können wir mit dem Unterricht beginnen...!"

...dann Unterricht

Wie Will schon seit seinem ersten Blick in "Mathematica & Nummerologia" geahnt hatte, war Arithmantik wirklich nicht SEIN Fach... die Verbindung von Zahlen, Verhältnissen und Bezügen in mathematischen Formeln mit der Magie war ihm komplett unverständlich, und schien zudem auch noch staubtrocken zu sein. - Timmy dagegen war fasziniert davon, und Steve erkannte zumindest, dass Arithmantik eine Menge nützlicher Anwendungen hatte: Man brauchte es, soweit er Prof. Richter verstand, beispielsweise, wenn man neue Zaubersprüche entwickeln wollte, neue Zaubertränke erfinden, oder auch, um Flüche auf Gegenstände - wie z. B. Türschlösser - zu verankern (oder derart verankerte Flüche zu brechen). Am Ende der Stunde gab die Lehrerin ihnen als Hausaufgabe auf, anhand des 7-seitigen Einleitungskapitels ihres Lehrbuchs über die "Anfangsgründe der Arithmantik" eine stichwortartige Aufzählung aller praktischen Anwendungsgebiete für Arithmantik zu erstellen, die ihnen einfielen. "Ich denke, 25 cm Pergament werden genügen...!" meinte sie noch, ehe sie sie aus dem Unterricht entließ. "Sagt mal, glaubt Ihr wirklich, dass man unbedingt Arithmantik braucht, wenn man selber Zaubersprüche und -tränke erfinden will?!" erkundigte Will sich bei seinen beiden Freunden, als sie zur nächsten Stunde gingen. "Na ja," antwortete Timmy. "Versuch und Irrtum geht natürlich auch, wenn man als Zauberer für Formeln, Tinte, Pergament und Federkiel nix übrig hat... da ist halt nur das Risiko, dass man versehentlich sein Haus in die Luft jagt, oder sich selber Schweineohren, grünleuchtende Warzen oder Hühnerbeine anhext, wesentlich größer...!" Der Sohn des Schrotthändlers starrte den einen Kopf kleineren, rothaarigen Freund schockiert an, Steve grinste, und Will war sich nicht sicher, ob Timmy ihn mit seinen Worten möglicherweise einfach nur zu veräppeln versuchte.

Auf dem Weg zur nächsten Stunde

Steve blickte auf den Stundenplan, den er in der Hand hielt. "Für Pflege magischer Geschöpfe soll sich die Klasse auf der Freitreppe vor dem Hauptportal von Schloss Bergklamm versammeln ... vermutlich werden wir da von Prof. Lahb abgeholt." Er zuckte die Schultern. "Nach dem Mittagessen muss ich jedenfalls, noch ehe es in Zauberkunst geht, mit meiner "Christl" in Prof. Richters Büro. Für das Permit. - Hoffentlich ist sie im Zimmer... Meine Eule, mein ich. - Ich hab den Vogelbauer und das Fenster nicht wieder zugemacht, damit sie 'n Bisschen Fliegen kann, während wir Unterricht haben." "Fliegen können würd' ich auch gern!" stellte Will fest. "Aber Freitag stehen ja Besenflugstunden auf dem Stundenplan. Und zwei Freistunden..." Er lächelte selig. "Schätze, die brauchen wir auch. - Für die Hausaufgaben!" entgegnete Steve. "Erinner mich nicht daran!" Will machte ein unglückliches Gesicht. "Wieso?" fragte Timmy. "Die möglichen praktischen Anwendungen für Arithmantik bloß als Stichpunkte aufzulisten, ist doch keine Hexerei?! - Und 25 cm Pergament bekomm' ich leicht damit voll... Ich hab nur n' bisschen Bammel, dass man von uns hier scheinbar erwartet, alles mit Federkielen zu schreiben. - Das hab' ich noch nie versucht..." "Aber...?!" Steve sah den jüngeren Rotschopf verwirrt an. "Was sind das denn genau für praktische Anwendungen? - Hast Du diese Einleitung etwa schon komplett durchgelesen, Timmy?" "Ja klar! - Drei Mal insgesamt. Wir durften ja nicht mit unsren Zauberstäben hantieren, ehe wir gestern früh, um Viertel vor Fünf in Gelsenkirchen den Bus genommen haben... Und das Arithmantik-Buch ist von den Schulbüchern ja vergleichsweise unverdächtig unter Muggeln, weil's keine Bilder hat, die sich bewegen. Weißt Du, wegen diesem, diesem ... Geheimhaltungsabkommen... auch, wenn meine Mami und David genau wie Steves Eltern und Dein Papi jetzt natürlich eh' wissen, dass ich 'n Zauberer bin, genau, wie Ihr!" "Ich geb's auf..." Will zuckte die Schultern und schnitt eine Grimasse. Ihm war deutlich anzusehen, dass er den fast 12-Jährigen für einen ziemlichen Streber hielt, noch vor dem ersten Schultag an der neuen Schule freiwillig - und scheinbar sogar konzentriert - in einem Schulbuch zu lesen... und dann auch noch ausgerechnet in diesem. "Aber wenn Du das so leicht findest, hilfst Du mir dann dabei...?" "Klar. - Ansonsten haben wir ja - bis jetzt - nur Kapitel 1 von "Verwandlungen für Anfänger" zu lesen. - Das müsste bis Donnerstag, wo wir "Verwandlung" als Doppelstunde haben, zu schaffen sein... Okay... Du hast natürlich noch die Strafarbeit mit dem anderen Kapitel, wo Du dass Essay lesen und bis nächsten Montag 'ne Zusammenfassung darüber schreiben sollst..." "Oh Mann..." Will war anzusehen, dass er davor einen Horror hatte, auch, wenn er sich mit Aufsätzen in Deutsch an ihrer alten Schule weniger schwer getan hatte, als mit Mathe. "Ich schätze, das kommende Wochenende ist schon jetzt gelaufen... ich frage mich, wieviel Hausaufgaben wir bei den Lehrern in den anderen Fächern bekommen?!" Zum Tuba üben, dachte er, würde ihm hier vermutlich wenigstens vorerst keine Zeit bleiben... "Ich glaube nicht, dass sie uns mehr aufgeben, als wir bewältigen können..." meinte Steve, und Timmy nickte. "Ich meine, sonst hätte ja kein Schüler mehr Zeit für irgendwelche von den ganzen Freizeitaktivitäten, von denen Prof. Haten in ihrem Brief an uns schrieb. - Okay, außer gemeinsamen Hausaufgaben machen in Lerngruppen oder so..." Will war sich diesbezüglich nicht so sicher, während Timmy daran dachte, dass er zumindest wenig bis kein Interesse hatte, sich in diesem "Quidditch" zu versuchen. - Ein Ballspiel mit vier Bällen, von denen zwei auch noch ausdrücklich als "Klatscher" bezeichnet wurden, brauchte er nun wirklich nicht... noch nicht einmal (oder vorallem dann nicht?!) wenn man dabei auch noch auf fliegenden Besen saß...! Sie hatten die Eingangshalle durchquert, und traten jetzt durch die große Flügeltür hinaus auf die Freitreppe, wo sie Prof. Lahb schon erwartete.

Pflege magischer Geschöpfe - die 1. Doppelstunde

Prof. Lahb sah so aus, wie am Morgen in der Halle: unter dem braunen Zaubererumhang trug er eine Art gleichfalls braunen, gegürteten Kittel, der bis zu den Oberschenkeln reichte, mokkabraune Knickerbocker und hohe Schaftstiefel, die - wie Will nicht ohne Neid erkannte - wohl aus Drachenleder gefertigt waren, und stabil genug wirkten, um einen Aligator abzuwehren. "Willkommen, liebe Erstklässler, zu Eurem ersten Unterricht in "Pflege magischer Geschöpfe" begrüßte er sie mit dem tiefen, grollenden Bass, den sie ja schon am Vorabend kennengelernt hatten. "Ich bin Prof. Lahb. - Den "Eugenius" und den "Ephraim" vergesst mal bitte ganz schnell...!" er lachte grollend. "Wie hat Euch heute im übrigen Eure erste Stunde Verwandlung gefallen?" "Also... ich fand das gar nicht nett, dass Prof. Muntz‎ meinen "Joker" - meinen Mungo - ohne jede Vorwarnung in 'ne Ente verwandelt hat... und jetzt hab ich deshalb auch noch Strafarbeiten...!" erklärte Will, sichtlich unfroh. "Aus meiner armen Katze "Mimmi" hat er ne Gießkanne gemacht - echt gemein war das...!" beklagte sich die junge, rothaarige und sommersprossige Hexe, die auf den Namen Martina Alpermann hörte. "Verstehe..." Prof. Lahb nickte den Schülerinnen und Schülern zu. "Aber das Verwandeln lebender Tiere ist hier, auf Schloss Bergklamm, nun einmal Teil des Unterrichs in diesem Fach, und das ist auch in Ordnung so: Wenn eine Verwandlung vorschriftsmäßig, korrekt und sachgerecht ausgeführt wird, nimmt kein Tier dabei Schaden, erleidet Schmerzen oder auch nur nennenswerte Unannehmlichkeiten. Aber" fuhr er fort, "bei einem schlampig, fehler- oder mangelhaft ausgeführten Verwandlungs- oder auch Beschwörungszauber kann das deutlich anders aussehen. - Daher lasst es Euch niemals einfallen, Verwandlungen außerhalb des Unterrichts, aus Neugier oder auf Gut Glück an Tieren zu probieren, solange dies keine Übungsaufgabe ist, die Euch der betreffende Fachlehrer ausdrücklich aufgetragen hat... Sollte ich je einen, oder eine von Euch dabei erwischen, wie er oder sie mit Verwandlungen - oder anderen Zaubern - aus Lust und Laune an Tieren herumexperementiert, setzt's was...!" Der grollende Unterton des letzten Satzes verriet jedem Schüler, der nicht gerade ein kompletter Holzklotz war, dass sie diese Drohung besser absolut ernst nahmen. "Wie ich sehe, hat keiner seinen Tierischen Begleiter bei sich? - Also hat die Arithmantik-Hexe, Frau Professor Richter, sich bereits darum gekümmert, sie mit den Permits für Eure Zimmer zu versehen..." Er blickte zu der Junghexe in der viel zu weiten, abgetragenen und schäbigen Schuluniform und fixierte sie mit seinen dunklen Augen. "Ah, nun ... mit einer Ausnahme, offenbar. - Aber gut, passen Sie auf Ihre Ratte auf, und behalten Sie sie sicher in der Rocktasche... Die Geschöpfe, die Ihr gleich kennenlernen werdet, könnten wild werden, wenn sie plötzlich zwischen ihren Beinen herumrennen würde!" Der eindringlich-warnende Blick des vollbärtigen Lehrers mit der fassförmigen Brust ließ das Mädchen fast noch mehr zusammenschrumpfen. "Und nun folgt mir, es ist gleich hinter dem süd-östlichen Eckturm!" Er schritt voran, und die Schülerinnen und Schüler mussten beinahe rennen, um mit ihm Schritt zu halten.

Auf den Anblick, der sich ihnen hinter dem Eckturm des Schlosses bot, war keiner der Erstklässler vorbereitet gewesen, auch, wenn die Wesen, die sie zu sehen bekamen, das Hufgetrappel heute morgen auf dem steinernen Kavernenboden erklärte, das an die Geräuschkulisse einer Stampede in einem Western erinnert hatte: Zwei mächtige Apfelschimmel mit goldenen Mähnen, die von ihrem Wuchs und ihrem Körperbau leicht Brauereipferde hätten sein können, wie sie die drei Buben aus Gelsenkirchen von den Karnevalsumzügen in zahlreichen Städten des Ruhrgebiets her kannten. Im Gegensatz zu solchen verfügten diese Pferde jedoch über große, engelsgleiche, beinahe rein-weisse Flügel mit nur einem Hauch von Schwarz an den Enden der Federn an den äußersten Flügelspitzen. "Oh - Pegasi...!" rief Elissa, die blonde Kölner Hexe mit den beiden Pferdeschwänzen und hätte vor Begeisterung beinahe begonnen, auf und ab zu hüpfen. "Nicht ganz!" erwiderte Prof. Lahb. "Abraxaner... und sie sind noch längst nicht ausgewachsen!" In der äußersten, hinteren Ecke des Pferchs, in dem die Abraxaner angepflockt waren, befand sich noch ein weiteres, unruhig mit den Hufen stampfendes und scharrendes Tier: Ein kollossaler Stier oder Bulle von blau-schwarzer Fellfarbe, der über ledrige, schwarze Flügel verfügte, die an eine gigantische Fledermaus gemahnten ... oder an einen Drachen. "Kann mir jemand sagen, was das für ein Geschöpf dahinten ist?" Der Lehrer in Pflege magischer Geschöpfe hatte seinen Zauberstab in der Hand, und die Spitze - ohne laut ausgesprochenes "Lumos" - entzündet, so dass der riesige, geflügelte Stier, der sich im Schatten der Turmmauer hielt, angeleuchtet wurde, und für alle Schüler und Schülerinnen gut zu sehen war. "Taurus...!" stieß der junge, schwarze Zauberer durch die Zähne, offenbar von blankem Hass erfüllt, und hielt plötzlich seinen Zauberstab in der Hand. "Ja, ein Taurus, genauer: Ein Riesentaurus ... aber jetzt steck SOFORT Deinen Zauberstab weg, junger Mann!" donnerte Prof. Lahb. Sichtlich widerstrebend gehorchte der farbige Junge. Der geflügelte Stier, dem offensichtlich ein schwerer Goldring durch die Nase gezogen war, durch den zwei Silberketten liefen, die zu im Boden verankerten Metallpflöcken führten schnaubte, und bewegte unruhig den Kopf. "Große Tauren oder Riesentauren," so erklärte Prof. Lahb, "haben - wie der junge Herr Ammand gerade eindrucksvoll demonstriert hat - in Teilen der Zaubererwelt einen üblen Ruf. Aber das sind - wie so oft - lange widerlegte Vorurteile. Sie sind ebenso majestätische, schöne und lebenswerte Geschöpfe [A 12], wie Abraxaner ...oder Thestrale, was das angeht, wobei ihr alle - schätze ich - letztere nicht sehen könntet, und wir hier, auf Schloss Bergklamm auch gar keine Thestrale haben!" "Warum sollten wir sie nicht sehen können? - Also Thestrale...?" erkundigte Timmy sich. "Also, falls Sie welche hier hätten, Professor...?" "Weil von Euch vermutlich noch keiner 'n Menschen sterben geseh'n hat...!" fauchte die dürre, junge Hexe, die ihre Ratte "Joe" mit ihrer auf die Taschenöffnung gepressten, knochigen Linken daran hinderte, ihre Rocktasche zu verlassen. "So ist es, junge Dame!" bestätigte Prof. Lahb. "Thestrale sind nur für magische Menschen sichtbar, die bereits Zeugen des Sterbens eines oder mehrerer ihrer Mitmenschen geworden sind, und dies mitangesehen haben. - Nun, ich schätze, Ihnen ist der Tod ihrer Mitmenschen ... und anderen Mitgeschöpfe weniger fremd, Frau Loewentha!" "Gruselig...!" entfuhr es Timmy. "Ja, so reagieren viele, wenn sie zum ersten Mal von dieser außergewöhnlichen Eigenschaft der Thestrale hören. "Aber ich versichere Ihnen, dass Thestrale für magische Menschen, denen sie gehorchen, sowohl hervorragende Kutschpferde als auch Reittiere abgeben, die klaglos Kutschwagen ziehen, und ihren Reiter nicht nur über weite Strecken, sondern auch durch den Himmel tragen können!" Er lachte grollend. "Gleiches gilt im Übrigen auch für Abraxaner... und ich habe sogar schon von wagemutigen Zauberern gehört, die es schafften, einen Riesentaurus zu reiten, auch, wenn das selbst ich bislang noch nicht ausprobiert habe...!" verkündete er, und wieder spaltete ein verschmitztes Lächeln seinen fast bis zum Gürtel reichenden Vollbart, dort, wo sich die Lippen des Lehrers befanden. "Wagemutig," überlegte Steve, wäre eher nicht der Begriff gewesen, der ihm für jemanden eingefallen wäre, der versuchte, auf einem Riesentaurus zu reiten. - Eher "Komplett wahnsinnig", "völlig durchgeknallt" oder "lebensmüde". Will dagegen betrachtete den gigantischen, geflügelten Stier mit unverholener Faszination, und dachte, dass auf diesem zu reiten das "Bullenreiten" im Rahmen des Rodeos bei der Westernshow im Phantasialand in Brühl noch um Längen schlagen würde...

"Und nun," erklärte der Professor, mit deutlich größerem Enthusiasmus, als ihn die Mienen der Mehrzahl der Erstklässler und Erstklässlerinnen ausdrückte, "können wir ein wenig näher an unsere beiden Abraxaner herangehen... Jährlinge. - Keine Fohlen... das nun nicht gerade, aber noch ganz entschieden im Wachstum!" Er hob die beiden oberen Balken des Gatters mit einer Zauberstabbewegung, die von dem Wort "Aberto!" begleitet wurde, aus ihrer Verankerung und ließ sie neben sich zu Boden krachen. "Kommt schon!" forderte er die Schülerinnen und Schüler auf, und überstieg den untersten der Balken des Gatters ohne jede Mühe. Die Mitglieder der zögernd folgenden Schülerschar zogen es allerdings vor, sich unter diesem untersten Balken des Gatters hindurch zu ducken, statt ihn zu überklettern, was zumindest für die kleinsten unter ihnen eine geradezu artistische Übung erfordert hätte. "Ihr könnt auf knapp einen Meter an sie herangehen!" erklärte der Professor. "Aber nicht vergessen: nähert Euch ihnen nur von vorn. Niemals von hinten! - Jene unter Euch, die Muggeleltern haben, und - ehe sie nach Schloss Bergklamm kamen - womöglich schon einmal auf einem gewöhnlichen Pferd oder Pony gesessen sind, wissen unter Umständen, wie es ist, wenn ein Pferd nach hinten ausschlägt... Nun ja, bei Abraxanern könnte das darin enden, dass derjenige, wenn er getroffen wird, ein Ende als nasser, blutiger Fleck an der Schlossmauer findet, und das wollen wir ja nun nicht erleben, denke ich!" Timmy dachte bei sich, dass er - wenn Vena Rosier das Opfer der nach hinten auskeilenden Abraxaner geworden wäre - das nicht unbedingt als störend empfunden hätte, auch, wenn ihm der Anblick der zermatscht am Fuße der Schlossmauer liegenden Hexe garantiert die nächsten Alpträume beschert hätte. Vorsichtig folgten die Schülerinnen und Schüler der Aufforderung ihres Lehrers. Dieser wies sie auf die großen, ausdrucksvollen blauen Augen der riesigen, geflügelten Pferde hin, und erklärte, dass diese bei ausgewachsenen Abraxanern eine leuchtend violette Farbe hätten, die sich - wenn die Tiere verärgert wären - zu einem blutigen Rot verfärbten. "Und dann!" hatte er gesagt. "Sollten sie schleunigst viel Abstand zwischen sich und den betreffenden Abraxaner bringen!" Auch ließ er sie die Haare der goldenen Mähnen vorsichtig in die Hand nehmen, bei denen ein einzelner Haarstrang - wie sich herausstellte - dick wie eine Vorhangkordel war. "Aber seid sanft mit ihnen!" forderte er. "Wenn ihr ihnen eins ausreißt, könnte ich nicht für Eure Sicherheit und Unversehrtheit garantieren!" warnte er. Keiner der drei Gelsenkirchener Buben zweifelte daran, dass diese Warnung mehr als berechtigt war. "Und nun könnt ihr unseren beiden Schönen was zu Saufen geben!" Er richtete seinen Zauberstab auf ein kleines Schlossfenster, recht weit unten in der Mauer. "Accio Drinks!" drei bauchige Flaschen aus bläulichem Glas flogen heran, Steve erhielt eine, die blonde Elizza eine weitere, und ein Junge mit mausbraunem, borstigen Haar, der noch kleiner war, als Timmy, die dritte. "Gießt den Inhalt in die beiden Eimer!" Ein Zauberstab-Schlenker, ein "Accio Eimer!" und zwei ebwas mehr als Halbmeter hohe, leere Emailleeimer schlitterten laut scheppernd über den Kavernenboden heran, und kamen vor den Abraxanerpferden zum stehen. Will, der seine Flasche entkorkt hatte, schnupperte daran, ehe er den Inhalt in den linken Eimer kippte. "Gin!" meinte er. "Cognac ist mir entschieden lieber...!" Einen Tropfen des klaren Schnapses zu kosten wollte er - in Gegenwart eines Lehrers - offensichtlich nicht riskieren. Die anderen Schüler taten es ihm gleich, wobei der Bub mit dem mausbraunen Haar, der den Inhalt seiner Flasche auf beide Eimer verteilen musste, etwas auf dem Boden verschüttete. - Unglücklicherweise entwischte just in dem Moment der jungen, dürren Hexe in der zu weiten Schulkleidung ihre Ratte "Joe", der nichts besseres einfiel, als - ohne einen Gedanken an die Vorderhufe der Abraxaner zu verschwenden - zu dem vergossenen Gin zu rennen, um diesen aufzuschlecken. Die Abraxaner, die bereits ihre Nüstern in die Eimer mit dem scharfen Schnaps mit der Wachholdernote gesteckt hatten, fingen an, unruhig mit den Vorderhufen zu stampfen, was übel hätte ausgehen können, wenn der Professor nicht die Ratte mit einem gedonnerten "Accio - Joe!" vom Boden hoch, und in sein Hand hätte fliegen lassen. "Corazon Loewentha...! - Was hatte ich darüber gesagt, Ihre Ratte sicher in Ihrer Tasche zu halten?!" Mit grimmigem Funkeln in den dunklen Augen gab er sie dem dürren, ausgemergelt wirkenden und kreidebleichen Mädchen zurück, das seine rundliche, kahle Ratte in der Folge für den Rest des Unterrichts mit beiden Händen fest umschlossen hielt. Nachdem er die geleerten Ginflaschen mit einem Zauberstabschlenker wieder durch das Fenster ins Schloss hatte zurückfliegen lassen, ließ die Schülerschar anschließend einen großen Bogen um die beiden jungen Abraxaner schlagen, und führte sie auf den Riesentaurus zu. Hier mussten sie in etwas mehr als zwei Metern Abstand stehen bleiben. Aus dieser Nähe sah der geflügelte Stier noch um ein Vielfaches gewaltiger und beeindruckender aus, wobei wenigstens auf Steve und Will auch der offenbar massive, dicke Goldring in der Nase des Tierwesens einigen Eindruck machte. Beide dachten instinktiv das selbe: "Der wäre schon ein ziemlich guter Ersatz für die falkenförmige Mantelschließe Fudges, die ihnen im heimischen Gelsenkirchen durch die Lappen gegangen war!" - So dumm, dies laut auszusprechen, war allerdings keiner der zwei. Offensichtlich war der Taurus entweder bereits ziemlich gereizt, oder er hatte immer blutrote Augen. Prof. Lahb bestätigte letzteres, und erklärte, er werde den Riesentaurus nun füttern. Die Kinder sollten auf gar keinen Fall näher herangehen. Mit einem "Accio Steintrog!" ließ er einen schweren, steinernen Trog über den Boden herangleiten, der wie es schien aus einem einzigen Basaltblock gehauen war, und beim Aufrufezauber noch deutlich mehr Lärm verursachte, als die zwei Metalleimer, aus denen die Abraxaner ihren Gin saufen durften. "Anders, als gewöhnliche Rindviecher sind Große Tauren oder Riesentauren Fleischfresser, oder richtiger: Omnivoren!" erklärte Prof. Lahb. Das grimmige Gesicht, das der farbige Mitschüler machte, der beim ersten Anblick des Riesentaurus unaufgefordert den Zauberstab gezückt hatte, legte nahe, dass diesem dieser Punkt bekannt war. "Wobei," setzte der Professor hinzu, "dies für Thestrale ebenso gilt!" Woher er mit einem Mal den Eimer voller großer, roher Fleischstücke hatte, hatte keiner seiner Schüler gesehen, aber er griff ohne zu Zögern mit der blossen Hand hinein, und warf etliche Stücke in den Trog, wo sie von dem geflügelten, blauschwarzen Stier gierig verschlungen wurden, der in seinem Maul offenbar nicht nur über Mahl-, sondern auch über scharfe und spitze Reißzähne verfügte. Nicht nur Timmy empfand bei dem Anblick ein gewisses Grauen, während die dürre Junghexe - wie es Steve schien - angesichts der rohen, roten Fleischstücke einen gierigen Gesichtsausdruck bekam. Da von der Schule drei dröhnende Gongschläge die Mittagspause verkündeten, kürzte Prof. Lahb die Prozedur der Fütterung des Riesentaurus ab, in dem er den restlichen Inhalt des Eimers kurzerhand auf einmal in den Trog kippte. "So, die Doppelstunde ist zu Ende!" er blickte in die Runde. "Nach dem nun unsere magischen Mitgeschöpfe getränkt und gefüttert sind, ist es auch für Euch Zeit, etwas in den Magen zu bekommen!" Ein oder zwei Schüler und Schülerinnen machten Gesichter, als ob sie - nach der Fütterung des Taurus, der sie hatten zusehen müssen - selbst Probleme haben würden, etwas herunter zu bekommen. "Bis zu meiner nächsten Stunde gebe ich Euch auf, das Kapitel zu Abraxanern - und wer mag auch zu Riesentauren - in Newt Scamanders "Phantastische Tierwesen, und wo sie zu finden sind" zu lesen! - Ich werde Euch in meiner nächsten Unterrichtsstunde Fragen zu diesen majestätischen Geschöpfen stellen, und ich hoffe, dass jeder von Euch dann mindestens eine meiner Fragen zum Thema korrekt beantworten kann, besser wären jedoch zwei oder drei!" Dann wandte er sich dem farbigen Schüler zu: "Von Ihnen, Aidan Ammand, möchte ich bis heute in einer Woche einen Aufsatz über den Riesentaurus sehen, einen Meter Pergament!" Der Junge musste offenstichtlich schwer an sich halten, nicht seinen Zauberstab zu ziehen, und ihn - wie Will es in Verwandlung bei Professor Muntz getan hatte - gegen den Lehrer zu richten. "Verstanden?" grollte Professor Lahb, und der Schüler quetschte ein "Ja, Professor...!" durch die Zähne. Anschließend wandte ihr Lehrer sich an die knochendürre Hexe, die die Sabberhexe in der Karl-Schattenlicht-Straße scheinbar nicht nur "Tante" genannt hatte, sondern wohl wirklich mit dieser Gestalt verwandt war, wie Steve mit Schaudern überlegte. "Sie, Frau Loewentha, werden ebenfalls einen Aufsatz schreiben, über die Abraxaner! Gleichfalls ein Meter Pergament! - Und ich ersuche Sie - im Sinne der Vermeidung von Unfällen - Ihre Ratte "Joe" künftig nicht mehr in meine Unterrichtsstunden mitzubringen!" "Ja, Herr Professor!" ihr zischendes Flüstern war so leise, dass Steve, Will und Timmy die Worte kaum verstanden hätten. "So, und nun ab mit Euch, in die Große Halle und zu Tisch!" schickte der Professor sie in die Mittagspause. - Unter den Schülern war keiner, der vergessen hätte, auf dem Rückweg zur Freitreppe und zum Schlossportal um die Abraxaner einen großen Bogen zu schlagen.

Gedanken Edmund F. Drekkers

Geheim-, Oberamts- und Ministerialrat Edmund F. Drekker, der im Bundesamt für magische Wesen in Bonn an diesem Montagvormittag hinter seinem Schreibtisch saß, dachte daran, dass es mit den drei jungen, frisch entdeckten Zauberern insgesamt eigentlich recht gut gelaufen war. - Sicher, ihre kriminelle Energie, die sie mit der nächtlichen Beraubung Cornelius Fudges bewiesen hatten, war bedenklich, zumal, da er den Verdacht hatte, dass es nicht ihr erstes derartiges Verbrechen gewesen war. - Aber seit er ihnen geschrieben und sie davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie Zauberer waren, hatten sie sich offenbar nichts mehr zu Schulden kommen lassene, wenn man davon absah, dass sie keinen Versuch unternommen hatten, Fudges Eigentum zurückzugeben. Ausgerechnet Wilhelm, der Sohn jenes Schrotthändlers, dem seine Mitarbeiter eine denkbar mangelhafte Eignung zum alleinerziehenden Vater attestiert hatten, schien zu seinem neuen Haustier, einem Mungo (erstaunliche Wahl, wie Drekker überlegte) in der kurzen Zeit die engste und innigste Beziehung entwickelt zu haben. Dann Timo. Das, was seine Mitarbeiter – ungefragt – beim Besuch bei der Mutter über die Familienverhältnisse des Rotschopfs erfahren hatten, klang auch entschieden suboptimal: Eingeklemmt zwischen einem kriminellen, wesentlich älteren Halbbruder, dem Sohn des verstorbenen Mannes seiner Mutter, dem er seinen ungeliebten Familiennamen verdankte, und der gerade die Vorzüge des Jugendstrafvollzugs der Muggel genoss, und einem jüngeren Halbbruder, der für seine fast fünf Jahre noch reichlich kleindkind-haft schien. Dazu kam noch das, was die Mutter – in Gegenwart des Jungen - über dessen leiblichen Vater berichtet hatte, und was mit anhören zu müssen für ein Kind in einer so sensiblen Phase und Situation eigentlich pures Gift sein musste... - Steven, der dritte im Bunde, Sohn eines kleinen, kommunalen Beamten des Gelsenkirchener Tiefbauamtes der Muggel hatte von noch am wenigsten Gründe gehabt, sein Selbstwertgefühl mit nächtlichen, kriminellen Unternehmungen zu stärken. - Andererseits mochte er im Schatten seiner älteren Schwester stehen, einer Studentin in Bochum, die eine Lehrerlaufbahn an einer Muggelschule anstrebte, und in seiner Familie offenbar das Gros elterlicher Aufmerksamkeit und Anerkennung erhielt. - Falls es bei den dreien einen „Rädelsführer“ gab, tippte Edmund F. Drekker entweder auf Will oder auf Steve, wobei ihm Steven als der wahrscheinlichere Kandidat erschien. Außerdem, überlegte er, hatte letztere – äußerlich – eine erstaunlich große Ähnlichkeit mit dem jungen Draco Malfoy, wie er ausgesehen hatte, als er gerade nach Hogwarts gegangen war. - Aber eine Verwandschaft war hier eindeutig ausgeschlossen. - Der Ministerialrat dachte daran, dass von den Dreien vermutlich nur zwei neue Zauberstäbe gekauft hatten, während der dritte den Stab Fudges für sich behalten hatte (die Möglichkeit, dass sie diesen verkauft und dafür einen anderen erworben hatten, erschien ihm nicht sehr wahrscheinlich). - Hätte er raten müssen, würde er darauf tippen, dass es Timo – oder Timmy, wie er sich von seinen Kameraden konsequent nennen ließ – war, der jetzt den kurzen, flexiblen Stab aus Pflaumenholz mit dem extravaganten Kern aus Augurey-Schwanzfeder besaß. - Die drei hatten ihm gegenüber einen künftigen Mitschüler erwähnt, einen angehenden Drittklässler, mit dem sie sich scheinbar in der Karl-Schatten-Licht-Straße ein wenig angefreundet hatten, und der ihnen bei den Einkäufen behilflich gewesen wäre. „Alex“ hatte Steve oder Will gesagt. Drekker überlegte, wer in Frage kam, und dachte, dass eigentlich nur Alexander Walter gemeint sein konnte, Sohn einer Hexe und eines Muggels aus der Gegend von Lemgo. - Sicher auch kein Heiliger – aber sie hätten es wahrhaftig schlechter treffen können, mit ihrer ersten näheren Bekanntschaft in der magischen Welt. - Der Zusammenstoß, den sie offenbar mit dem Rosier-Mädchen gehabt hatten, das – glücklicher Weise – in diesem Jahr nicht mehr nach Schloss Bergklamm gehen würde, sprach für sich selbst, und er war froh, dass die Konfrontation dank Wilhelms bzw. Wills Mungo für die drei glimpflich ausgegangen war. - In jedem Fall hatten sie die Eulen mit den Fahrkarten von ihrer neuen Zaubererschule bekommen, pünktlich den Bus bestiegen, und Schloss Bergklamm auch sicher erreicht. Drekker, bedauerte es, dass es für die Schüler der österreichischen Schule nicht auch soetwas wie den britischen Hogwarts-Express gab. - Der Fahrstil magischer Busse, die nach dem Vorbild des „Fahrenden Ritters“ der Briten funktionierten, waren irgendwie immer ziemlich nerven- und magenstrapazierend, mit seinen Sprüngen, dem Geknalle und den Flugmanövern. - Ob man angehenden Zaubererschülern, die teilweise noch nie auf einem fliegenden Besen (geschweige denn einem Rennbesen) gesessen hatten, zumuten sollte, bezweifelte Edmund F. Drekker. Er selbst vermied Fahrten in magischen Bussen, seit er selbst als junger Zauberer das erste mal in so einem Ding gesessen hatte. - Er seufzte. Für die drei hatte er nun weiss Gott mehr getan, als es seine Pflicht gewesen wäre, und es lag jetzt an ihnen, ob sie die Chancen nutzen würden, die Schloss Bergklamm und seine „höchtst löbliche Schule für Zauberei und Zauberwesen“ ihnen bot.

Aber, egal, was es im Augenblick vor der eigenen Haustür an tagesaktuellen Problemen gab: Die internationalen Nachrichten aus der Zaubererwelt, die er erhielt, erinnerten ihn daran, dass die Bundesrepublik – vor dem Hintergrund der Rückkehr und der offenen Machtergreifung von jenem, dessen Namen kaum ein Zauberer oder eine Hexe aus freien Stücken aussprach – in der magischen Welt noch immer beinahe eine Insel des Friedens war. - Wenn er daran dachte, wie die Verhältnisse sich in England in den letzten Tagen und Wochen entwickelt hatten, wurde ihm ganz anders. Er las jenes wahnwitzige Pamphlet, das diese ignorante, unfähige, dumme und erz-rassistische Hexe Dolores Umbridge drüben, bei den Briten in Gesetzesform gegossen hatte, und dem zu Folge muggelstämmige Zauberer ihre Magie (und ihre Zauberstäbe) nur von „richtigen“ Zauberern gestohlen haben könnten. - Er hoffte wirklich, dass niemals ein Wort von dem, was mit Cornelius Fudges Zauberstab passiert war, und wer jetzt damit seinen ersten, praktischen Unterricht im Zaubern erhielt, nach England gelangen würde... Einen besseren, scheinbaren „Beweis“ für ihre absurden und verdrehten rassistischen Vorstellungen hätte man ihr vermutlich gar nicht liefern können!

Immerhin funktionierte der Schulterschluss zwischen seinem Bundesamt und dem Französischen, wie auch dem Österreichischen und Liechtensteiner Zaubereiministerium, dachte er. Die Schweizer waren leider – mal wieder – all zu sehr auf ihre Neutralität bedacht, und auch die Bulgaren und Transilvanier lehnten es (wie die Mehrzahl der Osteuropäer) zu seinem Missvergnügen bislang noch ab, klar Stellung zu beziehen.

Mit einem weiteren Seufzen überflog er die Mitteilung über die – nicht genehmigte – Ansiedlung einer Sabberhexe in der Gelsenkirchener Kanalisation, und dass sich hier der nächste – potentielle – Bruch des Internationalen Statutes zur Geheimhaltung der Magie abzeichnete. - Er würde Steiner beauftragen, sich der Sache anzunehmen, ehe die Vorgänge aus dem Ruder liefen, und womöglich massenhafte Oblivierungen erforderlich machten. Außerdem unterzeichnete er ein Dekret, das diesen Widerling Walden Macnair auf deutschem Boden zur unerwünschten Person erklärte. - Dass dieser auf die internen politischen Angelegenheiten der geschrumpften Riesenpopulation in den Gebirgsregionen Nord- und Osteuropas im Sinne von jenem, dessen Name nicht genannt werden sollte Einfluss nahm, war auch etwas, das in dieser Form nicht hingenommen werden durfte...

Mittagspause ...und noch mehr Permits

Mittags-Imbiss

Das Mittagessen in der Großen Halle war mehr ein Imbiss: Salate, Sandwiches, und für die, die Mittags unbedingt etwas warmes haben mussten, gab es auch Burger, Würstchen und Fritten. - Dazu Krüge mit kaltem, ungesüßten Tee oder für die, die dies gar nicht mochten, eine Art hausgemachter, nicht allzu süßer Limonade aus Zitrusfrüchten mit leichter Ingwernote. - Die Hauptmahlzeit auf Schloss Bergklamm war ganz eindeutig das Abendessen! "Pflege magischer Geschöpfe ist cool!" stellte Timmy fest, und seine beiden Freunde, die Antonio und Alex entdeckt, und sich zu den beiden Drittklässlern gesetzt hatten, stimmten ihm aus vollem Herzen zu. "Prof. Lahb ...und diese geflügelten Pferde und der Stier, der Große Taurus - das, das war einfach unglaublich...!" "Stimmt!" Antonio lachte. "Auch, wenn nicht jedes Tierwesen, das im Unterricht durchgenommen wird, so spannend - oder so erfreulich ist. - Bei manchen Biestern frage ich mich echt, wie Newt Scamander - oder Lahb, was das angeht - denen irgendwas Positives abgewinnen kann..." "Auf jedenfall werden Strafarbeiten hier, im Schloss ja ziemlich freimütig verteilt..." meinte Will, schon deutlich weniger enthusiastisch. "Hast'e Dir heute schon welche eingehandelt?" Alex zog die Augenbrauen hoch. "Mit oder ohne Nachsitzen...?" "Ohne." entgegnete Steve an Wills Stelle, der gerade ein winziges Rostbratwürstchen im Mund hatte, und heftig am Kauen war. "Unser Will muss für den Verwandlungslehrer 'n Kapitel ziemlich weit hinten in "Verwandlungen für Anfänger" lesen, und bis Montag 'n halben Meter Pergament mit 'ner Zusammenfassung davon vollschreiben!" "Zwei Mitschüler ha'm in "Pflege magischer Geschöpfe" je 'nen Meter Aufsatz als Strafe bekommen", ergänzte Timmy. "Find ich eh' merkwürdig, dass hier Hausaufgaben und Strafarbeiten in Zentimeter Pergament vergeben werden..." "Das ist allgemein üblich. Einen Merksatz so-und-so-viel-mal schreiben zu müssen, als Strafe, wird wesentlich seltener verhängt, und nur, wenn man den betreffenden Lehrer wirklich schwer verärgert hat..." stellte Antonio fest, und schnitt eine Grimasse. Offenbar hatte er sich diese Form von Strafarbeit in der Vergangenheit selbst schon einmal eingehandelt. "Und ohne Nachsitzen ist noch normal..." "Verwandlung war ... nicht so toll. Okay, dass unser Lehrer sein volles, gläsernes Tintenfass in ne Blumenvase aus Porzellan mit ner blauen Tulpe verwandelt hat, war beeindruckend, und auch ziemlich hübsch." erklärte Will, nach dem er geschluckt, und das Würstchen mit einem großen Schluck Limonade hinuntergespühlt hatte. "Und auch, wie aus dem Papierkorb in der Ecke des Klassenzimmers einfach so 'n lebendes Schwein wurde. - Aber dann hat er ohne jede Vorwarnung meinen "Joker" verwandelt ... in 'ne Ente! - Tja, und da hab ich glaub ich 'n Bisschen überreagiert." Er schüttelte den Kopf. "Dafür hab ich jetzt Strafarbeiten..." Er schüttelte sich, und ergänzte: "...und diese grau-getigerte Katze von dem rothaarigen Mädchen mit den vielen Sommersprossen aus unsrer Klasse, die genau, wie die Blonde aus Köln mit den Pferdeschwänzen ihr Zimmer im selben Korridor hat, wie wir, hat er in ne Gießkanne verwandelt!" "Stimmt." bestätigte Timmy. "Die war eindeutig auch nicht glücklich darüber..." "Tja. - Unser Verwandlungslehrer, Bill Muntz, macht aus der ersten Stunde Verwandlung mit einer neuen ersten Klasse immer so eine Show." meinte Alexander schulterzuckend. "Ich schätze, der Professor hat was zu kompensieren..." Er warf einen vielsagenden Blick hoch zum Lehrertisch. "Er ist natürlich ein guter Verwandler, und alles... aber eben kein Animagus, wie Professorin McGonagall, die auf Hogwarts "Verwandlung" unterrichtet. - Die ist dort Hauslehrerin der "Gryffindors", war unter Dumbledore Stellvertretende Schulleiterin, und kann sich willentlich - und ohne dafür 'n Zauberstab zu brauchen - in ne große Katze und wieder zurück in 'nen Menschen verwandeln!" [A 13] "Wow!" meinten Steve, Timmy und Will, der sich gerade noch mal Kartoffelsalat aufgetan hatte, praktisch wie aus einem Mund. "Tja... bei Prof. Muntz gab's wohl während dessen Schulzeit irgend 'nen nicht ganz astreinen Vorfall... deshalb konnte ER zu seinem ganz persönlichen Leidwesen kein registrierter Animagus werden!" "Aber deswegen ungefragt die Haustiere seiner Schüler zu verwandeln ist trotzdem nicht fair...!" fand Timmy. "Das Leben ist nicht fair..." entgegnete Antonio - etwas von oben herab. "Nicht in der Muggelwelt, und auch nicht in der magischen... werdet Ihr auch noch merken!" Damit, so dachte Steve bei sich, hatte der ältere Mitschüler recht. Was sie in den Nächten im heimischen Gelsenkirchen getrieben hatten, als sie bei ihren Beutezügen die Betrunkenen ausgenommen hatten, war auch weder fair, noch nett oder anständig gewesen. - In sofern hatte vermutlich keiner von ihnen dreien das Recht, von anderen - oder vom Leben im allgemeinen - besondere Fairness einzufordern... Will schien wohl ähnliche Gedanken zu haben, die er mit dem kurzen, prägnanten Satz "Karma is a Bitch!" auf den Punkt brachte. [A 14] "Der Spruch hätte von "Blackbird" sein können...!" stieß Timmy hervor, dem es angesichts von Wills letzten Worten schwer fiel, ein lautes Lachen zu unterdrücken. Steve blickte auf seine mechanische Armbanduhr. "Ich muss hoch in mein Zimmer. Hoffentlich ist "Christl" - meine Eule - dort. - Ich brauch für die noch 'n Permit von Frau Professor Richter, bevor wir heute Nachmittag Zauberkunst haben!" er erhob sich, und verließ den Tisch. "Bis nachher...!" riefen ihm Timmy und Will - der die Regel, dass man mit vollem Mund nicht sprechen sollte, noch nie so besonders wichtig genommen hatte - ihrem Freund nach.

Permits

Steve war froh, sein weibliches Käutzchen in seinem Zimmer anzutreffen, auch, wenn er ihren Anblick beim Fressen weniger erfreulich fand: Die Eule, die sitzend der Höhe nicht ganz die Länge seines Unterarms erreichte, war dabei, ein Eichhörnchen zu zerpflücken, wobei er weder wusste, wie sie das im Inneren eines hohlen Bergs erwischt haben konnte, noch erwartet hätte, dass Tiere dieser Größe in ihr Beuteschema passten. Als er sie mit dem Zuruf: "Christl, komm..." und einer entsprechenden Geste aufforderte, auf seiner linken Schulter Platz zu nehmen, reagierte sie mit einem lustlosen Laut, um dann weiter auf das tote Nagetier einzuhacken. "Komm... Ich muss mit Dir zu Prof. Richter!" forderte er den Vogel auf. "Prof. Richter muss Dir Dein Permit geben! - Ich kann hier, in meinem Schlafzimmer nicht bei Wind und Wetter ständig ein Fenster auflassen, vorallem nicht im Herbst und Winter... und Du willst doch bestimmt nicht den ganzen Tag hier im Zimmer eingesperrt sein, wenn ich Unterricht habe!" erklärte er dem Tier, auch, wenn er keine Ahnnung hatte, wieviel die Eule verstand. - Es war offenbar genug, da sie das tote Eichhörnchen endlich in Ruhe ließ, die Flügel ausbreitete, und im nächsten Moment auf Steves Schulter landete. Das doch ungewohnte Gewicht des Käuzchens auf der Schulter ließ ihn für einen Moment ein wenig in die Knie gehen. "Ich glaube, Dich ständig auf der Schulter in der Gegend herumzutragen, wie Timmy seinen "Blackbird" und Will seinen "Joker", ist nichts für mich..." überlegte er laut, als er sein Zimmer verließ, und zu Professor Alinka Richters Büro marschierte. Der kleinere Mitschüler mit den mausbraunen Haaren, der beim Tränken der Abraxaner im Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe versehentlich etwas von dem Gin auf dem Kavernenboden verschüttet hatte, hatte auch eine Eule dabei, einen jungen Uhu, der bereits deutlich größer war, als Steves Käuzchen, und dessen Käfig zu tragen dem Jungen sichtlich Probleme bereitete. "Soll ich Dir helfen?" fragte Steven den Kleineren spontan, aber der antwortete mit einem patzigen "Kann ich alleine!" "Dann eben nicht..." dachte Steve mit einem Schulterzucken. "Wer nicht will, dem ist nicht zu helfen..." Die blonde Hexe mit den beiden Pferdeschwänzen, Elissa Zinn, hatte ein braunes Frettchen mit weißem Brustfleck bei sich, das es offenbar - genau wie Wills Mungo "Joker" - liebte, sich auf der Schulter seines Frauchens zu räkeln. Vor dem Büro der Arithmantik-Lehrerin waren noch mehr Erstklässlerinnen und Erstklässler mit ihren Tierischen Begleitern versammelt, da offenbar auch die Schüler und Schülerinnen der 1-B und die 1-C aufgefordert worden waren, sich für ihre Tiere Permits abzuholen. - Das Prozedere der Permit-Vergabe ging rasch und reibungslos von statten, und sein Käuzchen "Christl" machte sich anschließend allein auf den Rückweg in Steves Zimmer, wo das tote Eichhörnchen wartete. Steve hoffte, später, nach dem nachmittäglichen Zaubertrank-Unterricht nicht die Reste der Mahlzeit seines Vogels wegräumen zu müssen, und fragte sich, wo er auf Schloss Bergklamm im Zweifelsfalle Handfeger, Kehrschaufel, Putzeimer und Feudel herbekam, während er seine Schritte beschleunigte, um nicht zu spät zur ersten Stunde "Zauberkunst" zu kommen.

Ein Ende mit Missklang

Timmy fiel ein, dass er die beiden Drittklässler noch etwas fragen wollte. "Was ist eigentlich "Muggelkunde"?" erkundigte er sich. "Ein Wahlfach, das man in der dritten Klasse dazunehmen kann. - Hat aber keiner von uns gewählt!" entgegnete Antonio. "Eigentlich ist es für Zauberschüler aus Zaubererfamilien gedacht, die bis sie nach Schloss Bergklamm kamen, praktisch ohne jeden Kontakt zu Muggeln aufgewachsen sind..." Alex nickte, als er die fragenden Mienen Timmys wie auch Wills sah. "Ja - sowas gibt's. - Manche Zauberer oder Hexen leben mit ihren Familien bewusst so abgeschieden wie möglich, und vermeiden den Kontakt zur Muggelwelt, damit sie sich wegen des Internationalen Statuts zur Geheimhaltung der Magie nicht ständig einschränken und beim Zaubern zurückhalten müssen, um nicht dagegen zu verstoßen. - Deren Kinder haben dann unter Umständen von den einfachsten Dingen keine Ahnung. - Wie man mit Muggelgeld bezahlt, oder Bahn fährt, was man anziehen kann, um als Muggel durchzugehen, oder wozu so'n Kann-nicht-zaubern elektrischen Strom und elektrische Geräte braucht... Für die ist das Fach gedacht, damit sie lernen, sich beim Kontakt mit Muggeln nicht sofort als einer von uns verraten. - Dummerweise wählen aber gerade Schüler aus überzeugten "Reinblüter-Familien" das Fach praktisch nie, weil ihnen ihre Eltern beigebracht haben, Muggel, und alles, was mit denen zusammenhängt zu verabscheuen und zu verachten..." Antonio kicherte: "Kannst Du Dir vorstellen, Alex, dass Vena Rosier, wenn sie geblieben wär', hier, bei uns auf Schloss Bergklamm "Muggelkunde" belegt hätte...?" "Nee!" entgegnete der Angesprochene. "Im Leben nicht...!" "Wir müssen jetzt in "Zaubertränke", und später noch in "Wahrsagen"... Doppelstunde... wird sicher interessant! Ihr habt ja jetzt Eure erste Stunde "Zauberkunst"! - Bis dann..." mit diesen Worten verabschiedeten sich die beiden Drittklässler von den beiden Freunden. Die erhoben sich ebenfalls. Abräumwagen oder soetwas, wo man sein gebrauchtes Geschirr hinbringen musste, gab es offenbar bei keiner Mahlzeit auf Schloss Bergklamm. Alle Tische wurden scheinbar stets ausschließlich mittels Magie gedeckt und auch wieder abgeräumt, auch, wenn keiner der Buben eine Idee hatte, wie dies funktioniert. - Als die beiden die Große Halle verließen, gab es noch einen Missklang, da die magere Hexe in der schäbigen, zu weiten Schuluniform mit der rundlichen Ratte, deren kleiner Mund eine erschreckend große Zahl an schiefen und unerfreulich spitzen Zähnen enthielt, ihnen von der Seite zuzischte: "Sollte Dein Tier, dieser... dieser ... Mungo meinen "Joe" anrühren, zerfluch' ich ihn in kleine Fetzen...!" Ehe Will oder Timmy auf diese bösartige Drohung reagieren konnten, war sie auch schon verschwunden. "Wenn sie," presste Will durch die zusammengebissenen Zähne, "das tut, bring ich sie um!" Sein Blick verriet, dass er jedes seiner Worte absolut ernst meinte, und Timmys Antwort: "Ich... helfe Dir dabei!" war eindeutig ebenso tödlich ernst gemeint, wobei beide Jungen inständig hofften, dass sie nie in ihrem Leben in eine Situation kommen würden, diesen Versprechen Taten folgen zu lassen...

1. Stunde Zauberkunst

Auf dem Weg zum Unterricht

Auf dem Weg zu seiner ersten Stunde Zauberkunst-Unterricht bei Frau Professor Rosenberg traf Steve wieder auf seine beiden Freunde. "Hat alles geklappt, mit dem Permit für "Christl" ... auch, wenn ich mich vermutlich daran gewöhnen muss, dass sie ihre Jagdbeute in mein Zimmer schleppt...!" meinte er, worauf Will hervorstieß: "Doch hoffentlich keine Ratte?!" "Nein - aber 'n Eichhörnchen, das sie auf dem Fußboden zerfleddert hat... war auch nicht wesentlich appetitlicher..." entgegnete Steve, etwas irritiert, wegen Wills alarmiertem Tonfall und Timmys Gesichtsausdruck. Ehe er jedoch nachfragen konnte, tauchte auch der Rabe Blackbird bei ihnen auf, der prompt: "High Noon! - The Good, the Bad and the Ugly!" krächzte, wobei keiner der Jungs sich ganz sicher war, auf wen von ihnen sich "Good", "Bad" und "Ugly" bezog. "Kein High Noon! - Mittagessen ist vorbei, wir haben gleich "Zauberkunst", und im Unterricht sind unsre Haustiere - wie wir seit heute morgen wissen - ja nicht erwünscht. - Also sei so lieb, und flieg zurück in mein Zimmer! - Ich beschäftige mich mit Dir, wenn wir die Doppelstunde Zaubertränke heute Nachmittag hinter uns haben, ja...?" erklärte Timmy seinem sprachbegabten Raben leicht genervt, und - unabhängig davon, wieviel der Vogel von seiner Ansprache verstand - gehorchte er, und flog den Korridor zurück.

Unterrichtsbeginn

Dann standen sie vor der Tür zum Klassenraum für Zauberkunst, der sich im ersten Obergeschoss des Schlosses Bergklamm befand. - Der Raum war, wie sie es bereits aus "Verwandlung" und "Arithmantik" gewohnt waren, mit den etwas altmodischen Schulbänken und Pulten sowie einem Lehrertisch eingerichtet. Die Mehrzahl ihrer Klassenkameradinnen und Kameraden waren bereits anwesend, und hatten auf den Bänken hinter ihren Pulten Platz genommen, während die Professorin vorn, vor ihrem Lehrerpult stand. Hinter ihnen folgten nur noch die blonde Kölner Jung-Hexe mit den beiden Pferdeschwänzen und der kleine Zauberer mit dem mausbraunen, zerstrubbelten Haar. "Setzen Sie sich, junge Damen und Herrschaften!" forderte die Professorin Elke Rosenberg sie auf. "Willkommen zu Eurer ersten Unterrichtsstunde im Fach Zauberkunst!" Der Blick der Lehrerin, die ihr Festdirndl aus grünem Samt, das sie am Vortag beim Ziehen der Zimmernummern getragen hatte, gegen eine - gleichfalls grüne - Zaubererrobe vertauscht hatte, wanderte über die Bankreihen. "Wir benötigen das "Lehrbuch der Zaubersprüche - Band 1" von der schätzenswerten Miranda Habicht ... und unsere Zauberstäbe!" Ein allgemeines Gekrame in Schul- und Schultertaschen begann, als alle Erstklässler und Erstklässlerinnen das geforderte Schulbuch hervorholten, und es vor sich auf ihr jeweiliges Pult legten. "Aber bevor wir beginnen, werde ich mir Eure Zauberstäbe ansehen!" Steve, Will und Timmy blickten sich ein wenig besorgt an. Würde die Lehrerin erkennen, was für eine Vorgeschichte der jeweilige Stab hatte? - Und würde dies Konsequenzen haben? Steve musste schlucken, bei der Vorstellung, dass all ihre 15 Mitschülerinnen und -schüler erfahren würden, dass er den Stab von einem Akolythen Grindelwalds besaß. Timmy hingegen überlegte, wie er sich herauswinden sollte, falls ihm auf den Kopf zu gesagt wurde, dass er einen Zauberstab besaß, der eigentlich einem ehemaligen britischen Zaubereiminister gehörte. - Hätte er vielleicht doch besser daran getan, sich dem Wunsch von Lemann, Detwiler und Styles zu beugen, und den Pflaumenholz-Stab gegen einen anderen eingetauscht?

Die Zauberstäbe

Systhematische schritt sie durch die Reihen der Schülerinnen und Schüler, betrachtete jeden Stab eingehend, und schien durch eine blosse Berührung mit der Spitze ihres eigenen Stabs aus Hainbuche von jedem Zauberstabholz und Zauberstabkern zu erkennen. - Schäbige, abgenutzte und ramponierte Stäbe erregten offenkundig ihr Missfallen. - Am Schlimmsten war in dieser Hinsicht der Stab des kleinen Zauberschülers mit dem mausbraunen Haar, der offensichtlich angebrochen und mittels Zauberband eher notdürftig geflickt war. "Hasel und Einhornschweifhaar ... aber in welchem Zustand!" sie klang geradezu empört, nahm den Stab in die Hand und betrachtete ihn sehr eingehend aus beinahe jedem möglichen Blickwinkel. "Immerhin nicht komplett durchgebrochen. - Ich kann nur hoffen, dass er noch einigermaßen zum Arbeiten taugt, und Sie damit in meinem Unterricht wie auch in "Verwandlung" - und schlimmer, in "Verteidigung gegen die dunklen Künste" bei unserer Frau Direktorin keine Katastrophen auslösen!" Eingeschüchtert nahm der Junge den Stab wieder zurück. Auch der gerade, schmucklose und etwas abgegriffene Zedernholz-Stab des farbigen Jungen mit dem schwarzen Kraushaar und der beinahe ebenholzfarbenen Haut erregte ihr Missfallen. "Ein Kern aus Thestral-Schweifhaar. - Unverkennbar ein Gregorowitsch-Design. Aber die Spitze ist beschädigt...!" Das traf offenkundig zu, und aus der Zauberstabspitze ragten die Haare des Zauberstabkerns, wie die Borsten eines ausgedienten Pinsels. "Das war Ozymeidias!" der junge Zauberer blickte die Zauberkunstlehrerin entschuldigend an. "Hat auf der Zauberstabspitze herumgekaut... Da war er noch kein halbes Jahr alt." Der Junge musste schlucken. "Danach ist er in einer einzigen Nacht auf seine heutige Größe angewachsen..." Er zuckte bedauernd die Schultern. "Die Erkenntnis, dass er es trotz seiner Größe nicht im Zweikampf mit Molossern oder einem ausgewachsenen Leoparden aufnehmen kann, hat bei meinem Kater - leider - einige Zeit gebraucht...!" Will, Steve und Timmy tauschten bei diesen Worten des farbigen Mitschülers vielsagende Blicke. Das erklärte durchaus, wie dem Monstrum von Kater ein Auge abhanden gekommen war, und warum sein eines Ohr so zerfetzt aussah... "Nun gut! - Ich denke, er ist trotz dieser speziellen Episode noch grundsätzlich funktionstauglich..." Die Zauberkunstlehrerin wandte sich als nächstes der knochendürren Hexe mit den hässlichen, spitzen Zähnen und der abgetragenen Schuluniform zu, die ihr nicht richtig passte. Auch das Zauberbuch vor ihr auf dem Tisch sah aus, als hätte sie es aus einem Altpapiercontainer gezogen. - Ihr Zauberstab war von ihrer gesamten Schulausstattung noch im besten Zustand: Extrem dünn, und - speziell für die körperlich kleine, magere Hexe - von außergewöhnlicher Länge. Bei Timmy weckte er unwillkürlich Assoziationen an eine Szene aus einem Piratenfilm, den er mal gesehen hatte: Der Stock, den dort ein sadistischer Aufseher benutzt hatte, um einen schwarzen Sklaven auszupeitschen, hatte ganz ähnlich ausgesehen... Ihm schauderte, wenn er daran dachte, da er der Sabberhexe, die das Mädchen "Tante" genannt hatte, durchaus zutraute, dass sie den Stab in einer derartigen Weise als Marterwerkzeug gebrauchte. Da der dünne Stab selbst kein brauchbares Griffstück gehabt hätte, an dem er sich vernünftig fest fassen ließ, hatte man das Ende in einen Knochen eingepasst, was den Gesamteindruck nicht wirklich verbesserte. "Ah ... Weide ...und ebenfalls Thestral-Schweifhaar... noch einer von Gregorowitsch - wenn auch kein für ihn typisches Design. An sich hat er es - soweit ich weiß - immer abgelehnt, derart dünne Stäbe zu fertigen." Die Professorin zuckte die Schultern. "Als er den hier gemacht hat, muss er noch mit unterschiedlichen Zauberstabhölzern experimentiert haben. - Seinerzeit soll er sich ja im Besitz des Elderstabs befunden, und versucht haben, dessen spezifische Eigenheiten zu duplizieren, im Bemühen, besonders machtvolle Zauberstäbe zu erschaffen! - Gut, er gefällt mir nicht besonders, aber er ist in Ordnung - und vorallem: in gutem Zustand!" Die magere Hexe, die sich offensichtlich sehr hatte zusammennehmen müssen, ihn der Lehrerin nicht aus der Hand zu reißen, erhielt den Stab zurück. Die blonde Hexe aus Köln hatte einen Rosenholzstab mit einem Kern aus Drachenherzfaser, der die Zustimmung der Zauberkunstlehrerin fand. Auch am Stab des rothaarigen, sommersprossigen Mädchens aus Ahornholz und Phönixfeder hatte sie nichts auszusetzen. Wills Stab schien sie mehr, als nur ein wenig zu überraschen. "Pappel. Gut, ansprechendes Design, kunstfertig, auch, wenn ich es keinem namhaften Zauberstabmacher zuordnen kann... aber: Ein Kern aus Veelahaar?" Sie schüttelte den Kopf. "Wer gibt einem jungen Mann einen Zauberstab mit einem Kern aus Veelahaar... viel zu kapriziös, für meinen Geschmack!" - Ein Blick auf den Jungen genügte ihr, dass er mit Sicherheit keine Veela in seiner Ahnenreihe haben mochte, was in ihren Augen - vielleicht - noch eine valide Erklärung gewesen wäre. "Er hat mich ausgesucht!" begehrte Will auf. Genau das hatten jedenfalls sowohl Detwiler als auch Lemann in ihrem Laden in Bonn gesagt. "So? Nun... gut, wenn Sie sich damit wohl fühlen... qualitativ, und vom Zustand her, ist nichts gegen den Stab zu sagen!" Die Professorin wandte sich dem nächsten Erstklässler zu. Es war Steve. "Olive und Phönixfeder, starr, und praktisch nicht federnd..." mit sichtlich missbilligendem Gesichtsausdruck betrachtete sie den kunstvoll geschnitzten, skelettierten Vogelschädel am Ende des Griffstücks. - Falls sie identifizierte, welche Art von Zauberer der Erstbesitzer von Steves Stab - jener von Johnnie Detwiler als "Killer" bezeichnete Mann namens Nagel - gewesen war, sagte sie dies zumindest nicht, was den weißblonden Jungen für den Moment mit nahezu grenzenloser Erleichterung erfüllte. Stattdessen ging sie weiter zu Timmy. Dessen Stab verblüffte sie wenigstens ebenso sehr, wie der Wills. "Kernholz von einem Obstgehölz ... Pflaumenbaum. - Der Kern: Augureyfeder?!" Ihr war nur ein einziger Zauberer bekannt, der einen Zauberstab mit einem solchen Kern besessen hatte, und das war Cornelius Fudge gewesen, der langjährige, britische Zaubereiminister. Der hatte ihn - ihres Wissens nach - anlässlich eines internationalen Zaubererkongresses von seinem Amtskollegen aus Liechtenstein zum Geschenk erhalten. - Ihr wollte partout nicht einfallen, wie ein rothaariger, fuchsgesichtiger Schüler in den Besitz dieses Stabs gelangt sein konnte. Andererseits war ihr natürlich bekannt, dass Fudge in seiner Heimat schon vor über einem Jahr in Ungnade gefallen und zum Rücktritt gezwungen worden war. Es mochte sein, dass er den Stab - notgedrungen - veräußert hatte, als er nach den jüngsten, mehr als unschönen Umbrüchen in der magischen Gesellschaft Großbritanniens ins Ausland gegangen war, auch, wenn sie zu wissen glaubte, dass die Briten wenn es um Zauberstäbe ging ziemliche Puristen waren. Nach allem, was sie gelesen hatte, lehnten die Engländer (wie auch Waliser, Iren und Schotten) - mehrheitlich - sowohl den Verkauf als auch das Vererben oder anderweitige Weitergeben gebrauchter Zauberstäbe ab, und gaben verstorbenen Zauberern den jeweiligen Stab traditionell mit ins Grab. - Wie bei Steves Stab verzichtete sie auch bei Timmys darauf, ihre Gedanken laut auszusprechen, sondern gab ihn mit den Worten "Ein schöner, flexibler Stab, der Ihnen gute Dienste leisten sollte, junger Mann!" seinem derzeitigen Besitzer zurück.

Der Unterricht

"Und nun," sagte die Lehrerin, als sie wieder vorn, am Lehrertisch stand, "schlagen Sie bitte Ihr "Handbuch der Zaubersprüche" auf Seite 7 auf!" 18 Zauberbücher wurden aufgeschlagen. Selbige Seite behandelte - offenkundig - einen sehr einfachen Schwebezauber, mittels dessen man leichte Objekte mittels einer bestimmten Zauberstab-Bewegung in die Luft steigen lassen, und dann mit dem Zauberstab herum dirigieren konnte. Da die drei Freunde ja bereits gesehen hatten, wie diverse, erwachsene Zauberer - von Edmund F. Drekkers Mitarbeitern über Ladenbetreiber in der Bonner Karl-Schattenlicht-Straße bis hin zu ihren Lehrern auf Schloss Bergklamm Gegenstände mittels lässigen Zauberstabschlenkern hierhin und dorthin bewegten, überraschte sie dies nicht. - Es schien sich um einen grundlegenden Alltagszauber der magischen Welt zu handeln.

Wie sich jedoch bald zeigte, war die Umsetzung gar nicht so einfach. Der Zauberspruch musste korrekt und richtig betont ausgesprochen, und zeitgleich die akurate Bewegung mit dem Zauberstab ausgeführt werden. Die Lehrerin verteilte eine Art Votivbilder, die ein Abbild der historischen Kaiserin Maria Theresia zeigten, und aus steifem, etwa zwei Millimeter starkem Karton bestanden. Diese sollten die Schüler - nachdem sie die Zauberstabbewegung ein paar mal "trocken" probiert hatten - in die Höhe schweben lassen. Timmy gehörte zu den ersten, die es schafften, ihr Kärtchen nicht nur in die Höhe steigen zu lassen, ohne dass es seine wagerechte Lage veränderte, sondern es anschließend auch gezielt herumzubewegen. Will gelang dies zwar auch, aber während er seine Karte mit Maria Theresias Konterfei hierhin und dorthin bewegte, überzog sich der Karton - unbeabsichtigt - mit Eis. Bei dem jungen Zauberer mit dem mausbraunen Haar taumelte die Karte durch die Luft, wie ein sturzbesoffener Vogel. Die Krönung leistete sich der farbige Junge, der mit seinem von seinem Kater angeknabberten Zedernholz-Stab schlecht zielte, und versehentlich statt dessen sein Lehrbuch der Zaubersprüche fast bis zur Decke des Raumes schweben ließ, und - als er entsetzt erkannte, was er da tat - unwillkürlich den Zauber beendete, so dass das Buch auf die magere Hexe mit der fadenscheinigen, zu weiten Schuluniform herabfiel (die ihm - wenn die Zauberkunstlehrerin nicht eingegriffen hätte - in ihrer Wut über die "Attacke" einen streng verbotenen Fluch aufgehalst hätte). - Steve, der mit Grauen an die von ihm mit dem Stab erzeugte, grüne Lichtpeitsche im Zauberstab-Laden in Bonn zurückdachte, ließ seine Karte zwar kontrolliert in die Höhe steigen, hatte aber zu viel Angst, sie mittels seines Zauberstabs anschließend auch in der Luft herumzubewegen.

Am Ende der Stunde trug eine - geringfügig genervte - Frau Professor Rosenberg ihren Schülerinnen und Schülern auf, den Zauber nach der letzten Unterrichtsstunde dieses Tages zu üben, "bis sie ihn sicher beherrschten". Timmy nahm sie hiervon ausdrücklich aus, da sie diesem bescheinigte, den Schwebezauber bereits am Ende ihrer ersten Stunde Zauberkunst so sicher anzuwenden, als ob er ihn schon seit Jahren nutze. Steve musste sich sagen lassen, dass er mit seinem Zauberstab zu zögerlich umgehe, Will dagegen, dass er sich mehr konzentrieren solle, um das unbeabsichtigte Vereisen des zum Schweben gebrachten Objekts zu vermeiden. Der junge Farbige und der braunhaarige, kleinwüchsige Zauberschüler bekamen gesagt, dass sie es - ungeachtet ihrer physisch mangelhaften Zauberstäbe - ebenfalls besser können müssten.

Die Nichte der Sabberhexe erhielt ihre zweite Strafarbeit dieses Tages, diesmal verbunden mit Nachsitzen: 100-mal würde sie auf Pergament den Satz schreiben müssen "Verbotene Flüche heißen so, weil es mir verboten ist, sie gegen meine Mitschüler zu gebrauchen!" - Hierzu hätte sie sich um 19 Uhr, unmittelbar nach dem Abendessen in einem leeren Klassenzimmer im vierten Stock einzufinden. Als sie der Lehrerin bestätigte, dass sie verstanden habe, und pünktlich erscheinen werde, um ihre Strafe anzutreten, war ihr Gesicht so grau, wie alter, von der Sonne ausgebleichter Beton... Steve, Timmy - und selbst Will - tat sie in diesem Moment (trotz ihrer nach dem heutigen Mittagessen ausgestoßenen Drohung gegen Wills Mungo "Joker") beinahe leid.

Zaubertränke - die 1. Doppelstunde

Licht ins Dunkel

Der Zaubertrank-Unterricht fand in den Tiefen der Kellergewölbe des Schlosses statt - oder den "Kerkern", wie Will es ausdrückte. Timmy, der daran dachte, dass ihm in der Apotheke in der Karl-Schattenlicht-Straße von den Gerüchen dort und dem Anblick einer größeren Zahl roher Rattenmilzen auf einem Tablett beinahe derart übel geworden wäre, dass er sich übergeben hätte, konnte bei Wills Worten nicht lächeln. - Wenn dergleichen Zutaten zur Zaubertrank-Brauerei dazu gehörten, mochte der - an sich ganz normale - Unterricht in diesem Fach für ihn tatsächlich den Charakter einer Strafe haben. Die Steintreppe, die in einer weiten Kurve hinabführte, empfand Timmy als unangenehm steil, und die Beleuchtung mit blakenden Fackeln lieferte - zumindest für seinen Geschmack - eindeutig zu wenig Licht. "Du, Steve - was meinste: Kannst'e mit dein' Stab 'n "Lumos" machen?" fragte er daher den weißblonden Freund, der ihn deutlich überragte. Steve schluckte. Dann dachte er sich, dass der Lumos-Zauber ja auch im Zauberstabladen mit dem Stab, vor dessen Kraft er ein Bisschen Angst hatte, funktioniert hatte, ohne, dass es zu gefährlichen Nebeneffekten gekommen wäre. - Und er war ja auf einer Zaubererschule, wo sie - gemäß dieses Gesetzes von 1800 und Krug - ja ausdrücklich zaubern durften. - Also zog er seinen Olivenholzstab mit dem geschnitzten Vogelschädel am unteren Endes Griffs aus der Zauberstabtasche am linken Oberschenkel. - Ein Sakko mit farblich abgesetzten Aufschlägen zu tragen, war zwar etwas gewöhnungsbedürftig (zumal, da offenbar erwartet wurde, dass sie dies auch im Gebäude der Schule trugen), aber die im Bereich des Oberschenkels längs der senkrechten Seitennaht ins linke Hosenbein seiner Schuluniform eingearbeitet Tasche, die speziell für den Zauberstab gedacht war, empfand er als extrem praktisch. - Solange er dort stak, fiel ein Zauberstab praktisch nicht auf, zumal das Sakko die makabere Verzierung des Griffs seines Stabes verdeckte... Er richtete den Stab - bedacht, nur ja keine hastige, peitschende Bewegung zu machen - senkrecht nach oben, und sagte - laut, und wie er hoffte korrekt betont und artikuliert - "Lumos!" Ein paar Mitschüler wichen erschrocken ein paar Schritte zurück, als im selben Augenblick an der Spitze von Steves Stab eine weisse Miniatursonne brannte, als hätte jemand auf der Kellertreppe eine Leuchtkugel gezündet, wie man sie auf Schiffen oder in Bergnot als Signal abgefeuert hätte. Mehrere der anderen Zauberschüler und -schülerinnen mussten ihre Augen im ersten Moment mit den Händen beschirmen - Will eingeschlossen. "Wow! - Hier unten is' das noch eindrucksvoller, als im Laden!" stellte Timmy fest. "Woher kannst'e 'n das?" wurde er von mehr als einem Klassenkameraden gefragt. "Ich dachte, Deine Eltern (und die von Deinen beiden Kumpels) wär'n Muggel?!" erkundigte sich die blonde Hexe mit den beiden Pferdeschwänzen. "Es gibt da 'n Videospiel... also 'n Spiel der Muggel, das auf nem Computer gespielt wird, und wo der Zauber, um 'n Zauberstab Deiner Figur im Spiel in 'ne Lampe zu verwandeln, mit genau dem Wort funktioniert." erklärte Steve, was bei ihren Mitschülerinnen und Mitschülern Unglauben hervorrief. "Ich hab das mit Timmys Stab ausprobiert, also, bevor wir diesen Brief vom Bundesamt für magische Wesen bekommen ha'm, wo drinstand, dass wir - außer in ner Zaubererschule - nich' zaubern dürfen..." Das zu glauben, fiel zumindest einem Teil der Mitschüler offenbar sogar noch schwerer. Da sie mittlerweile jedoch die Tür zum Unterrichtsraum für Zaubertränke erreicht hatten - die mit ihrem dunklen, feuchten Holz, den schwarzen Eisenbeschlägen und dem dicken eisernen Ring, der Klinke oder Griff ersetzte - tatsächlich stark an einen mittelalterlichen Kerker oder ein Burgverlies erinnerte - kam niemand mehr dazu, seinem Unglauben Ausdruck zu verleihen. Die Drittklässler, die nach ihrem Zaubertränke-Unterricht ihrerseits gerade den Kerker verließen, waren zwar längst nicht so beeindruckt, wie die Erstklässler, aber sowohl Timmy als auch Will und Steve hörten aus mehreren Richtungen die gemurmelte Frage "Nanu?! - Hat Professor Rosenberg diesmal nicht mit "Wigardium Leviosa" angefangen, sondern mit "Lumos"?" "Unwahrscheinlich...!" lautete Antonios Reaktion, und Alexander war es, der Steve mit der Feststellung "Das konnte unser blonder Steve schon, ehe er auf Schloss Bergklamm einen Fuß in ein Klassenzimmer gesetzt hat!" der Notwendigkeit einer Antwort enthob. Einige Mädchen unter den Drittklässlern tuschelten. "Scheinbar," überlegte Steve, hatte er mit der Aktion bei den anderen deutlich mehr Eindruck gemacht, als er erwartet hätte. "Sehr hübsch!" knarzte die Stimme des Lehrers für Zaubertränke, und holte Steve damit aus seinen Gedanken, und ins hier und jetzt zurück. "Noch besser würde es mir allerdings gefallen, wenn sie Ihren Zauberstab wieder löschen, und in den Klassenraum kommen würden! - Ich wünsche mit dem Unterricht zu beginnen. Steve schluckte. Was er nun genau tun musste, um den Zauber zu beenden wusste er nämlich nicht. - Im verlassenen Direktionsbüro der alten Ziegelei hatte Will, als er sich den geklauten Stab schnappte, dessen Spitze Steve mit "Lumos" entzündet hatte, damit den Zauber beendet, und im Zauberstabladen in Bonn hatte Detwiler mit einem stummen Zauber dafür gesorgt, dass das Licht wieder von der Spitze des Stabes verschwand. Auch, wenn er wusste, dass er damit vermutlich die Bewunderung der Mitschüler verspielte, gabe er daher zu: "Ich weiss nicht, wie das geht... also, die Zauberstabspitze wieder zu löschen!" "Und genau deshalb, junger Mann, ist es keine so besonders intelligente Idee, einen Spruch, den man vielleicht zufällig irgendwo aufgeschnappt hat, einfach mal auszuprobieren, jedenfalls, solange man nicht auch den korrekten Gegenzauber dazu kennt!" ließ sich der donnernde Bass Prof. Lahbs vernehmen. "Nox!" Und das Licht an der Spitze von Steves Stab erlosch ebenso rasch, wie es zuvor erschienen war. Die Blicke Steves, Wills und Timmys wechselten zwischen dem Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe und jenem für Zaubertränke, wobei Steve leicht errötet war, da er wohl begriff, dass es potentiell ziemlich dumm gewesen war, was er da auf der Kellertreppe getan hatte. Timmy (der daran dachte, dass er es gewesen war, der Steve angestiftet hatte, den Licht-mach-Zauber zu benutzen) und Will interessierte allerdings mehr, warum ihr Lehrer in einem anderen Fachbereich zu Beginn ihres Zaubertrank-Unterrichts hier unten auftauchte. "Hatte 'ne Kleinigkeit mit dem Kollegen Ferro zu besprechen!" grollte Prof. Lahb. "Und nun ab, rein mit Euch! - Ihr wollt Euch doch bestimmt kein Nachsitzen einhandeln, oder ...?!" "Ähh... nein, Herr Professor!" murmelte Steve. "Und 'tschuldigung. - Wird nicht wieder vorkommen!"

Zaubertränke

Professor Dorkas Ferro besaß einen ebensolchen Körperumfang, wie Prof. Lahb, reichte diesem jedoch nur bis zur Brust. Er verzichtete darauf, Steve wegen des Lichtzaubers zu rügen oder ihm gar eine Strafarbeit aufzugeben, sondern sagte nur: "Wegstecken! - In meinem Unterricht benötigen Sie keinen Zauberstab...!" Steve beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. "Nox!" dachte er bei sich. "Das ist ja eigentlich einfach, und wirklich nicht schwer zu merken..." Trotz seiner latenten Sorge, die Macht seines in Bonn gebraucht erworbenen Stabes nicht kontrollieren zu können, fühlte es sich irgendwie gut an, den Stab griffbereit in der Tasche an seiner Seite zu haben. "Zaubertränke!" hob Prof. Ferro mit seiner metallisch schnarrenden Stimme an, die Will unwillkürlich an das Geräusch eines Feder- oder Uhrwerksmechanismus beim Aufziehen erinnerte (etwas, was er schon bei unzähligen halbkaputten Apparaturen gehört hatte, die auf der Ladefläche des Schrottlasters seines alten Herrn ihre letzte Reise angetreten hatten). "Bei Zaubertränken, meine Damen und Herren, geht es nicht um Zauberstabbewegungen, oder um das Sprechen eingeübter Sprüche. - Die Zaubertrankbrauerei stellt eine ganz eigene, hohe Kunst dar, und eine exakte, magische Wissenschaft!" Der gedrungene, kleinwüchsige Lehrer, der den weissblonden Steve nur wenig überragte, blickte in die Runde der Schülerinnen und Schüler. "Ich erwarte nicht, dass jeder und jede von Ihnen die Schönheit erkennen kann, die in der Komposition eines Zaubertrankes liegt, oder die Eleganz der Wirkung, die ein korrekt zubereitetes Elexir zu entfalten vermag. - Tatsächlich würde es mich sehr überraschen, wenn mehr als ein oder zwei Schüler eines Jahrgangs hierzu in der Lage wären. - Aber," er räusperte sich, "was ich von Ihnen allen erwarte, ist, dass sie in der Lage sind, den Anweisungen in den sorgfältig formulierten Anleitungen, welche die Großmeister der traditionsreichen Zunft der Trankbrauer auf Pergament festgehalten haben, so akurat und exakt zu folgen, dass sie zumindest ein akzeptables Ergebnis zustande bringen werden...!" "Das", überlegte Timmy, hörte sich durchaus vernünftig an. Es erinnerte ihn ans Kochen: Solange man sich genau an die Angaben in einem Rezept hielt, die Mengen der Zutaten exakt abmaß und die Anweisungen zu Zubereitungszeit, den passenden Töpfen und Kuchenformen und zur vorgeschriebenen Koch- oder Backtemperatur strikt beachtete und einhielt, musste man nicht unbedingt ein besonderes Händchen fürs Kochen haben, um am Ende zumindest ein genießbares Ergebnis zu erhalten. "Da unter Euch mehere Muggelstämmige sind, noch eine Warnung," unterbrach Professor Ferro Timmys Gedankengang. "Um Zaubertränke zu brauen, muss man ein Zauberer sein! - Kein Muggel - oder Squib - ist hierzu in der Lage, und ich muss Ihnen daher dringend ans Herz legen, niemals, und ich betone dies, einem nicht magischen Verwandten ein "nützliches Zaubertrank-Rezept" zu verraten... es sei denn, Sie legen wert darauf, betreffenden Verwandten unter die Erde zu bringen!" Sowohl Steve als auch Timmy waren in diesem Moment sehr froh, dass der Klassenraum hier unten, im Kerker - ähnlich, wie die Treppe, die hier hinunter führte - nur schwach beleuchtet war. Somit bekamen - hoffentlich - nicht alle Klassenkameraden und -kameradinnen den abrupten Wechsel ihrer Gesichtsfarbe mit, da beide daran denken mussten, dass Professor Ferros letzte Worte sie vermutlich vor einem fatalen und potentiell tödlichen Fehler bewahrt hatten... "Suchen Sie sich nun jeder einen Platz, stellen sie Ihren Kessel vor sich auf die Arbeitsplatte, und holen Sie ihre Waagen und das Lehrbuch "Zaubertränke und Zauberbräue" von Arsenius Bunsen heraus!" Der Anweisung des Lehrers folgend kam Bewegung in die die Erstklässler, die sich Plätze an den steinernen, feuerfesten Arbeitstischen suchten, von denen jeder eine ringförmige Öffnung aufwies, unter der ein magisches oder alchemistisches Feuer brannte. Zu Timmys und Steves Missvergnügen hatte die Hexe in der zu weiten, zerschlissenen Schuluniform sich einen Platz genau neben ihnen gesucht, und das Grinsen, bei dem sie ihnen offenbar sämtliche ihrer spitzen, schiefen Zähne zeigte, verriet ihnen, dass sie den Wechsel ihrer Gesichtsfarbe sehr wohl mitbekommen und daraus die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Dass ihre Wage - ebenso, wie die der Buben - aus Messing bestand, war unter einer dicken Patina stumpfen Grünspahns mehr zu erahnen, als zu sehen, und ihr Exemplar von Arsenius Bunsens Buch sah aus, als handle es sich dabei um eine Lose-Blatt-Sammlung, die lediglich provisorisch zwischen die Buchdeckel gestopft worden war. Ihr angelaufener und verkratzter Kessel wies auf der einen Seite eine mehr als faustgroße, tiefe Delle auf, so, als wäre er dazu benutzt worden, damit jemanden niederzuschlagen. - Ihr Arbeitsmesser, das sie aus der Rocktasche zog, war hingegen eine schlanke, beidseitig geschliffene Klinge, die dem Dolch, den Wills Vater seinem Sohn zum Abschied geschenkt hatte, in punkto Schärfe nicht nach zu stehen schien. Keiner der drei Jungen aus Gelsenkirchen war erpicht darauf, darüber nachzudenken, wozu man bei ihr zu Hause ein derartiges Messer benutzen mochte...

"So, nach dem Sie alle Ihre Plätze eingenommen haben, schlagen Sie Ihr Lehrbuch auf Seite 6 auf! Lesen sie sich das Rezept genau durch, und dann kommen Sie bitte einer nach dem anderen nach vorn, und holen ihre Zaubertrankzutaten ab." Die Erstklässlerinnen und Erstklässler taten, wie der Professor ihnen geheißen hatte. Timmy wurde noch eine Spur blasser, als er las, dass zu den Zutaten des Trankes, den sie in ihrer ersten Zaubertrankstunde brauen sollten, eine Rattenmilz gehörte... Er musste die junge Hexe neben sich nicht ansehen, um zu wissen, dass sein sichtliches Unbehagen sie breit grinsen ließ. Immerhin hatte die Kälte, die im Unterrichtsraum für Zaubertränke herrschte, und die die Jungen wünschen ließ, über ihrer Schulkleidung den Winter- bzw. Reiseumhang zu tragen, den Vorteil, dass von Zutaten wie der - offenkundig frischen - Rattenmilz wenigstens noch kein widerwärtiger und Übelkeit verursachender Verwesungsgeruch ausging. Weitere Zutaten waren verschiedene Wurzeln, die kleingeschnitten werden mussten, 1 ccm Eidechsenblut, der exakt abgemessen werden musste, Froschlaich und ein einzelner Tropfen Mondtau. Letzterer musste in den bereits siedenden Trank gegeben werden, und es zeigte sich, dass es wirklich nur ein einzger Tropfen sein durfte: Der blonden Hexe aus Köln, Elissa Zinn, rutschte unglücklicher Weise ihre Pipette aus der Hand, und fiel in ihren Kessel mit dem halbfertigen Trank. - Der Effekt war ebenso beeindruckend wie schockierend, da mit einem lauten Knall, wie einem Böllerschuss, eine Fontäne grell-blauer, heißer Flüssigkeit aus dem Kessel in die Höhe schoss. Sie machte zwar einen gewaltigen Sprung rückwärts, aber ein paar Tropfen landeten dennoch auf ihrem Haar, was zur Folge hatte, dass ihr dieses büschelweise ausfiel. Ihre linke Augenbraue war ebenfalls verschwunden, und sie schluchzte "Auaaah ...das brennt!" auch, wenn die wenigen Tropfen der heißen Flüssigkeit, die sie abbekommen hatte, außer einer leichten Rötung, auf ihrer Haut sichtbaren keinen Schaden verursacht hatten. Ihr Kessel war hingegen geschmolzen, und bildete neben ihrem Zaubertrank-Buch einen flachen, leicht dampfenden Metallfladen. - Nach dieser Demonstration achteten die drei Jungen natürlich noch genauer darauf, auch ja nichts falsch zu machen, und die Anweisungen im Buch buchstabengetreu zu befolgen. Am Ende der Stunde hatten sowohl Steve, als auch Will und Timmy jeweils einen Sud von einem Violett (und einer Konsistenz) die an Blaubeerkompott erinnerte. Die unangenehme Junghexe hatte - zu Timmys Bedauern - die Aufgabe ebenso gelöst, während einige andere Schüler entweder nicht fertig geworden waren, oder irgendwo im Verlauf der Trankbereitung einen Fehler gemacht hatten, so dass es einen giftgrünen, noch einen Blauen und einen schwarzen Trank gab, der die Konsistenz von Teer hatte, und einen ekelerregenden Geruch nach verdorbenem Kohl ausströhmte. - Wenigstens hatte außer dem blonden Mädchen mit der nun nachhaltig ruinierten Frisur kein anderer Schüler eine Trankfontäne erzeugt und seinen Kessel zum Schmelzen gebracht. "Unbrauchbar! - Den Kessel können sie nicht mehr verwenden!" war der Kommentar des Professors zu der schwarzen, übelriechenden Pampe. "Im Rezept stand eine Rattenmilz - nicht zwei oder drei!" lautete seine Feststellung zu der giftgrünen Brühe, und der blaue Trank entlockte ihm die Worte "Zuviel Mondtau! - Es darf nur ein Tropfen sein! - EINER!" Die Tränke Steves, Wills wie auch Timmys und Corazons fanden seine Zustimmung. "Schön, schön schön. - Diese vier Tränke könnte man alle verwenden, wenn man den Wunsch hätte, aus einer Ratte für eine Dauer von 24 Stunden einen Zweibeiner zu machen! Ein amüsanter, kleiner Trick, der zuweilen durchaus angezeigt sein kann..." Timmy und seine beiden Freunde waren sich zwar nicht sicher, ob sie den Sinn hinter einem solchen Zaubertrank begriffen, aber immerhin war es ihnen allen dreien auf Anhieb gelungen, die Aufgabe korrekt und in der vorgegebenen Zeit zu lösen. Ein Deuten mit dem Zauberstab und ein geschnarrtes "Evanesco" ließ den blauen und den giftgrünen Trank verschwinden, und ebenso alle Tränke, die nicht fertig geworden waren. Von den vier als gelungen eingestuften Tränken füllte der Lehrer je ein Glas voll ab, ehe er den Rest auf die selbe, magische Weise entsorgte (worüber Corazon Loewentha allerdings nicht erbaut schien). "Bis zur nächsten Stunde Zaubertränke schreiben sie bitte das Rezept auf der Folgeseite ab, und überlegen sie sich, wie sich die Vorbereitung der aufgeführten Zutaten auf möglichst effiziente Art - aber ohne Verwendung von Zaubersprüchen - bewerkstelligen lässt!" "In dem man es von Hauselfen oder Heinzelmännchen erledigen lässt..." lautete der Kommentar eines dicklichen, jungen Zauberers, der etwa so groß war, wie Will, aber vermutlich anderthalb mal soviel wog. "DAS ist nicht gemeint!" schnarrte Professor Ferro, und maß den vorlauten, dicken Zauberschüler mit einem vernichtenden Blick. "Und ich denke, das wissen Sie auch, Kevin! - Ich erwarte in der nächsten Stunde eine sinnvolle Antwort auf diese Aufgabenstellung! - Dies gilt für alle anwesenden Damen und Herren!" Mit diesen Worten waren sie entlassen. - Timmy musste zugeben, dass der Unterricht in diesem Fach doch nicht so schlimm war, wie er befürchtet hatte, trotz Rattenmilz, und obwohl er es ihm lieber gewesen wäre, wenn sich Corazon Loewentha einen anderen Platz gesucht hätte, als ausgerechnet direkt neben ihm.

Hausaufgaben ...und Abendessen

Haustiere...

Nachdem die letzten beiden Unterrichtsstunden ihres ersten Tages an der "höchstlöblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen" somit vorbei waren, beeilten die drei sich hinauf, und zu ihren Zimmern zu kommen. Will wollte seinen Mungo "Joker" und Timmy den Raben "Blackbird" holen, damit die sich nicht vernachlässigt fühlten, ehe sie sich zum gemeinsamen Hausaufgaben-Machen in einen der zahlreichen Gemeinschaftsräume begaben, die allen Schülern auf Schloss Bergklamm offen standen. Steven wollte sichergehen, ob es nötig war, seinem Käuzchen hinterher zu putzen, da er keine Lust verspürte, sich unmittelbar NACH dem Abendessen in seinem Zimmer mit den unappetitlichen Überresten von "Christl"s Eichhörnchen-Mahlzeit konfrontiert zu sehen. - Wie sich zeigte, war dies ganz offensichtlich nicht notwendig: Der Zimmerfußboden war sauber, sein Bett ordentlich gemacht, und im Bad warteten frische, flauschige Handtücher (er meinte sich - ein wenig schuldbewusst - zu erinnern, dass er das eine nachdem er sich am Morgen geduscht und abgetrocknet hatte - einfach vor der riesigen Badewanne auf dem Fußboden liegengelassen hatte). "Hauselfen?" fragte er sich, "oder Heinzelmännchen?" Der dicke Zauberschüler hatte die am Ende der Doppelstunde Zaubertränke erwähnt. Gab sowas auf Schloss Bergklamm? - Wenn Hauselfen diese knapp ein Meter großen, arg großäugigen Wesen mit den Fledermausohren aus der Apotheke in der Karl-Schattenlicht-Straße waren, die Alexander Walter dort so bezeichnet hatte, konnte er sich diese nur mit schmuddeligen Putzlumpen bekleideten Geschöpfe nur schwer hier, im Schloss, an ihrer Schule vorstellen. Seine "Christl" hatte sich oben auf ihrem Vogelbauer niedergelassen, und schuhute nun leise. "Langeweile?" fragte er die Eule. "Du kannst frei fliegen, wohin Du magst! - Nur komm bitte immer hierher zurück!" sagte er, und gab ihr zwei Eulenkekse, ehe er sein Zimmer wieder verließ. Der Verkäufer in der Magischen Menagerie in Bonn hatte ihm - neben dem Vogelbauer und einem Säckchen Eulennüsse - eine Schachtel als Zugabe gegeben. Auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum traf er Will und Timmy wieder. "Joker" saß oder lag - ausnahmsweise - nicht auf Wills Schultern, sondern hatte es vorgezogen, neben bzw. vor seinem Herrchen herzulaufen, wobei er drollige, kleine Sprünge vollführte. "Wir haben ja echt 'n ganzen Haufen Hausaufgaben, und dass schon am ersten Schultag..." meinte Will. Die gekrächzten Worte des Raben "Blackbird": "Arbeit schändet nicht! - Arbeit adelt!" brachten dem Vogel sowohl von dem stämmigen Schrotthändler-Sohn als auch von Steve - und seinem eigenen, rothaarigen Herrchen - einen wahrhaft mörderischen Blick ein. "Ich glaube," murmelte Timmy. "Ich hätt' doch besser auch 'ne Eule genommen, wie Du, Steve!" Dafür zwickte ihn sein Rabe ins linke Ohr, wenn auch zum Glück nur ganz sanft.

...Hausaufgaben

Sie betraten den Gemeinschaftsraum, in dem sich noch mehrere andere Schüler aufhielten (nicht nur aus ihrer Klasse). "Es ist so viel..." meinte Will. "Ich hab' keine Idee, womit wir anfangen sollen!" Steve guckte auf den Stundenplan. "Ich schätze, Kapitel eins in "Verwandlungen für Anfänger" lesen, können wir auch noch nach dem Abendessen im Bett. - Darüber müssen wir ja nix schreiben." "Die 25 cm Pergament mit der Aufzählung der praktischen Anwendungsmöglichkeiten für "Arithmantik" anhand des Einleitungskapitels müssen wir auf jeden Fall heute noch schreiben!" erklärte Timmy. "Haben wir nämlich morgen Nachmittag, und ich schätze, keiner von Euch beiden will das morgen in der Mittagspause auf den letzten Drücker erledigen." Er holte ein verschlossenes Tintenfass, Pergament und Feder aus seiner Schultasche, und plazierte alles neben dem Lehrbuch über die "Anfangsgründe der Arithmantik" vor sich auf dem Tisch. "Hoffentlich bekomm ich das mit dem Schreiben mit Federkiel und Tinte hin..." "Sieht nicht so schwierig aus," meinte Steve mit einem Kopfnicken zu dem Farbigen, der in der äußersten Ecke des Raumes saß, konzentriert in Newt Scamanders "Phantastische Tierwesen, und wo sie zu finden sind" starrte, und sich mit einer langen, prächtig anzusehenden Feder Noitzen auf einem lang ausgerollten Pergament machte, von denen er immer wieder Teile ausstrich. Sein monströser, einäugiger schwarzer Kater hatte neben ihm eine Rückenlage eingenommen, die Will von seinem Mungo sehr gut kannte, und bekam von seinem Herrchen mit der Linken geistesabwesend nebenbei den Bauch gekrault. Zur Erleichterung seines Herrn bewies Wills "Joker", dass er nicht bloss ein mutiger Schlangentöter war, sondern auch schlau, da er zu "Ozimydias" von sich aus respektvollen Abstand wahrte. "Und die ...praktische Übung für Zauberkunst?" wollte Will wissen. "Diese Professorin ... Rosenberg, oder wie die heißt, hat doch verlangt, dass wir den nach Unterrichtsende so lange üben, bis wir ihn richtig beherrschen," er druckste etwas herum. "Ich... ich mein, ohne das, was wir schweben lassen versehentlich zum Gefrieren zu bringen..." "Stimmt." meinte Steve. "Aber das will ich - ehrlich gesagt - lieber in 'nem Raum üben, wo nicht so viele andere Schüler sind...!" Will nickte. Wenn er an unbeabsichtigte Eisbildung oder grüne, durch Leitern säbelnde Lichtpeitschen dachte, hätte er es vorgezogen, wenn bei seinen und Steves praktischen Zauberversuchen mit "Wingardium Leviosa" auch sein Mungo nicht im Raum anwesend wäre. "Also die Stichpunkte!" nickte Timmy. Will und Steve, die ebenfalls ihrer Federn hervorgeholt hatten, prüften deren Spitzen mit dem Daumen, ehe sie gleichfalls ihre Pergamente ausrollten, die Federn in die gläsernen Tintenfässer eintauchten, und jeder die Worte "Arithmantik-Hausaufgabe" oben auf das Blatt schrieben. Es ging erstaunlich gut. - Selbst Timmy bekam es auf Anhieb ohne Klecksen und Tintenspritzer hin, auch, wenn seine spinnenartigen Buchstaben selbst für seine Verhältnisse recht groß ausfielen. "Ich schätze, meine Stichpunkt-Liste werden mehr, als 25 cm..." murmelte er. Damit hatte er nicht unrecht. Eine hinreichende Anzahl von Anwendungsmöglichkeiten zusammen zu bekommen, fiel ihm - nach der wiederholten, konzentrierten Lektüre des Einleitungskapitels von "Mathematica & Numerologia" wirklich nicht schwer:

...
• Theoretischer Entwurf neuer Zaubersprüche
• Entwicklung von Zaubertränken auf dem Papier
• Verankerung eines Fluchs auf einem Türschloss oder einer Türklinke
• Brechen eines auf ein Schloss oder eine Tür verankerten Fluchs
• Magische Verschlüsslelung von Texten und Bildern
• Entschlüsselung magisch verschlüsselter Texte und Bilder
• Magische Analyse der Persönlichkeit eines Zauberers oder einer Hexe
...

Da der weissblonde Steve darauf bestand, dass auch Will nicht einfach Timmys Liste in etwas anderer Reihenfolge abschrieb, musste - notgedrungen - auch der das Einleitungskapitel des Arithmantik-Buches lesen, auch, wenn er die Augen dabei so verdrehte, dass sein Gesichtsausdruck Timmy zu dem - geflüsterten - Kommentar "Wie eine Kuh, wenn's donnert..." verleitete.

Als alle drei fertig waren, und ihre Pergamente mit den etwas mehr als 25 beschriebenen Zentimetern zusammenrollten, war Aidan Ammand in seiner Ecke dazu übergegangen, seinen einen Meter Aufsatz über den Riesentaurus ins Reine zu schreiben, während "Ozimydias" sein eines Auge geschlossen hatte und zusammengerollt neben ihm schlief. So wirkte er wie ein alter, etwas schäbiger, schwarzer Pelzmantel, den man eng zusammengerollt hatte, um ihn in einen Koffer oder eine Reisetasche zu verpacken. - Die übrigen Schüler hatten sich offenbar bereits verzogen. "Die Abraxaner und Tauren in Scamanders Buch müssen wir auch noch lesen," meinte Timmy. "Prof. Lahb wird uns Fragen dazu stellen ... und DEN will ich wirklich nicht enttäuschen!" Das verstanden seine beiden Freunde sehr gut. Der Lehrer in "Pflege magischer Geschöpfe" war zwar wirklich sympathisch und sein Unterricht faszinierend - aber Professor Lahb war daneben eben auch eine ausgesprochen beeindruckende Erscheinung. "Zum Glück muss die Abschrift des Rezepts von Seite 7 aus "Zaubertränke und Zauberbräue" nicht bis morgen fertig sein..." stellte Steve nach einem kurzen Checken des Stundenplans fest. "Das ist erst Freitag dran, da haben wir - außer einer Stunde Verwandlung - nur eine Doppelstunde Zaubertränke vor den Freistunden und dem Flugunterricht!" "Aber wir müssen uns auch noch überlegen, wie die Zutaten effektiv vorbereitet werden können..." wandte Will ein. "Auch, wenn Professor Ferro die Überlegungen zumindest nicht schriftlich verlangt hat..."

Zauberübungen

Trotz Steves und Wills Besorgnis entschieden die beiden sich, die praktische Übung mit dem Schwebezauber doch hier, in diesem Gemeinschaftsraum durchzuführen. Sie packten die Tintenfässer, Bücher und Pergamente sorgfältig weg. Die Schreibfedern ließen sie auf dem Tisch, da Timmy meinte, sie seien ebenso geeignet, um sie schweben zu lassen, wie Kartonbildchen einer vor über 200 Jahren verstorbenen, österreichischen Kaiserin. "Joker, bleib uns BITTE aus dem Weg, wenn wir jetzt versuchen, zu zaubern, und die Federn zum schweben zu bringen!" befahl Will etwas besorgt seinem Mungo, ehe er - ebenso wie Steve und auch Timmy - den Zauberstab zur Hand nahm. "Wär' vielleicht echt am Besten, wenn Du aus dem Raum gehst...!" Der Mungo reagierte mit einem deutlich unfrohen Keckern, suchte aber - wie von Will verlangt - ein ordentliches Stück Abstand sowohl von ihm als auch von Steve. Tatsächlich gelang es Will mit dem Pappelholzstab, dessen Griff in der geschnitzten Weltkugel auslief, bereits beim zweiten Versuch, seine Schreibfeder ohne jeden Vereisungseffekt (beim ersten Versuch hatte sich noch ein Hauch von Rauhreif gebildet) mit einem "Wingardium Leviosa" senkrecht nach oben steigen und anschließend hierhin und dorthin schweben zu lassen, solange er dabei konzentriert dachte: "Kein Eis! Kein Eis...!" Er hoffte, dass es ihm mit der Zeit gelingen würde, den Zauber auch dann, wenn er ihn rasch und spontan ausführen wollte, ohne eisige Nebenwirkungen zu Stande zu bringen. Steve, der immer noch etwas in Sorge war, zu viel Kraft in seinen Zauber zu legen, oder den Stab beim Dirigieren der schwebenden Feder zu heftig zu bewegen, und dann womöglich wieder unerwünschte, destruktive und für andere gefährliche Effekte hervorzubringen, brauchte etwas länger. Dann schaffte er es aber auch, dass seine Feder nicht nur aufstieg, sondern von ihm mit sorgsam abgezirkelten Bewegungen seines Olivenholz-Zauberstabes auch gezielt durch den Raum gelenkt und wieder abgesenkt wurde. - Timmy hingegen schien sowohl der Zauber als auch die Kontrolle der Bewegung der schwebenden Gegenstände nicht die geringste Mühe zu bereiten: Bald schon ließ er statt seiner eigenen Schreibfeder von den anderen Schülern auf Tischen oder dem Fußboden liegengelassene Federkiele, Pergamentfetzen, den vergessenen Deckel eines Tintenfasses und ein paar Schokofrosch-Sammelkarten mit Bildern berühmter Zauberer und Hexen in die Höhe steigen, umherschweben und die Abfälle schließlich - sanft und zielsicher- in einen Papierkorb in der Zimmerdecke sinken. "Nicht uneben!" kommentierte der junge Zauberer mit der Ebenholzhaut und dem Kraushaar, der die Reinschrift seines Straf-Aufsatzes unterbrochen hatte, und ihnen beim Üben zusah. "Aber Schokofrosch-Sammelkarten sind zu schade, zum wegschmeißen...!" Er zückte seinen eigenen Zedernholz-Stab mit den aus der Spitze ragenden Thestral-Schweifhaar-Fransen, und ließ die Sammelbildchen wieder aus dem Papierkorb in die Höhe steigen, auch, wenn dabei von dem übrigen Kehrricht etwas mit herausgehoben wurde, und daneben auf dem Boden landete. "Du aber auch nicht!" gab Steve - neidlos - zu, während Timmy es übernahm, die neben den Papierkorb gefallenen Pergamentreste und alten Federkiele mit einem weiteren "Wingardium Leviosa" in den Abfall zurück zu befördern. "Was sind das eigentlich genau für Sammelkarten?" wollte Will wissen, dessen Magen beim Wort "Schokofrösche" plötzlich vernehmlich zu knurren begonnen hatte. "So, wie die von der Maria Theresia? ... Also, ich mein nich' Professor Haten, sondern die österreichischen Kaiserin, mit deren Bildchen wir heute in Zauberkunst geübt haben?" "Nein! - Die war doch 'n Muggel!" entgegnete der farbige Junge vielleicht etwas abfällig. "Das sind Bilder berühmter Hexen und Zauberer! ... gut, einige sind auch eher berüchtigt, oder vor allem deswegen bekannt, weil sie echte magische Katastrophen ausgelöst haben!" Das interessierte nun auch Will und Steve, deren Federn beide ohne die geringste Spur von Reif und Eis (und ohne gefährliches, grünes Licht) wieder sanft vor ihnen auf dem Tisch gelandet waren. "Können wir die mal sehen?" wollte Timmy wissen. Aidans spontanes "Klar doch!" animierte Timmys Raben, "Blackbird", der eine zeitlang friedlich mit unter den Flügel gestecktem Kopf auf einer Vorhangstange gehockt und wohl geschlafen hatte, dazu, wieder munter zu werden, und lautstark krächzend zu verkünden "Klar wie Klossbrühe...!" Aidan Ammand - der bei dem Ausruf des Raben heftig lachen musste, zeigte ihnen die siebeneckigen Sammelbilder. "Herpo der Üble - der hat vor über 1.000 Jahren den ersten Basilisken gezüchtet. - Und zweimal Albus Dumbledore, der ehemalige Schulleiter von Hogwarts." verriet er den dreien, die interessiert die Bilder betrachteten, auf denen die abgebildeten Zauberer sich bewegten. Der eine Dumbledore gähnte gerade, während der andere ihnen - wie es schien - freundlich zuzwinkerte. "Albus Dumbledore - den Namen haben wir schon mehrfach gehört, und gelesen," meinte Steve. "Der ist doch diesen Sommer gestorben oder umgekommen...?" fragend sah er den Mitschüler an. "Ja - und das ist wirklich ein praktisch unersetzlicher Verlust für die gesamte magische Welt!" erwiderte dieser, jetzt wesentlich ernster. "Er war einer der größten, lebenden Zauberer, genial, als Schulleiter und vorher als Lehrer in Hogwarts... Und er hat natürlich damals, 1945, dem Terror des Schwarzmagiers Grindelwald ein Ende gemacht. Außerdem war er für mehrere bedeutende magische Entdeckungen und Erfindungen verantwortlich. Und er gehörte bis zu seinem Tod der internationalen Zauberervereinigung in leitender Position und dem Zaubergamot als Richter an..." "Wow!" entfuhr es allen dreien wie aus einem Munde. "Ihr könnt sie haben" entgegnete ihr farbiger Mitschüler, "Ich hab schon mehrere "Dumbledore" - und auch schon einen oder zwei "Herpos"... er blicke zum Fenster des Gemeinschaftsraums. Es war mittlerweile so dunkel, dass die Felswände des Berges, in dem Schloss Bergklamm sich befand, kaum noch zu erkennen waren. "Wir hätten längst zum Abendessen in der großen Halle sein müssen...!" Hastig packte er Strafarbeit, Buch, Feder, Notizen und Tintenfass in seine Tasche und stupste "Ozimydias" mit seinem ramponierten Zedernholz-Zauberstab an, der das Auge öffnete, und sich erhob. "Beeilen wir uns! - Sonst bekommen wir nix mehr zu essen!" Das Risiko wollten Will, Steve und Timmy unter keinen Umständen eingehen, so dass sie fast rannten, als sie mit ihren Schultaschen, dem Mungo, dem großen, schwarzen Kater und dem über ihnen flatternden Raben die Treppen hinab eilten, der in jeder Etage krächzend rief: "Essen Fassen!!!"

...und Abendessen

Das rennende Schülerquartett mit den Tieren löste zwar bei einigen Kopfschütteln (und nicht unbedingt freundliche Bemerkungen) aus, aber sie erreichten die Große Halle noch rechtzeitig, um noch etwas vom Abendessen abzubekommen. Aidan, der seine Schultasche - wie die drei - neben seinen Stuhl gestellt hatte, meinte zwischen zwei Bissen Braten: "Die letzten 10 Zentimeter meiner Strafarbeit schreib ich dann eben nachher, wenn Bettruhe ist, in meinem Zimmer zu Ende!" und hielt seinem schwarzen Kater eine Scheibe Braten hin, die der mit einem einzigen Happs verschlang. Das Gebiss des einäugigen Tiers mit dem zerfetzten linken Ohr kam - wie Will überlegte - dem eines Leoparden oder schwarzen Panthers schon recht nahe, und er hoffte inständig, dass sein Mungo "Joker" sich niemals mit "Ozimydias" in eine Rauferei einlassen würde. Timmy und Steve langten ebenfalls herzhaft zu, auch, wenn der Rotschopf sich - eingedenk des Alptraums der letzten Nacht - beim Palatschinken zum Nachtisch deutlich zurückhielt. Für "Joker" hatte jemand tatsächlich ein rohes Ei in einem flachen Schälchen bereitgestellt, das der Mungo voller Vergnügen ausschlürfte. - Prof. Lahb musste der Küche seine Anweisung in diesem Punkt bereits übermittelt, und diese hatte offenbar unverzüglich auf den Wunsch nach einer diesbezüglichen Ergänzung des Speiseplans reagiert.

Ehe sie fertig waren, und aufstanden, um wieder hoch, auf ihre Zimmer zu gehen, kamen noch die Drittklässler Antonio und Alexander zu ihnen an den Tisch: "Ah... doch noch zum Abendessen gekommen?!", wobei Antonio - mit Blick auf den großen, schwarzen Kater ergänzte: "Also, der könnte durchaus einen Schluck der Schrumpflösung vertragen, die wir heute in Zaubertränke zubereitet haben!" Aidans Reaktion, der mit Zornfunkeln in den Augen seinen Zauberstab auf den älteren Schüler richtete, veranlasste diesen, abwiegelnd die Hände zu heben. "Hey - war nur Spaß! - Ich vergreif mich nicht an Haustieren anderer Leute! - Ich heiß ja nicht Bill Muntz ...oder Vega Rosier!" "Okay... aber dann sag sowas auch nich' im Scherz!" stieß der Farbige durch die Zähne, entspannte sich jedoch, und steckte den Zauberstab wieder weg. "Wahrsagen war nicht so doll!" Alexander Walter zuckte die Schultern. "Ziemlich viel Wischi-Waschi... Hätten wir vielleicht doch lieber 'n anderes Fach gewählt..." "Sagt mal," wollte Timmy von Alexander wissen. "Das eine der beiden dürren, schäbig gekleideten Mädchen aus der Karl-Schattenlicht-Straße ist bei uns in der Klasse. - Meinst Du, die hat die Sabberhexe, mit der sie und das andere Mädchen bei Gringotts war, bloß "Tante" genannt, oder is' das vielleicht wirklich denen ihre Tante?" "Na ja..." meinte Alex - eingedenk dessen, was Prof. Haten am Vorabend in ihrer Rede im Bezug auf Feindseliges Verhalten gegenüber Mitschülern auf Grund deren Herkunft gesagt hatte, mit einem Blick zum Lehrertisch - "ich weiss nicht, ob sie die hier, auf Schloss Bergklamm aufnehmen würden, wenn sie mit 'ner Sabberhexe so eng verwandt wäre, aber bei ihr aufgewachsen sind sie und ihre Schwester garantiert!" Timmy grauste es bei dem Gedanken. Im Vergleich zu der Vorstellung, seine Kindheit bei einer solchen Kreatur verbringen zu müssen, waren die Verhältnisse bei ihm Zuhause reinstes Gold, mit einem im Knast sitzenden großen und einem ins Bett machenden kleinen Halbbruder, und einer Mutter, die in ihrem Verhalten gegenüber dem mittleren Sohn zwischen abweisend und betulich und überängstlich schwankte. Auch Will überlegte, dass er es mit seinem rauhbeinigen, häufig polternden, trinkenden und geldgierigen Schrotthändler-Vater im Vergleich zu einigen Mitschülern hier, auf Schloss Bergklamm doch recht gut getroffen hatte. "Na dann, bis morgen!" verabschiedete sich Aidan als erster, der ja noch die letzten 10 cm der Strafarbeit ins Reine schreiben musste. "Danke für sie Schokofrosch-Bilder" meinte Timmy noch, was den schwarzen Jungen zu einem über die Schulter gerufenen "Nichts zu Danken - war'n ja nicht meine!" veranlasste, ehe er die große Halle durch die Flügeltür verließ. "Schokofrosch-Sammelkarten für Euch entdeckt?" "Ja!" entgegnete Timmy. "Ich hätt' die beim "Wigardium Leviosa"-Üben beinahe achtlos in den Müll befördert, wenn Aidan mich nich' drauf hingewiesen hätte...!" Antonio lachte. "Klar, als Muggelgeborene konntet Ihr die ja noch nicht kennen." Er sah sich die Karten an, die Timmy auf den Tisch gelegt hatte, von dem die leergegessenen Teller und geleerten Gläser bereits wieder verschwunden waren. "Ah - Dumbledore ... ich hab den Eindruck, die Häufigkeit, mit der man den bekommt, steht in direktem Zusammenhang mit seiner Bedeutung und seinem Ruf!" Er zuckte die Schultern. "Und? - Klappt es bei Euch mit Eurem ersten Zauber? - Also dem ersten, den ihr offiziell im Unterricht gelernt habt?" Alexander zwinkerte Steve zu. "Ja." antwortete der. "Wigardium Leviosa können wir jetzt alle drei... Will inzwischen sogar, ohne, dass das, was er schweben lässt, zusätzlich gefriert..." Will schnitt eine Grimasse. "Wer hatte denn die ganze Zeit Angst, dass sein Stab versehntlich doch mehr macht, als 'n Schwebezauber?!" fragte er den weissblonden Freund in leicht patzigem Tonfall. Der zuckte - leicht unangenehm berührt - die Schultern. "Na ja... 'n schneidender Lichtstrahl ist halt auch deutlich übler, als 'n bisschen Rauhreif oder Schnee..." murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen. "...vor allem, wenn er versehentlich jemanden oder etwas trifft, was noch gebraucht wird..." Dem war, wie sowohl Will als auch Timmy fanden, wirklich nichts hinzuzufügen. "Aber mittlerweile kann ich's!" erklärte Steve überzeugt, auch, wenn er insgeheim beschloss, heute abend in seinem Zimmer, wenn er allein und sein Käuzchen "Christl" - hoffentlich - auch ausgeflogen und unterwegs war, noch etwas zu trainieren. Dann würde er auch "Lumos" und den Gegenzauber "Nox" - der bei Prof. Lahb heute, vor der Zaubertrankstunde scheinbar keine besondere Zauberstabbewegung erfordert hatte - üben, ehe er es riskierte, den Licht-mach-Zauber noch mal in Gegenwart anderer anzuwenden. - So erhoben sie sich alle fünf, verließen die Halle, und gingen jeder für sich auf sein Zimmer.

Schulalltag auf Schloss Bergklamm

Die folgenden Schultage verliefen ähnlich. Morgens weckten sie häufig die ausgebüxten, durch den hohlen Berg lärmenden Tiere Prof. Lahbs (und dessen Rufe, wenn er sie wieder einzufangen versuchte). - Dann hieß es, sich fertigmachen, Frühstücken, und zum Unterricht zu gehen. "Joker", der Mungo Wills, verzehrte jeden Morgen voller Genuss sein rohes Ei, um anschließend allein in Wills Zimmer zurückzukehren (oder sich sonstwo im Schloss herum zutreiben). - "Blackbird"s Wortmeldungen sorgten hingegen bei den Zuhörern wahlweise für Lachsalven oder für Augenverdrehen und genervtes Verziehen der Gesichter...

"Geschichte der Zauberei" fanden - wenigstens Timmy und Steve - nicht uninteressant: Sie hätten nie gedacht, dass - ehe das internationale Abkommen zur Geheimhaltung der Magie Ende des 17. Jahrhunderts beschlossen (und letzten endes auch durchgesetzt) wurde, so häufig Zauberer oder Hexen (wie auch verschiedene, nichtmenschliche Zauberwesen) direkt in historische Ereignisse involviert gewesen waren, die aus Muggelgeschichtsbüchern bekannt waren - sich aber aus Sicht der magischen Bevölkerung teilweise ganz anders darstellten. Zwar hatte auch ehe die magische Bevölkerung komplett in den Untergrund gegangen war, nur die wenigsten Zauberer oder Hexen ein gesteigertes Interesse gezeigt, die tyrannische Herrschaft und die Feldzüge von Muggelfürsten, -königen, -kaisern und Heerführern mittels Magie zu unterstützen - die, die es getan hatten, hatten als "magische Berater" aber häufig Zünglein an der Wage gespielt - oder waren sogar als graue Eminenzen zur wahren Macht hinter dem jewiligen Thron aufgestiegen.

"Kräuterkunde" - im Gegensatz zu Geschichte der Zauberei zumindest keine Doppelstunde - lag ihnen weniger. Die magischen Pflanzen, mit denen sie sich unter der Aufsicht der Hexe Professorin Annabelle Longwel zu beschäftigen hatten, hatten mit Kräutern im engeren Sinne entschieden weniger zu tun, und besaßen einige wirklich unangenehme Eigenschaften. Dass sie die Galleonen für die Drachenleder-Handschuhe investiert, und auch keine abgegriffenen, gebrauchten im Second-Hand-Shop gekauft hatten (wie Corazon Loewentha) bewährte sich ganz eindeutig. Der rechte Handschuh des Mädchens, das den Buben aus Gelsenkirchen in dem Fall wirklich leid tat, hatte wohl eine undichte Stelle, und da Corazon verzweifelt bemüht war, keinen Schmerz zu zeigen, als die Flüssigkeit, die die Blätter des Gewächses, mit dem sie sich in der Stunde befassen mussten, hindurch sickerten, und mit ihrer Haut in Berührung kam, bemerkte Prof. Longwel das Malheur zu spät. - In der Folge schwoll ihre rechte Hand - kaum, dass der Handschuh (mit erheblicher Mühe und unter Schmerzen) ausgezogen war, auf das Dreifache der normalen Größe an, so dass sie ihren dünnen Weidenholz-Zauberstab mit Thestral-Schweifhaar-Kern (trotz sofort aufgetragener Abschwell-Salbe) in den folgenden Unterrichtsstunden kaum richtig halten konnte.

Dass alle drei Buben - wie wohl auch der Rest der Klasse 1-A - Kapitel Eins von "Verwandlungen für Anfänger" weisungsgemäß gelesen hatten, war zwar sicherlich kein Fehler, half in der ersten praktischen Unterrichtsstunde in diesem Fach allerdings nicht wirklich viel: Professor Bill Muntz ließ sie - als erste, praktische Übung in seinem Fach - versuchen, ein Streichholz in eine Stecknadel zu verwandeln, was sich als gar nicht so einfach erwies. Zu den - unerfreulichen - Highlights der Stunde gehörte, dass Stevens Streichholz (wie auch das von einem knappen Dutzend weiteren Erstklässlern) sich entzündete statt wie vorgesehen seine Beschaffenheit zu verändern, und vom Verwandlungslehrer mittels des "Aguamenti"-Zaubers gelöscht wurde. Am Ende der Verwandlungsstunde hatten Will und Aidan Ammand als Einzige der Erstklässler und Erstklässlerinnen ihr Streichholz erfolgreich verwandelt, während 12 Pulte frische Brandflecken aufwiesen und die Schuluniformen der Meisten in Folge des wiederholten, großzügigen "Aguamenti"-Einsatzes nass oder mindestens feucht waren. Prof. Muntz erklärte am Ende der Stunde, er habe nur wenige erste Klassen erlebt, in denen sich derart wenig Talent für Verwandlungen zeige. Mangels Vergleichswerten konnte keiner der Freunde sagen, ob dies Gehässigkeit war, oder unter Umständen objektiv zutraf - motivierend war es jedenfalls nicht! Muntz wies die Schülerinnen und Schüler als Hausaufgabe an, das Verwandeln von Streichhölzern in Nadeln weiter zu üben (verbunden mit der Feststellung, dass sie dies am Besten außerhalb des Schlosses, auf dem steinernen Kavernenboden täten, da ihre Lehrer auf Schloss Bergklamm besseres zu tun hätten, als Feuerwehr zu spielen). Außerdem sollten sie das betreffende, erste Kapitel noch einmal lesen, verbunden mit der Ankündigung bzw. Drohung, hierzu würden sie in einer seiner folgenden Stunden einen schriftlichen Test schreiben.

In der nachmittaglichen Stunde Zauberkunst zeigte sich Professorin Rosenberg mit den Erfolgen des Übens des "Wingardium Leviosa" (Steve hatte den Zauber in seinem Zimmer tatsächlich fast bis Mitternacht verbissen trainiert, und auch Will hatte - noch vor der Lektüre des ersten Kapitels des Verwandlungs-Buches - noch ein wenig geübt) ausgesprochen zufrieden. Corazon dagegen bekam mit ihrer geschwollenen Hand keine koordinierten Zauberstabbewegungen hin, und ihr Pappkärtchen mit dem Abbild Kaiserin Maria Theresias glitt - statt in die Höhe zu steigen - entweder in einem wahren Affenzahn wagerecht über den Tisch, oder schoss so rasch in die Höhe, dass es gegen die Decke des Klassenraumes klatschte, und anschließend nicht von der Schülerin sondern nur von Prof. Rosenberg wieder heruntergeholt werden konnte. Schließlich reichte es der Professorin, und sie schickte das magere Mädchen vorzeitig aus dem Unterricht, mit der Anweisung, sich unverzüglich zur Schulkrankenschwester zu begeben. Als Hausaufgabe bekam die Klasse auf, das nächste Kapitel im "Lehrbuch der Zaubersprüche" zu lesen, das sich mit "Lumos" und dem zugehörigen Gegenzauber "Nox" befasste, so dass Steve der Nächsten Stunde Zauberkunst absolut beruhigt entgegen sah.

Die Arithmantik-Hausaufgabe, die alle gemacht hatten, fand die Zustimmung Prof. Richters, die ihnen - zur allgemeinen Erleichterung - in der letzten Stunde am Nachmittag wenigstens keine neuen Aufgaben aufgab, auch, wenn mehr als einem der Erstklässler am Ende des Arithmantik-Unterrichts schier der Kopf rauchte (wenn auch - zum Glück - nicht wortwörtlich).

Prof. Maria Theresia Hatens erste Stunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste am Mittwoch war von den Erstklässlerinnen und Erstklässlern (oder doch der Mehrzahl) mit Spannung erwartet worden. Wenig überraschend begann die Direktorin mit einem kurzen Vortrag darüber, dass die Dunklen Künste auf Schloss Bergklamm (anders als am Durmstrang-Institut und einzelnen anderen europäischen Zaubererschulen) den Schülerinnen und Schülern nicht gelehrt wurden, und ihre praktische Anwendung hier streng verboten war. - Vielmehr würde man junge Hexen und Zauberer hier nur und ausschließlich lehren, sich gegen magische Angriffe und schwarze Kreaturen zu verteidigen, da dies in den - wie sie sagte - kommenden, dunklen Zeiten eine leider überlebensnotwendige Fertigkeit sei. - Die beste Verteidigung gegen Flüche, so erklärte sie, sei (noch vor Schild- und Entwaffnungszaubern) häufig körperliche Fitness, da man Flüchen oftmals durch aus dem Weg springen, sich zur Seite werfen oder ducken ausweichen könnte. Wills spöttische Bemerkung "Duck and Cover!" - was US-Behörden in den 1950ern ihrer Bevölkerung als - komplett untaugliche - Überlebensstrategie für den Fall eines feindlichen, atomaren Angriffs empfohlen hatten, brachte dem stämmigen Buben eine Stunde ein, in der er als Demonstrationsobjekt für Wabbelbein- und Kitzelflüche (und noch einige weitere, zwar durchwegs harmlose, für den Empfänger aber dennoch noch unangenehme Flüche) herhalten musste. Am Ende des Unterrichts war Will, der kaum einem Fluch erfolgreich ausgewichen war, knallrot im Gesicht, torkelte, als hätte er mehr als ein Glas des väterlichen Cognacs intus, und schwankte zwischen Scham und blankem Hass auf die Professorin. - Bis zur nächsten Stunde Verteidigung wurde ihnen aufgetragen, das Kapitel im Lehrbuch über Entwaffnungszauber zu lesen.

Dieser gelang sowohl Steve als auch Will am Donnerstag, in der nachmittäglichen Doppelstunde Prof. Hatens, wo sie ihn als ersten Zauber in diesem Fach einüben konnten, dann auch tatsächlich beinahe auf Anhieb, während Timmy mit dem Stab Cornelius Fudges hier - anders, als in Zauberkunst - deutlich größere Probleme hatte. - Dafür war er - trotz des instiktiven Horrors, den er vor in seine Richtung fliegenden Bällen empfand, denen er an der Gelsenkirchener Schule immer so schlecht hatte ausweichen können - weit geschickter darin, sich unter Flüchen wegzuducken, als der stämmige Will. - Sowohl Steves als auch Aidans und Corazons Stab entlockten Prof. Haten allerdings missbilligende Blicke, wobei Steve auch diesmal (zu seiner Erleichterung) erspart blieb, dass die Lehrerin vor der versammelten Klasse etwas zum Hintergrund seines Stabes sagte. Als sie - nach Unterrichtsende - in einem dafür zur Verfügung stehenden Raum, der bis auf Matratzen auf dem Boden und etliche Kissen komplett leer geräumt worden war, weiter den Entwaffnungszauber übten, tauchte Aidan auf. Dieser berichtete ihnen, dass der längst im Ruhestand befindliche und die letzten Monate offenbar effektiv untergetauchte Zauberstabmacher Gregorowitsch, von dem sein Zedernholzstab (wie auch der dünne Stab aus Weidenholz, den Corazon Loewentha benutzte, und noch mehrere Stäbe von Mitschülern stammten) offenbar von einem Feind aufgespürt, gefoltert und anschließend ermordet worden war. - Die drei, die sich erinnerten, dass Cornelius Fudge - laut den Notizen auf der Rückseite der Rechnung für das Frühstück im «Lachenden Henker» - diesen Gregorowitsch gesucht hatte, fanden das extrem beunruhigend... (Dass der übergroße, kampfgezeichnete Kater "Ozimydias" eine ausgewachsene Ente erlegt hatte, die er seinem Herrchen stolz zu Füßen legte, trug auch nicht unbedingt zu ihrer Beruhigung bei).

Ungeachtet dessen - und obwohl mehr als ein Schüler wegen der vielen Hausaufgaben (namentlich der geforderten Abschrift des Rezepts auf Seite 7 in "Zaubertränke und Zauberbräue") mit den Zähnen knirschte - freuten sich praktisch alle auf die Besenflugstunden am Freitag.

Freitag - Flugtag

Die ersten Stunden

Prof. Muntz - bei der Mehrzahl der Schüler schon jetzt, am Ende der ersten Schulwoche einer der unbeliebtesten Lehrer - ließ sie am Freitag tatsächlich einen schriftlichen Test über das Kapitel ihres Lehrbuches zum Thema der Verwandlung von Streichhölzern in Stecknadeln schreiben. Ansonsten schafften es - nach einer Menge zusätzlichen Übens in der Kaverne außerhalb der Schlossmauern - sowohl Steve als auch Timmy, ihre Streichhölzer bei sechs von sechs Versuchen in eine Nadel zu verwandeln, auch, wenn Timmys Exemplar zwar eindeutig - wie gefordert - aus Stahl bestand, und so dünn und spitz war, wie es sein sollte, aber immer noch die Farbe hellen Holzes mit einer roten, ins Pinke spielenden Spitze aufwies... Der süffisante Hinweis des Professors, dass dieser Makel in einer benoteten, praktischen Prüfung Punktabzug bedeutet hätte, war ebenso vorhersehbar, wie unwillkommen.

In der Doppelstunde Zaubertränke zeigte sich dann, dass jene Schüler, die aus reinen Muggelfamilien stammten, die Aufgabe, sich zu überlegen, wie sie die Vorbereitung der Zaubertrankzutaten am effektivsten ohne Zaubersprucheinsatz (und ohne Hilfsdienste von Hauselfen, Heinzelmännchen oder was es sonst an magischen Helferlein geben mochte) bewerkstelligen konnten, am besten gelöst hatten. - Speziell für Timmy bewährte sich da die Erfahrung aus dem Hauswirtschaftsunterricht an der Gelsenkirchener Muggel-Schule, wo vorbereitende Arbeiten, die fällig waren, ehe man mit dem Kochen selbst beginnen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hatten... Timmys Handschrift, mit den übergroßen, spinnenartigen Buchstaben, die je nach Wort nach links oder rechts kippten, entlockte Dorcas Ferro ein Kopfschütteln, da der rothaarige Schüler für ein Rezept, das im Buch keine komplette Seite einnahm, bei seiner Abschrift beinahe einen Meter Pergament gebraucht hatte. Der Hinweis, dass einzelne Lehrerkollege im Fall einer Haus- oder Strafarbeit da durchaus Vorsatz unterstellen, und entsprechend reagieren könnten, war dabei jedoch nicht bösartig gemeint, sondern enthielt - wie Timmy durchaus anerkannte - eine valide Warnung. Anschließend mussten sie den Trank von Seite 7 praktisch zubereiten. Obwohl Timmy dabei erneut feststellte, das einige Zaubertrankzutaten - wie getrocknete Kakalaken, die in einem Mörser pulvrisiert werden mussten - ziemlich eklig waren, schafften es diesmal nicht nur er, sondern auch die blonde Kölner Hexe (die ihren Hut in der gesamten Doppelstunde keine Sekunde abnahm) und der Mitschüler, der in der ersten Doppelstunde in diesem Fach seinen Zaubertrankkessel mit der schwarzen, teerigen Substanz dauerhaft unbrauchbar gemacht hatte. Will vertat sich diesmal hingegen beim Abwiegen der Kakalaken, und hatte am Ende statt eines sämigen, blass violetten Tranks eine dünne, durchsichige Flüssigkeit mit rosa Schlieren. - Zum Glück ließ Ferro keinen der Schüler den Trank, der - den Worten des Lehrers zu Folge - den Trinkenden in ein Hausschwein verwandelt hätte, an sich selbst ausprobieren. Seinen Worten zu Folge wollte er nicht riskieren, dass ihre erste Besenflugstunde für die Erstklässler im Desaster endete. - Timmy hatte zwar bemerkt, dass Corazon Loewentha sich - ehe der Professor die Ergebnisse der praktischen Übung begutachtete - diesmal heimlich ein Fläschchen von ihrem Trank abgefüllt hatte, und dieses - sorgsam verkorkt - im Ärmel ihrer schäbigen und zu weiten Schuluniform verschwinden ließ, verzichtete jedoch darauf, sie Mitschülerin zu verpetzen. - Er nahm sich allerdings fest vor, ein Auge darauf zu haben, dass sie die Mixtur beim Essen nicht etwa ihm, Steve, Will oder dessen Mungo "Joker" heimlich unterjubelte respektive über einen Teller oder in ein Getränk kippte...

Mittagsimbiss ...oder lieber doch nicht?

Unter den Erstklässlern waren nicht wenige, die an diesem Freitag recht wenig Neigung zeigten, sich den Bauch vollzuschlagen. - Die Vorstellung eines vollen Magens, wenn sie zum ersten mal in ihrem Leben einen Besenstil besteigen, und auf diesem fliegen sollten, erschien nicht nur den muggelgeborenen unter den Schülern im - Besten Fall - suboptimal, wenn nicht gar ganz entschieden ungünstig. - Wer auch immer für die Küche auf Schloss Bergklamm verantwortlich zeichnete, würde möglicher Weise weinen, wenn er sah, wieviel von den vier oder gar fünf verschiedenen Fisch- und Meeresfrüchtesalaten, krossen, goldbraunen Fischstäbchen, Heringstopf mit Pellkartoffeln, Remoulade und goldgelber Butter und selbst Sushi unangetastet zurückgehen würde. - Immerhin Wills Mungo "Joker" fand am Sushi Gefallen, und ließ sich von deinem Herrchen mit Begeisterung damit füttern... - Timmys Rabe "Blackbird" dagegen nervte alle, in dem über dem Tisch seine Kreise zog, und dabei einen berüchtigten Schlachtruf der Anhänger des ostdeutschen Fußballclubs "FC Hansa Rostock" nachahmte: "Wir haben Euch was mitgebracht: Fisch! Fisch! Fisch!" [A 15] - Corazon Lowentha - die neben Aidan Amman zu den wenigen Schülern ihres Jahrgangs gehörte, die ungeachtet des anstehenden Flugunterrichts hemmungslos zulangten, hatte daraufhin plötzlich ihren langen, dünnen Zauberstab in der Hand, wies auf einen dicken Rollmops auf ihrem Teller, und zischte: "Wingardium Leviosa!" Der Fisch erhob sich in die Luft, und sauste - von einer glatten, zielsicheren Zauberstabbewegung dirigiert - genau in den geöffneten Schnabel des Raben, der an dem für ihn deutlich zu großen Brocken prompt heftig würgen und spucken musste. Der folgende, allgemeine Heiterkeitsausbruch am Tisch - bei dem sowohl Steve als auch Will zu denen gehörten, die mit am lautesten lachten - war gegenüber Timmy und seinem Raben vielleicht nicht besonders nett, kam aber auch keineswegs unerwartet. - Dann war es auch schon an der Zeit, sich vor dem Schlossportal zu versammeln, von wo aus es gemeinsam zum Besenflugunterricht gehen sollte.

Geführt von Prof. Lahb marschierten in der Folge 52 Schülerinnen und Schüler, Erstklässler, junge Hexen und Zauberer bis zu jenem Portal, durch welches am vergangenen Sonntag Abend in dem blauen, vierstöckigen Bus in den Berg hineingefahren waren. - Nun passierten sie es zu Fuß in entgegengesetzter Richtung, und wurden von einem Professor in Empfang genommen, der sie ein Stück seitlich, an der Felswand entlang und auf eine Wiese führte. - Hier sollte nun der Flugunterricht stattfinden.

Flugstunde

Der Professor, der den Erstklässlerinnen und Erstklässlern auf Schloss Bergklamm das Fliegen auf dem Besen beibringen sollte, war ein ehemaliger Quidditch-Profi aus den Schwarzwald. Er machte keinen Hehl daraus, dass er nach einer Saison mit hartnäckigem Verletzungspech in den Fluglehrer-Beruf gewechselt war, da er auf seine alten Tage diese weniger fordernde, schlechter bezahlte und entschieden langweiligere Tätigkeit den waghalsigen Flugmanövern des professionellen Besensports vorzog. Mit dem "Eidgenössischen Ausbildungszentrum" des "Gehsche Gottfried & E.F.Keller-Institut"s hatte er eine unbewältigte Vergangenheit, da dies ihn - als er nach seinem Karriereende als professioneller Quidditch-Spieler dort als Fluglehrer angeheuert hatte - zwar für drei Monate beschäftigt, aber nicht bezahlt hatte... Wie Prof. Horst Feistel - dem man mit seiner mehrfach von Klatschern gebrochenen Nase den Ex-Profi-Sportler durchaus abnahm - erklärte, hatten die sich Schweizer damals wohl in einer wirtschaftlich schwierigen Lage befunden, weil sie die Anerkennung als europäische Zaubererschule vorübergehend eingebüßt hatten. - Dass sie diese inzwischen zurückerhalten hatten, hielt er für ungerechtfertigt.

Da den Schülerinnen und Schülern auf Schloss Bergklamm, an der anerkannten und höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen das Mitbringen eines eigenen Besens (anders, als im britischen Hogwarts) schon von Beginn an gestattet war, hatten tatsächlich mehrere ihrer Mitschüler einen eigenen Besen dabei. Für alle anderen - zu denen die drei Freunde aus Gelsenkirchen ebenso zählten, wie die blonde Kölner Junghexe - gab es Schulbesen. Die waren allerdings deutlich veraltet und hatten - nach Jahren des Gebrauchs durch etliche Schülergenerationen und eine teilweise wenig pflegliche Behandlung - auch etliche Qualitätsmängel. Selbst unerfahrene Besenflieger konnten auf den ersten Blick erkennen, dass diese Besen ziemlich mitgenommen und abgenutzt aussahen.

Vor allem für diejenigen, die in Muggelfamilien aufgewachsen sind, wie die drei Freunde, war die Besenfliegerei ganz neu und sie hatten noch nie auf einem Besen gesessen (und ein entsprechend flaues Gefühl in der Magengegend). Andere Erstklässler, die aus Zaubererfamilien stammten, konnen dagegen eigentlich schon längst auf Besen fliegen (und hatten - wie Aidan Ammand, Martina Alpermann, der dickliche, junge Zauberer namens Kevin oder auch Corazon Loewentha - eigene Besen dabei). Natürlich überprüfte Prof. Feistel die mitgebrachten Schülerbesen, ehe jemand auf einen solchen steigen durfte, und hatte hier auch Kritik anzubringen. Dass Kevin einen "Bullen" (auch als "Schmeißfliege" bekannt) mitgebracht hatte, der keineswegs ein Rennbesen war, sondern vielmehr ein Lastbesen, der auf Flugstabilität und Tragkraft ausgelegt an sich dazu gedacht war, mehrere Familienmitglieder auf einmal zu befördern, war irgendwie nicht wirklich überraschend. - Dass Corazon Lowentha hingegen einen waschechten - wenn auch ramponierten - Feuerblitz ihr eigen nannte, der sie fast um eine komplette Körperlänge überragte, schon eher... Auch, wenn Horst Feistel der Meinung war, dass ein derartiger Besen für Profis in den Händen der mageren, auch nach einer knappen Woche mehr als reichlicher Verpflegung auf Schloss Bergklamm ausgemergelt und halb verhungert wirkenden Junghexe eigentlich nichts verloren hatte, konnte er nicht leugnen, dass er zum Fliegen zweifelsohne taugen würde...

Zunächst mussten alle lernen, ihre Besen zu kommandieren. Beim Befehl "hoch", sollte der auf dem Boden liegende Besen in ihre Hand kommen. Schon dies klappte nur bei manchen auf Anhieb (Timmy und Steve schafften es sofort, Will brauchte hingegen vier - in zunehmend ärgerlichem Tonfall geknurrte - "Hoch"s, ehe sein Schulbesen, ein ungepflegt wirkender Swiftstick, sich aus dem Gras in seine Hand bequemte). Anschließend übten die Schülerinnen und Schüler ihre Besen zu besteigen und sich richtig am Stiel fest zu halten, um nicht abzurutschen. - Aidan machte hieraus eine echte Schau, in dem er die eigenwillige Aufsitz-Technik eines Terrence Hill aus dessen Westernkomödien mit Bud Spencer an seinem Besen vorführte, mit der Hill in seiner Rolle als "Müder Joe" im Film bevorzugt sein Pferd bestieg. Von den Mitschülern erntete er dafür einige Lacher, und vom Fluglehrer geknurrte Kritik (auch, wenn es dem Professor schwer fiel, bei Aidans Herumgekasper nicht ebenfalls zu grinsen). Allerdings erwies es sich, dass es auch unter den anderen Junghexen und -zauberern mit Besenflugerfahrung welche gab, die sich Fehlhaltungen oder -griffe angewöhnt hatten, die Horst Feistel korrigieren musste. - Erst als wirklich jeder Erstklässler und jede Erstklässlerin sicher auf ihrem Besen saß, durften sie vom Boden abheben. Dazu mussten sie sich kräftig mit den Füßen von der Bergwiese abstoßen, wozu sich das Schuhwerk so mancher junger Hexe als eher suboptimal erwies. Wer einmal in der Luft flog, musste als nächstes üben, seinen Besen zum Landen zu bringen, indem er sich leicht nach vorn lehnte. - Zu ihrer eigenen, nicht geringen Überraschung gelang es den drei Buben aus Gelsenkirchen tatsächlich auf Anhieb, ihre Besen zu beherrschen. Auch die Richtungsänderungen des Besens, die sie dadurch erreichten, dass sie ihren Besen in die gewünschte Richtung drehten, gelangen ihnen praktisch sofort. Während mehrere Mitschüler und Mitschülerinnen für all die beim Besenfliegen erforderlichen Bewegungen erst noch ein Gefühl für ihr Fluggerät bekommen mussten, um letztendlich durch ihr eigenes Körpergefühl ihren Besen zu steuern, bestand das Trio aus Gelsenkirchen offensichtlich aus geborenen Fliegern. Aidan, Elizza - und Corazon - musste man dies allerdings - fairer Weise - auch zubilligen. - Und dass Timmys Rabe "Blackbird", der im späteren Verlauf der Flugstunden spontan und überraschend auftauchte, zwischen den Besenfliegern herumflog, und laut krächzend (und reichlich schräg) ein "Komm, und sei mein Passagier, lieber Flieger flieg mit mir..." anstimmte, war ihnen in diesem Fall durchaus willkommen. - Ihr übergewichtiger Mitschüler Kevin musste sich hingegen - trotz von zu Hause wohl definitiv vorhandener Flugerfahrung - auch am Ende des Unterrichts, als die Gipfel der umliegenden Alpenriesen im Abendrot glühten, noch von ihrem Fluglehrer sagen lassen, dass er "wie ein nasser Sack" auf seinem Besen "hänge". [A 16] - Nachdem auch der letzte Schüler und die letzte Schülerin wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten, ging es zurück in den Berg, wo im Schloss in der großen Halle bereits das Abendessen auf sie wartete.

Wochende - endlich!

Samstagmorgen

Samstag war schulfrei. - Der Krach, den Prof. Lahbs magische Tiere in aller Frühe veranstalteten, hinderte die Jungen daran bis in die Puppen zu schlafen. - Andererseits hatten sie ohnehin keine große Lust, das Frühstück zu versäumen. Timmy genoss seine Haferflocken mit süßer Sahne und mit einem Schuss besten Schwarzwälder Himbeergeists veredelter Himbeerkonfitüre, die ihn an sein gewohntes Frühstück zu Hause bei seiner Mutter im Reihenhaus in Gelsenkirchen erinnerten - nur in einer deutlich luxuriöseren Ausführung. Will hatte seinen Toast äußerst dick mit der Konfitüre bestrichen. "Lecker!" stellte er fest. "Fast so gut, wie Papps Edel-Cognac...!" er verdrehte genießerisch die Augen. "Dann solltest Du vielleicht geringfügig sparsamer damit sein, Will!" meinte Steve. "Du musst ja heute noch den Strafaufsatz schreiben... oder willst Du Dir damit den Sonntag versauen?!" "Nee..." bestätigte Will. "Na ja, ganz so stark wie Cognac ist sie ja nun wirklich nicht. - Sonst würden sie sie uns ja nicht zum Frühstück geben..." Timmy dachte, dass das wohl stimmen musste, er fühlte sich nämlich in keinster Weise beschwipst.

Tatsächlich hatte Will das unselige Essay zum Thema "Warum korrekt ausgeführte Verwandlungen lebender Tiere keinem Tier ein Leid zufügen" bereits am vergangenen Abend, nach dem Flugunterricht intensiv zweimal durchgelesen, so dass es ihm nicht übermäßig schwer fiel, den verhassten Strafaufsatz von 75 cm zu schreiben. Gerne tat er es jedoch mit Sicherheit nicht: Es ärgerte ihn nämlich, Prof. Bill Muntz am folgenden Montag schriftlich geben zu müssen, dass dieser seinem Mungo "Joker" mit der Verwandlung in eine Ente wohl wirklich nichts Schlimmes angetan hatte.

Es war ein für diesen katastrophalen Nebelsommer ausgesprochen schöner Tag, wie anhand des Lichts, dass durch die Fenster Schloss Bergklamms zu sehen war, erkannten. Sie fragten daher Prof. Lahb, ob es ihnen gestattet sei, den Berg zu verlassen, und hinaus ins Tal und auf die Wiese vor den Berg zu gehen, wo sie ihre Besenflugstunde absolviert hatten. - "Selbstverständlich!" entgegnete der Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe, "Natürlich ist es gestattet! - Schloss Bergklamm ist schließlich kein Gefängnis, und es ist Euer gutes Recht, Euch an Eurem freien Wochenende im Tal von Schloss Bergklamm unter freiem Himmel aufzuhalten. - Ich würde Euch jedoch dringend empfehlen, wenn plötzlich spontaner Nebel aufkommt, begleitet von unnatürlicher Kälte, dann solltet Ihr wirklich rasch und unverzüglich in die Sicherheit Schloss Bergklamms zurückkehren. - Ich glaube nämlich, kein Erstklässler kann oder sollte es mit Dementoren aufnehmen!" "Ähmmm... was... was sind Dementoren?" wollte Will von dem Professor wissen. "Der Schaffner im Schulbus hat diesen Ausdruck auch gebraucht...!" "Bösartige augenlose Wesen mit grausamen Schlundlippen, welche um sich herum Nebel, eisige Kälte, Freudlosigkeit und Verzweiflung verbreiten, da sie den Menschen in ihrer Umgebung jeden glücklichen Gedanken und jedes positive Gefühl stehlen!" erklärte Lahb, dem anzumerken war, dass ihm dieser Gegenstand selbst unangenehm war. "Sie bewachten früher das berüchtigte britische Zauberergefängnis Askaban, liefen jedoch zu jenem schwarzen Magier über, dessen Namen kein Zauberer bei klarem Verstand aus freien Stücken aussprechen würde, und verbreiten nun gemeinsam mit dessen Todessern Angst und Schrecken! - Und das sowohl in Großbritannien, als auch auf dem Kontinent. - Also: Versprecht mir, wenn ihr urplötzlich Nebel aufkommen seht, und eine grundlose Verzweiflung verspürt, kommt umgehend zurück ins Schloss!" Diese Worte ließen Will, Steve und Timmy ein wenig ratlos und beunruhigt zurück.

Samstag Nachmittag im Grünen

Dennoch zogen sie es vor, sich - statt in der großen Halle zu Mittag zu essen - ein paar Sandwiches zu machen und sich einen Krug mit der hausgemachten Limonade zu schnappen, und die Sonnenstunden am Samstag für ein Picknick zu nutzen. Timmy besaß inzwischen genug Routine mit "Wingardium Leviosa" um den vollen Krug sicher, und ohne etwas vom Inhalt zu verschütten, vor sich her aus der Halle hinaus, die Freitreppe hinab und zum Ausgang des Berges schweben zu lassen. Sie hatten zwei der Badelaken mitgenommen (+ Steves altes Strandlaken mit dem Batman-und-Joker-Motiv, mit dem er den Transportkorb seines Mungos für die Reise gepolstert hatte), die sie im Gras ausbreiteten, ehe sie es sich bequem machten. Wills Mungo "Joker" genoss die Septembersonne ebenso, wie sein Herrchen, und auch Timmys Rabe war mit ins Freie gekommen, wo er herumfliegen und dummes Zeug krächzen konnte, soviel er wollte. - "Hätten wir uns Schulbesen leihen können?" überlegte Timmy. Das Besenfliegen am Freitag hatte ihm nämlich enormen Spaß gemacht, und er brannte im Prinzip darauf, ein weiteres Mal auf dem Besen zu sitzen. Seinen Freunden erging es da nicht viel anders, auch, wenn Steve äußerte, sie hätten so viel für ihre verschiedenen Schulfächer zu lesen, und sollten doch froh sein, das hier draußen, in der Sonne tun zu können, und nicht im Inneren des hohlen Berges. - Sie waren allerdings nicht die einzigen, die einen der knapp bemessenen, schönen Tage dieses Spätsommers im Freien verbringen wollten. Sowohl Aidan in Begleitung seines unvermeidlichen Katers als auch Alexander und Antonio tauchten im Laufe des Nachmittags auf. "Gute Idee, sich 'n Krug Limo mit rauszunehmen!" merkte letzterer an. "Gibste mir den mal rüber, Will?" Der zückte seinen Pappelholz-Stab, und ließ den Krug mit einem "Wingardium Leviosa" zu Alex' Freund hinüber schweben. "Uhh... gut gekühlt!" stellte der fest, als er in sich aus der Luft schnappte. "Oh!" Will hatte es versäumt, sich darauf zu konzentrieren, dass er ja kein Eis erzeugen wollte, und prompt hatte sich auf dem Glas des Limonadenkrugs ein Hauch von Rauhreif gebildet. "Mist!" entfuhr es ihm. "Wenn ich nicht extra daran denke, dass ich's nicht will, bekomm ich wieder diesen Sch...-Kälteeffekt...!" stellte er fest. Immerhin war weder der Inhalt des Kruges gefrohren, noch hatte sich eine dicke Eisschicht am Glas gebildet. "Mach Dir nix draus!" meinte Antonio. "Zumindest hast Du, wenn Du im Sommer Eiscreme kaufst, nie das Problem, dass sie zur Hälte geschmolzen ist, ehe Du sie nach Hause gebracht hast...!" "...und du musst Dir Deine Getränke auch nicht mit Eiswürfeln verwässern!" ergänzte Aidan, dessen schwarzer Kater sich einen Sitz auf einem Felsbrocken mitten in dem kristallklaren Gebirgsbach respektive Fluss gesucht hatte, der sich durch das Tal wand, und dort scheinbar nach Lachsen angelte. "Mmmh..." Will wirkte weniger glücklich. "Ich wüsst' nur gerne, warum mein Stab das macht, wenn ich vergesse, gezielt dran zu denken, dass ich das nicht will...!" brummte er, und beäugte den Stab misstrauisch. "Verständlich." Alexander nickte. Im Zauberstabladen in der Bonner Karl-Schattenlicht-Straße hatte er noch gedacht, der Stab aus Pappelholz mit einem Kern aus Veelahaar würde gut mit dem kräftig gebauten, braunhaarigen Erstklässler harmonieren, und die Schneeflocken anstelle von gewöhnlichen Funken für einen netten Effekt gehalten. Wenn dieser die beim Zaubern spontan auftretenden Kälteeffekte jedoch auch auf Dauer nicht völlig in den Griff bekam, sah das schon anders aus... - Steves Stab hatte im Zauberstabladen zwar einen wesentlich gefährlicheren, Spontan-Effekt erzeugt, aber der weissblonde Bub, den Antonio im Bus - fälschlicher Weise - für einen Malfoy gehalten hatte, hatte seinen Stab am Ende seiner ersten Woche auf Schloss Bergklamm wesentlich besser im Griff, als sein Kumpel Will den seinen. Timmy wiederum zauberte mit dem Zauberstab, den er Cornelius Fudge entwendet hatte, wie sowohl Will als auch Steve nicht ganz ohne Neid registrierten, ohnehin bereits jetzt, als ob der betreffende Stab nie einem anderen Herrn gedient hätte.

Irgendwann schlug Antonio, ob sie nicht ein wenig Quidditch üben wollten. "Ohne Klatscher, natürlich, und auch ohne Schnatz... nur mit dem Quaffel!" Alexander und Aidan waren sofort von der Idee begeistert - Timmy hatte dagegen überhaupt keine Lust. - Das, was er im Lauf der Woche aus Gesprächen von Mitschülern darüber gehört hatte, hatte ihn nur darin bestärkt, das das definitiv nicht SEIN Sport war. Will und Steve dagegen waren nur zu gerne bereit, dieses "Quidditch" mal auszuprobieren. "Wenn' s keinen stört, wenn wir uns zwei von den Schulbesen nehmen?" "Das ist okay. - Da sagt keiner was gegen ... wir dürfen nur nicht weiter weg fliegen!" erklärte Alexander. "Aber hier fliegen, und zum Spaß 'n paar Tore werfen geht immer...!" So kam es, dass Timmy den mittlerweile geleerten Limonadenkrug in die große Halle zurückschweben ließ, wo er ihn sanft auf einem der langen Tische absetzte, während Antonio einen Quaffel und seinen Besen holte, und Alexander Schulbesen für Steve und Will (und - obwohl der ja nicht mitspielen wollte - auch für Timmy) borgte. Von Prof. Feistel gab es die Besen mit der Ermahnung "Aber nur ohne Klatscher!", was Alex lachend bestätigte. "Ist ja kein offizielles Training einer der Schülermannschaften... - Wir woll'n uns nur zum Spaß 'n Bisschen den Ball zuspielen, und vielleicht 'n paar Tore werfen!" Tatsächlich erhoben sich rechts und links am Rand der Wiese, wo Freitag der Flugunterricht stattgefunden hatte, je drei Stangen mit Torringen, da - ganz offenkundig - hier des öfteren Quidditch trainiert wurde. Als Zuschauer war Timmy im Übrigen dann doch auf dem geborgten Besen dabei: Wärend er Bälle auf dem Sportplatz, oder in der Turnhalle wegen ihrer Neigung, ihn mehr oder minder schmerzhaft zu treffen, ja eigentlich so gar nicht mochte, hatte er die Spiele des FC Schalke in Liga und DFB-Pokal daheim, in Gelsenkirchen schließlich nur zu gerne verfolgt, vor dem Fernseher, im Radio - und immerhin zwei Mal sogar Live, im Stadion der Knappen! - Und er musste ehrlich zugeben, dass ein Ballspiel auf Fliegenden Besen in 10 Meter Höhe für ihn als Zuschauer durchaus reizvoll war... und auch wesentlich dynamischer, als so manches Fußballspiel in der Bundesliga! - Nach zwei Stunden, als Aidan, Will, Steve und die beiden Drittklässler sichtlich erschöpft wieder landeten (und auch er wieder auf den Boden zurückgekehrt war), meinten Alexander und Antonio, die drei Jung-Zauberer sollten unbedingt zu den Probetrainings kommen. Mehrere Schülerteams könnten für die beginnende, schulinterne Quidditch-Saison noch potentielle, neue Spieler gebrauchen, und alle drei wären - wie die Drittklässler es ausdrückten - aus dem "richtigen Material" für angehende Quidditch-Spieler gemacht. - Will, wie auch Steve und Aidan ging das natürlich runter wie Öl!

"Sagt mal", erkundigte Timmy sich bei den beiden älteren Freunden. "Ist es eigentlich erlaubt, jemand, der kein Zauberer und keine Hexe is' n' Brief per Eulenpost zu schicken? - Oder tät ich damit gegen das Geheimhaltungsabkommen verstoßen...?" Er dachte nämlich daran, dass er sämtliche, verbleibenden Besuchstermine für das Jahr bei seinem Halbbruder Dirk Jugendknast versäumen würde, wenn er bis Weihnachten nicht wieder heim, nach Gelsenkirchen kam. Irgendwie tat der ihm da schon ein bisschen leid, egal, wie blöd die Geschichte mit dem Überfall, damals vor zwei Jahren gewesen war, für den er jetzt saß (und unabhängig davon, wie sehr er seinen Familiennamen "Andergaster", mit dem ihre und Davids gemeinsame Mutter ihn gestraft hatte, verabscheute). - Auf der anderen Seite wollte er natürlich auch nicht riskieren, sich eines Verstoßes gegen das Zaubereigesetz schuldig zu machen, und in der Folge womöglich einen bitterbösen Brief von Edmund F. Drekker vom Bundesamt zu bekommen (oder schlimmer: hier, auf Schloss Bergklamm rauszufliegen). "Du meinst 'nem Muggel?" Antonio zuckte die Schultern. "Strapaziert die Geheimhaltung der Magie zwar schon ein Bisschen - aber so lange Du ihm nichts von Quidditch schreibst, oder von Fliegenden Besen, magischen Tierwesen, und was wir hier auf Schloss Bergklamm genau lernen, und nicht verrätst, das es Hexen und Zauberer wirklich gibt, reisst Dir weder Drekker noch sonst wer deswegen den Kopf ab!" "Und für Eure Eltern gilt das ohnehin nicht - die sind ja dadurch, dass sie vom Bundesamt ausdrücklich in Kenntnis gesetzt wurden, ohnehin bereits darüber informiert, dass Ihr drei Zauberer seid, im schönen Österreich eine Zaubererschule besucht, und hier - hoffentlich - in den nächsten Jahren alles lernt, was man wissen und können sollte, um 'n Zauberer zu sein!" ergänzte Alexander Walter lachend. Timmy überlegte, ob er dem Drittklässler verraten sollte, dass er seinem älteren Halbbruder in den Jugendknast schreiben wollte, ließ es dann aber doch lieber, weil er nicht wusste, wie der reagiert hätte... "Falls Du nicht die Eule von Deinem Kumpel Steve nehmen willst, bzw. er sie Dir nicht leihen mag, haben wir übrigens auch Schuleulen auf Schloss Bergklamm!" verriet ihm Antonio noch.

Aidans Kater hatte sie im übrigen nicht zum Abendessen in die Halle begleitet: Da er einen ziemlich großen Fisch erwischt hatte, mit dem er noch längst nicht fertig war, hatte er sich unwillig gezeigt, seinen felsigen Sitz in der Mitte des rasch fließenden, kristallklaren Flusses zu verlassen. Aidan andererseits wollte auch nicht auf einen Schwebezauber zurückgreifen, um ihn gegen seinen Willen von dort zu entfernen. - Dank Permit war dies jedoch letztlich kein Problem: "Ozimydias" würde ja jederzeit in den Berg, ins Schloss und in Aidans Zimmer zurückkehren können - und wilde Tiere, die dem Kater ernsthaft gefährlich werden konnten, gab es hier, direkt voe dem Berg wohl auch nicht. - Zumindest hoffte Aidan das...


Auswahl-Training

Tatsächlich gab es in der Eingangshalle von Schloss Bergklamm ein Schwarzes Brett - wie Steve, Will und Timmy es von ihrer Muggel-Schule in Gelsenkirchen gewohnt waren, auch, wenn sich die Aushänge drastisch unterschieden: So bewegten sich etwa die abgebildeten Personen auf Fotos in angepinnten Zeitungsausschnitten, da diese aus Zaubererzeitungen stammten. Ein Merkblatt des österreichischen Zaubereiministeriums wies darauf hin, wie man sich bei einer Begegnung mit einem Dementor zu verhalten habe (im wesentlichen um jeden Preis vermeiden, von diesem geküsst zu werden, sofern man hierzu in der Lage sei, den Patronus-Zauber zu erlernen und anzuwenden, und nach einer Begegnung mit einem Dementor unbedingt möglichst rasch möglichst viel Schokolade verzehren). Mehrere Schüler der Oberstufen boten Nachhilfe-Unterricht an (was wiederum eine Übereinstimmung mit den Schwarzen Brettern in Schulen der Muggel darstellte). - Und gut ein halbes Dutzend Schülerteams gaben Termine für Auswahltrainings für hoffnungsvolle, potentielle künftige Quidditch-Spieler bekannt. "Hogwarts hat - oder hatte jedenfalls bis diesen Sommer - vier Hausmannschaften, so, wie sie vier Häuser haben, denen die Schüler dort angehören. - Hier auf Schloss Bergklamm gibt es ein paar mehr..." erklärte Alexander auf Nachfrage. - Ein paar mehr war, wie die drei Freunde fanden, eine leichte Untertreibung. Tatsächlich gab es genau 12 Teams, die den schulinternen Quidditch-Pokalwettbewerb unter sich austrugen. Jedes Team spielte, den Worten Alex' und Antonios zu Folge, einmal gegen jedes andere, und der Sieger nach Punkten bekam am Ende des Schuljahres den Pokal. - Sollte es einmal den Fall geben, dass in einer Saison nur 8 oder weniger Teams antraten, gab es Hin- und Rückspiele, so dass jede Mannschaft zweimal auf jede andere traf. "Die sechs ältesten Teams gibt es seit Jahrzehnten, wenn nicht gar noch länger" erläuterte Alexander Walter (natürlich in wechselnder Besetzung, da ja jedes Jahr Schüler und Schülerinnen nach erfolgrech abgelegter UtZ-Prüfung die Zaubererschule verließen, und neue, hoffnungsvolle Erstklässler und Erstklässlerinnen dazu kamen). "Andere Teams gründen sich, und lösen sich irgendwann wieder auf, wenn nach einer erfolglosen Saison (oder viel Verletzungspech) alle brauchbaren Spieler abspringen, und sie für die nächste Saison keine Komplette Mannschaft zusammen bekommen. - Oder wenn sich ein Team komplett zerstreitet, so dass kein vernünftiges Zusammenspiel mehr möglich ist..." Will und Steve waren sich einig, dass sie nur höchst ungerne in zwei verschiedenen, rivalisierenden Teams spielen würden. - Quidditch war offenbar eine ziemlich ernste Sache, und sie hatten keine Lust, ihre gewachsene Freundschaft zu zerstören, in dem sie im Sport gezwungener Maßen erbitterte Konkurrenten wurden...

Unter den Teams, die neue Spieler suchten, waren auch die «Felsklamm Fledermäuse» bei denen Antonio als Treiber und sein Freund Alexander als Jäger dabei waren. "Wir brauchen unter allen Umständen einen neuen Sucher, einen oder zwei neue Jäger und einen zweiten Treiber - falls ich nicht diese Saison als Treiber spiele. - Und hoffentlich finden wir jemand, der auf der Hüter-Position spielen kann (und will) - Elden, die in der letzten Saison bei uns Hüterin gespielt hat, war eine Katastrophe!" Ungeachtet dessen, dass das nun wirklich nicht klang, als ob die «Fledermäuse» zu den Spitzenteams unter den Schulmannschaften auf Schloss Bergklamm gehörten, entschieden sich Will, Steve und auch Aidan, am Sonntag ab 14 Uhr am Probe- und Auswahltraining der Mannschaft teilzunehmen. - Und zumindest zugucken wollte Timmy auch.

Wie sich zeigte, war der Andrang potentieller, neuer Spieler, die für die "Felsklamm Fledermäuse" spielen wollten, nicht wirklich groß: Neben Steve und Will sowie Aidan bewarben sich noch eine Zweitklässlerin, ein Drittklässler und zwei Jungen, die in ihrem vierten Jahr auf Schloss Bergklamm waren. Emil Schmitt, der Teamkapitän der "Fledermäuse" - seinerseits bereits Fünftklässler und Jäger - erklärte (vor allem für die Erstklässler und da speziell die, die aus Muggelfamilien kamen) wie Quidditch gespielt wurde. Dass die von selbst fliegenden "Klatscher" nicht einfach nur schwere, harte Bälle (wie etwa die Timmy aus dem Sportunterricht im heimischen Gelsenkirchen so verhassten Medizinbälle), sondern Eisenkugeln waren, die versuchten, einen während des Spiels vom Besen zu schlagen, ließ sowohl Steve als auch Will schlucken. - Schaffte man es nicht, ihnen auszuweichen, waren gebrochene Knochen bei einem richtigen Treffer praktisch zu erwarten, zumal, wenn sie zusätzlich noch von den Treibern in eine bestimmte Richtung geschlagen wurden, und ein potentielles Opfer daher mit noch mehr Tempo erwischten. - Dennoch waren beide bereit, sich um zwei der Jäger-Posten zu bewerben (während Timmy sich durch die Informationen ihres Kapitäns zum Thema "Klatscher" darin bestärkt sah, Quidditch keinesfalls aktiv spielen zu wollen). Von den drei Erstklässlern schaffte nur Steve es, als Jäger mit dem Quaffel zu überzeugen, und - zusammen mit der Zweitklässlerin Antje - einer für ihr Alter enorm lang aufgeschossenen Hexe, die aus Ostfriesland stammte, und ihr aschblondes Haar in Heidi-Zöpfe geflochten trug - in die Mannschaft. Will und Aidan waren etwas enttäuscht, aber es zeigte sich dass Will einen durchaus brauchbaren Treiber abgab, der im Abwehren der Klatscher mit dem an eine Baseball-Keule erinnernden Schläger besser war, als die älteren Bewerber. Alexander machte keinen Hehl daraus, dass er nichts dagegen hatte, ihm den zweiten Treiber-Posten neben seinem Freund Antonio zu überlassen, den er selbst nur übernommen hätte, wenn sich partout kein geeigneter Kandidat gefunden hätte. "Nun fehlt uns noch der Sucher!" stellte ihr Teamkapitän fest. "Der ist zwingend erforderlich, und beinahe der wichtigste Spieler überhaupt!" Emil seufzte. "Und ein Ersatz für Elden Bluett, unsere Hüterin aus der letzten Saison wäre ebenfalls ausgesprochen wünschenswert!" Letzteres war, wie sich bei der Auswahl der beiden Spieler für die Jäger-Position gezeigt hatte, wo die grobknochige Hexe und Viertklässlerin aus dem Schwarzwald kaum einen Quaffel auf ihre Torringe hatte abwehren können, nur zu verständlich. - Als Sucher war - wie sich sehr rasch abzeichnete - der farbige Aidan Ammand der mit weitem Abstand beste Kandidat. - Timmy hatte es abgelehnt, probehalber auch mal zu versuchen, einen Schnatz zu fangen, und da der Dritt- und die beiden Viertklässler, die sich bewarben, als Besenflieger alle nicht die erforderliche Agilität für den Posten des Suchers mitbrachten, war Aidan am Ende in der Mannschaft. Unglücklicher Weise war keiner der drei nicht ausgewählten Bewerber an der Hüterposition interessiert, und so blieb Alex der Einzige, der in dieser Saison als potentieler Ersatz für die entschieden unfähige, bisherige Hüterin spielen konnte. Auch, wenn er meinte, es gäbe mit Sicherheit bessere für den Job, übernahm er ihn letztlich, nachdem Steve es - auf sein Drängen hin - probiert hatte, und sich klar zeigte, dass dieser deutlich besser darin war, die Torringe mit dem Quaffel zu treffen, als Würfe auf die Tore abzuwehren. - So bestanden die "Felsklamm Fledermäuse" am Ende aus:

  • Emil Schmitt - Jäger & Teamkapitän, Fünftklässler
  • Steve (Steven) Zachkovitz - Jäger, Erstklässler
  • Antje Garrity - Jägerin, Zweitklässlerin
  • Antonio Ricca - Treiber, Drittklässler
  • Will (Wilhelm) Mankowski - Treiber, Erstklässler
  • Aidan Ammand - Sucher, Erstklässler
  • Alexander (Alex) Walter - Hüter, Drittklässler.

Emil äußerte in der Folge die - von Antonio und dem (deutlich skeptischeren) Alex geteilte - Hoffnung, dass es für die "Felsklamm Fledermäuse" in dieser Pokal-Saison vielleicht endlich einmal besser laufen würde, als in den drei vergangenen Jahren. Er drängte sowohl Steve als auch Will, zusätzlich zu ihrem Schul-Stoff, mehrere Bücher über Quidditch zu lesen, und setzte das erste, reguläre Training für Mittwoch- und das zweite für Freitagnachmittag der kommenden Woche an. Samstags und Sonntags, wo ja unterrichtsfrei war, würden sie ohnehin trainieren... - Dies waren Aussichten, die sowohl den beiden frischgebackenen Drittklässlern Alex und Antonio mit ihren Wahlfächern als auch den Erstklässlern im Team wegen der regulären Hausaufgaben ein Augenverdrehen entlockten (und die Timmys Entscheidung, gar nicht erst zu versuchen, sich um eine Position als Quidditch-Spieler zu bewerben, ausgesprochen weise erscheinen ließen). - Als sie in ihre Zimmer zurückkehrten, hatten Steve und Will die Quidditch-Umhänge ihrer neuen Mannschaft, die beide in ihrer Gestaltung stark an ältere Batman-Comics erinnerten, sowie Bücher mit so interessanten Titeln wie "Quidditch im Wandel der Zeiten" und "Die Treiberfibel" bei sich, die ihr Kapitän Emil ihnen empfohlen hatte.

Zu den Erstklässler(innen), die sich - mit Erfolg - um Aufnahme in eines der anderen Teams bemüht hatten, gehörten - wie sich zeigen sollte - die blonde Kölnerin Elissa Zinn und Corazon Loewentha... [A 17]

Zweite Woche auf Schloss Bergklamm

Bill Muntz zeigte sich mit Wills Strafarbeit zufrieden. - Ansonsten gestaltete sich der Unterricht in Verwandlung allerdings noch deutlich schwieriger, als in der ersten Woche: Ein Streichholz in eine Nadel zu verwandeln war (trotz aller anfänglichen Schwierigkeiten, die viele der Erstklässler damit hatten) als wirklich einfach einzustufen, im Vergleich zu dem, was bereits in Woche zwei verlangt wurde. Eine Teetasse sollte in ein Nadelkissen mit einem Überzug aus farbigem Satin verwandelt werden, und bis zur Stunde am Freitag hatte es kein einziger Schüler geschafft, die Aufgabe korrekt zu lösen: Steve und Will - wie auch Corazon und Elissa - bekamen zwar die äußere Form hin, das Kissen behielt aber die harte Konsistenz des Porzellans, so dass man keine Nadeln hineinstecken konnte. Timmy schoss beim Üben in den Freistunden den Vogel ab, in dem er die Teetasse bei einem Versuch stattdessen versehentlich in eine lebende Rennmaus verwandelte... und anschließend nicht zu sagen wusste, wie er dies gemacht hatte! (Vermutlich wäre er weit weniger verblüfft gewesen, wenn er gewusst hätte, dass Cornelius Fudge diese Übung 7 Jahre zuvor mit eben jenem Zauberstab an einer Teetasse des britischen Premierministers der Muggel bei seinem Antrittsbesuch in dessen Büro vorexerziert hatte...).

In Pflege magischer Geschöpfe (wo Corazon ihre Strafarbeit am Montag in ordentlicher Schrift und geforderter Länge - und auf nicht übermäßig fleckigem Pergament - vorgelegt hatte) folgte - nach dem beeindruckenden Einstand mit Abraxanern und dem Riesentaurus - ein weniger spannendes Thema. Diesmal kamen in Prof. Lahbs Unterricht Wesen dran, die es an keineswegs zu pflegen galt, sondern die vielmehr als Schädlinge in Zaubererhaushalten und -gärten auftraten, und deren sachgerechte (wiewohl schonende) Entfernung gelehrt wurde: So erfuhren die Erstklässlerinnen und Erstklässler etwa, wie man bei Doxy- und Fuligo-Befall [A 18] vorzugehen hatte, und wie man einen Garten entgnomte, ohne Gartengnomen dabei mehr Schaden zuzufügen, als unbedingt notwendig (den Einsatz eines Jarveys lehnte Prof. Lahb als zu brutal und barbarisch ab). - Will und Aidan, die fanden, dass sowohl Wills Mungo "Joker" als auch Aidans Kater durch aus hilfreich beim Entgnomen wären, und einem da ohne weiteres die lästige "Handarbeit" abnehmen könnten (und würden) verzichteten darauf, dem Professor ihre Sichtweise darzulegen. - Dieser hatte schließlich deutlich genug gemacht, dass er es zwar für legitim hielt, Gnome aus einem Garten zu entfernen und sie von dort zu vertreiben, er es aber entschieden ablehnte, sie dabei zu töten (was "Ozimydias" ohne Zweifel getan hätte).

In Geschichte der Zauberei wurden eine Reihe von Zauberern und Hexen behandelt, die zu Zeiten der Pharaonen, der alten Griechen und Römer gelebt hatten, und deren Taten - oder Untaten - bis heute unvergessen waren: So erfuhren die drei Buben nicht nur, dass Herpo der Üble (den sie von der Schokofroschkarte kannten) ein Parselmund gewesen sei, und somit den weltweit ersten Basilisken, den er gezüchtet hatte, auch kontrollieren konnte, sondern auch der erste Zauberer war, der einen Horkrux hergestellt hatte. (Wobei der Professor es strikt ablehnte, hierüber mehr zu sagen, als dass jeder Zauberer und jede Hexe, die auch nur ernsthaft erwäge, dies zu tun, unrettbar verdammt sei, und sich unwiderruflich außerhalb der magischen Gemeinschaft stelle.) Auch von einer griechischen Hexe namens Circe war die Rede, die schiffbrüchige, männliche Seefahrer in Schweine verwandelt hatte. - Steve, Will und Timmy mussten bei dieser Schilderung lebhaft an den Trank denken, den sie am vergangen Freitag, vor den Besenflugstunden, in Zaubertränke hergestellt hatten.

In Kräuterkunde bekamen sie es mit hüpfenden Giftpilzen zu tun, die zwar als Zaubertrankzutat von großem Wert waren, ansonsten jedoch sämtlichen Schülerinnen und Schülern tierisch auf den Nerv gingen (Corazon Loewentha beklagte sich danach, auf dem Weg in die nächste Unterrichtsstunde bitterlich, dass diese in Hogwarts erst im zweiten Jahr Gegenstand des Unterrichts wären...).

In Verteidigung gegen die dunklen Künste wurde der Beinklammer- und der Ganzkörperklammer-Fluch - nach dem Entwaffnungszauber "Expelliarmus" und "Finite Incantatem", mit dem man einen aktiven Zauber oder Fluch beenden konnte (auch, wenn dies gegen die wirklich üblen, schwarzen Flüche nicht half), als erste offensive Zauber auch zur praktischen Anwendung gelehrt. - Die mahnenden Worte der Direktorin und Fachlehrerin Prof. Hatens, dass Bein- und Ganzkörperklammern wirklich nur gegen Angreifer eingesetzt werden sollten, schienen sich allerdings die wenigsten Schüler auf Schloss Bergklamm zu Herzen genommen zu haben. - So entwickelte es sich zu einem verbreiteten "Zeitvertreib" unter den Erstklässlern, Mitschülern überraschend Beinklammern aufzuhalsen...

Im Übrigen war Quidditch zu spielen - wie sich beim ersten, regulären Training der «Felsklamm Fledermäuse» am Mittwochnachmittag und -abend zeigte - zwar ein faszinierender Sport, aber körperlich auch sehr fordernd, und - wenn man es ernsthaft betrieb - harte Arbeit, wobei diese Erkenntnis allerdings weder Aidan noch Steve oder Will abschrecken konnte.

Arithmantik blieb für Will dagegen ein Buch mit sieben Siegeln. Er begriff nicht, wie die Zahlen-, Buchstaben- und Silbentabellen funktionieren sollten, und wie man damit eine Wirkung erzielen kontte, wie mit einem Zauber oder einem Trank. - Timmy dagegen fand sehr rasch heraus, dass sich beispielsweise damit ein Text so verschlüsseln ließ, dass eine Person, die entweder den Richtigen Namen oder das exakt richtige Geburtsdatum hatte (oder in der verschärften Version beides), Klartext sah und lesen konnte, während für alle anderen nur sinnloser Code bzw. Kauderwelsch auf dem fraglichen Pergament stand. - Und eine Randmemerkung in Form einer Fußnote besagte, dass es dabei kein Hindernis war, wenn der berechtigte Empfänger ein Squib oder Muggel war - solange die Verschlüsselung von einem Zauberer oder einer Hexe mit entsprechenden Arithmantikkenntnissen und einer geeigneten Tabelle vorgenommen wurde... - Zudem sollten sich Dechiffriermaschinen der Muggel an einer derartigen, magisch-arithmantischen Verschlüsselung die virtuellen Zähne ausbeißen! - Keine Frage, dass Timmy fest entschlossen war, die magische Verschlüsselung zu benutzten, wenn er seinem älteren Halbbruder Dirk eine Posteule in den Jugendknast in den heimischen Ruhrpott schicken würde...

Eulenpost für Dirk

Vorbereitungen

Timmys Vorhaben, einen Brief an seinen Halbbruder Dirk mittels Arithmantik magisch zu verschlüsseln, so dass nur eine Person, die sowohl das korrekte Geburtsdatum Dirks (das er auswendig wusste) als auch den Vornamen "Dirk" aufzuweisen hatte, ihn lesen konnte, ohne ihn zuvor extra entschlüsseln zu müssen, erwies sich als gar nicht so einfach. - Wann immer ihm in der zweiten und dritten Woche auf Schloss Bergklamm der Unterricht und die Hausaufgaben, mit denen sie von den Lehrern in den verschiedenen Fächern förmlich überhäuft wurden, Zeit ließen, widmete er sich dem Projekt. - Selbst, wenn im Schloss längst Bettruhe war, und er sich - wie alle Schülerinnen und Schüler - gemäß der Hausordnung in seinem Zimmer aufzuhalten hatte, brütete er oft noch bis gegen Mitternacht über "Numerologie und Grammatika". Da die entsprechenden Tabellen in ihrem Lehrbuch der ersten Klasse nur in Auszügen enthalten waren, hatte er sich eine Voll-Ausgabe des weiterführenden Werkes aus der Schulbibliothek Schloss Bergklamms ausleihen müssten (was ihm spöttische Bemerkungen der Basler Hexen und Zweitklässlerinnen eintrug, was für ein "Streber" er doch sei).

Im Zaubertrank-Unterricht brauten sie derweil - unter anderem - eine Lösung, die gegen Furunkel helfen sollte, falsch zubereitet jedoch äußerst unschöne Dinge mit der Haut anstellte (wie sowohl der Junge mit dem mausbraunen Haar und dem schadhaften Zauberstab, der im Unterricht versehentlich seinen Kessel zum Schmelzen brachte, als auch dessen unmittelbare Sitznachbarn zu ihrem Leidwesen feststellen mussten). - Zauberkunst war mittlerweile eines der erklärten Lieblingsfächer aller drei Buben aus Gelsenkirchen, nachdem mittlerweile sowohl Steve als auch Will ihre Furcht vor unwillkürlichen (und potentiell gefährlichen) Nebeneffekten ihrer Zauberstäbe überwunden hatten. In Verwandlung hatten die in Nadelkissen verwandelten Teetassen endlich doch noch die Konsistenz angenommen, die erforderlich war, damit man auch wirklich Nadeln hineinstecken konnte, auch, wenn die Oberfläche von Timmys Exemplar (abgesehen von einer grün und purpurn gestreiften Farbgebung) immer noch eher an Maulwurfsfell als an Satin erinnerte. - Ansonsten stand am dritten Samstag, den die drei an der "Höchst löblichen Schule für Zauberei und Zauberwesen" auf Schloss Bergklamm verbrachten, das erste, reguläre Quidditch-Spiel der «Felsklamm Fledermäuse» an. Sowohl Steve und Will als auch Aidan hatten dafür in den vergangenen beiden Wochen verbissen trainiert (was zumindest bei Will, der zudem endlich wieder begonnen hatte, daneben auch Tuba zu üben, zum Teil auch ein wenig zu Lasten der Hausaufgaben gegangen war, mit denen er sich teilweise erheblich schwerer tat, als seine beiden Freunde). - Just an jenem Samstag war auch Timmys Brief an seinen Halbbruder Dirk endlich fertig und verschlüsselt. Er wollte Steve fragen, ob der ihm seine "Christl" als Posteule leihen könne, kam aber nicht mehr dazu, da direkt nach dem Frühstück beide Teams (und eine große Mehrheit der restlichen Schüler- wie auch Lehrerschaft Schloss Bergklamms) zur ersten Partie des schulinternen Quidditch-Pokalwettbewerbs des laufenden Schuljahres zum Quidditch-Feld strebten. Timmy ließ sich durchaus bereitwillig von der Menge mittreiben, und fand sich zwischen diversen Mitschülern aller Jahrgangsstufen auf den hohen, hölzernen Tribünen wieder.

Quidditch: Fledermäuse vs. Habergeissen

Die Gegner von Steves, Wills und Aidans Team waren die «Halainer Habergeissen», das Team, für das Corazon Loewentha als Sucherin spielte, und das ansonsten ausschließlich aus Dritt- und Viertklässlern (bzw. -klässlerinnen) sowie einem Fünftklässler als Hüter und Kapitän bestand. Das Emblem, das deren scharlachrote Quidditch-Umhänge zierte, war die Karikatur einer schwarzen zombifizierten Ziege, und Timmy hoffte im Interesse seiner beiden Freunde unwillkürlich, dass das gegnerische Team nicht auch wie blutrünstige Untote spielen würde...

Die Rolle des Schiedsrichters übernahm der Besenflug-Lehrer, Prof. Horst Feistel, der als ehemaliger Quidditch-Profi wohl dafür qualifiziert schien. "Kapitäne! - Gebt Euch die Hände!" verlangte Feistel. Die beiden reichten sich die Hände. "Besteigt Eure Besen!" 14 Schüler - je sieben pro Team - bestiegen fliegende Besen, und schossen in die Höhe. Will und Steve hatten - seit sie zu den «Felsklamm Fledermäusen» gehörten - zum Glück leihweise bessere Besen erhalten, als die, mit denen die Erstklässler ihren Flugunterricht am ersten Freitag in der Schule absolviert hatten. Es zeigte sich sehr rasch, dass Steve, Will und Aidan es im Fliegen ohne Probleme mit den älteren Spielern des gegnerischen Teams aufnehmen konnten - für Corazon Loewentha galt dies allerdings ebenso! Steve wich einem hart geschlagenen Klatscher - der einer schwarzen, eisernen Kanonenkugel aus der Waffenkammer eines historischen Museums glich - knapp aus, riss einem gut zwei Köpfe größeren, gegnerischen Jäger den Quaffel aus dem Arm, umkurvte einen weiteren und warf ein Tor. Das Publikum auf den Tribünen jubelte (oder buhte). Offenbar hatten die «Habergeissen» eine größere Anhängerschaft unter den Schülern, als die «Fledermäuse» - und es waren, wie Timmy bei sich dachte, nicht gerade die sympathischsten ihrer Mitschüler, die sich unter dem Banner der schwarzen Zombieziege versammelten. - Will schlug den Klatscher gegen den Hüter der «Habergeissen» der beinahe vom Besen geschmettert wurde, so dass Antje, die Zweitklässlerin aus Ostfriesland, ein weiteres, ungefährdetes Tor für die «Fledermäuse» erzielen konnte. Dann streifte ein gegnerischer Klatscher ihren Teamkapitän, Emil Schmitt, an den Rippen und holte ihn beinahe vom Besenstiel - und in der Folge erzielten die gegnerische Mannschaft zwei Tore - und dann auch noch ein drittes.

Corazon und Aidan jagten kreuz und quer über das Feld, verzweifelt bemüht, den Schnatz zu erspähen, dessen Fang für einhundertfünfzig Punkte gut war, und zugleich das Spiel beenden würde. Timmy konnte nicht umhin zuzugeben, dass das die magere Junghexe - deren Quidditch-Umhang der «Halainer Habergeissen» offenkundig das am wenigsten zerschlissenste Kleidungsstück war, das er bislang an ihr gesehen hatte - eine wenigstens ebenso gute Fliegerin war, wie der Junge mit dem schwarzen Kraushaar und der ebenholzfarbenen Haut. Die beiden Sucher schossen Kopf an Kopf über das Feld. Aidan war beinahe gezwungen, sich von seinem Besen fallen zu lassen, um einem Klatscher auszuweichen, während die «Halainer Habergeissen» ihr viertes Tor machten. Er riss den Besen in eine Steilkurve, die als perfekte Parabel bei einem Geometrielehrer im Mathe-Unterricht der Oberstufe einer Muggelschule Begeisterung ausgelöst hätte. Corazon Loewentha - die irrtümlich glaubte, Aidan hätte den Schnatz erspäht - schaffte es nicht mehr rechtzeitig zu bremsen, und landete extrem unsanft auf dem Rasen. - Zum Glück war sie wenige Minuten später in der Lage, ihren Besen (der die Beinahe-Bruchlandung gleichfalls in flugtauglichem Zustand überstanden hatte) wieder zu besteigen, und erneut abzuheben. Da Feistel die Partie nicht unterbrochen hatte, hatte auch Aidan nicht aufgehört, nach dem Goldenen Schnatz Ausschau zu halten, und als Corazon gerade wieder nach oben schoss, entdeckte er ihn, oberhalb des linken der Torringe von Loewentas eigenem Team. - Er raste in direkter Linie quer über das Feld, und wich dabei haarscharf zwei gegnerischen Treibern und einem Jäger der «Habergeissen» aus. Als sich Aidans Rechte um den Schnatz schloss, und er sie gleich darauf triumphierend in die Luft reckte, knallte Corazon Loewentha - der es knapp missglückt war, ihren direkten Gegenspieler noch im letzten Moment zu überholen - beinahe ungebremst gegen den Torpfosten. Ihre Augen blickten anschließend mehr denn je in entgegengesetzte Richtungen. Scheinbar, so überlegte Timmy, hatte sie sich bei ihrer Bruchlandung auf dem Rasen wohl doch ein wenig mehr getan, als es zu erst den Anschein gehabt hatte. - Immerhin schaffte sie es, halbwegs sicher auf den Boden zurückzukehren.

Versand

Der Jubel über den Sieg der «Felsklamm Fledermäuse», die ihr erstes Match der Saison mit 170 zu 40 gewonnen hatten, war ohrenbetäubend. Timmy ließ sich von der Stimmung mitreißen, auch, wenn der Verlauf des ersten Quidditch-Matches, das er je gesehen hatte, ihn ganz entschieden darin bestätigte, das Angebot, sich beim Auswahltraining der «Fledermäuse» auch mal im Fang eines Schnatzes zu versuchen, entschieden abzulehnen. - In der Folge dauerte es eine ganze Weile, ehe er im allgemeinen Trubel die Gelegenheit fand, Steve beiseite zu nehmen, und ihn zu fragen, ob dieser ihm seine Posteule "Christl" leihen würde. "Klar doch, warum nicht!?" meinte der, mit vollem Mund, da die «Fledermäuse» noch dabei waren, ihren ersten Saisonsieg ausgibig zu feiern. "Ich hab nur noch nie 'n Brief mit meiner eigenen Eule verschickt, und weiß daher gar nicht so genau, wie das geht!" "Das ist ganz einfach!" erklärte Alexander, der das Gespräch am Rande der Feier mitbekommen hatte, die an einem der Tische in der großen Halle stattfand [A 19] , nachdem sowohl ihr Teamkapitän seine geprelleten, angeknacksten Rippen als auch Corazon Loewentha ihre leichte Gehirnerschütterung im Krankenrevier hatte behandeln lassen. - Magische Heilung war wirklich eine feine Sache - und ging vor allem häufig auch deutlich schneller, als alles, was die moderne Muggel-Medizin zu bewerkstelligen vermochte!

Wenig später stieg Steves weiblicher Waldkauz "Christl", in den grau-blauen Himmel über Schloss Bergklamm auf, und verschwand in nördlicher Richtung in den Wolken. Im Schnabel hatte er den an "Dirk Andergaster, Zelle 227, 2. Stock, Zellenblock Nordost, Jugendstrafanstalt "Rote Warte", Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfahlen, Bundesrepublik Deutschland" adressierten Brief. Alexander hatte ob der Adresse zwar zuerst etwas irritiert geguckt, auf Timmys Erklärung, dass der Empfänger sein Halbbruder sei, der wegen eines sau-dämlichen Raubüberfalls vor zwei Jahren im Jugendknast der Muggel hockte, jedoch die Schultern gezuckt, und gemeint: "Man kann sich seine Verwandschaft nicht aussuchen...!" Und lachend ergänzt: "Glaub mir, alle mal besser das, als wenn Du mit notorischen Schwarzmagiern und Muggelhassern wie den Malfoys oder Rosiers verwandt wärst, oder - wie ich - einen der engsten Vertrauten des berüchtigten und verhassten Hexenbürgermeisters von Lemgo unter deinen direkten Vorfahren hättest...!" und sein Freund Antonio hatte die Worte zwischen zwei großen Bissen Sachertorte heftig nickend bestätigt. Er erinnerte sich nur zu gut daran, dass man seinem Großvater (wie auch einem Bruder seines Vaters) nachsagte, sie seien - ehe sie in den '70er Jahren Karlsruhe ihre erste Pizzeria eröffneten - in Süditalien Mitglieder einer gefürchteten Mafiafamilie gewesen. Antonio hatte Timmy sogar zwei seiner letzten Schokofrösche überlassen, die dieser dem Brief als Geschenk an seinen missratenen älteren Halbbruder beigelegt hatte. "Auch, wenn ich befürchte, dass es sobald keinen Nachschub an Schokofröschen geben wird...!" Auf Nachfrage der Freunde hatte er erklärt, dass sich der Hersteller der Schokofrösche wohl geweigert hätte, "Jenen, dessen Name nicht genannt werden darf" und einige von dessen führenden Todessern auf Schokofrosch-Sammelkarten abzubilden, und in der Folge unter Repressalien litt, die ihm eine Fortsetzung der Produktion - wenigstens in Großbritannien - vorläufig unmöglich machte. - Anschließend hatten sie rasch das Thema gewechselt, da keiner willens war, sich die Freude über den Sieg und die Feier von trüben Gedanken an die schrecklichen Verhältnisse verderben zu lassen, die in jüngster Zeit auf den britischen Inseln herrschten, und einem Großteil der dortigen magischen Gemeinschaft das Leben zur Hölle machten... [A 20] Die Party zog sich über den gesamten Nachmittag und bis zum Abendessen hin. Will, Steve und auch Timmy tranken zum ersten Mal in ihrem Leben Butterbier, das ihnen ganz hervorragend schmeckte, während der Spielverlauf ein ums andere Mal diskutiert und analysiert wurde. Insbesondere dem Sucher Aidan Ammand wurde dabei von Mitspielern und Anhängern der «Felsklamm Fledermäuse» unzählige Male zu seinem gelungenen - wenn auch nicht als solchen geplanten - "Wronski-Bluff" gratuliert. - Corazon dagegen, die soweit es ging vom Tisch der Sieger entfernt in der großen Halle mit verbiesterter Miene (wenn auch ungebrochenem Appetit) ihr Abendessen verzehrte, tat dagegegen zumindest Timmy fast schon ein Bisschen leid...

Eulenpost für Dirk, die zweite

Dirk Andergaster lag auf seinem Bett in seiner Zelle im zweiten Stock des nördöstlichen Zellenblocks der Gelsenkirchener Jugendstrafanstalt "Rote Warte", und starrte aus dem Fenster.

Er bewohnte die Zelle allein, was allerdings nichts damit zu tun hatte, dass man ihn aus disziplinarischen Gründen zu Einzelhaft verdonnert hätte. Sein bisheriger Zellengenosse lag seit gut einer Woche mit einer üblen Bauchwunde im Krankenrevier, und wenn es nach Dirk gegangen wäre, hätte er auch nicht wiederkommen müssen: Er vermisste diesen Spinner mit seinen alten "Onkelz"-Kassetten und seinen rassistischen, ausländerfeindlichen Sprüchen bei Gott nicht, und konnte durchaus verstehen, warum ihm ein türkischer Mithäftling bei einer handgreiflichen Auseinandersetzung den Stich mit einem angeschliffenen Löffel verpasst hatte... Er selbst hielt sich - seit er mit 16 in den Jugendknast gewandert war - aus allem heraus. Er hatte die Regeln, die in der Strafvollzugsanstalt galten, nach seiner Verurteilung und dem Haftantritt rasch begriffen, und sich praktisch zum Musterhäftling entwickelt, der sich fügte, mitarbeitete und versuchte, um keinen Preis irgendwo anzuecken. - Vier verdammte Jahre hatte er bekommen, und ihm war durchaus klar, dass er die Strafe im Prinzip redlich verdient hatte: Es war ja nicht nur die Idiotie des Raubüberfalls auf den MiniMart am Gelsenkirchener Busbahnhof, den er im Alter von 16 Jahren verübt hatte. Mehr noch, als die eigentliche Tat bereute er, wie er reagiert hatte, als ihn die Polizisten keine 5 Meter vom Tatort ergriffen hatten. Nicht bloß, dass er mit der ungeladenen, defekten Pistole, die er bei dem Überfall benutzt hatte, um sich geschlagen hatte - er hatte auch mit seinem Schnappmesser zugestochen, und einen der Beamten nur deshalb nicht schwer verletzt, weil dieser eine Schutzweste getragen hatte. - Dafür waren die vier Jahre Jugendstrafe im geschlossenen Vollzug, die ihm der Jugendrichter aufgebrummt hatte, direkt billig gewesen, auch, wenn es seine erste Haftstrafe war. (Etliche Einträge wegen gewohnheitsmäßigen Schwänzens, diverser Ladendiebstähle, Sachbeschädigung, Rollerdiebstahls und Fahren ohne Fahrerlaubnis hatte er da allerdings bereits gehabt...) - Und das alles für eine Beute, die aus einer Einkaufstüte mit weniger als tausend Mark in Banknoten und Münzrollen sowie ein paar Schachteln Zigaretten bestanden hatte! - Wie sehr hätte er sich gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können...

Draußen herrschte das selbe, grässlich feucht-kalte, neblige Wetter, wie es nahezu den gesamten Sommer dieses Jahres 1997 vorherrschend war, und er - wie auch die Wärter und Mithäftlinge - waren konstant trübseliger, missmutiger Laune. Dennoch war es in der Jugendstrafanstalt keineswegs zu einem Übermaß an Gewalttätigkeiten unter den jugendlichen und heranwachsenden Häftlingen gekommen (wenn man von zahlreichen Selbstverletzungen und Suizidversuchen unter den sensibleren der Insassen absah, die sich weder Anstaltsleitung noch Mithäftlinge so recht erklären konnten). - Die Keilerei im Anstaltsgarten, bei der sein (ehemaliger) Zellengenosse niedergestochen worden war, nachdem er die ausländischen Mithäftlinge mal wieder grundlos und bis weit jenseits des Erträglichen provoziert hatte, stellte da eine - unrühmliche - Ausnahme dar. - Dirk konnte sich nicht erinnern, in seinem 18 Jahre währenden Leben je einen derart verkorksten Sommer wie dieses Jahr erlebt zu haben, weder draußen, noch hier drinnen...

Er dachte an den letzten Besuch seiner Mutter und der beiden jüngeren Halbbrüder. David, der fast 5-jährige, kam ihm noch beinahe so babyhaft vor, wie dieser gewesen war, als er vor zwei Jahren verurteilt worden war. Und Timo, der sich von allen lieber "Timmy" nennen ließ? - Der hatte auf ihn beim Besuchstag an jenem vorletzten Samstag im August merkwürdig steif und auch irgendwie geheimnistuerisch und verschlossen gewirkt, so, als ob er sich verzweifelt anstrengte, nur nicht zu viel in Gegenwart des älteren, kriminellen Halbbruders zu sagen. - Dirk kam das merkwürdig vor. - Hatte der ältere seiner beiden kleinen Halbbrüder etwa begonnen, mit seinen knapp 12 Jahren ebenfalls irgendwelche krummen Dinger zu drehen, und versuchte nun verzweifelt, dies vor der gemeinsamen Mutter (wie auch vor dem kleinen Plappermäulchen David) zu verheimlichen?! - Er hoffte es nicht. - Eine kriminelle Karriere wie er sie mit 16 bereits hinter sich gehabt hatte, wünschte er sich für den kleinen Rotschopf mit seinem Karottenhaar weiß Gott nicht!

Plötzlich stutzte er: "Träume ich?!" fragte er sich. War er eingenickt? Spielte ihm die Phantasie einen Streich? - Da war doch tatsächlich ein Waldkauz aus dem Nebel aufgetaucht. Ein - nicht eben großes - Käuzchen, das einen ziemlich dicken Brief im Schnabel hielt, und versuchte, diesen durch das Gitter vor seinem Zellenfenster zu stecken, wobei ihm da die Glasscheibe des - wegen des feuchtkalten Tages und des Nebels, der draußen herrschte, geschlossenen - Fensters im Weg war. Da die Eule auch nach mehrmaligen Blinzeln und heftigem Kopfschütteln nicht verschwinden wollte, erhob er sich von seinem Bett, ging zum Fenster, drehten den Griff, der es entriegelte, und öffnete es. Erstaunlicher Weise war die Eule als er auf das Fenster zu kam, und es öffnete, nicht etwa davon geflogen, sondern hatte ihre Bemühungen, den Brief durch das Gitter zu stopfen, sogar noch intensiviert. "Das kann doch unmöglich wahr sein!" dachte Dirk. Er musste Träumen! - Etwas anderes kam gar nicht in Frage! - Drogen-induzierte Halluzinationen schloss er kategorisch aus, da er - egal, was für ein Idiot er bis zu seiner Verurteilung gewesen war - von Rauschmitteln immer die Finger gelassen hatte (wenn man von Bier und einem einzigen Zug am Joint eines damaligen Mitschülers mit 14 mal absah)... Vorsichtig streckte er die Hand aus, immer gegenwärtig, die Eule samt Brief würde verschwinden, sobald er sie oder das dicke, wohl etwas gefütterte Kuvert berührte - aber nichts dergleichen geschah: Er bekam den Brief zu fassen, der sich in seiner Hand absolut normal anfühlte, und zog ihn zu sich in die Zelle. Das Käuzchen stieß einen schrillen Eulenruf aus, der ihm - aus keinem halben Meter Entfernung - geradezu in den Ohren schmerzte, wendete flatternd in der Luft, und flog davon. Ein kühler, feuchter Windstoß traf sein Gesicht, und überzeugte ihn endgültig, nicht zu träumen. Staunend betrachtete er die Anschrift:

"An Dirk Andergaster, Zelle 227, 2. Stock, Zellenblock Nordost, Jugendstrafanstalt "Rote Warte", Gelsenkirchen, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfahlen, Bundesrepublik Deutschland"

Wer auch immer den Brief der Eule (einer Eule?!) anvertraut hatte, musste seinen aktuellen Aufenthaltsort ganz genau kennen. Dirk stutzte. Timo, sein Halbbruder, hatte ihm zwar noch nie einen Brief in den Jugendknast geschrieben, aber die Buchstaben der Anschrift auf dem gefütterten Umschlag, groß, spinnenartig, und vorallem: willkürlich nach rechts und links kippend, kamen ihm eindeutig so vor, wie er die Handschrift des damaligen Grundschülers aus der Zeit vor seiner Inhaftierung in Erinnerung hatte. "Ich spinne..." murmelte er, zu sich selbst. "Zellenkoller!" Das konnte einfach nicht sein: Wie sollte es möglich sein, dass sein Halbbruder, der mittlere der Andergaster-Buben, ihm einen Brief schickte, und diesen von einer Eule transportieren ließ, so, als ob diese eine Brieftaube sei? - Und zudem noch in solch einer Art und Weise. - Nicht als Zettelchen in einer kleinen, nur wenige Zentimeter langen und knapp bleistift-dicken Metallröhre am Bein des Vogels, wie man das - Dirks Wissen zu Folge - bei Brieftauben machte, sondern als im Schnabel getragenem, richtigen Brief, wie es manchmal in irgendwelchen Comic-Strips und Zeichentrickfilmen dargestellt wurde!?

Er drehte den dicken, gefütterten Umschlag, der durchaus Gewicht besaß, in den Händen, aber dieser fühlte sich tatsächlich so an, wie man dies von gefütterten Umschlägen für Büchersendungen erwarten durfte, und dachte gar nicht daran, zu verschwinden. Auch an der Anschrift änderte sich nichts, egal, wie intensiv er blinzelte, wie häufig er seine Augen schloss und sie wieder öffnete, und wie angestrengt er die Stirn runzelte. Schließlich entschied er sich, das Kuvert zu öffnen. Fast hätte er erwartet, dass es in seinen Händen explodiert wäre, oder in Flammen aufgegangen, aber nichts dergleichen geschah. Vorsichtig spähte er in den geöffneten Umschlag, der tatsächlich einen gefalteten Bogen Pergament sowie zwei identische, kleine, knubbelige und in violett, grün und golden gefärbtes Seidenpapier verpackte Gegenstände enthielt. Vorsichtig zog er den Briefbogen heraus, und hätte ihn beinahe fallen gelassen, als er sich selbsttätig zu einer ganz enormen Größe entfaltete. - Fast zweieinhalb Meter Pergament entfalteten und entrollten sich unter seinem fassungslosen Blick, die - nach den Gesetzen der Physik - kaum in dem Umschlag Platz gehabt hätten!

Dirks Brief

Die Handschrift - ausladende, große, krumme und schiefe Buchstaben einer spinnenartigen Kinderschrift in königsblauer Tinte - war eindeutig die selbe, wie bei der Anschrift auf dem Kuvert, die Dirk unwillkürlich mit seinem Halbbruder Timo in Verbindung brachte. Voller Staunen begann er zu lesen:

"Hoi, Dirk, mein geliebter-ungeliebter, missratener Halbbruder! ...

"Teufel," dachte Dirk, "das ist eindeutig Timo! - Wem sonst würde es einfallen, mich mit diesen Worten anzusprechen?!" - Ihrer gemeinsamen Mutter garantiert nicht, und David - nun, der tat sich noch derart schwer, Sätze mit mehr als zwei, bestenfalls drei Wörtern zu formulieren, von Schreiben gar nicht erst zu reden... Staunend las er weiter:

Du hast Dich ganz bestimmt gefragt, warum ich und Mami und ich so wortkarg waren, am letzten Besuchstag, an dem Samstag im August, und was wir Dir versucht haben zu verheimlichen...

"Allerdings!" Dirk nickte, und las weiter:

...das war, weil ... weil wir einfach nicht wussten, wie wir es Dir sagen sollten, dass ich ab ersten September die Schule wechseln, und auf ein Internat in Österreich gehen würde. - Ja, ich gehe auf eine Internatsschule, wo ich auch lebe, so dass ich Mami und David nur noch in den Ferien sehen werde, und deshalb dieses Jahr auch keine Möglichkeit mehr haben werde, dabei zu sein, wenn sie Dich im Knast besuchen! Darum schreibe ich Dir jetzt auch... Ich bin jetzt fast drei Wochen hier, auf Schloss Bergklamm, und hier ist es einfach toll! - Die Berge Alpen ringsrum bieten mit ihren Gipfeln, auf denen selbst jetzt z. T. Schnee liegt, einen herrlichen Anblick, vor allem im Abendrot und im Morgenlicht! Es gibt hier einen herrlichen, kristallklaren Gebirgsbach, und riesige, dichte Nadelwälder! Zwei meiner Kumpels aus unserer Siedlung in Gelsenkirchen, Will und Steve sind nicht bloß mit mir im Internat, sondern dort auch in der selben Klasse, wie ich - und zusätzlich habe ich hier bereits neue Freunde gefunden! Aidan Ammand, einen schwarzen Jungen in meiner Klasse, der einen riesigen, einäugigen Kater mitgebracht hat, "Ozimydias", und Alexander und Antonio, die zwei Klassen über mir sind. Will durfte nicht blos seine Tuba mitbringen, sondern hat jetzt auch ein Haustier - einen Mungo, den er "Joker" getauft hat! Der ist voll süß, und unglaublich verschmust, und mutig! Der hat uns - also mich, Steve und sein Herrchen Will und mich in Bonn, als wir die Einkäufe für die neue Schule erledigt haben (Schuluniformen! - Echt!) vor 'ner Klapperschlange gerettet...! - Ich selbst habe einen zahmen Raben, "Blackbird", der sprechen kann, aber der krächzt häufig 'n Haufen Unsinn. - Entweder echt zum Totlachen, oder zum genervt die Augen verdreh'n! - Und die Eule, die Dir den Brief gebracht hat, das ist "Christl", ein weibliches Waldkäutzchen, die gehört Steve! - Über das, was wir hier lernen, kann ich Dir nich' viel schreiben, aber es das meißte davon ist echt tierisch interessant, wenn auch zum Teil ganz schön schwierig und anstrengend. Furchtbar viele Hausaufgaben bekommen wir auch auf... Ich mag am Liebsten Arithm... immer noch besonders gern Mathe! - Probier mal, ob jemand außer Dir meinen Brief an Dich lesen kann! - Der is nämlich verschlüsselt ... (oder vielleicht besser doch nich', wenn Du sonst im Knast da, bei Euch Ärger kriegst...!?) - Ich weiß nich', wann wir uns vielleicht mal wiedersehen, da ich nur in den Ferien - Weihnachten, Ostern und Sommerferien - heim nach Gelsenkirchen komm'...!

Halt die Ohren steif, pass auf Dich auf, geh allem Ärger aus dem Weg, lass Dir die beiliegenden Schokofrösche schmecken und sei gegrüßt von Deinem Halbbruder

Timmy

...der um alles Gold der Welt nich' mit Dir tauschen wollen würde!!!

Fassungslos schüttelte Dirk Andergaster den Kopf, und las den Brief ein weiteres Mal, aber der Text blieb (trotz wiederholtem und heftigem Kopfschütteln) auch beim dritten Lesen exakt und Wort für Wort derselbe. "Ist das zu Fassen?!" fragte er sich. Wie war es möglich, dass Timo und zwei seiner Spielgefährten und Schulfreunde auf ein Internat in einem österreichischen Schloss gingen? - Waren Internatsschulen nicht wahnsinnig teuer? - Wie hätte ihre gemeinsame Mutter dies wohl bezahlen sollen?! - Oder waren die drei Buben irgendwie an ein Stipendium von einem unbekannten Wohltäter gelangt? - Es fiel ihm schwer, sich das vorzustellen. Mit "Will" musste - falls ihn seine Erinnerung nicht trog - Wilhelm gemeint sein, der Sohn vom Schrotthändler Mankowski, und Dirk Andergaster konnte sich kaum einen Jungen vorstellen, der weniger auf eine elitäre Internatsschule gepasst hätte. - Oder war das am Ende gar kein Elite-Internat, sondern eine Heimschule für Schwererziehbare, und die drei hatten was angestellt, sich erwischen lassen, und sich Ärger eingehandelt?! - Dem entgegen standen allerdings die exotischen Haustiere, die dort angeblich erlaubt waren! - Ein Mungo! Ein Rabe! Eine Eule...! - Zumindest letzteres schien wohl zu stimmen. - Das musste der Vogel gewesen sein, der ihm den Brief gebracht hatte. Und dann noch Schuluniformen. Und wieso sollten die drei Buben ihre Einkäufe für die künftige Schule ausgerechnet in Bonn erledigen? - Das «CentrO» in Oberhausen und die Einkaufsstraßen in einer der vielen Großstädte im Ruhrpott währen entschieden naheliegender gewesen. - Ihm war das alles ein gewaltiges Rätsel! - Und was hatte Timo mit "Verschlüsselt" gemeint?! - Der Brief war zwar nicht gerade in Schönschrift geschrieben (oder vielleicht doch ... halt dem, was bei seinem Halbbruder als Schönschrift durchgehen mochte) aber doch definitiv lesbarer Klartext...

Dirk überlegte, dass die "Schokofrösche" wohl die beiden beigelegten, prachtvoll in buntes Seidenpapier verpackten, kleinen Gegenstände sein mussten. Er angelte sie aus dem Kuvert. Blau, grün, violett und golden war die Verpackung, die in goldenen, verschnörkelten Lettern mit den Worten "Finest English Chocolate Frogs" beschriftet war. Dass dies "Beste Englische Schokofrösche" hieß - dafür reichte sein Englisch durchaus. Vorsichtig wickelte er den ersten der Schokofrösche aus. Er war verblüfft, wie echt, wie absolut naturgetreu der kleine Frosch aus Schokolade aussah. - Konnte es sein, dass das ein echter, toter Frosch mit Schokoladenüberzug ... aber nein: so eine Gemeinheit traute er seinem Halbbruder Timo beim besten Willen nicht zu, egal, was der und seine Freunde, dieser Will und dieser Steve, seit seiner Inhaftierung angestellt haben mochten! Er schnupperte an der Schokolade. Sie roch nicht anders, als Schokolade riechen sollte. Dann probierte er, ganz vorsichtig. - Es war wirklich nur Schokolade, ohne irgendeine überraschende, womöglich ekelerregende Füllung. - Und es war die mit Abstand beste Schokolade, die er je in seinem 18-jährigen Leben gekostet hatte! Genießerisch verdrehte er die Augen. Er dachte an belgische Pralinen, die ein Vermögen kosteten, und fragte sich, wie sein rothaariger Halbbruder sich eine derartige Leckerei wohl leisten konnte. - Dass in der Familie Andergaster plötzlich der Reichtum ausgebrochen war, und Timo soviel Taschengeld bekam, wie er nur wollte, konnte er sich nicht vorstellen... Um so ehrenwerter von dem Bengel, fand er, dass der an seinen im Jugendknast sitzenden, älteren Halbbruder dachte, und diesem gleich zwei der teuren Leckereien schickte! Er wickelte auch den Zweiten aus. - Seit seinem Geburtstag, im Mai, wo ihm seine, Timos und Davids gemeinsame Mutter einen Kalten Hund oder Zebrakuchen ins Jugendgefängnis gebracht hatte, den sie - in Gegenwart der Aufseher - in Scheiben schneiden musste, und von dem der Anstaltsmediziner ein Stück einem Drogen-Schnelltest unterzogen hatte, ehe er ihn erhielt, hatte er keine Schokolade mehr gehabt. - Sich Timos unverhofftes, schokoladiges Geschenk einzuteilen, dafür reichte seine Selbstbeherrschung unter diesen Umständen nun wirklich nicht...

Ein neuer Zellengenosse für Dirk

Kurz, nachdem er den zweiten Schokofrosch verspeist hatte (der um kein Bisschen weniger lecker schmeckte, als der erste) hörte er draußen, auf dem Gang Schritte, die sich seiner Zellentür näherten. Diese war unverschlossen. Einschluss war erst um 19 Uhr. Rasch ließ er die Einwickelpapiere und den Umschlag unter der Tagesdecke seines Bettes verschwinden. - Keinen Moment zu früh. Die Zellentür öffnete sich. Draußen stand der Stellvertreter des Leiters der Jugendstrafanstalt, zusammen mit einem weiteren Aufseher und einem vermutlich 17-, vielleicht knapp 18-jährigen. "Ihr neuer Zellengenosse!" wurde ihm gesagt. "Der Privatkrempel ihres bisherigen Zellengenossen wird gleich abgeholt!" Dann stutzte der Aufseher. "Was ist das?!" Ehe Dirk Andergaster reagieren konnte, hatte der Beamte den Pergamentbogen ergriffen starrte ihn an, versuchte - ganz offensichtlich vergebens - irgendeinen Sinn in dem zu erkennen, was da auf dem endlos langen Pergament stand, und fragte dann: "Was ist das für ein Geschreibsel? Wo kommt das her? - Wer schickt Ihnen codierte Nachrichten?!" Instinktiv erkannte Dirk, dass der Anstaltsmitarbeiter - und der stellvertretende Direktor - im Gegensatz zu ihm selbst wirklich kein Wort von dem, was Timo ihm geschrieben hatte, lesen konnten. Ohne rot zu werden log er daher: "Das weiß ich ebensowenig, wie Sie, Herr Wachtmeister!" "Justizoberwachtmeister!" schnarrte dieser. "Und was meinen sie, mit "Sie wissen es nicht"?!" Dirk behauptete glattweg, nichts von dem, was auf dem langen Pergamentbogen stand, lesen zu können, und gab an, dieses habe sich im Gitter seines Zellenfensters verfangen, und müsse wohl von einem der darüber liegenden Fenster hinabgeworfen worden sein. Der Justizoberwachtmeister, er hieß Jacob Lorenz, war zwar wenig geneigt, Dirk dies zu glauben, aber weder er, noch der Stellvertreter des Anstaltsleiters konnte ihm beweisen, dass er nicht die Absicht gehabt hatte, es beim Einschluss dem Schließer vom Dienst zu übergeben - oder dass er darauf mehr entziffern konnte, als ein komplett sinnloses Wirrwar von Ziffern und Buchstaben, wie die Beamtem selbst. "Ist beschlagnahmt!" lautete die - vorhersehbare Entscheidung, der Dirk, der ja vorgab, dass es ihm nicht gehörte, und - zumindest seines Wissens - nicht für ihn bestimmt sei, mit keinem Wort widersprach. Während der Justizoberwachtmeister alle Mühe hatte, die zweieinhalb Meter Pergament auf ein einigermaßen handliches Format zusammenzufalten, räumte sein neuer Mithäftling seine Sachen ein, und ein Kalfaktor - ein fast 21jähriger - stopfte die Sachen des vormaligen Zellengenossen in einen mit dessen Namen gekennzeichneten Pappkarton. "Vertragt Euch!" wurde ihnen noch auf den Weg gegeben, und "um 19 Uhr - also in einer Dreiviertelstunde - ist Einschluss, 20 Uhr Abendessen, um 21 Uhr dreißig Bettruhe!" "An mir soll es wirklich nicht liegen, was das Vertragen angeht!" meinte Dirk, und stellte sich dem neuen Mithäftling mit den Worten "Tach! Ich bin Dirk Andergaster, bewaffneter Raubüberfall, vier Jahre ... noch zwei vor mir!" vor. "Tach ooch!" entgegnete sein künftiger Zellengenosse. "Constantin Werner, Bandendiebstahl ... und Hehlerei. Hab' mit Kumpels, die wie ich Hänger beim Dortmunder Charter vom MC war'n Mopeds und Kräder geklaut, und die Teile auf Flohmärkten vertickt, eh' sie uns erwischt ha'm!" Er lachte giggelnd. "Ein Jahr und neun Monate! - Aber nur, weil ich mich geweigert hab' zu singen...!" Dirk, bei dem bei den Worten "Charter" und "MC" alle Lampen angingen, konnte es sich denken: Natürlich waren Full Patch Members des Motocycle Clubs in den Bandendiebstahl und die Bandenhehlerei verwickelt, und der junge Hang-around, der wohl davon träumte, nach seiner Entlassung Prospect und womöglich irgendwann selbst Vollmitglied der berüchtigten, internationalen Bikergang zu werden, hatte die Schuld auf sich genommen, und geschwiegen. - Dirk war sich nicht sicher, ob dies nun eine kluge oder eine dumme Entscheidung darstellte...

In jedem Fall wurden sie eine halbe Stunde später eingeschlossen, eine weitere Stunde später gab es das Abendessen - pro Nase drei Scheiben Graubrot, Magarine, Lyoner, Scheibletten-Käse und eine Kanne kalten Pfefferminztee, und kurz vor 21 h wurde das Geschirr vom Kalfaktor wieder wieder abgeholt. Dirk ertrug, dass ihn sein neuer Zellenkumpel mit begeisterten Erzählungen von mehreren Festivals im Clubhaus der Biker, bei denen er zugegen gewesen war, die Ohren volllaberte, und gab nur gelegentlich ein "Jo!" oder "Toll!" oder "Echt Klasse!" von sich. Er war schon froh dass dieser Constantin Werner wenigstens nicht dauernd rassistischen Witze erzählte, und rechtsradikale Parolen von sich gab, wie es sein Vorgänger getan hatte. Als sein Mithäftling sich hinter den Sichtschutz, aufs Klo verzogen hatte, holte er den Umschlag von Timos Brief unter der Tagesdecke hervor, und versteckte ihn unter seiner Matratze. Er hatte keine Ahnung, ob auch die Anschrift für jeden, außer ihm selbst unleserlich war, wollte es aber nicht darauf ankommen lassen. Im Seidenpapier, das er unter sein Kopfkissen stopfte, entdeckte er zwei sechseckige, bunte Pappkärtchen. Scheinbar eine Art von Sammelbildern, dachte er bei sich. Verblüfft betrachtete er die Abbildungen: Ein gewisser "Albus Dumbledore" und ein Finsterling, der laut Bildunterschrift "Ethelred the Ever-Ready" hieß. - Die Abgebildeten, die wie Zauberer in Märchenbüchern für Kinder wirkten, bewegten sich doch tatsächlich! - Er hatte wirklich nicht gewusst (und hätte auch nie damit gerechnet), dass es bereits derart lebensechte Drei-D-Holo-Abbildungen gab! - Das war fast wie Science Fiction im TV oder in Comics! Daran, und an den Inhalt von Timos Brief aus dieser ominösen Internatsschule in den österreichischen Alpen, die sein Halbbruder angeblich besuchte, und den er gerne noch ein weiteres Mal gelesen hätte, musste er noch sehr lange nach dem offiziellen Lichtlöschen um 21 Uhr dreißig denken... [A 21]

Nachspiel im Bundesamt

Edmund F. Drekker saß - wie üblich - hinter seinem Schreibtisch im Bundesamt für magische Wesen in Bonn, und war mehr als genervt. - Das "Problem" mit der Sabberhexe und deren Hütte in der Gelsenkirchener Kanalisation war noch immer nicht bereinigt! - Dabei hatte er nun wirklich versucht, dieser Kreatur eine goldene Brücke zu bauen: Er hatte ihr per Eule zwei Delogierungs-Bescheide geschickt, beide höflich formuliert, unter Verweis auf die Gefahr einer massiven Verletzung auf das Internationale Statut zur Geheimhaltung der Magie und mit einer großzügig angesetzen Frist. Natürlich hatte er ihr mehreren Alternativen angeboten, wo sie sich unterirdisch ansiedeln konnte, wie sie es offenbar bevorzugte ohne die Geheimhaltung der Magie zu gefährden. - Lange aufgegebene Bergwerksstollen, die nicht in irgendwelche berghistorischen Einrichtungen, Schaubergwerke und Industriekultur-Projekte der Muggel eingebunden waren, und wo sie ihre Hütte ohne Probeleme legal - und unter von fachkundigen Mitarbeitern seiner Behörde installierter Muggelabwehr - aufstellen konnte und durfte. Als sie auf die ersten beiden amtlichen Posteulen nicht reagierte, hatte er eine dritte mit einer weit dringlicher formulierten Aufforderung folgen lassen, und als auch diese unbeantwortet blieb, eine Vorladung, auf die die Sabberhexe gleichfalls nicht reagierte. - Schließlich hatte er ihr eine letzte Frist zum Verlassen der Gelsenkirchener Kanalisation und zur Entfernung ihrer Hütte gesetzt, ein 24-Stunden-Ultimatum. - Nun strafbewehrt. Diesmal hatte die Empfängerin nicht nur keine Reaktion gezeigt, sondern die amtseigene Posteule war zudem spurlos verschwunden. Drekker argwöhnte, dass der Vogel sein Ende im Suppentopf betreffender Sabberhexe gefunden hatte, was er sehr bedauerte, da er sich für die amtseigenen Eulen, die er aussandte, verantwortlich fühlte. Daraufhin hatte er seinen Mitarbeiter Steiner zunächst solo, und später mit einem kompletten Greiftrupp des magischen Strafverfolgungskommandos sowie einer Meute extra für derartige Aufgaben abgerichteter Crups losgeschickt. Auch in einem halben Dutzend Anläufe hatten diese es jedoch nicht geschafft, die illegale Hütte und ihrer Bewohnerin im Kanalnetz Gelsenkirchens zu lokalisieren, die wieder und wieder ihren Standort wechselte (und weiterhin Anlass zu Meldungen durch die Muggel-Kanalarbeiter lieferte)! - Es war, so überlegte Edmund F. Drekker, als ob sich die fragliche Hütte auf Hühnerbeinen durch die Unterwelt Gelsenkirchens bewegen würde, wie seiner Zeit das legendäre Häuschen der Babayaga!

Drekker seufzte, als im amtseigenen Kamin plötzlich ein grünes Feuer aufloderte. Welcher Flohpulver-Reisende platzte einfach so, ohne Vorwarnung in sein Büro?!

Er entspannte sich etwas, als er sah, dass es sich um seinen Mitarbeiter Reichwein handelte. Dieser hatte natürlich jederzeit Zugang zu seinem Büro, auch, wenn das Erscheinen dieses Zauberers in der Regel weitere, zusätzliche Arbeit oder neue Schwierigkeiten bedeutete. "Kollege Reichwein, ...?!" "Herr Ministerialrat!" entgegnete dieser. Sein Besucher hielt ein - unsachgemäß zusammengefaltetes - langes Pergament in Händen. "Zwei und ein halber Meter Pergament, mit Tinte beschrieben, und mittels Arithmantik auf einen Vornahmen und ein Geburtsdatum verschlüsselt. Wurde vor zwei Tagen in einer Einrichtung des Jugendstrafvollzugs der Muggel in Gelsenkirchen sichergestellt!" "In einer Jugendstrafanstalt der Muggel? - Und ausgerechnet in Gelsenkirchen...?!" Edmund F. Drekker stutzte. Er dachte an den Bericht seiner beiden Mitarbeiter, die er zu Frau Andergaster geschickt hatte, um sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ihr mittlerer Sohn - Timo Andergaster - ein Zauberer sei, und künftig die Zaubererschule auf Schloss Bergklamm in Österreich besuchen würde. Ein Detail des Berichts besagte, dass Timos älterer Halbbruder Dirk Andergaster (ohne zweifel ein Muggel) seit zwei Jahren in einem Jugendgefängnis saß... wegen eines bewaffneten Raubüberfalls, wenn er sich recht erinnerte. "Ja! - Das Pergament wurde - nachdem sich die Gefängnisleitung am Code die Zähne ausgebissen hatte - der Kriminalpolizei Gelsenkirchens und dort der Staatsschutz-Abteilung übergeben, die ebenfalls an der Entschlüsselung gescheitert ist. Das nordrhein-westfählische LKA konnte ebenfalls nichts damit anfangen... und ehe sie es dem Landesamt für Verfassungsschutz weiterreichten, hat eine unsrer Muggelverbindungspersonen im Landeskriminalamt interveniert, und das fragliche Dokument sichergestellt," erklärte Reichwein. "Wobei: Eine Gefahr für die Geheimhaltung der Magie besteht nicht, da die Muggel eine arithmantische Verschlüsselung in keinem Fall knacken können: Nicht mit einer Enigma, nicht mit den Mitteln, mit denen die Briten damals, vor '45 in Bletchley Park die Enigma-Verschlüsselung entschlüsselt haben, und auch nicht mit den modernsten Supercomputern, die der BND oder die amerikanischen, französischen oder auch russischen Dienste heute einsetzen!" - Das, so überlegte Drekker, traf zweifelsohne zu. Mit nicht-magischen Mitteln war einer Verschlüsselung mittels Arithmantik nicht beizukommen. - Er und seine Mitarbeiter am Bundesamt hatten da dagegen andere Möglichkeiten... Gut, ein einfaches "Revelio" tat es auch nicht, und auch mit dem Enthüller war es nicht getan, aber das war schließlich nicht alles, was ihm als Leiter des Bundesamtes für Magische Wesen zur Verfügung stand. Keine 10 Minuten später konnte er den Brief ebenso in Klartext lesen, wie der berechtigte Empfänger, bei dem es sich um keinen anderen als den 18jährigen Häftling und Bruder Timos - Dirk Andergaster - handelte. Der Ministerial- und Geheimrat war irgendwie nicht wirklich überrascht. Interessiert nahm er zur Kenntnis, dass Timo bei der Verschlüsselung die Kombination der Empfängermerkmale "Dirk" als Vorname und des Geburtsdatums des seit zwei Jahren inhaftierten jungen Mannes (achtstellig) zugrunde gelegt hatte. Er meinte sich zu erinnern, dass Timo in dem Gespräch mit den beiden Mitarbeitern des Bundesamtes und seiner Mutter ausgesprochen deutlich gemacht hatte, wie wenig er den gemeinsamen Familiennamen mochte. Deshalb wohl bloß der Vorname "Dirk" und das Geburtsdatum, wobei es natürlich ebenso gut möglich war, dass der rothaarige, für sein Alter von fast 12 recht kleine Junge auch den zusätzlichen Aufwand gescheut hatte, auch den Nachnamen "Andergaster" zur Bedingung zu machen, um den berechtigten Leser zu identifizieren. - Eine beeindruckende Leistung war die arithmantische Verschlüsselung in jedem Fall. Edmund F. Drekker entließ seinen Mitarbeiter Reichwein, der schließlich genug anderes zu tun hattte, ehe er sich daran machte, den an selbigen Dirk Andergaster gerichteten Brief zu lesen. - Als er damit fertig war, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken. "Blut," so überlegte er, war offenbar auch unter Muggeln (und muggelstämmigen Zauberern) dicker als Wasser, und dabei spielte es letzten Endes kaum eine Rolle, wie wenig sich die betreffenden Mitglieder einer Familie sonst mochten...

Edmund F. Drekker verzichtete darauf, Timmy wegen des Briefs eine Eule zu schicken. - Im Prinzip war dem Bub nichts vorzuwerfen: Eulenpost an Muggel zu schicken, strapazierte das Internationale Statut zur Geheimhaltung der Magie zwar erheblich, war jedoch keineswegs verboten, zumal, wenn betreffender Muggel ein Blutsverwandter eines Zauberschülers war. Dass Timmy den Brief an seinen älteren, kriminellen und inhaftierten Halbbruder mittels Arithmantik verschlüsselt hatte, stellte gleichfalls keinen Verstoß dar. - Es war, wie sein Mitarbeiter Reichwein korrekt erkannt hatte, ausgeschlossen, dass die Behörden der Muggel die Verschlüsselung knackten, egal, ob mit technischen Mitteln oder durch eine Mischung aus Intuition und purem Glück. - Und was den Inhalt anging, hatte sich Timmy tatsächlich alle Mühe gegeben, nichts zu schreiben, was gemäß des Geheimhaltungsgebots nicht für Muggel-Ohren bestimmt war (und dies auch ziemlich gut hinbekommen). Er lächelte. Arithmantik war also das Lieblingsfach des Rothaarigen, der der kleinste und jüngste der drei aus Gelsenkirchen war? - Damit hätte er beim besten Willen nicht gerechnet! (Und damit, dass dieser jetzt, nach gerade einmal drei Wochen auf der Zaubererschule darin bereits so weit war, dass er die Verschlüsselung seines Briefs eigenständig hinbekommen hatte, ebensowenig). Er überlegte, wer jener "Aidan Ammand" war, mit dem Timo/Timmy sich auf Schloss Bergklamm angefreundet hatte. Der erwähnte Drittklässler "Antonio", ein Freund Alexander Walters, war ihm bekannt: Antonio Ricca, aus Karlsruhe. Italienischer Abstammung, und muggelstämmig, auch, wenn er in seiner Ahnenreihe vermutlich vor ein paar Generationen mindestens eine Hexe hatte. Drekker überlegte, dass dessen familiärer Hintergrund für seinen Geschmack beinahe ZU gut zu dem Trio aus Gelsenkirchen passte... Aber auf der anderen Seite: Wann war je etwas gutes dabei herausgekommen, wenn sich Behördenvertreter in die Freundschaften heranwachsender, junger Menschen - egal, ob Muggel, oder Zauberer - einmischten, und versuchten, diese auseinander zu bringen? - Daher zuckte er die Achseln, entschied, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und wandte sich wieder seinem Tagesgeschäft zu.

Herbstwochen auf Schloss Bergklamm

Die Wochen auf Schloss Bergklamm gingen ins Land, und der September in den Oktober über. Dichter, feuchter und unangenehm kühler Nebel füllte nicht selten die Alpentäler, sofern es nicht gerade regnete. Die Schüler der österreichischen Zaubererschule stöhnten ob der Massen an Hausaufgaben, und angesichts der zunehmend schwierigeren Zauber, Verwandlungen und Tränke, die man im Unterricht von ihnen erwartete.

In Pflege magischer Geschöpfe befassten sie sich mit der magischen Hunderasse der Crups und der magischen Katzenrasse der Kniesel, und erfuhren, dass Kniesel-Katzenmischlinge unter Hexen und Zauberern (und selbst Squibs) äußerst begehrt waren. - Auf Prof. Lahbs Weisung hin brachten alle Katzenbesitzer in der 1-A ihr Haustier mit in dessen Unterrichtsstunde zu diesem Thema, aber wie er feststellte, hatten weder „Ozimydias“ noch „Mimmi“ Kniesel-Gene. In Mimmis Fall fand die Besitzerin Martina Alpermann das äußerst bedauerlich, während Aidan meinte, dass sein schwarzer, kampfgezeichneter, einäugiger und leicht übergroßer Kater auch so schon außergewöhnlich genug sei.

Die «Felsklamm-Fledermäuse» bestritten drei weitere, reguläre Partien Quidditch, von denen sie die ersten zwei gewannen (wenn auch die eine nur knapp) und die dritte mit 90 zu 170 Punkten verloren. Das Spiel ging gegen Elizza Zinns Team, das sich «Flying Unicorns» nannte, und als Emblem ein ungewöhnlich pummeliges, perlweisses Einhorn mit Regenbogen-Mähne und -Schweif und geradezu lächerlich winzigen Putten-Flügeln auf dem Rücken führte, und - von Elizza abgesehen - mehrheitlich aus Zweitklässlerinnen bestand. Es stand 90 zu 20 für die «Fledermäuse», als ein Klatscher den Sucher der «Fledermäuse», Aidan Ammand, zu einer ungeplanten Richtungsänderung zwang, durch die er anschließend keine Chance mehr hatte, den Schnatz vor Elizza zu erwischen. Niemand war darüber mehr enttäuscht, als er selbst... Corazon Loewenthas Team der «Halainer Habergeissen» hatte jedenfalls sein zweites, drittes und viertes Match - nach seiner Auftakt-Niederlage gegen die «Felsklamm-Fledermäuse» - klar gewonnen, und lag daher was gewonnene und verlorene Partien anging mit der Mannschaft der Freunde gleich auf, während es nach Punkten sogar ganz knapp führte.

Will übte regelmäßig Tuba, was – dank der dicken Schlossmauern – möglich war, ohne dass er seine Nachbarn zur Rechten und zur Linken gestört hätte. Timmy dagegen war unter allen Erstklässlern ihres Jahrgangs derjenige, der als erster die Aufgabe meisterte, einen Fluch (er hatte die Ganzkörperklammer, Petrificus Totalus gewählt) mittels Arithmantik auf das Schloss eines Schrankkoffers zu verankern (was eine ziemlich effektive Diebstahlsicherung darstellte). - Steve auf der anderen Seite war verflixt froh, dass er das für das erste Trimester auf dem Zaubererinternat zur Verfügung stehende Gold bei Gringotts nicht bis zur letzten Galleone abgehoben hatte: Sein Zaubertränke-Buch wurde durch eine Kesselexplosion in Woche Fünf so gründlich ruiniert, dass auch der Zaubertranklehrer Dorcas Ferro mit einem "Reparo" nichts mehr retten konnte. So schickte er – auf Weisung des Fachlehrers – seine Eule „Christl“ mit einer Zahlungsanweisung für die Gringotts-Filiale und einer Bestellung für ein neues Exemplar von „Zaubertränke und Zauberbräue“ in die Karl-Schattenlicht-Straße nach Bonn. In Verwandlung waren sie mittlerweile soweit, Zuckerzangen, Löffel und Kuchengabeln in Karkalaken zu verwandeln – was Timmy zwar als erster korrekt hinbekam, aber trotzdem ausgesprochen eklig (und im Prinzip auch unsinnig) fand...

Corazon Loewenthas rundlicher Ratte „Joe“ ging es nach wie vor blendend (während ihre Herrin – trotz der hervorragenden und überreichlichen Verpflegung auf Schloss Bergklamm - einfach nicht zunahm, und nach wie vor eine klapperdürre Erscheinung blieb, an der ihre abgetragene und zigfach geflickte Schuluniform hing, wie an einer Vogelscheuche). Die Rennmaus, die bei Timmys missglücktem Versuch, aus einer Teetasse ein Nadelkissen zu machen, entstanden war, wurde dagegen von Wills Mungo „Joker“ gefressen. Timmy konnt dies dem Haustier seines kräftig gebauten Freundes allerdings kaum übel nehmene, da Ratten – oder eben Mäuse – zu jagen, nun einmal ebenso in dessen Natur lag, wie der Kampf gegen giftige Schlangen. Zudem hätte sie - wenn sie nicht von dem Mungo verspeist worden wäre - ihr Ende vermutlich im Magen einer der diversen Eulen, Katzen oder Frettchen gefunden...

An sonsten stand Halloween vor der Tür, das man hier ebenso feierte, wie im britischen Hogwarts, und das von den Erstklässlern – nach den begeisterten und farbenfrohen Erzählungen der älteren Schüler – voller Spannung erwartet wurde...

Halloween-Woche auf Schloss Bergklamm

Geistergeschichten

Halloween rückte näher. - Und ein Novum - für die Erstklässler und Erstklässlerinnen - war, dass sich die Geister von Schloss Bergklamm zeigten. Anders, als im britischen Hogwarts ließen sich die Gespenster, die es in der österreichischen Zaubererschule durchaus gab, in der Regel nämlich kaum einmal vor den Schülern sehen - mit der großen Ausnahme der letzten ein, maximal zwei Wochen vor Halloween!

Will beging den Fehler, einen triefend nassen, langhaarigen weiblichen Geist, der am Morgen des 29. Oktober um vier Uhr in der Früh sein Bad schwebend durch die Außenmauer betrat, als der Jung-Zauberer gerade einem dringenden menschlichen Bedürfnis nachkam, mit einer Ganzkörperklammer anzugreifen. Zu seinem Entsetzen musste er erkennen, dass diese bei einem Geist ohne jede Wirkung blieb, und der folgende Kälteschock, als die bleiche, durchscheinende Erscheinung ihn passierte, war alles andere, als angenehm. Hinzu kam noch, dass der ob der - als unprovoziert empfundenen - Attacke verärgerte Geist seiner Schuluniform und Wäsche für den folgenden Tag komplett durchnässte, und diese bis es Zeit zum Frühstück war, noch längst nicht wieder trocken war!

Alexanders und Antonios Reaktion, die ob seines empörten Berichts am Frühstückstisch in schallendes Gelächter ausbrachen, trug wenig dazu bei, seine Laune zu bessern, jedenfalls, bis Antonio seine Kluft mit einem einfachen Alltagszauber rasch und vollständig trocknete. Zudem wusste Alexander zu berichten, dass die unglückliche Hexe, deren Geist er irrtümlich mit einem Fluch bedacht hatte, im siebzehnten Jahrhundert, im Rahmen einer sogenannten "Hexenprobe" im Gebirgsbach am Fuße des Berges ertränkt worden war. "Der Bischof, dessen Land- und Jagdsitz wie auch Fluchtburg Schloss Bergklamm war, das sich seiner Zeit noch auf dem Gipfel des Berges erhob, war nämlich einerseits einer der Köpfe hinter einer ausufernden Hexenverfolgung, die damals in jener Region tobte. - Gleichzeitig war er aber auch selbst ein Zaubertrankbrauer, Hexenmeister und Schwarzkünstler, der die Muggel- und Zwergenbevölkerung seiner Ländereien mittels schwarzer Magie knechtete!" verriet Alexander Walter den dreien. "Es heißt," so erläuterte er im Flüsterton, "er habe Einhornblut gesoffen, und die Muggel mittels des heutzutage streng verbotenen, als unverzeihlicher Fluch eingestuften und allgemein geächteten Imperiusfluchs dazu gezwungen, sich im wahrsten Sinne des Wortes bei der Frohnarbeit beim Ausbau Schloss Bergklamms zu Tode zu schuften. Angeblich soll er sich auch im Besitz eines der legendären, unberührbaren Zauberstäbe befunden haben, welche statt aus Holz aus dem Horn eines gemeuchelten Einhorns gefertigt waren, und die kein redlicher Magier anfassen - geschweige denn benutzen - kann! [A 22] Als er schließlich vom damaligen magischen Rat dessen, was später das Kerngebiet der Donaumonarchie werden sollte, und heute die Republik Österreich ist, gestürzt und zur Strecke gebracht wurde, erwiese es sich als unmöglich, Schloss Bergklamm von allen Spuren der Magie zu reinigen. - Daher entschied sich die magische Gemenschaft der Alpenregion, seine Fluchtburg für immer den Blicken der Muggel zu entziehen: Während das Schloss scheinbar von Söldnern in Brand gesetzt und durch das Feuer und die folgende Explosion großer Mengen an Schießpulver vollkommen zerstört wurde, versetzte man es in Wahrheit stattdessen in die Kaverne im ausgehöhlten Inneren des Berges! Anschließend entschied die Zauberergemeinschaft der umliegenden Herzogtümer sich dafür, dass das Schloss künftig als Zaubererschule genutzt werden sollte, um künftige Generationen von Hexen und Zauberern zu lehren, ihre Magie in verantwortungsbewusster Art und Weise zu gebrauchen!" "Wow! - Was für eine finstere und grausige Geschichte...!" Timmy sprach aus, was auch Steve, und Will bei den Worten des älteren Feundes dachten, und keiner der drei Buben aus Gelsenkirchen konnte dabei ein Schaudern unterdrücken. "Ist das der Grund, warum man hier so eine ablehnende Haltung gegenüber schwarzer Magie vertritt?" wollte Will schließlich wissen. "Es hat zumindest zu einem entscheidenden Teil dazu beigetragen, dass die praktische Ausübung und Anwendung der dunklen Künste auf Schloss Bergklamm seit Gründung der Schule nie Teil des offiziellen Lehrplans war..." bestätigte Prof. Lahb, der - von den fünfen unbemerkt - an ihren Tisch getreten war. "Die unglückliche Anabelle ist im übrigen nur eines der Gespenster, die auf jene düsteren Zeiten zurückgehen. - Sie - und die Geister der anderen Opfer von damals - gemahnen uns alle jedes Jahr um diese Zeit daran, dass das Internationale Statut zur Geheimhaltung der Magie letztlich eine gute Sache ist, und alle Phantastereien von einer Welt, in der sich die Magie nicht zu verstecken braucht, weil die Magier mittels Schwarzer Magie offen über die Muggel herrschen, nichts in irgendeiner Form wünschens- oder erstrebenswertes darstellen...!" Der gekrächzte Einwurf von Timmys Raben "Blackbird", der in pathetischem Ton verkündete: "Alte Flüche vergehen nie! - Alte Flüche kehren wieder!" brachte dem Vogel diesmal auch von ihrem Lehrer in Pflege magischer Geschöpfe einen bitterbösen Blick ein. Dieser schüchterte offensichtlich selbst ihn ein, brachte ihn umgehend zum Verstummen, und veranlasste zudem Wills Mungo "Joker" dazu, sein vergnügtes Keckern nach dem Genuss seines allmorgendlichen, rohen Eis und einer Schale Sahne vorübergehend einzustellen. "Weiß... weiß man eigentlich, was aus dem Bischof, Schwarzkünstler und Hexenjäger wurde?" erkundigte Steve sich, als Prof. Lahb sich abgewandt hatte, und weitergegangen war. "Allerdings!" bestätigte Antonio. "Zum einen gibt es hier im Schloss ein magisches, zu seinen Lebzeiten gemahltes Portrait von ihm, das - dank eines Dauerklebefluchs - nie entfernt werden konnte, und zum anderen geht sein Geist bis heute auf Schloss Bergklamm um." Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab: "Es heißt, er habe eine Überdosis des Suds des lebenden Todes geschluckt, um sich seinem Richtspruch zu entziehen... aber das soll ihm auch nicht geholfen haben! - Die Zauberer, die ihn überwältigt hatten, erkannten, was in Wahrheit mit ihm los war, und die Strafe, die ihn ereilte, soll furchtbar gewesen sein: Man nahm ihm seinen Zauberstab, zertrümmerte ihm die Fingerknochen beide Hände wie auch Ober- und Unterarme, Knie und Unterschenkel, schlug ihn in so enge Ketten und eiserne Reifen, dass er zu keiner Bewegung mehr fähig war, und schnitt ihm die Zunge heraus, so dass er keinen Zauber mehr sprechen konnte. Anschließend kleidete man ihn zum Hohn in sein volles Bischofsornat, ehe man ihn im tiefsten Kerker von Schloss Bergklamm in einer Nische lebendig einmauerte!" "Abscheulich, was Menschen anderen Menschen antun...!" meinte Timmy, der angesichts von Antonios Erzählung reichlich blass um die Nase geworden war, und auch Will und Steve war der Appetit auf eine Fortsetzung ihres Frühstücks für den Augenblick vergangen. Alexander nickte bestätigend, und meinte, das, was seiner Zeit unter dem gefürchteten und verhassten Hexenbürgermeister Hermann Cothmann in seiner Vaterstadt Lemgo geschehen sei, wäre in vielen Fällen auch nicht weniger grausam gewesen. "Heute, im Zaubertränke-Unterricht, werdet ihr - ebenso, wie auch wir - im übrigen das zweifelhafte Vergnügen haben, ihn als Geist zu erleben!" meinte der Drittklässler noch, ehe er sich erhob und die große Halle verließ, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. "Er bietet zwar einen bizarren und auch eher unschönen Anblick," ergänzte Antonio noch, ehe er dem Klassenkameraden folgte, "aber er kann niemanden etwas tun, sondern nur in seiner altertümlichen Bischofsrobe und mit der Mitra auf dem halb skelettierten Kopf in seinen Ketten in der Ecke schweben. - Wobei: Ich würde Euch dringend raten, seine Ratschläge bei der Zaubertrankbrauerei geflissentlich zu ignorieren ... Die Chance, dass er Euch Tipps gibt, deren Befolgung Euch Nachsitzen bis nach Weihnachten einbringen würde, ist deutlich größer, als dass sich irgend etwas von dem, was er Euch möglicher Weise zuflüstert, als hilfreich erweisen könnte...!"

Unterricht ...findet ja auch statt

Das Ergebnis von Antonios und Alex' Erzählungen - und Prof. Lahbs Bestätigung, dass dies wohl mehr als nur einen wahren Kern haben musste - sorgte dafür, dass die drei Freunde der nachmittäglichen Doppelstunde Zaubertränke ein wenig bang entgegensahen. - Sie machten sich auf den Weg ins Klassenzimmer zur ersten Vormittagsstunde, während der Mungo "Joker" und der Rabe "Blackbird" alleine in die Zimmer ihres jeweiligen Herrchens zurückkehrten.

In der ersten Stunde stand zunächst - wie jeden Montag - Verwandlung bei Prof. Muntz auf dem Programm, der sie diesmal eine Zwiebel in eine Schnecke verwandeln ließ. Will beging den Fehler, seine Gedanken laut auszusprechen, dass dies ein hervorragendes Mittel sei, nervigen Nachbarn im Schrebergartenverein eine Retourkutsche zu verpassen, wenn die sich wieder mal über Lärm während der Ruhestunden beschwerten, oder einen wegen der eingeworfenen Scheibe eines Gewächshauses bei seinem alten Herrn verpetzten. Das bescherte ihm eine Strafarbeit von einen Meter Pergament: Er sollte bis zur kommenden Stunde Verwandlung in seinen Worten den Inhalt und die Bedeutung eines Dutzend Paragraphen des gültigen Muggelschutzgesetzes des Österreichischen Zaubereiministeriums in der Fassung von 1992 darlegen, das sich mit der Deliquenz magischer "Anti-Muggel-Scherzbolde" befasste. Obwohl es Will außerordentlich schwerfiel, den Rest der Stunde nicht vor Wut über die seiner Meinung nach unverdiente Strafe mit den Zähnen zu knirschen, gelang ihm die Ausführung der betreffenden Verwandlung bis zum Ende der Stunde nahezu perfekt. - Nur Corazon Loewentha und Aidan Ammand schafften es noch schneller, als er, ihre Zwiebel zu verwandeln!

In Arithmantik mühte sich die Mehrzahl der 1-A immer noch vergeblich damit ab, Zauber oder Flüche auf Kofferschlösser zu verankern, und ihnen wurde am Ende aufgetragen, diese Übungen in den nachmittäglichen Arbeitsstunden fortzusetzen. Mit Aidan und Elissa hatten inzwischen immerhin zwei weitere Schüler es Timmy gleich getan, und die erste, echte praktische Aufgabe in diesem Fach erfolgreich gelöst (wobei Professor Richter, die Arithmantik-Hexe, Aidans Wahl des Tarantallegra-Fluchs nicht guthieß, da dieser ihrer Auffassung nach zu bösartig war).

Anschließend folgte - wie jeden Montag - eine Doppelstunde Pflege magischer Geschöpfe. Professor Lahb präsentierte ihnen diesmal Einhörner ("Ausgerechnet!" wie die drei Freunde angesichts von Alex' und Antonios Worten beim Frühstück dachten), wobei er alle Jungen dringend davor warnte, sich den prachtvollen, pferdeartigen Geschöpfen mit dem Horn auf der Stirn zu nähern. - Nur die Junghexen unter den Erstklässlern durften sie - kurz vor Ende der Stunde - sogar streicheln, wobei Corazon Loewentha hier passen musste, da die Tiere auf sie offenkundig mindestens ebenso agressiv reagierten, wie auf männliche Zauberschüler. - Da beim Umgang mit Einhörner ja bekanntlich die Gesinnung der betreffenden Hexe - oder des Zauberers - eine zentrale Rolle spielte, zogen Timmy, Steve und Will es vor, lieber nicht näher darüber nachzudenken, was das über die Persönlichkeit, den Charakter und die Moral Corazons aussagte... Prof. Lahb selbst hatte, wie er erklärte, mehrere Jahrzehnte gebraucht, ehe sich einige wenige, einzelne Einhörner von ihm als männlichem Zauberer berühren ließen. Die Hausaufgabe, das Kapitel über Einhörner in Newt Scamanders Buch zu lesen, war - im Vergleich zu den Hausaufgaben, die andere Fachbereichsleiter aufgaben - definitiv harmlos, auch, wenn sie mittlerweile alle wussten, dass Professor Lahb in seiner nächsten Stunde in der Regel durch mündliche Fragen zum Thema prüfte, ob sie das Kapitel auch wirklich gelesen hatten.

Nachdem mittäglichen Imbiss - bei dem die drei Freunde kräftiger zulangten als sonst, nachdem es ihnen beim Frühstück ob Alex' und Antonios Gruselgeschichten ein wenig den Appetit verschlagen hatte - ging es am Nachmittag in Zauberkunst. Dort stand mittlerweile das Aguamenti - dass sie in ihrer ersten Praktischen Stunde in Verwandlung kennengelernt hatten, als Bill Muntz damit die beim Versuch sie in Nadeln zu verwandeln versehentlich entzündeten Streichhölzer löschte - als praktische Übung auf dem Programm. Weder Will, noch Steve - oder gar Timmy - hatte mit dem Zauber auch nur die geringsten Schwierigkeiten (auch, wenn Will am Ende der Stunde meinte, wenn er Wert darauf lege, nass gemacht zu werden, hätten sie dafür auf Schloss Bergklamm ja einen Geist, der dies auch ungefragt erledige, so dass dafür nun wirklich kein Zauber von Nöten sei...)

Anschließend stand Dorcas Ferros Doppelstunde in Zaubertränke im Kerker unter dem Schloss auf dem Programm, der alle drei seit dem Frühstück mit mehr als nur ein wenig Magendrücken entgegen gesehen hatten. Antonio und Alex, die gerade mit ihrer Stunde Zaubertränke fertig waren, und den Kerker verließen, taten unglücklicher Weise auch nichts, um sie zu beruhigen: während ihnen Alexander Walter ein stummes "High Five" zeigte, schnitt Antonio eine Grimasse, und machte eine mit einem "Krrkkk!" verbundene, eindeutige Geste.

Zaubertrank-Stunde

Der Zaubertränke-Lehrer begrüßte sie wie gewohnt jovial und freundlich, als sie seinen Unterrichtsraum betraten. Da er die - teils sichtlich sorgenvollen - Mienen der Erstklässlerinnen und Erstklässler und die vielen verstohlenen Blicke in Richtung der zahlreichen Ecken, Winkel und Nieschen des Kerkers richtig deutete, sah er sich zu einer Erklärung genötigt. "Ja, meine geschätzten Schülerinnen und Schüler, falls sie von Mitschülern aus den Klassenstufen über ihnen gehört haben sollten, dass Sie heute hier, in meinem Klassenraum mit der Erscheinung des Geists des einstigen Hausherren von Schloss Bergklamm rechnen müssen: Dies entspricht - bedauerlicher Weise - den Tatsachen!" Er ließ dem unvermeidlich folgenden Geraune in der Klasse ein paar Minuten Zeit, sich wieder zu legen, ehe er fortfuhr: "Der Name jenes Zauberers, der in der magischen Welt Österreichs verdienter Maßen einen ähnlichen Ruf genießt, wie die sogenannten Reiniger, welche - Jahrhunderte nach ihm - vor der Gründung des heutigen MACUSA in Nordamerika ihr Unwesen trieben, war Beutel. Zu seinen Lebzeiten bekannt als Erzbischof Augustinus Balthasar Christophorus Beutel, war er zugleich einer der eifrigsten und unerbittlichen Hexenjäger des östlichen Alpenraums, dabei selbst jedoch einer der gefürchtetsten Schwarzmagier und Hexenmeister seines Zeitalters. Zudem galt er - zu Recht - auch als überaus fähiger Legilimentor, begnadeter Zaubertrankbrauer und erfolgreicher Züchter gefährlicher, tückischer und bösartiger magischer Tierwesen! - Als seine Schreckensherrschaft schließlich ihr - unvermeidliches - Ende fand, ließen sich seine Bezwinger dazu hinreißen, bei der Vollstreckung des vorhersehbaren Todesurteils gegen ihn eine ähnliche Grausamkeit an den Tag zu legen, wie er selbst sie Zeit seines Lebens gezeigt hatte. So kam es, dass man ihn, nachdem man ihm - wie überliefert ist - die Zunge herausgerissen, und ihm systematisch die Knochen gebrochen hatte, lebendig in den Kerkern seines eigenen Schlosses - Schloss Bergklamm - einmauerte, das heute unsere und Eure Zaubererschule beherbergt!" Dorcas Ferro seufzte. "Und deshalb ist es seinem Geist bis heute möglich, jedes Jahr um Halloween herum hier, in meinem Klassenraum zu erscheinen, und meinen Unterricht zu stören...!" Sein Blick wanderte über die Klasse, und zu jener Ecke, links neben dem Lehrertisch, wo eine grünlich und bläulich schimmernde, bleiche, mit schweren Ketten gefesselte, durchscheinende Gestalt zu schweben schien, angetan mit einem altmodischen Ornat und einer Mitra, wie sie viele der muggelstämmigen Schüler von Abbildungen des heiligen Nikolaus kannten. Die eingefallenen, halb skelettierten Züge des einst wohl stattlichen und etwas kopulenten Mannes, mit den Resten grünlicher Haut, die sich über bleiche Gebeine spannte, verrieten, dass er hinter den Mauern elend erstickt, verdurstet und verhungert sein musste, als der Trank der Lebenden Toten, den er eingenommen hatte, um seine Richter und Henker zu täuschen, seine Wirkung verlor. "Sein Wirken und sein Schicksal (wie auch das des letzten Häftlings im Gefängnis von Nurmengard) sollte jedem und jeder von Euch, die vielleicht mit den dunklen Künsten liebäugeln mögen, eine eindringliche Warnung sein, dass es noch mit jedem Schwarzen Magier und jeder Schwarzen Hexe ein böses Ende genommen hat...!" Ein weiterer Blick in die Runde, ein Nicken, und dann - an die Klasse gewandt: "Aber nun genug davon! - Ich bin hier, um Euch in der Kunst der Zaubertrankbrauerei zu unterrichten, Ihr seid hier, um zu lernen... und ich denke, es gibt keinen vernünftigen Grund, warum wir diese Doppelstunde nicht in gewohnter Art und Weise hinter uns bringen könnten oder sollten!" Er warf einen Blick in sein aufgeschlagenes Exemplar von "Zaubertränke und Zauberbräue", das auf den Lehrertisch lag, hinter dem er stand, und forderte sie auf: "Schlagt bitte Seite 329 auf!" und, als er die entsetzten Blicke der Klasse registrierte, ergänzte er lächelnd: "Ich weiß, dies sollte eigentlich noch gar nicht dran sein, aber ich habe - aus aktuellem Anlass - beschlossen, diesen Trank ein wenig vorzuziehen! - Ich denke auch, Ihr seid an sich schon so weit, dass ihr es schaffen könnt... und jeder und jede, die sich mit der Rezeptur vielleicht doch überfordert fühlen sollte, darf mich in dieser Unterrichtsstunde natürlich auch um Hilfe bitten!" Irgendwie waren weder Will, noch Steve oder Timmy besonders überrascht, dass es sich bei dem fraglichen Trank auf Seite 329 ihres Zaubertrank-Buches um den auch als "Sud des lebendigen Todes" bekannten "Trank der lebenden Toten" handelte. Wie, um Fragen zu vorzukommen, verriet er der Klasse, dass selbiger Trank keineswegs Untote und reanimierte Leichname wie beispielsweise Inferi erschuf, sondern den Trinkenden vielmehr in einen scheintodähnlichen, extrem tiefen Schlaf versetzte, aus dem er selbst mittels Magie nicht vorzeitig geweckt werden konnte, ehe sie begannen, sich das Rezept und die Zubereitungsanweisungen gründlich durchzulesen.

Wie sich zeigte, waren Rezeptur und Zubereitungsanweisungen tatsächlich ausgesprochen kompliziert, aber dafür erforderte dieser Zaubertrank auch keine der vielen, ausgesprochen unappetitlichen Zutaten, die bislang dafür gesorgt hatten, dass Zaubertränke - ungeachtet des kompetenten und keineswegs unsympathischen Prof. Ferro - nicht zu Timmys Lieblingsfächern zählte. - Verblüfft registrierten er, wie auch seine beiden Freunde, dass Corazon Loewenta ein gezischtes "Läppisch!" von sich gab, und vor zum Lehrertisch eilte, um ihre Zutaten zu holen, noch ehe der Rest der Klasse mit dem Lesen des Rezepts fertig war. War das jetzt pure Angeberei - oder kannte sie den komplizierten Trank aus dem Haushalt der Sabberhexe, die sie und ihre Schwester (die nicht auf Schloss Bergklamm zur Schule ging) mit "Tante" ansprachen...? - In jedem Fall gehörte sie zu den Schülerinnen und Schülern, deren Trank als erste die - als Zwischenstufe - geforderte glatte Konsistenz und Färbung schwarzer Johannisbeeren annahm. Eingedenk Antonios Warnung, blos nicht den "Ratschlägen" des gefesselten Gespensts zu Folgen, gaben sich Timmy, Steve und auch Will alle Mühe, dessen röchelndes Flüstern zu ignorieren. Will, der mit dem regulären Arbeitsmesser größte Probleme hatte, seine schrumpelige und ziemlich harte Schlafbohne so kleinzuschneiden, dass diese genug Saft absonderte, zückte den von seinem Vater als Abschiedsgeschenk erhaltenen Dolch, mit dem es tatsächlich wesentlich besser ging - ebenso, wie mit dem Rasiermesser von Steves Opa. - Zum Glück war Dorcas Ferro mit Martina Alpermann und deren Tischnachbarn, dem kleinen Zauberer mit dem mausbraunen Haar, beschäftigt, so dass er die Verwendung anderer, als der vorgesehenen Arbeitsmesser nicht registrierte, die - möglicher Weise - Anlass zu Kritik seinerseits gegeben hätte. Kaum war der Saft dem Trank hinzugefügt, nahm dieser den vorgeschriebenen Lilaton an. Den Trank anschließend solange gegen den Uhrzeigersinn umzurühren, bis er klar wurde wie Wasser, erwies sich als zeitraubendes, monotones und wenig befriedigendes Geschäft. Corazon schien tatsächlich zu wissen, was sie tat, da sie die Prozedur erheblich abkürzte, in dem sie nach siebenmaligem Rühren gegen den Uhrzeigersinn jeweils einmal im Uhrzeigersinn rührte. Will immerhin, wie auch Timmy, Adian und die Blonde Elissa - die seit der fatalen Trankfontäne aus ihrem Kessel in der ersten Doppelstunde in diesem Fach einen besonderen Ehrgeiz entwickelt hatte - wurden rechtzeitig mit ihrem "Sud des lebenden Todes" fertig. Alle anderen einschließlich Steves hatten am Ende des Unterrichts - bestenfalls - eine der im Buch erwähnten Zwischenstufen erreicht. - Ferro zeigte sich mit den Bemühungen der Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler dennoch recht zufrieden, und äußerte, er hätte nicht erwartet, dass viele von ihnen es auf Anhieb hinbekommen würden, da dies Stoff für fortgeschrittene Zaubertrankbrauer sei. Zwei Schülern - darunter dem dicken Kevin - wurden Strafarbeiten mit Nachsitzen für den kommenden Samstag aufgebrummt, da diese offenbar auf die geflüsterten Empfehlungen des Geistes gehört hatten, so dass sie nun zwar einen hochgiftigen Trank von verheerender Wirkungsweise in ihren jeweiligen Zaubertrankesseln hatten, aber keineswegs den geforderten "Trank der lebenden Toten"... Angesichts von Corazon Loewenthas Erfolg bei der Zubereitung des Suds hob der Professor die Brauen, und meinte: "Es sollte mich nicht überraschen, dass ihre Tante ihnen bereits gezeigt hat, diesen Trank zu bereiten!" um anschließend eine eindringliche Warnung an die Klasse zu richten: "Ein korrekt zubereiteter Sud des lebenden Todes, wie unsere Corazon, Elissa, Aidan, Timmy und auch Will ihn hinbekommen haben, ist zwar an und für sich kein tödliches Gift - eine Person, die hierdurch in einen dem Scheintod vergleichbaren Schlaf versetzt wird, würde aber dennoch zuverlässig sterben, wenn man sie - nichts ahnend - bestattet, krematorisiert oder einer Autopsie unterzieht! Daher stellt die Verabreichung dieses Tranks an ahnungslose Mitzauberer oder gar Muggel in jedem Fall wenigstens einen Mordversuch dar, und würde vom Zaubergamot auch als solcher gewertet!" - Anschließend waren sie entlassen. Timmy, der irgendwie hoffte, dass Corazon Loewentha sich die Warnung des Zaubertranklehrers in dem Fall zu Herzen genommen hatte, hatte in dieser Stunde zumindest nicht bemerkt, dass sie versucht hatte, etwas von ihrem Trank heimlich aus dem Unterricht zu schmuggeln...

Letzte Stunden und Tage bis Halloween

Die Freistunden bis zum Abendessen verbrachten Will und Steve mit dem Entwerfen der arithmantischen Formel zur Verankerung eines Zaubers oder Fluchs auf ein Kofferschloss, und dem anschließenden, praktischen Prüfen ihres Entwurfs auf Funktionstauglichkeit. Will verzog dabei ein ums andere Mal grimmig das Gesicht, da er daran dachte, dass ihm - wenn er die von Professor Bill Muntz in Verwandlung geforderte Strafarbeit rechtzeitig fertig bekommen wollte - für Tuba üben vorläufig keine Zeit mehr blieb.

Auch der 30. Oktober verlief, in gewohnten Bahnen, abgesehen davon, dass Will sich tatsächlich bei dem weiblichen, triefend nassen Geist höflich entschuldigte, dass er bei dessen ersten Auftauchen in seinem Bad voreilig versucht hatte, ihn mit einem Fluch zu traktieren - und seine dafür Schuluniform diesmal - weitestgehend - trockenblieb...

Dass in Geschichte der Zauberei zwar mittlerweile Merlin und die irische, schwarze Hexe Morgana im Unterricht dran waren, der Lehrer es aber - mit Verweis auf den dicht gedrängten Lehrplan - ablehnte, die Geschichte Schloss Bergklamms selbst vorzuziehen, löste bei einem nicht geringen Teil der Schülerschaft Gemurre aus. Erst mit der Androhung zusätzlicher Hausaufgaben (aka Strafarbeiten für die komplette Klasse) schaffte der Fachlehrer es, das missmutige Geraune und Gemurmel zum Verstummen zu bringen.

In Kräuterkunde hatten sie dann die bisher ungewöhnlichste - und zumindest für die geübten, versierten Flieger auch vergnüglichste - Stunde in diesem Fach: Professorin Annabelle Longwel ließ sie ihre Besen besteigen, und zu der kleinen Farm im Tal von Schloss Bergklamm fliegen, die sie bei der Anreise vom Bus aus von oben gesehen hatten. Von dort durften sie jeweils zu zweit die riesigen Kürbisse für die Halloween-Dekoration der großen Halle holen. Das war zwar schwere Arbeit, bereitete jedoch allen - mit Ausnahme der Schülerinnen und Schüler, die sich mit der Besenfliegerei immer noch etwas schwer taten - großen Spaß, zumal, da sich zeigte, dass dort auch etliche der Tierwesen aus Prof. Lahbs Unterricht gehalten wurden. - Zudem hatte dir Kräuterkunde-Lehrerin dem Fachlehrer bescheid gegeben, bei dem sie die nächsten Stunden hatten, so dass es auch keinen Ärger gab, weil sie etwas zu spät in Zauberkunst kamen.

Beim Mittagessen, als sie Antonio und Alex wiedertrafen - denen sie seit Beginn des Zaubertrank-Unterrichts am Montag Nachmittag nicht mehr über den Weg gelaufen waren - bedankten sie sich bei Antonio für dessen Tipp, Ratschläge des Geistes von Bischof Beutel zur Zaubertrank-Brauerei geflissentlich zu ignorieren. "Dafür doch nicht...!" wiegelte Antonio ab. "Was wären wie denn für Freunde, wenn wir Euch in dieser Sache ins offne Messer rennen ließen...?" "Außerdem würdet ihr - wenn ihr Euch deshalb samstägliches Nachsitzen eingefangen hättet - mit Sicherheit Quidditsch-Training versäumen... und das wäre für die «Felsklamm Fledermäuse» schließlich das allerletzte, wo sie doch eh' schon nach Punkten hinter den «Habergeissen» zurückliegen...!" verriet Alexander noch, womit er natürlich absolut recht hatte. "Stimmt!" Steve und Will nickten. Ein Segen, dachten sie, dass auch Aidan Ammand, ihr Sucher, der die Warnung Antonios nicht mitbekommen hatte, diesbezüglich nicht in Versuchung geraten war. "Sagt mal: habe ich das richtig gesehn, am Schwarzen Brett, dass morgen - also an Halloween - ein reguläres Match für Euch ansteht?" fragte Timmy. Steve und Will blickten sich an: Das war ihnen komplett durch die Lappen gegangen! Alexander und sein Karlsruher Kumpel bestätigten dies: "Morgen ist Halloween, 31. Oktober. Feiertag, und dem entsprechend unterrichtsfrei - aber dafür haben wir ein reguläres Match, das uns die Chance gibt, im Pokalwettbewerb wieder an den «Halainer Habergeissen» vorbei zu ziehen... vorausgesetzt natürlich, wir gewinnen, und das mit einer ordentlich großen Punkt-Differenz!" "Autsch!" dachten Steve und Will unisono. Beide hätten gerne noch ein paar Trainings-Einheiten gehabt, ehe es wieder ernst wurde... - Timmy, der Will dabei geholfen hatte, seine Strafarbeit für den Verwandlungslehrer Bill Muntz zu formulieren (die Will natürlich anschließend mit Feder und Tinte selbst ins Reine schreiben musste) überlegte wiederum, dass es durchaus seine Vorteile hatte, NICHT zu den bewunderten Quidditch-Heroren zu zählen. - Deren freie Zeit, die sie wirklich nach Belieben nutzen konnten, war nämlich noch knapper bemessen, als die der übrigen Schüler! [A 23]

Hell-O-Ween auf Schloss Bergklamm

Vor dem Match

Am Morgen des 31. Oktober 1997 füllte dichter Nebel das Tal von Schloss Bergklamm, wobei die grau-weisse, wattige Masse so hoch empor reichte, dass auch die verzauberte Kavernendecke nichts anderes zeigen konnte, als nahezu konturloses Weiß und Grau. Hatten wenigstens Will, Steve und wohl auch Aidan Ammand die Hoffnung gehegt, man werde den Anpfiff der Quidditch-Partie unter diesen Umständen auf ein anderes Datum vertagen, wurden sie enttäuscht: Beim Frühstück, in der großen Halle eröffneten ihnen Alex, Antonio und ihr Teamkapitän Emil Schmitt, dass Nebel auf Schloss Bergklamm ebensowenig ein Grund sei, ein Quidditch-Spiel abzusagen oder ausfallen zu lassen, wie im britischen Hogwarts. "Im Ernst?!" Will blickte seinen Käpt'n entsetzt an. "Freilich!" Antonio schnitt eine Grimasse. "In der vergangenen Saison haben wir bei starkem Fön ebenso gespielt, wie bei strömendem Starkregen, der in den umliegenden Alpentälern für Murenabgänge sorgte, bei dichtem Schneefall und einmal sogar bei Eisregen, Blitz und Donner...! - Glaubt mir, dagegen ist so eine Nebelsuppe ein Klacks!" "Allerdings!" der Kapitän nickte. "Zumal, da wir das Glück haben, keinen Brillenträger in der Mannschaft zu haben, wie den legendären Harry Potter von den Gryffindors in deren Hausteam in Hogwarts, der mit unweigerlich beschlagenen Brillengläsern bei solchen Witterungsbedingungen wirklich nahezu blind war!" Wills Mungo "Joker" zeigte sich entschieden unwillig, Timmy und dessen Raben "Blackbird" hinaus, zum Quidditchfeld und auf die Tribünen zu begleiten, sonder verzog sich unmittelbar nachdem er mit seinem rohen Ei und einem Schälchen Milch fertig war, wieder in Wills Zimmer, wo er sich ins Bett seines Herrchens kuschelte. Timmys spöttische Bemerkung über "Schönwetter-Fans" brachte ihm einen bitterbösen Blick seines kräftig gebauten Freundes ein, und dass "Blackbird" dann auch noch krächzend den Titelsong aus dem uralten, schwarz-weissen Edgar Wallace-Film "Im Nebel, an der Themse, da passiert so mancherlei..." anstimmen musste, machte es auch nicht besser... "Ozimydias", der schwarze Kater Aidans, begleitete sein Herrchen dagegen zum Feld, und wurde von Aidan auf die Tribüne geschickt, wo er sich direkt neben Timmy niederließ (was "Blackbird" zum Anlass nahm, flügelschlagend und empört krächzend von dessen linker auf dessen Rechte Schulter zu wechseln). Corazon Loewentha, die sich die Begegnung ebenfalls ansehen wollte, zog es angesichts des kampfgezeichneten, im Nebel mit seinem einen, grün glühenden Auge fast noch bedrohlicher wirkenden Katers vor, mehr als zehn Plätze Abstand zwischen sich und dem Rotschopf sowie dem "mörderischen Katzenvieh" zu haben, wie sie zischend erklärte. - Timmy argwöhnte, dass sich ihre Ratte "Joe" in ihrer Rocktasche befand. Dass die Zuschauerränge sich bis zum Anpfiff weit weniger gefüllt hatten, als dies bei allen anderen Partien der Fall gewesen war, die er bislang auf Schloss Bergklamm erlebt hatte, überraschte ihn an diesem nebligen Tag allerdings nicht wirklich.

Fledermäuse vs. Hüter

Der Nebel dick, wie Watte, grau, weiß feucht und unangenehm kühl, lag auf dem Rasen des Quidditch-Feldes, und reichte bis hinauf, zu den Torringen. Die Sicht betrug kaum zwei Meter. "Für das Publikum wird das kein besonders sehenswertes Spiel," überlegte Steve laut. "Das Einzige, was sie durch die grau-weisse Suppe sehen werden, ist vermutlich der Quaffel - leuchtend rot, wie er ist...!" "Yep!" bestätigte ihm Antonio, und schüttelte den Kopf. "Aber - anders, als beim Wrestling im Muggel-TV geht es hier nicht darum, den Zuschauern eine Show zu bieten, sondern um Tore, Punkte und den Sieg!" Ihr Team-Kapitän bestätigte dies eifrig nickend, und, fügte speziell an Steve und Will gewandt hinzu: "Passt bloß auf, ihr beiden, dass ihr unter keinen Umständen versehentlich den Schnatz fangt - oder auch nur mit einer Hand berührt! - "Illegaler Schnatzfang" - also, durch einen Spieler, der nicht der Sucher seines Teams ist - ist eines der dümmsten und schwerwiegendsten Fouls, die es beim Quidditch gibt! - Das würde uns die Partie kosten, und dem Gegner die 150 Punkte für den gefangenen Schnatz einbringen!" Er blickte beschwörend von einem zum anderen, und auch zu Antje, Alex und Antonio. "Versteht ihr: in dieser Suppe versehentlich den Quaffel in den falschen, den eigenen Torring zu schmeissen, oder einen Klatscher unbeabsichtigt gegen einen der eigenen Spieler zu schlagen, ist zwar ärgerlich - aber das kann passieren! - Wenn jedoch einer von Euch, der kein Sucher ist, den Schnatz fängt, wäre das eine Katastrophe, und er würde sowohl sich selbst als auch die «Felsklamm Fledermäuse» zum Gespött der gesamten Schule machen...!" Alle Mitspieler nickten bestätigend. Beim gegnerischen Team, das sich «Hahndorf Hüter» nannte, hielt dessen Teamkapitän - soweit sich das sagen ließ - eine ähnliche Ansprache, ehe Schiedsrichter Prof. Horst Feistel erschien. Der hatte sich - um seine Sichtbarkeit in der Nebelsuppe zu verbessern, so gut es eben ging, für die Partie in grell rot-orange Roben und einen weiß und signalrot gestreiften Umhang geworfen, womit er beinahe wie ein Sicherheitsposten an einer Baustelle im Straßenbau der Muggel wirkte (auch, wenn keiner der Muggel-Geborenen unter den Spielern dies laut aussprach). Es folgte das übliche "Gebt Euch die Hände! ... Besteigt Eure Besen!" und - nach dem gellenden Pfiff aus der goldenen Trillerpfeife schossen die Spieler beider Teams in die Höhe - und wurden umgehend vom Nebel verschluckt.

Will sah im Nebel praktisch nichts - dann hörte er einen Klatscher heranpfeifen, und wehrte ihn mit einem gewaltigen Hieb ab, von dem er wenigstens hoffte, dass er ihn von sich und seinen Mitspielern weg und in Richtung der Gegner trieb. Gleich darauf dröhnte die - "Sonorus"-verstärkte Stimme von Schiri Horst Feistel durch den Nebel: "NEIN! - Das war KEIN Tor! - Bedaure, Will - aber Tore werden nur mit dem Quaffel erzielt - auch, wenn es ein echter Kunstschuss war, wie Du den Klatscher durch den mittleren der gegnerischen Torringe geschlagen hast! - Es ist nichts passiert... also: Weiterspielen!" Wenige Augenblicke später gab es Freiwürfe für beide Teams, weil zwei Jäger - beide ohne jede Chance, den Quaffel zu erwischen - in der Luft kollidiert waren. - Keiner der Freiwürfe wurde verwandelt. Will verursachte - zu seiner persönlichen Verdruss - einen weiteren Freiwurf gegen die «Fledermäuse», als er seinen Schläger versehentlich gegen einen gegnerischen Jäger, statt gegen einen Klatscher schwang, aber auch diesen konnten die «Hahndorf Hüter», bei denen kein einziger Schüler aus seiner und Steves Klasse und Jahrgangsstufe spielte, nicht verwandeln. Steve hätte beinahe den Schiedsrichter von seinem Besen gerissen, weil er diesen - irrtümlich - wegen der Leuchtfarbe von Robe und Umhang für den Quaffel hielt. Dafür wurde er von Feistel verwarnt, und den «Hütern» wurden drei weitere Freiwürfe zugesprochen, die diese jedoch alle weit neben die Torringe pfefferten. - Es war ein komplett chaotisches Spiel mit 14 nahezu blind fliegenden Spielern und einem Schiri, der auch nicht sehr viel mehr sah. - Und es wurde nicht besser: nachdem zwei Spieler der «Hüter» (von denen sich keiner in Quaffelbesitz befunden hatte) mit Alex, dem Hüter der «Fledermäuse», kollidiert waren, erhielten nun diese zwei Freiwürfe. - Weder ihr Teamkapitän noch die aus Ostfriesland stammende Zweitklässlerin konnten verwandeln. - Es war frustrierend!

Eine Stunde später stand es immer noch Null zu Null. Ein erheblicher Teil der Zuschauer, die ohnehin so gut wie nichts sehen konnten, hatten die Tribünen verlassen, und waren in den Berg und ins Schloss zurückgekehrt, nachdem offensichtlich war, dass es ihnen kaum möglich war, dem Spielgeschehen zu folgen. - Timmy und "Ozimydias" - wie auch Corazon Loewentha - harrten auf den Rängen aus, während "Blackbird" sich in die Luft erhoben hatte, und als flatternder Schemen erneut schräg und krächzend "Im Nebel, an der Themse, da passiert so mancherlei..." zum Besten gab. Eben konnte Timmy in der grau-weissen Suppe einen roten Streifen ausmachen - den fliegenden Quaffel - von seinem Kumpel Steve mit maximaler Kraft geworfen, und gleich darauf hörte er Aidans schrille, zornige Stimme: "Autsch! - Steve ... verdammt noch mal - pass auf, wo Du hinschmeisst! - Mein Kopf ist kein Torring!" Immerhin vergab Horst Feistel für das - unbeabsichtigte - Abschießen des eigenen Suchers mit dem Quaffel keinen Freiwurf, und Aidan Ammand hatte sich offenbar auf seinem Besen halten können, und konnte weiterspielen. - Mittlerweile kroch die feuchte Kälte des Nebels den wenigen, verbliebenen Zuschauern, die auf der hohen Holztribüne ausharrten, auch unter die Kleidung. Nur seine Solidarität gegenüber seinen Gelsenkirchener Kumpels Steve und Will (und gegenüber Aidan, Alex und Antonio) hinderte Timmy daran, die Tribüne ebenfalls zu verlassen, und sich in die Wärme des Schlosses zu verziehen. - Aber auch Corazon und der Kater "Ozimydias" unternahmen keine Anstalten, zu verschwinden. Timmy überlegte, dass der einäugige, schwarze Kater durch den Nebel vermutlich wesentlich mehr sah, als menschliche Hexen und Zauberer, und er fragte sich unwillkürlich, ob Sabberhexen vielleicht ebenfalls über Sinne verfügten, die durch den Nebel weniger behindert wurden, als die von Muggel-geborenen Zauberern wie ihm, Steve oder Will.

Dann geschah das, was Spieler, Zuschauer und Schiedsrichter nach sage und schreibe 125 frustrierenden, torlosen Minuten erlöste: Aidan, der sich verzweifelt bemühte, im Nebel den gegnerischen Sucher auszumachen, entdeckte den goldenen Schnatz! - Dieser flog dicht hinter Steve, dessen weißblonden Kopf der farbige Junge gerade im Nebel ausgemacht hatte, und der sich im Augenblick in Quaffelbesitz befand, und auf die Torringe der «Hahndorf Hüter» zuflog, die - ungeachtet des Namens - natürlich mit lediglich einem Hüter spielten. Er riss seinen Besen in eine scharfe Linkskurve und beschleunigte, so gut dies nur ging. Steve brüllte auf, und ließ vor Schreck den Quaffel fallen, da er glauben musste, sein eigener Sucher sei verrückt geworden, und würde einen Jäger des eigenen Teams angreifen. Aidan schoss dicht über den Rücken Steves hinweg, der versuchte, den langsam nach unten sinkenden Quaffel wieder zu erwischen, streifte dessen Umhang mit den Borsten seines sorgfältig gepflegten Nimbus 2000, und bekam den Schnatz an dessen hektisch flatternden, goldenen Flügelspitzen zu fassen, ehe dieser ein weiteres Mal in der Nebelsuppe verschwinden konnte! "Ich hab ihn!" brüllte er, und nahm auch die zweite Hand vom Besenstiel, um ihn richtig umfassen zu können, damit er ihm nicht wieder entkam, ehe Feistel das Spiel abpfiff. - Es war reines Pech, dass Steve sich - den Quaffel mit beiden Händen haltend - just in dem Moment auf seinem Besen aufrichtete, so dass dessen weißblonder Kopf und Schultern mit dem Besen des Farbigen kollidierten, und beide Jungen in der Folge samt ihren Besen, dem Quaffel und dem Schnatz dem Rasen des Quidditschfelds entgegentrudelten. Zum Glück schafften beide es noch, ihren Fall abzufangen, aber die Landung fiel dennnoch nicht eben sanft aus.

... und Dementoren

Als beide sich wieder aufgerappelt hatten, standen sie ich grimmig starrend gegenüber: Steves Schädel fühlte sich an, als habe jemand seinen Kopf mit einem rohen Ei verwechselt, das es in die Pfanne zu hauen galt, während Aidan - den Schnatz mit der Linken umklammert - ihm mit anklagendem Blick seinen Nimbus entgegenstreckte, an dessen Schweif etliche Reiser geknickt waren. Um die Buben schälten sich zwei Gestalten aus dem Nebel. Steve dachte im ersten Moment, es sei ihre Arithmantik-Lehrerin, Professorin Alinka Richter, in ihrer langen Robe, aber Aidans beinahe panischer Schrei: "Dementoren!" belehrte ihn eines Besseren (respektive: Schlechteren). - Zwei dieser in Kaputzenumhänge gehüllten Gestalten waren es, die aus dem Nebel auf sie zuglitten. Instinktiv stellten die Buben, denen klar war, dass der Versuch, wegzulaufen aussichtslos war, Rücken an Rücken, und packten ihre Besen, um sie als Schlagwaffen zu gebrauchen. "100 Galleonen für einen ordentlichen Knüppel!" dachte Steve. Die Schläger der Treiber ihres Teams - Will und Antonio - würden ihnen in dieser Situation vermutlich bessere Dienste leisten, als ihre Besen... Stumm glitten die Schreckensgestalten in ihren schwarzen Kutten, deren Säume wie mit fluoriszierenden Schimmel überzogen wirkten, durch den Nebel auf die Jungen zu. Sie reckten ihnen die schleimig und gleichzeitig wie verschorft wirkenden Hände entgegen, die aus den Kuttenärmeln ragten. Steve hatte zwar noch nie in seinem Leben eine Wasser- oder Eisleiche gesehen, aber er hatte das Gefühl, dass die Hände einer solchen haargenau so aussehen mussten. Die Kälte, die die beiden anwehte, wurde immer unerträglicher. Steve spührte das Herz in seiner Brust - wie seine Finger, die den Stiel seines geliehenen Besens umklammerten - langsam taub werden, während seine Lungen zugleich brannten und schmerzten. In seinem Kopf sah er Bilder: Er selbst, wie er von den Dementoren an den Armen gepackt abgeführt wurde, einen Edmund F. Drekker und eine Frau Professor Haten, die ihn beschuldigten, ein Dieb und nur durch Diebstahl an seine Zauberfähigkeit gelangt zu sein. "100 Jahre Einzelhaft in Nurmengard!" hörte er die Donnerstimme eines Richters durch seinen ohnehin schmerzenden Kopf dröhnen. Verzweifelt hieb er mit seinem Besen nach den schleimigen, kalten Händen der Dementoren, die jedoch keinerlei Schmerz spürten, und gar nicht daran dachten, zurückzuweichen. - Aidan ging es nicht besser: Er sah seinen Kater, "Ozimydias", vor sich liegen, zerfleischt, von einer großen Bestie, nicht mehr zu retten, und Prof. Lahb, der ihm enttäuscht und zornig vorwarf, ein "verantwortungsloser Bengel" zu sein, der nicht auf sein Haustier achtgebe... Als die beiden schon glaubten, sich keinen Moment länger auf den Beinen halten zu können, und ihre Besen ihnen aus den Händen zu gleiten drohten, traten weitere Gestalten aus dem Nebel. Die Jungen glaubten im ersten Moment, weitere Dementoren würden sich ihren beiden Gegnern anschließen, wurden jedoch im nächsten Moment eines Bessernen belehrt: Ein dreifaches "Expecto Patronum!" donnerte aus den Mündern der Neuankömmlinge, und drei gewaltige, silberne Tiergestalten rasten aus Zauberstabspitzen auf sie zu, stürzten sich auf die Dementoren, und trieben diese in die Flucht, ehe diese Hand an die beiden Erstklässler legen konnten. Steve erkannte in den Lichtgestalten einen mächtigen Abraxaner, ganz offensichtlich von Prof. Lahb heraufbeschworen und einen Igel, groß wie ein ausgewachsenes Stachelschwein. Der dritte Patronus war ein silberglänzender Panther, über dessen Erscheinen Aidan Ammand - ungeachtet der hässlichen Erfahrung, die sein Kater "Ozimydias" in der Vergangenheit mit einer solchen Raubkatze gemacht hatte - nicht weniger glücklich war, als Steve. Als die Dementoren von den Patroni der drei Lehrer vertrieben wurden, wich die tödliche Kälte ebenso, wie auch das schier unerträgliche Gefühl von Verlust, Scheitern und Verzweiflung, das die Jungen umfangen gehalten hatten. Nach und nach landeten sämtliche anderen Spieler und Prof. Horst Feistel. Dass dieser verkündete: "Aidan Ammand hat den Goldenen Schnatz gefangen, die «Felsklamm Fledermäuser» siegen in einem torlosen Spiel gegen die «Hahndorf Hüter» mit 150 zu Null!" interessierte im Moment allerdings niemanden. Professorin Jude Neustadt, die Muggelkunde-Lehrerin, deren Patronus der Igel gewesen war, beschwor mit einem "Accio" ein Tablett voller Schokolade herbei, und Prof. Haten bestand darauf, dass die beiden Jungen, Steve und Aidan, jeder mehrere große Stücke davon aßen, ehe auch nur ein weiteres Wort gesprochen wurde. "Und nun Marsch! - Alle begeben sich umgehend zurück ins Schloss!" ordnete Prof. Haten an. "Ich will nicht, dass ein Schüler, oder eine Schülerin hier draußen ist, falls noch weitere Dementoren herumstreifen!" - Es gab nichts, was die Spieler und Spielerinnen beider Teams wie auch die verbliebenen Zuschauer, die von den Tribünen auf den Rasen geströmt waren, lieber getan hätten, als umgehend dem Befehl ihrer Frau Direktorin Folge zu leisten...

Nochmal Glück gehabt

Auf dem Weg zurück zum Schloss nahm Aidan seinen riesigen, schwarzen Kater in die Arme, drückte ihn an sich, und kuschelte sein Gesicht in dessen Fell, was bei dem einäugigen, kampfgezeichneten Tier, das locker die Körpermaße eines einjährigen Kindes erreichte, schon etwas seltsam anmutete. - Da "Ozimydias" jedoch - noch vor dem Auftauchen der drei Lehrkräfte - in großen Sprüngen von der Tribüne auf den Rasen des Spielfelds hinabgestürmt war, und ihn nur das Erscheinen der Patroni daran gehindert hatte, sich in Verteidigung seines Herrchens ebenso todesmutig wie vergebens auf die Dementoren zu stürzen, war Aidans Reaktion allerdings mehr als verständlich. "Das also waren Dementoren...!" stieß Steve durch die Zähne. "Man hat das Gefühl, die schlimmsten Albträume, und Befürchtungen, die man je hatte, würden Realität... und dazu diese absolute Hoffnungslosigkeit, und die Kälte, die Dir fast das Herz zum Stillstand bringt...! Das war - verdammt noch mal - keine Erfahrung, die ich jetzt gebraucht hätte! - Echt nicht...!" Will und Timmy zweifelten nicht daran, auch, wenn sie beide die Nähe der Dementoren nicht derart unmittelbar, und direkt empfunden und erlebt hatten. - Der Hauch von Leid und Verlust, der auch sie noch gestreift hatte, reichte ihnen vollkommen! "Auf jedenfall versteh' ich jetzt Prof. Lahbs eindringliche Warnung an unserem ersten Samstag, hier, auf Schloss Bergklamm!" meinte Timmy. "Falls ich irgendwelche Zweifel gehabt hätte, dass wir die unter allen Umständen ernst und für bare Münze nehmen sollten, dann wären die jetzt definitiv ausgeräumt!" Dem konnten seine Freunde nur zustimmen. "Sagt mal," fragte Will schließlich Alexander. "Dieses "Expecto Patronum", mit dem man diese Silbertiere beschwört, die Dementoren vertreiben, lernen wir das auch hier, auf Schloss Bergklamm?!" "Nun ja," Alexander zuckte unsicher die Schultern. "Einen gestaltlichen Patronus - das ist eine der Tiergestalten aus silbrigem Licht - hervorzubringen, ist sehr fortgeschrittene, defensive Magie. Es ist außerordentlich schwierig, erfordert eine enorme Menge an Willenskraft, und die Fähigkeit, sich im Angesicht von Dementoren auf einen wahrhaft glücklichen Moment oder Gedanken zu konzentrieren und zu fokussieren. - Längst nicht jeder fertig ausgebildete, volljährige und erwachsene Magier beherrscht das. - Aber, ja: Es gehört zum Stoff in Verteidigung gegen die dunklen Künste... wenn auch - leider - nominell erst oberhalb der dritten Klasse...!" - Der Sieg in ihrem fünften Quidditch-Match im schulinternen Pokalwettbewerb Schloss Bergklamms erschien vor diesem Hintergrund allen Beteiligten eher nebensächlich, auch, wenn die 150 zu Null Punkte aus der torlosen Partie bedeuteten, dass sie die «Halainer Habergeissen» in der Pokalwertung sowohl nach gewonnenen Spielen als auch nach Punkten wieder überholt hatten. - Zumindest bis zu deren nächsten Match...

In der Eingangshalle von Schloss Bergklamm ließen die Direktorin und die Lehrer die Schüler und Schülerinnen dann wissen, dass es jedem freigestellt sei, ob er oder sie erst in ihre jeweiligen Zimmer gehen, und sich dort frisch machen wollte, oder ob sie es vorzogen, direkt in die große Halle, zur Halloween-Party zu gehen.

Steve, Will und Aidan, wie auch Antonio, Alex und Timmy machten gerne von dem Angebot Gebrauch, zunächst in ihre Zimmer zu gehen, sich ein heißes Bad zu gönnen und sich umzuziehen, ehe sie zum Fest gingen. Als Will auf dem Weg nach oben Aidan fragte, ob dieser ihm den Schnatz, den er immer noch in der Hand hielt, für seinen Mungo "Joker" zum Spielen überließe, da er selbst ja - gemäß Quidditch-Reglement - keinen fangen dürfe, meinte der junge Farbige lachend: "Klar, warum nicht?", so dass Will ein neues Spielzeug für sein Haustier hatte, das ihn, kaum, dass er sein Zimmer betrat, laut keckernd begrüßte, und den mittlerweile nur noch matt flatternden, kleinen, goldenen Ball voller Begeisterung annahm.

Halloween-Party

Als sie schließlich die große Halle betraten, hatte sich diese deutlich gegenüber ihrem Erscheinungsbild am ersten Abend auf Schloss Bergklamm oder bei ihren normalen, täglichen Mahlzeiten verändert: Unzählige Kerzen in ausgehöhlten, zu grotesken, teils lustigen, teils aber auch wirklich grausigen Fratzen geschnitzten Kürbissen tauchten die Tische in ein düster flackerndes, orange-rotes Licht. Zahlreiche lebende Gemälde und Wandbehänge, die durchwegs die eher dunklen Gestalten und finsteren Epochen der Geschichte der Zauberei und der magischen Welt porträtierten, schmückten die Wände. Zusätzlich flatterten ganze Wolken von Fledermäusen unter der Hallendecke, die das Erscheinungsbild eines von - lautlos - zuckenden Blitzen erhellten, nächtlichen Gewitterhimmels angenommen hatte. Zudem tummelten sich zahlreiche Geister und Gespenster in der großen Halle, die sich mitten unter die Schüler gemischt hatten. "Wow!" entfuhr es den Erstklässlern im Chor, und Timmy meinte zu Antonio und Alex gewandt: "Wenn ich's nicht besser wüsste, tät ich glauben, wir wär'n bei Victor Frankenstein, Graf Dracula oder einem dieser Schwarzmagier zu Gast!" "Ja!" stimmte Alexander ihnen zu. "Der Eindruck könnte wirklich entstehen... aber das ist Tradition an Halloween. - Da gehört das einfach dazu!" "Soll in Hogwarts - zu Dumbledores Zeiten als Schulleiter - nicht anders gewesen sein, bei den Halloween-Partys!" ergänzte Antonio. Sie und Aidan (in Begleitung "Ozimydias"', "Joker"s und "Blackbird"s) suchten sich Plätze, wo sie zusammensitzen konnten. - Das Essen umfasste an diesem Tag eine Vielzahl an Kürbisgerichten: Kürbissaft, -kuchen, -pasteten, -gemüse, -suppe, -kompott und -eis! Das Essen schmeckte allen ganz hervorragend (wobei "Joker" - wie üblich - ein großes, rohes Ei und ein Schüsselchen süßer Sahne vorzog und "Ozimydias" lieber eine gewaltige Portion Bücklinge verputzte).

An der Rückwand der Halle, genau gegenüber des - vollbesetzten - Lehrertisches, war eine Bühne aufgebaut, welche mit schwarzem Samt bespannt und von flackernden, historischen Kutsch- oder Schiffslaternen ausgeleuchtet war. Auf der Bühne spielte eine Band aus fünf tanzenden, reanimierten Skeletten: Eines, dass ein Chello oder einen Kontrabass wie eine Lyra zupfte, eines, das mit seinen Knochenfingern ein Waschbrett bearbeitete und je eines mit Posaune, Saxophon und Gitarre! - Man fühlte sich direkt in eine Big Band aus den Goldenen 20ern erinnert, die schmissigen Dixieland- oder Chicago-Jazz spielte, mit dem sie in «Colosimos Restaurant» in Chicago zu dessen besten Zeiten nicht fehl am Platze gewesen wäre [A 24].

Steve, Will und Timmy genossen ihr erstes Halloween-Essen auf Schloss Bergklamm in vollen Zügen. ...

Endnoten

Anmerkungen

  1. Dem Autor ist nicht bekannt, ob die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen 1997 Mitte August bereits seit zwei Wochen rum waren (in Real Life waren sie es vermutlich nicht) - für das Funktionieren der Geschichte ist dies jedoch eine zwingende Voraussetzung, daher wird es hier als gegeben angenommen.
  2. Natürlich ist das, was das junge Diebestrio bei seinen nächtlichen "Beutezügen" treibt, ausgesprochen kriminell, und moralisch und sozial in jeder Hinsicht inakzeptabel und verwerflich. Ihre illegale Handlungsweise und ihr amoralisches Verhalten wird vom Autor der Geschichte ausdrücklich nicht gut geheißen, und soll hier keineswegs glorifiziert werden ... auch, wenn es in dieser Geschichte faktisch der Auslöser für alles ist, was sich in der Folge ereignen wird.
  3. Hier irrt Steve, da es sich bei der in Muggelkreisen bekannten "Gesche Gottfried" um eine Bremer Gift- und Serienmörderin handelte, die als letzte Frau in Bremen 1831 öffentlich hingerichtet wurde. - Dass die Schweizer Zauberschule mit dieser in irgendeinem Zusammenhang steht, oder deren Name sich auf diese bezieht, ist doch eher unwahrscheinlich. Zur historischen Person dieses Namens siehe: Wikipedia: Gesche Gottfried
  4. Die Schweizer - wie auch die österreichische - Zauberschule und die offiziell/inoffizielle Haltung der Schweizer Zaubergemeinschaft gegenüber "kleineren" Verbrechen an Muggeln sind durch keine Quellen zu "Harry Potter" (weder die Bücher, Filme und Videospiele, noch Pottermore oder Web-Informationen und Interview-Aussagen J.K.Rowlings) abgedeckt, und reine Eigenerfindungen des Autors dieser Fan-Fiction im Falle der Schweizer, und von einem Autor einer anderen Harry-Potter-FanFiction ("Austrians like Chocolate" von "Gryffindor Girl" auf FanFiction.de) inspiriert im Falle der österreichischen.
  5. Die größere Auswahl der zulässigen Haustiere auf Schloss Bergklamm, die neben den aus den "Harry Potter"-Büchern in Hogwarts bekannten Eulen, Katzen, Kröten oder Ratten auch diverse Rabenvögel, Frettchen und Mungos umfasst, ist eine vom Autor dieser FanFiction beabsichtigte Abweichung vom etablierten "Harry Potter"-Universum J.K.Rowlings
  6. Wichtiger Hinweis in eigener Sache: Ungeachtet dessen, dass "Käpt'n Karel" ein vom Autor dieser FanFiction unter anderem im Browserspiel "Forge of Empires" verwendetes Alias und sein SC im Rollenspiel "Shadowrun" ist, hat diese Episode KEINERLEI realen oder gar biographischen Hintergrund! - Jegliche Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen zu realen Personen, tot oder lebendig, wären rein zufällig, und seitens des Autors in keinster Weise beabsichtigt.
  7. Anders, als in Hogwarts, wie es in den Quellen zu "Harry Potter" (den Büchern, Filmen und Videospielen, Pottermore oder Web-Informationen und Interview-Aussagen J.K.Rowlings) beschrieben wird, wird in dieser für eine FanFiction erdachten, österreichischen Zauberschule Arithmantik bereits ab dem ersten Jahr unterrichtet. Auch sind einige Schulbücher nicht die selben, wie in Hogwarts, während einige aus den kanonischen "Harry Potter"-Quellen bekannte Standardwerke auch hier im Unterricht genutzt werden.
  8. In dieser Muggelversion als Verlag für phantastische Literatur, der die Tassen mit "Edmund F. Drekkers" markig-absurd-komischen Verordnungen vertreibt, gibt es das "Bundesamt für magische Wesen" in Bonn tatsächlich. Es hielt in der Vergangenheit auch eigene Bienen, und verkaufte deren Honig und daraus erzeugten Met. - Auch, wenn es nie in einem Gebäude wie dem hier beschriebenen angesiedelt war.
    Zur Internetseite → Bundesamt-magische-wesen.de
  9. Da die drei nicht nach Hogwarts fahren, und zudem von Gelsenkirchen aus starten müssen, können sie natürlich nicht den Hogwarts-Express nehmen. Das Prozedere, das in dieser FanFiction für die Fahrt zur Zaubererschule Verwendung findet, erinnert dabei - genau wie der Fahrstil des Schulbusses - nicht grundlos sehr stark an den "Fahrenden Ritter", der erstmals im dritten "Harry Potter"-Band "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" von J.K.Rowling auftaucht.
  10. Die österreichische Zauberschule ist durch keine Quellen zu "Harry Potter" (weder die Bücher, Filme und Videospiele, noch Pottermore oder Web-Informationen und Interview-Aussagen J.K.Rowlings) abgedeckt. Sie stellt eine reine Eigenerfindung dar, und ist von der Eigenerfindung des Autors einer anderen Harry-Potter-FanFiction ("Austrians like Chocolate" von "Gryffindor Girl" auf FanFiction.de) inspiriert. - Das Procedere der Zimmerzuteilung und das strikte Verbot eines etwaigen Zimmertauschs ist dabei (im Gegensatz zu den Einzelzimmern mit eigenem Bad) eine reine Eigenerfindung des Autors DIESER FanFiction hier.
  11. Die Darstellung von Narcissa Malfoys Zauberstab in den "Harry Potter"-Kinofilmen vermittelt eine gute vorstellung, wie der Stab dieser Lehrerin aussieht. Siehe Bild auf www.Elbenwald.de
  12. Der geflügelte Stier, der hier als Großer Taurus oder Riesentaurus beschrieben wird, ist anders, als die anderen, erwähnten magischen Tierwesen, durch keine Quellen zu "Harry Potter" (weder die Bücher, Filme und Videospiele, noch Pottermore oder Web-Informationen und Interview-Aussagen J.K.Rowlings) abgedeckt, und reine Eigenerfindungen des Autors dieser Fan-Fiction.
  13. Der Autor dieser FanFiction geht davon aus, dass Minerva McGonagall in der magischen Welt berühmt genug ist (immerhin hat sie eine eigene Schokofrosch-Sammelkarte), als dass diese "offizielle Vita" dieser Lehrerin auch außerhalb von Hogwarts (und selbst an einer weniger bekannten, österreichischen Zauberschule) allgemein bekannt und in Büchern nachzulesen ist.
  14. Unabhängig davon, dass ihre Handlungsweise - namentlich in "Kapitel 1: Nächtlicher Beutezug dreier diebischer Bengel" - eindeutig kriminell, extrem unsozial und in jeder Hinsicht inakzeptabel war, und eigentlich nicht zu rechtfertigen ist, scheinen die drei zumindest in gewissem Maße zur Selbsterkenntnis fähig zu sein. - Ob dies bei allen dreien mit einer dauerhaften Besserung einhergeht, muss sich erst noch zeigen...
  15. Im "Original" hier zu bewundern: www.youtube.com
  16. Größere Teile des Absatzes zum eigentlichen Flugunterricht basieren nahezu wörtlich auf dem Artikel "Besenflugstunden" im deutschsprachigen "Harry Potter"-Wiki. (Autorenliste siehe hier.)
  17. Da es auf Schloss Bergklamm statt vier Teams ganze zwölf gibt, und die Gesamtzahl der Schüler gleichzeitig auch noch deutlich kleiner ist, als in Hogwarts, ist es hier weit wahrscheinlicher, dass Erstklässler sich mit Erfolg für eine Position in einem der Quidditch-Teams bewerben können - zumal in einem weniger erfolgsverwöhnten, wie den «Fledermäusen». - Daher gilt dies hier anders, als Harry Potters Aufnahme als Sucher in der Hausmannschaft von Gryffindor in seinem ersten Jahr, nicht als Sonderfall, der sich nur mit absoluten Ausnahme-Begabung rechtfertigen ließe.
  18. Fuligos kommen in der "Harry Potter"-FanFiction "Harry Potter - Im Schatten der Horkruxe" von Lena Schmittke und Leon Stiel vor, die von Moo-Entertainment in Episoden als Hörbuch auf www.youtube.de veröffentlicht wird. In Episode 1 leidet der der von Todessern auf dem Rückzug nach der Schlacht um Hogwarts mit Sprengflüchen verwüstete "Fuchsbau" der Weasleys dort unter einem solchen Befall.
  19. Da Schloss Bergklamm keine "Häuser" hat, auf die die Schüler verteilt werden, gibt es auch keine Gemeinschaftsräume der Häuser, in denen auf Hogwarts die Siegesfeiern nach Quidditch-Matches stattfinden. - Deshalb hat der Autor dieser FanFiction die Feier des siegreichen Teams hier in die große Halle verlegt.
  20. Die vorübergehende Einstellung der Schokofrosch-Produktion in Großbritannien während der Herrschaft Lord Voldemorts 2097/98 und der Grund dafür ist nicht durch offizielle Quellen zum "Harry Potter"-Universum (weder die Bücher, Filme und Videospiele, noch Pottermore oder Web-Informationen und Interview-Aussagen J.K.Rowlings) abgedeckt, sondern in dieser Form reine Eigenerfindungen vom Autor dieser FanFiction.
  21. Da der Autor dieser FanFiction keinerlei persönliche Erfahrungen mit oder Einblicke in deutsche Jugendstrafanstalten in den 1990ern besitzt (gleichgültig, ob offener oder - wie hier beschrieben - geschlossener Vollzug), ist die Darstellung und Beschreibung dieser und der dort herrschenden Verhältnisse zwangsläufig reine Phantasie, entsprechend klischee-behaftete, und erhebt keinerlei Anspruch auf Korrektheit oder Realitätsnähe.
  22. Das Konzept der "Unberührbaren Zauberstäbe" entstammt der im "Harry Potter"-Universum angesiedelten FanFiction "Geheimnisse der Vergangenheit" (und ihren Nachfolgern "Das Geheimnis der Dementoren" und "Der geheimnisvolle Wohltäter") aus der Feder von Tom Börner. Diese ist extrem lesenswert!
    → Zu finden ist sie unter www.storyteller-homepage.de.
  23. Dem Autor ist nicht bekannt, ob Halloween / der 31. Oktober 1997 auf einen Mittwoch fiel (in Real Life war dies vermutlich nicht der Fall) - für das Funktionieren der Geschichte ist dies jedoch eine zwingende Voraussetzung, daher wird es hier als gegeben angenommen.
  24. Diese Aussage bezieht sich auf die entsprechenden Szenen in der entsprechenden Folge der TV-Serie "Die Abenteuer des jungen Indiana Jones", wo Indy als jugendlicher Student dort als Tellerwäscher / Kellner arbeitet. - Auf Grund des Wikipedia-Artikels "Jim Colosimo" ist unklar, ob dieses Restaurant in dieser Form in der Realität je existiert hat.

Externe Links

  • Alle externen Links, die das Harry-Potter-Universum, Personen, Wesen, Gegenstände, Organisationen und Orte aus den Harry-Potter-Büchern und Filmen betreffen, führen ins Harry Potter Wiki.
  • Alle externen Links, die realweltliche Dinge - oder auch Computerspiele, Kinofilme, Romane etc. betreffen, führen in die deutschsprachige Wikipedia.